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Peter Paic, Netzwerktheorie in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 84 - 88

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

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84 Theorien der Gründungsforschung Die humankapitaltheoretischen Annahmen können sowohl die Gründungsaktivität als auch den Gründungserfolg als Forschungsobjekt aus einer individuellen Forschungsperspektive abbilden (vgl. Tab. 7). Mit ihren auf den Gründer bezogenen Fertigkeiten und Fähigkeiten können insbesondere die freiberuflichen Besonderheiten hinsichtlich ihrer Schul- und Hochschulausbildung, sowie der spezifischen Berufserfahrung entsprochen werden. Darüber hinaus berücksichtigt die Theorie das Kriterium kleiner unternehmerischer Einheiten, welche insbesondere durch die Person des freiberuflichen Gründers geprägt sind. Die Modellansätze der Humankapitaltheorie lassen sich empirisch überprüfen und sind sowohl innerlich als auch äußerlich zu anderen Theorien frei von Widersprüchen. Die Tabelle 7 gibt eine Übersicht der Anforderungskriterien zur Humankapitaltheorie. Tabelle 7: Kriterienübersicht zur Humankapitaltheorie Humankapitaltheoretischer Auswahlkriterien Auswahlkriterien Ansatz Gründungsaktivität Gründungserfolg Forschungsobjekt Ja Ja Forschungsperspektive Ja Ja kleine Wirtschaftseinheiten Ja Ja Besonderheiten Freie Berufe Ja Ja empirische Überprüfbarkeit Ja Ja Widerspruchsfreiheit Ja Ja Evidenz des Ansatzes Ja Ja Quelle: Eigene Tabelle. In der Vergangenheit hat sich der Ansatz der Humankapitaltheorie für die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg als evident erwiesen. Nach den vorliegenden Auswahlkriterien stellt die Humankapitaltheorie mit ihrer Differenzierung in allgemeines Humankapital, unternehmerisches Humankapital und branchchenspezifisches Humankapital ein geeignetes Theoriefundament für die Untersuchung der freiberuflichen Gründungsaktivität und des Gründungserfolges dar. 3.3.4 Netzwerktheorie Übergreifender Grundgedanke aller Modellansätze aus der Netzwerktheorie ist die Einbindung der Akteure in typische Muster von spezifischen und konkreten sozialen Beziehungen. Die Aktivierungsmöglichkeiten der jeweiligen sozialen Beziehungen, über die eine Person verfügt, werden in der Literatur als „soziales Theorien der Gründungsforschung 85 Kapital“ bezeichnet (vgl. Preisendörfer 2002, 51). In der allgemeinen Netzwerkperspektive werden Unternehmensgründer nicht als autonome und isolierte Entscheidungsträger betrachtet, sondern als Akteure, die in ein bestimmtes „Setting“ sozialer Beziehungen eingebettet sind. Als wichtig für den Erfolg einer Gründung wird dabei die Art der Beziehungen und Kontakte des Unternehmensgründers zu anderen Akteuren im sozialen Umfeld eingeschätzt (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 53 ff.). Zur Gründung eines Unternehmens werden bestehende soziale Kontakte aktiviert und auch neue hergestellt. Ein Schwerpunkt der unternehmerischen Tätigkeit liegt quasi in der „Beziehungsarbeit“. Nachdem dieser Modellansatz von Aldrich und Zimmer (1986) in ihrem Werk „network approach to entrepreneurship“ zur Anwendung kam, wurde dieser theoretische Ansatz in zahlreichen Untersuchungen zur Gründungsforschung aufgenommen (u.a. Boissevain et al. 1990; Bögenhold und Staber 1990). Ein wesentlicher Kanal zur Gewinnung von Informationen sind soziale Kontakte. Dabei wird angenommen, dass Informationen über soziale Kontakte und insbesondere über schwache soziale Bindungen (weak ties) effizienter, nützlicher, weniger redundant, vertrauenswürdiger und exklusiver sind als Informationen aus formellen Quellen (Granovetter 1974). Bei der Gründung neuer Unternehmen kann sich diese Informationsfunktion auf neue Kunden oder Geschäftspartner, Strategien von Konkurrenten, kostenlose Beratung, auf nicht abgedeckte Marktnischen u.ä. beziehen. Über soziale Kontakte kann der Gründer Finanzquellen aus seinem privaten oder beruflichen Umfeld erschließen. Kostenmindernd wirkt sich die Unterstützung und Mitarbeit von Familienangehörigen, Verwandten, Freunden oder Bekannten aus. Insbesondere in der Startphase können dadurch Ressourcen erschlossen werden, welche mit angestellten und bezahlten Mitarbeitern aufgrund der knappen Finanzmittel nicht möglich wären. Vor dem Hintergrund langer Arbeitszeiten und unerfüllter Erwartungen in der Gründungsphase eines Unternehmens ist eine soziale und emotionale Unterstützung des Lebenspartners von nicht zu unterschätzendem Vorteil. Nicht zuletzt eröffnen sich über soziale Beziehungen