Content

Peter Paic, Organisationsökologie in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 92 - 96

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

Bibliographic information
92 Theorien der Gründungsforschung lichen Gründung untersucht werden, scheidet der Ansatz als theoriegeleitetes Untersuchungsmodell für die Gründungsaktivität aus. Die Tabelle 10 gibt eine Übersicht zu den Auswahlkriterien des unvollständigen Wettbewerbs aus dem industrieökonomischen Theorieansatz. Tabelle 10: Kriterienübersicht zum unvollständigen Wettbewerb Industrieökonomie Auswahlkriterien Auswahlkriterien unvollständiger Wettbewerb Gründungsaktivität Gründungserfolg Forschungsobjekt Nein Ja Forschungsperspektive Nein Ja kleine Wirtschaftseinheiten Ja Ja Besonderheiten Freie Berufe Ja Ja empirische Überprüfbarkeit Ja Ja Widerspruchsfreiheit Ja Ja Evidenz des Ansatzes Ja Ja Quelle: Eigene Tabelle. Das Modell des unvollständigen Wettbewerbs kann eine betriebsbezogene Forschungsperspektive zum Forschungsobjekt des Gründungserfolges einnehmen und damit zwei zentrale Auswahlkriterien erfüllen (vgl. Tab. 10). Der Modellansatz ist auf die Rahmenbedingungen der freiberuflichen Besonderheiten und auch auf kleinere und mittlere Wirtschaftseinheiten problemlos übertragbar. Zudem ist der Ansatz empirisch überprüfbar, frei von Widersprüchen und gilt aus zahlreichen Studien in der Gründungsforschung als evident. Zwar hat der industrieökonomische Ansatz seinen Schwerpunkt bei technologischen Entwicklungen im produzierenden Gewerbe und berücksichtigt nicht spezifisch die dienstleistungsgeprägten Besonderheiten der Freien Berufe, doch lassen sich insbesondere die Kriterien des unvollständigen Wettbewerbs über die Kammerberufe auf den Gründungserfolg der Freien Berufe übertragen. Insgesamt erfüllt der industrieökonomische Ansatz des unvollständigen Wettbewerbs die aufgestellten Anforderungskriterien und soll im Zuge der Untersuchung des Gründungserfolges als theoretisches Fundament dienen. 3.3.7 Organisationsökologie In der organisationssoziologischen Forschung steht die Umweltabhängigkeit von Organisationen im Mittelpunkt der Betrachtung. Hannan und Freeman (1977, 1989) haben diesen Ansatz unter dem Oberbegriff „organizational ecology“ weiterentwickelt. Im Gegensatz zu den theoretischen Ansätzen, bei denen die Adap- Theorien der Gründungsforschung 93 tion oder Anpassung bestehender Organisationen an die Umweltgegebenheiten im Vordergrund steht, wird nun die Anpassungsfähigkeit bestehender Organisationen in Frage gestellt. Der Schwerpunkt liegt auf dem durch die Umwelt gesteuerten Wandel von Organisationen hinsichtlich der Variation und der Selektion. Zielsetzung der Organisationsökologen ist die Analyse der dynamischen Entwicklung von Organisationspopulationen über die Zeit. Einen Überblick geben die Arbeiten von Carroll (1984), Ziegler (1995) und Schulte (2002). Mit diesem Konzept der Organisationspopulation kann eine bestimmte Grundgesamtheit von Unternehmen in einem bestimmten Gebiet über einen bestimmten Zeitraum hinweg untersucht werden. Mittels einer dezidierten evolutionären Sichtweise können Variations- und Selektionsprozesse innerhalb und zwischen Organisationen untersucht werden, sofern die Beobachtungen über einen längeren Zeitraum anhalten. Somit ist für die Organisationsökologie die Untersuchung der Gründungs- und Sterberaten von Unternehmen kennzeichnend (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 59 f.). Der organisationsökologische Ansatz unterstellt Unternehmen nur sehr begrenzt einzelwirtschaftliche Anpassungspotentiale. Eine Anpassung findet fast ausschließlich über eine Variation oder Selektion, in Form von Marktein- bzw. Marktaustritten statt (vgl. Schulte 2002, 85). Die Organisationsökologie hat eine Reihe von Modellansätzen im Kontext der Gründungsforschung hervorgebracht. Einen Überblick zu den einzelnen Modellen aus der Organisationsökologie, wie den drei Liability- Ansätzen, der r- und K-Strategie, der „carrying capacity“, sowie weiteren auf die Umwelt bezogenen Modellen, geben Brüderl, Preisendörfer und Ziegler (1996). Im Kontext der Aufgabenstellung konzentrieren sich die weiteren Ausführungen auf die drei Thesen der „liability of newness“, der „liability of adolescence“ und der „liability of smallness“, welche auf einen Erklärungsbeitrag einzelwirtschaftlicher Entwicklungen abzielen (vgl. Schulte 2002, 85). Der Modellansatz der „liability of newness“ (Neulingssterblichkeit) geht auf die These von Stinchcombe (1965) zurück. Der Ansatz geht davon aus, dass neugegründete Betriebe insbesondere in