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Peter Paic, Industrieökonomie in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 90 - 92

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

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90 Theorien der Gründungsforschung lichen Gründers geprägten betrieblichen Ebene erfüllt dieser Ansatz das Kriterium der Forschungsperspektive. Mit seinem Schwerpunkt auf innovative und größere Betriebe berücksichtigt der Transaktionskostenansatz nicht das Kriterium kleiner Wirtschaftseinheiten und auch nicht die Besonderheiten der Freien Berufe. Als problematisch erweist sich insbesondere die Generierung geeigneter Daten. Das SOEP stellt zu diesem unternehmensspezifischen Bereich keine oder kaum Informationen zur Verfügung. Zudem ist eine Erfassung aller relevanten Dimensionen und Merkmale nur mit Hilfe einer umfassenden Detailanalyse in jeder Betriebseinheit möglich. In der Gründungsforschung findet der Transaktionskostenansatz bisher selten Anwendung. Eine Ursache dafür liegt sicherlich auch in der anspruchsvollen Informationsgewinnung begründet, welche bisher keine der verfügbaren Datenbasen liefern kann. Insgesamt kann der Transaktionskostenansatz im Umfeld des freiberuflichen Gründungserfolges nicht überzeugen. Der Ansatz ist vielmehr für innovative und größere Betriebseinheiten geeignet. Einige zentrale Auswahlkriterien kann der Ansatz im Kontext der Fragestellung nicht erfüllen (vgl. Tab. 9) und eignet sich daher nicht für die Untersuchung des freiberuflichen Gründungserfolges. 3.3.6 Industrieökonomie Die industrieökonomische Forschung beschäftigt sich mit der Interaktion zwischen Märkten und Unternehmen. Ihre Wurzeln begründet die Industrieökonomie in den Oligopolmodellen von Cournot (1838) und Bertrand (1883), sowie die Beschreibung von Angebot und Nachfrage als Bestimmungsfaktoren der Preisbildung durch Marschall (1879, 1890). In dem Kontext der Interaktion lassen sich in der neueren Literatur drei Schwerpunkte der Industrieökonomie herausstellen. Dem Angebots- und Nachfrageverhalten, dem Marktgleichgewicht sowie dem unvollständigen Wettbewerb. Eine tiefergreifende Betrachtung zum Stand und Entwicklung der Industrieökonomie und ihrer Forschung gibt Bester (2003). Entscheidend für die Gründung und den Erfolg von Unternehmen sind aus industrieökonomischer Sichtweise des Angebots- und Nachfrageverhaltens die jeweiligen Bedingungen auf dem Produktmarkt. Unterstellt wird, dass in den verschiedenen Sektoren der Wirtschaft stets eine große Anzahl von potentiellen Unternehmern darauf warten, bis die Preise der Produkte die langfristigen Durchschnittskosten übersteigen. Tritt dieser Fall ein, erfolgt ein Zustrom neuer Betriebe mit guten Chancen auf dem Markt zu bestehen (vgl. Brüderl, Preisendörfer, Ziegler 1996, 39). Für die empirische Umsetzung eines solchen Szenarios steht die Gewinnspanne in einem bestimmten Wirtschaftszweig im Mittelpunkt. Liegen diese Gewinnspannen über dem Durchschnitt der Wirtschaft, werden für die Neugrün- Theorien der Gründungsforschung 91 dungen gute Erfolgschancen prognostiziert. Als Kennzeichen für eine Wachstumsbranche gelten dabei eine positive Umsatz- bzw. Nachfrageentwicklung und ein Anstieg der Beschäftigten in der jeweiligen Branche. Daneben finden weitere Branchencharakteristika Beachtung, zu nennen sind hier die durchschnittliche Kapitalintensität, die Bedeutung von „economies of scale“, die Wettbewerbsintensität und die Innovationsintensität (vgl. Brüderl, Preisendörfer, Ziegler 1996, 39 f.). Letztlich stehen beim industrieökonomischen Ansatz die branchenspezifischen Umfeldbedingungen als Determinanten des Marktein- und Austrittes im Mittelpunkt. Der Ansatz kommt bisher überwiegend im Bereich der technologischen Entwicklungen zur Anwendung, da Wirtschaftsbranchen mit einem raschen technischen Fortschritt viele Möglichkeiten und Chancen für die Gründung neuer Unternehmen bieten (vgl. Schulte 2002, 83 ff.; Brüderl, Preisendörfer, Ziegler 1996, 39 f.). Zur Modellierung eines Untersuchungsmodells für die freiberufliche Gründungsaktivität und des Gründungserfolges