auch die ersten Kundenkontakte. Verwandte und Bekannte des Unternehmensgründers treten oft schon aus Neugierde als die ersten Kunden auf und über deren Empfehlungen weitet sich die Kundenbasis aus (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 53 ff.). Bögenhold (1989) spricht dabei von einem „Schneeballeffekt“. In der neueren Literatur wird der Ansatz der Netzwerktheorie in zwei Richtungen unterteilt. Zum einen in die persönliche Perspektive des Gründers und zum anderen in das organisationale Netzwerk der neuen Unternehmung. Im Kontext des freiberuflichen Gründungsgeschehens liegt insbesondere die personenbezogene Perspektive des Gründers im Mittelpunkt des Interesses. Hierbei bieten sich zwei Modellansätze im Kontext der betrieblichen Neugründungen an. Zum 86 Theorien der Gründungsforschung einen die allgemeinen Charakteristika des sozialen Netzwerkes eines Gründers und zum anderen die Netzwerkaktivitäten des Gründers in der Gründungs- und Anfangsphase des Betriebes. Der erste Ansatz geht von der allgemeinen Netzwerktheorie aus, dass soziale Netzwerke in ihrem Potential zur Bereitstellung von Ressourcen variieren (vgl. Preisendörfer 2002, 51). Aldrich (1986, 1989) hat in seinen Arbeiten die Netzwerkperspektive im Kontext der betrieblichen Neugründungen untersucht. Eine seiner regelmäßig verwendeten Dimensionen zur Charakterisierung des Netzwerkes von Unternehmensgründern ist die zahlenmäßige Größe des Netzwerkes (network size). Demnach ist davon auszugehen, dass ein Unternehmensgründer, je nach Person, ein größeres oder kleineres Netzwerk an potentiellen Beziehungen unterhält. Als problematisch erweist sich dabei die Abgrenzung der Reichweiten eines solchen Netzwerkes. Der zweite Ansatz erfasst die Vielgestaltigkeit eines Netzwerkes (network diversity). Im Mittelpunkt stehen hier die Beziehungen, die ein Unternehmensgründer zu verschiedenen Arten von Personen unterhält, z.B. aus verschiedenen Berufsgruppen oder mit unterschiedlichen sozialen Status. Beachtung finden speziell die Netzwerkaktivitäten des Gründers in der Vor- und Anfangsphase der Unternehmensgründung. Dies geschieht vor den folgenden Fragestellungen: In welchem Ausmaß werden schwache soziale Bindungen aktiviert? Wie viel Zeit verwendet der Gründer auf die Pflege bestehender und die Herstellung neuer sozialer Kontakte? Werden vom Unternehmensgründer eher formelle oder informelle Informationen herangezogen? Mit verschiedenen Erfolgsmaßen der Betriebsgründungen werden die mittels der Fragen erhobenen Sachverhalte in Verbindung gebracht (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 53 ff.). Die Tabelle 8 gibt eine Übersicht der Anforderungskriterien zur Netzwerktheorie. Tabelle 8: Kriterienübersicht zur Netzwerktheorie Netzwerktheorie Auswahlkriterien Auswahlkriterien Gründungsaktivität Gründungserfolg Forschungsobjekt Ja Ja Forschungsperspektive Ja Ja kleine Wirtschaftseinheiten Ja Ja Besonderheiten Freie Berufe Ja Ja empirische Überprüfbarkeit Bedingt Bedingt Widerspruchsfreiheit Bedingt Bedingt Evidenz des Ansatzes Bedingt Bedingt Quelle: Eigene Tabelle. Theorien der Gründungsforschung 87 Grundsätzlich kann für die allgemeine Netzwerktheorie im Kontext der betrieblichen Neugründung angenommen werden, dass ein Unternehmensgründer mit einem großen, breiten und vielseitigen Netzwerk Vorteile hat. Betrachtet man die konkreten Netzwerkaktivitäten von Unternehmensgründern, werden eindeutige Vorhersagen schwierig. Aus den Ergebnissen bisheriger empirischer Untersuchungen, lässt sich vermuten, dass eher Gründer mit tendenziell schlechteren Ausgangschancen für eine Unternehmensgründung ihre sozialen Beziehungen pflegen und ausbauen. So kommen Brüderl, Preisendörfer und Ziegler (1996) zu der These, dass Unternehmensgründer mit einem Mangel an allgemeinem Human- oder Finanzkapital sich stärker bemühen, ihre sozialen Kontakte zu mehren und zu aktivieren. Trifft diese These zu, so wird es schwierig anhand von vermehrten positiven Effekten der Netzwerkaktivitäten auf die Erfolgschancen einer Neugründung zu verweisen (vgl. