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Peter Paic, Bezugsrahmen in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 69 - 73

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

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Theorien der Gründungsforschung 69 2003; Ackermann, Merz und Stolze, 2003) oder bestimmten freiberuflichen Berufsgruppen, wie den Künstlern (vgl. Kräuter 2002). Andere Studien streifen die Freien Berufe und ihre Gründungen nur am Rande, beispielsweise als eine Merkmalsausprägung der Selbständigen (vgl. Pfeiffer 1994) oder als Teil neudefinierter Subgruppen (vgl. Uhly 2002). Ein zentrales Hemmnis freiberuflicher Forschungsbemühungen stellt die problematische Datenlage dar. Eine primär zu den Freien Berufen erhobene Datenbasis existiert nicht. Im sekundären Zusammenhang erhobene Daten mit einem umfassenden repräsentativen Abbild der Freien Berufe und ihrer Gründungen existieren nur in sehr einschränkender Form. Sie stoßen schnell, aufgrund ihrer geringen Fallzahlen, an ihre Grenzen sobald einzelne Teilgruppen der Freien Berufe oder das betriebliche Umfeld untersucht werden sollen (vgl. Kap. 2.4 und 2.5). Ohne eine entsprechende informationelle Infrastruktur sind naturgemäß auch keine analytischen Auswertungsverfahren anwendbar und die geringe Anzahl bisher veröffentlichter Studien zu diesem Thema nicht verwunderlich. In der Gesamtschau zeichnet sich für die freiberuflichen Gründungen ein Forschungsbild ab, dass erst noch erschlossen werden will. Es existiert ein großer Nachholbedarf in den elementaren Forschungsfragen von grundlegenden Definitions- und Klassifizierungsfragen sowie der Übertragung und Modellierung theoretischer Ansätze aus der Gründungsforschung im Kontext freiberuflicher Gründungen. Letztlich liegen explizit zur freiberuflichen Gründungsforschung nur wenige Ergebnisse über deskriptive und kausale Aussagen oder der Ableitung von Regelhaftigkeiten vor. 3.2 Bezugsrahmen Mit dem Bezugsrahmen für die Gründungsforschung schufen Müller-Böling und Klandt (1990) erstmals eine Grundlage für die systematische Erschließung des Forschungsobjektes. Der Bezugsrahmen soll helfen „zurückliegende und aktuelle Forschungsarbeiten besser zueinander in Bezug zu setzen, Ansatzstellen zur Vereinheitlichung des Vokabulariums zu geben, als Heuristikgenerator durch die Identifizierung von Lehr- und Forschungsfeldern zu weiteren Forschungsaktivitäten anzuregen“ (vgl. Müller-Böling und Klandt 1990, 144). Die Struktur des Bezugsrahmens unterscheidet einerseits verschiedene Forschungsobjekte der Gründungsforschung und differenziert andererseits unterschiedliche Forschungsperspektiven und Forschungsansätze. Insgesamt stellt der Bezugsrahmen zwar keine zusammenfassende Theorie der Unternehmensgründung dar, doch können mit ihm verschiedene theoretische Ansätze aus der Gründungsforschung systematisiert werden. Der Bezugsrahmen dient in erster Linie der Integration der Befunde aus der Gründungsforschung. Er beschreibt das Forschungsfeld, stellt eine Problemtransparenz her und gibt Hinweise auf bestimmte Beziehungszusammenhänge. Dazu benennt er einige Variablen und findet häufig Anwendung in der Gründungsforschung (vgl. Schulte 2002, 79 f.). 70 Theorien der Gründungsforschung Die Abbildung 8 gibt eine Übersicht zur Struktur des Bezugsrahmens. Abbildung 8: Struktur des Bezugrahmens Quelle: Müller-Böling und Klandt 1990, 143. Für die Untersuchung des Gründungsgeschehens in den Freien Berufen stellt der Bezugsrahmen für die Gründungsforschung ein geeignetes Instrument für die Systematisierung des Forschungsvorhabens dar. Folgend werden das Forschungsobjekt, die Forschungsperspektive und der Forschungsansatz auf die vorliegende Untersuchungsfrage spezifiziert. Forschungsperspektive Der Bezugsrahmen definiert bei den Forschungsperspektiven verschiedene Ebenen, in denen das Referenzsystem des Forschenden anzusiedeln ist, z.B. individuell, einzelwirtschaftlich, regional wirtschaftlich, volkswirtschaftlich bis hin zur gesellschaftlichen Ebene. Jeder einzelnen Ebene