der Anfangsphase einem erhöhten Risiko des Scheiterns ausgesetzt sind. Diese „liability of newness“ wurde für die unterschiedlichsten Arten von Unternehmensgründungen angewendet und kann mittlerweile als gut bestätigt gelten (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 60 f.). Die These der Neulingssterblichkeit wird überlagert von den Thesen der „liability of smallness“ und der „liability of adolescense“. Die „liability of smallness“ spricht kleineren Organisationen ein höheres Sterberisiko zu als größeren Organisationen. Die Größe der Organisation – sprich der Unternehmen – wird dabei meist in Zusammenhang mit der Anzahl der Beschäftigten oder der Höhe des Startkapitals gemessen. Hinter der „liabilitiy of smallness“ steht die Annahme, dass größere Organisationseinheiten – also größere Unternehmen – einen leich- 94 Theorien der Gründungsforschung teren und besseren Zugang haben, um Fremdkapital zu akquirieren oder qualifizierte Arbeitskräfte zu rekrutieren. In Verbindung mit einer höheren Startkapitalausstattung sind größere Unternehmenseinheiten daher besser in die Lage versetzt Schwierigkeiten in der Startphase einer Unternehmung zu überwinden (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 63). Mit einem zunehmenden Betriebsalter nimmt das Sterberisiko der Unternehmen wieder ab. In neueren empirischen Arbeiten bildet sich jedoch ein umgekehrtes U-förmiges Verlaufsmuster des Sterberisikos ab (Wagner 1994). Demnach steigt das Risiko des Scheiterns mit der Betriebsgründung zunächst an und nimmt nach dem Erreichen eines Maximums wieder ab. Diese These der Neulingssterblichkeit, „liability of adolescence“ von Fichmann und Levinthal (1991), begründet sich folgend: (1) Es bedarf einiger Zeit bis der Gründer abschätzen kann, dass seine Gründung keine Chance auf Erfolg hat. (2) Mit der Gründung verfügt der Gründer über Startressourcen. Diese sichern dem Gründer das Überleben seines Betriebes in der unmittelbaren Startphase. Letztlich ergänzt die These der „liability of adolescense“ die beiden vorhergegangenen Thesen um eine Adoleszenzphase (vgl. Schulte 2002, 86; Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 62). Das zeitliche Verlaufsmuster der neugegründeten Betriebe lässt den Schluss zu, dass die Erfolgs- und Überlebenschancen einer Neugründung als ein altersabhängiger Prozess angesehen werden kann. Direkt lassen sich aus dieser These keine neuen Erkenntnisse für Erfolgsaussichten neugegründeter Betriebe ableiten. Indirekt können folgende Thesen hergeleitet werden: Trifft die These der erhöhten Sterblichkeit neugegründeter Betriebe zu, sollten Gründungsvorhaben durch Betriebsübernahmen eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben als neu errichtete Betriebe. Dasselbe gilt für Tochterfirmen, Franchising Betriebe und andere Neugründungen, welche eine feste Anbindung an einen bereits bestehenden Betrieb haben. Bei diesen Betriebsgründungsformen konnte ein geringeres Sterblichkeitsrisiko als bei originären Neugründungen empirisch festgestellt werden (Aldrich et al 1990). Kritik an der Übertragung dieses Ansatzes auf die Gründungsforschung wird hinsichtlich der spezifischen Populationen und dem zeitlichen Rahmen geübt. Zum einen werden spezifische Populationen von Organisationsformen in ihrem Reproduktionsprozess untersucht, während sich die Unternehmensgründungen aus einer äußerst heterogenen Population zusammensetzen. Andererseits sollten derartige Untersuchungen auf einem angemessenen, längeren Zeitraum basieren. In der bisherigen Praxis werden diese dagegen nur punktuell oder in den ersten Jahren nach der Gründung untersucht (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 60). Insgesamt kann die Organisationsökologie im Rahmen der Gründungsforschung auf beachtliche Erfolge zurückblicken. Dies gilt insbesondere für den Bereich der Organisationspopulation, welcher sich empirisch fundiert mit den Überlebens- und Sterberaten neugegründeter Unternehmen beschäftigt. Theorien der Gründungsforschung 95 Forschungsobjekt aller drei Liability- Ansätze ist der Gründungserfolg mit einer einzelwirtschaftlichen Forschungsperspektive. Nicht möglich ist mit diesen drei Ansätzen die Abbildung der Gründungsaktivität, da ein Bezug zum Überleben der Wirtschaftseinheit und nicht zur Person vor der Gründung hergestellt wird. Somit wird die Anwendung im Modell der Gründungsaktivität nicht weiter verfolgt, wenngleich die Übersicht zu den Anforderungskriterien in Tabelle 11 die Kriterienpunkte zusätzlich einzeln zur Gründungsaktivität weiter auflistet. Die Annahmen der Liability- Ansätze