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 53 ff.). Sowohl der Ansatz der Netzwerkgröße (network size) als auch der Netzwerkvielseitigkeit (network diversity) sind geeignet, die Forschungsobjekte der Gründungsaktivität und des Gründungserfolges abzubilden. Ebenso entsprechen die beiden Ansätze – mit dem Bezug auf die sozialen Kontakte des Gründers – dem Auswahlkriterium der individuellen Ebene als Forschungsperspektive. Problemlos lassen sich die Kriterien freiberuflicher Besonderheiten und kleinerer Wirtschaftseinheiten auf die beiden Ansätze der Netzwerktheorie übertragen. Als problematisch erweisen sich die empirische Überprüfbarkeit und die Widersprüchlichkeit der beiden Ansätze aus der Netzwerktheorie. Dies betrifft zum einen Abgrenzungsfragen über die Größe und den Umfang sozialer Beziehungen und zum anderen den Informationszugang zum sozialen Netzwerk. Der Einwand bezüglich einer Forcierung sozialer Kontakte als Ausgleich für fehlende Finanzoder Humankapitalressourcen im Gründungsunternehmen erscheint nicht unplausibel. Letztlich dürfte es schwierig sein die Aussagen empirisch zu überprüfen, da keine geeigneten Datenbasen mit den entsprechenden Informationen vorhanden sind. So stellt das SOEP kaum Daten zur Untersuchung dieses Ansatzes bereit. Eine eigene angemessene Erhebung zu diesem Themenbereich ist aufgrund seiner Komplexität und des Aufwandes zur Informationsgewinnung im Rahmen der zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht realisierbar. Ein genereller Einfluss sozialer Kontakte auf die Erfolgschancen von Gründungen ist unumstritten vorhanden. Dennoch erwiesen sich die Ansätze der Netzwerktheorie als alleiniger Erklärungsansatz in den bisherigen Untersuchungen als wenig fruchtbar. Hinzu kommen die möglichen Widersprüche innerhalb des Theorieansatzes. Vor diesem Hintergrund der schwierigen empirischen Überprüfung der theoretischen Aussagen wird im Rahmen dieser Arbeit auf eine Anwendung des Netzwerksmodells verzichtet. 88 Theorien der Gründungsforschung 3.3.5 Institutionenökonomie Im Mittelpunkt der theoretischen Ansätze der Institutionenökonomie steht für die Gründungsforschung der Transaktionskostenansatz. Basierend auf den Ergebnissen von Coase wurde der Transaktionskostenansatz in erster Linie von Williamson (1975) weiterentwickelt und geprägt. Dabei untersucht der Transaktionskostenansatz unter den getroffenen Annahmen die Faktoren, die das Auftreten und die Höhe von Transaktionskosten beeinflussen. Der Grundgedanke des Transaktionskostenansatzes besteht in der Annahme, dass die Durchführung ökonomischer Aktivitäten mit Kosten verbunden ist. Der Ansatz liefert Instrumente, um Transaktionen zu analysieren und ihnen die effiziente Koordinationsform zuzuweisen (vgl. Kennedy und Chabior 2001, 2 f.). Transaktionskosten sind im Rahmen von Transaktionen auftretende Kosten zur Überwindung von Informations- und Kommunikationsproblemen. Diese entstehen einem Unternehmen bei der Suche (ex ante), bei der Verhandlung (ex ante) und bei der Überwachung und Durchführung (ex post) der Transaktionen. Unter der Annahme, dass unterschiedliche Arten von Institutionen und Organisationsformen effizient sind und sich am Markt durchsetzen, werden menschliche Faktoren wie „Begrenzte Rationalität“ und „Opportunismus“ in Abhängigkeit zur wirtschaftlichen Leistungsbeziehung gesetzt. Die Effizienz hängt dabei entscheidend von der Höhe der Transaktionskosten ab. Dies können beispielsweise die Kosten der Informationsbeschaffung bei dem Eintritt in eine Tauschbeziehung oder die Kontrollkosten für die Überwachung von Verträgen sein (vgl. Kennedy und Chabior 2001,4 ff.; Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 55 ff.). In der Gründungsforschung wird der Transaktionskostenansatz u.a. von Fritsch (1990) sowie Klandt und Münch (1990) als möglicher Theorieansatz erwähnt. Empirisch gestützte Untersuchungen mit dem Transaktionskostenansatz sind abgesehen von der Studie von Picot et al (1989) bisher die Ausnahme. Picot verfolgt in seiner Studie eine prognostisch orientierte Analyse der Tragfähigkeit innovativer Betriebsgründungen unter dem Aspekt, ob und inwieweit durch das Verhalten Transaktionskosten reduziert werden. Unter innovativen Unternehmensgründungen versteht Picot insbesondere technologieorientierte Unternehmensgründungen. In diesem Zusammenhang wendet Picot den Transaktionskostenansatz zur persönlichen Beurteilung des Unternehmensgründers, zur Bewertung der Geschäftsidee und zur Einschätzung der Gründungsorganisation an. Zum Abschluss seiner Studie kommt Picot zu dem Fazit: „ein tieferes ökonomisches Verständnis für Gründungszusammenhänge innovativer Unternehmen sowie für die Bestimmung des Gründungserfolges zu erhalten“ (Picot et al 1989, 258). Darüber hinaus wurde der Transaktionskostenansatz mit der Idee der Firmennetzwerke kombiniert. Mittels der Analyse „zwischenbetrieblicher Verflechtungen“ kann dies auch für kleine und nicht technologieorientierte Unternehmens-

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Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.