sind im Rahmen dieser Untersuchung die beiden industrieökonomischen Ansätze des Angebots- und Nachfrageverhaltens sowie des Marktgleichgewichtes weniger geeignet. So stehen beispielsweise kaum Informationen aus der Datenbasis zum branchenspezifischen Umfeld wie der Kapital-, Wettbewerbs-, oder Innovationsintensität zur Verfügung. Für die vorliegende Fragestellung dieser Arbeit ist der industrieökonomische Schwerpunkt des unvollständigen Wettbewerbs von besonderem Interesse. Im Gegensatz zu den Modellansätzen des Angebots- und Nachfrageverhaltens und dem Marktgleichgewicht kann der Ansatz des unvollständigen Wettbewerbs insbesondere die standesrechtlichen Strukturen und Besonderheiten der Freien Berufe abbilden. Zulassungsbeschränkungen stellen in einigen Freien Berufen (i.d.R. Kammerberufe) Marktzutrittsbarrieren für gründungswillige Personen dar. Wenn auch die Marktzutrittsbedingungen in den einzelnen Freien Berufen von unterschiedlicher Intensität sind, so muss grundsätzlich davon ausgegangen werden, dass eher in den Freien Berufen gegründet wird, in denen es keine solchen Marktzutrittsbeschränkungen gibt (vgl. Kap. 2.4). Andererseits ist für die freiberuflichen Gründungen welche die Hürde einer Zulassungsbeschränkung genommen haben, eher von einer erfolgreichen Gründung auszugehen, da sie durch die Marktzutrittsbarrieren von anderen Konkurrenten geschützt werden. Als geeignetes Messkriterium bietet sich die Differenzierung zwischen den kammerfähigen und den kammerlosen Freien Berufen an. Ein weiterer Vorteil dieses Modellansatzes ist die Möglichkeit der Datengenerierung aus den Berufsbezeichnungen im SOEP und somit die Verfügbarkeit der erforderlichen Informationen (vgl. Kap. 4). Forschungsobjekt der industrieökonomischen Theorie des unvollständigen Wettbewerbs ist der Gründungserfolg. Da die Gründer im Jahr vor ihrer eigent- 92 Theorien der Gründungsforschung lichen Gründung untersucht werden, scheidet der Ansatz als theoriegeleitetes Untersuchungsmodell für die Gründungsaktivität aus. Die Tabelle 10 gibt eine Übersicht zu den Auswahlkriterien des unvollständigen Wettbewerbs aus dem industrieökonomischen Theorieansatz. Tabelle 10: Kriterienübersicht zum unvollständigen Wettbewerb Industrieökonomie Auswahlkriterien Auswahlkriterien unvollständiger Wettbewerb Gründungsaktivität Gründungserfolg Forschungsobjekt Nein Ja Forschungsperspektive Nein Ja kleine Wirtschaftseinheiten Ja Ja Besonderheiten Freie Berufe Ja Ja empirische Überprüfbarkeit Ja Ja Widerspruchsfreiheit Ja Ja Evidenz des Ansatzes Ja Ja Quelle: Eigene Tabelle. Das Modell des unvollständigen Wettbewerbs kann eine betriebsbezogene Forschungsperspektive zum Forschungsobjekt des Gründungserfolges einnehmen und damit zwei zentrale Auswahlkriterien erfüllen (vgl. Tab. 10). Der Modellansatz ist auf die Rahmenbedingungen der freiberuflichen Besonderheiten und auch auf kleinere und mittlere Wirtschaftseinheiten problemlos übertragbar. Zudem ist der Ansatz empirisch überprüfbar, frei von Widersprüchen und gilt aus zahlreichen Studien in der Gründungsforschung als evident. Zwar hat der industrieökonomische Ansatz seinen Schwerpunkt bei technologischen Entwicklungen im produzierenden Gewerbe und berücksichtigt nicht spezifisch die dienstleistungsgeprägten Besonderheiten der Freien Berufe, doch lassen sich insbesondere die Kriterien des unvollständigen Wettbewerbs über die Kammerberufe auf den Gründungserfolg der Freien Berufe übertragen. Insgesamt erfüllt der industrieökonomische Ansatz des unvollständigen Wettbewerbs die aufgestellten Anforderungskriterien und soll im Zuge der Untersuchung des Gründungserfolges als theoretisches Fundament dienen. 3.3.7 Organisationsökologie In der organisationssoziologischen Forschung steht die Umweltabhängigkeit von Organisationen im Mittelpunkt der Betrachtung. Hannan und Freeman (1977, 1989) haben diesen Ansatz unter dem Oberbegriff „organizational ecology“ weiterentwickelt. Im Gegensatz zu den theoretischen Ansätzen, bei denen die Adap-

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Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.