lassen sich insbesondere problemlos auf die Begebenheiten kleiner Wirtschaftseinheiten und den freiberuflichen Besonderheiten übertragen. Dazu gehören beispielsweise die Annahmen der „liability of smallness“ zum freiberuflichen Gründungserfolg oder die „liability of newness“ in Bezug auf die freiberuflichen Gründungsformen. Tabelle 11: Kriterienübersicht zu den drei Liability-Ansätzen Organisationsökologie Auswahlkriterien Auswahlkriterien Liability- Ansätze Gründungsaktivität Gründungserfolg Forschungsobjekt Nein Ja Forschungsperspektive Nein Ja kleine Wirtschaftseinheiten Ja Ja Besonderheiten Freie Berufe Ja Ja empirische Überprüfbarkeit Ja Ja Widerspruchsfreiheit Ja Ja Evidenz des Ansatzes Ja Ja Quelle: Eigene Tabelle. Als problematischer erweist sich dagegen die Datenlage zur empirischen Überprüfung der Ansätze. Das SOEP stellt zwar direkt und indirekt eine Reihe von Informationen zur Verfügung. So kann beispielsweise die Überlebensdauer der freiberuflichen Gründungen aus der Paneldatenbasis in Zwischenschritten generiert werden, aber zur Form der freiberuflichen Gründungen stellt das SOEP keine Informationen zur Verfügung. Diese Informationslücke soll, wenn auch „nur“ als Querschnittsdatenbasis, die eigene Onlineerhebung zu den Freien Berufen schließen. Letztlich erweisen sich die drei Liability Ansätze als widerspruchsfrei und, insbesondere im Rahmen bisheriger empirischer Untersuchungen über die Überlebensraten von Unternehmen, als evidente Modellansätze. Da alle drei Liability Ansätze den Anforderungskriterien entsprechen können, werden sie als theoretisches Fundament für den freiberuflichen Gründungserfolg mit einfließen. 96 Theorien der Gründungsforschung 3.3.8 Überblick und Fazit In den zurückliegenden Abschnitten wurden ein Überblick zum Stand der deutschsprachigen Gründungsforschung und eine systematische Erschließung des Forschungsvorhabens mittels des Bezugsrahmens für die Gründungsforschung vorgenommen. Über die Grundannahmen aus den drei personen-, betriebs- und umfeldzentrierten Ansätzen hinaus, wurden 15 spezifischere Theoriemodelle auf ihre Anwendung im freiberuflichen Gründungsumfeld getestet. Die Abbildung 9 zeigt eine systematische Übersicht der getesteten spezifischeren Theorieansätze und ihrer Klassifizierung in der Analogie zur Dreiteilung. Aus den 15 überprüften Theorieansätzen erwiesen sich acht (Gründungserfolg) bzw. drei (Gründungsaktivität) spezifische Ansätze als geeignet und evident für eine Übertragung auf die vorliegenden Fragestellungen. Dabei lassen sich alle acht spezifischeren Theorieansätze auf das Untersuchungsmodell des freiberuflichen Gründungserfolges übertragen. Da sich die Untersuchung der freiberuflichen Gründungsaktivität auf die Gründerperson im Jahr vor ihrer Gründung bezieht, kommen für deren Untersuchung ausschließlich personenzentrierte Theoriemodelle in Betracht. Hier erwiesen sich insbesondere die drei spezifischeren Ansätze der Humankapitaltheorie als geeignet. Im ersten Modell zur Gründungsaktivität kommen neben den rudimentären Annahmen der personen-, betriebs- und umfeldzentrierten Ansätze, die allgemeine Humankapitaltheorie mit ihren Produktivitäts- und Selektionseffekten sowie des unternehmerischen und branchenspezifischen Humankapitals als theoretisches Fundament für die Untersuchung der freiberuflichen Gründungsaktivität zur Anwendung. Das zweite Untersuchungsmodell zum freiberuflichen Gründungserfolg greift, neben den personenzentrierten Ansätzen, auf weitere Theorielinien zurück. Auf Basis der personen-, betriebs- und umfeldzentrierten Ansätze eignen sich auch in diesem Modell die Ansätze der allgemeinen Humankapitaltheorie mit ihren Produktivitäts- und Selektionseffekten sowie des unternehmerischen und branchenspezifischen Humankapitals als theoretisches Fundament. Darüber hinaus eignen sich zur Untersuchung des Gründungserfolges die Theorieansätze des unvollständigen Wettbewerbs sowie die drei Liability Ansätze aus der Industrie- ökonomie, bzw. Organisationsökologie. Auch wenn die aus der Gründungsforschung ausgewählten spezifischeren Theorieansätze den aufgestellten und getesteten Anforderungskriterien dieser Arbeit entsprechen, werden diese in der Gründungsforschung kritisch reflektiert. Die Kritik bezieht sich insbesondere auf die personenbezogenen Ansätze, hinsichtlich ihrer fehlenden Verbindung zwischen der Person und dem Gründungsvorhaben sowie der Interpretation von den idealtypischen Persönlichkeitsmerkmalen des Gründers zum Gründungserfolg und der Gründungsaktivität. So kann

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.