sind Rollenträger als konkret handelnde Akteure zugewiesen, beispielsweise ist dies auf der individuellen Ebene die Gründerperson oder ein potentieller Gründungspartner. Damit führt die Forschungsperspektive bezogen auf alle Forschungsobjekte zu einer differenzierten Aussagenstruktur (vgl. Müller-Böling und Klandt 1990, 147). Übertragen auf die vorliegende Aufgabenstellung ist der jeweiligen Fragestellung entsprechend zwischen zwei unterschiedlichen Forschungsperspektiven (Gründungsaktivität und Gründungserfolg) zu differenzieren. Der zentrale Rollenträger für die freiberufliche Gründungsaktivität ist die Gründerperson. Die Person steht perspektivisch im Mittelpunkt der Forschungsbemühungen da ihre personenbezogenen Merkmale den Entschluss für eine Gründung maßgebend beeinflussen. Forschungsperspektiven Forschungsobjekt Fo rs ch u n gs a n sä tz e Theorien der Gründungsforschung 71 Der individuellen Ebene als Forschungsperspektive kommt auch bei der Untersuchung des Gründungserfolges eine wichtige Rolle zu. In der Frühphase freiberuflicher Entwicklungen kommt den personenbezogenen Merkmalen des Gründers eine entscheidende Rolle über den Erfolg einer Gründung zu. Aufgrund der freiberuflichen Charakteristika (vgl. Kap. 2.1), mit dem prägenden Einfluss der Person auf die Tätigkeit, gibt es in den Freien Berufen zwischen der personenbezogenen und der betriebsbezogenen Perspektive einen fließenden Übergang der nicht immer eindeutig abgrenzbar ist. Dabei werden, wie in Klein- und Kleinstbetrieben plausibel nachvollziehbar, die betrieblichen Geschicke insbesondere von der Person des Gründers geprägt. Daher werden, wenn auch in der theoriegeleiteten Gründungsforschung formal getrennt, die personen- und betriebsbezogenen Perspektiven vereint. So wird Forschungsperspektivisch für die Untersuchung der Gründungsaktivität die individuelle Ebene eingenommen. Für den Gründungserfolg wird die individuelle und betriebliche Perspektive gemeinsam verfolgt. Forschungsobjekt Müller-Böling und Klandt (1990) systematisieren das Forschungsobjekt im Bezugsrahmen in vier Bereiche. Dies sind die Kategorie der Unternehmung mit den Unterkategorien Gründungsprozess und Gründungsstruktur, das Umsystem (Umfeld) mit den Unterkategorien Gründungskontext und Gründungsinfrastruktur, die Gründerperson sowie der Gründungserfolg (vgl. Müller-Böling und Klandt 1990, 150). Im Rahmen dieser Studie lassen sich zu den beiden zentralen Fragestellungen zwei Forschungsobjekte systematisieren. Im Modell zur Gründungsaktivität steht die freiberufliche Gründerperson im Mittelpunkt des Interesses und fungiert als Forschungsobjekt. Im Focus der zweiten Fragestellung stehen die Merkmale und Einflussfaktoren zum Erfolg freiberuflicher Gründungen. Forschungsobjekt ist somit der Gründungserfolg. Forschungsansatz Der wissenschaftliche Methodenansatz dieser Arbeit orientiert sich an dem aus dem Neopositivismus stammenden „kritischen Rationalismus“ mit seinem Falsifikationsprinzip. Aufgrund des explorativen Charakters dieser Untersuchung wird zusätzlich eine methodologische Explorationsstrategie verfolgt. Beide Ansätze werden in den Rahmen der Gründungsforschung eingebettet (vgl. Kap 1.2). Nach Müller-Böling und Klandt (1990) beschreibt der Forschungsansatz die wissenschaftliche Vorgehensweise. Dieser umfasst die wissenschaftlichen Aussagen und Wahl der empirischen Forschungsmethode. Hinsichtlich der wissen- 72 Theorien der Gründungsforschung schaftlichen Aussagen wird in Aussagekategorien, Nachweismethoden und die Ableitung wissenschaftlicher Aussagen unterschieden. Die empirischen Forschungsmethoden untergliedern sich nach der Auswahl der Forschungsstrategie, den Forschungsformen und den Forschungstechniken der Datensammlung (vgl. Müller-Böling und Klandt 1990, 161 ff.). Die vorliegende Untersuchung verwendet kausale Aussagen, deren Kennzeichen es ist, das Vorliegen eines Phänomens ursächlich auf ein anderes Phänomen zurückzuführen. Gestützt wird diese Aussagenkategorie von einem theoretisch ausgerichtetem Forschungsansatz (vgl. Müller-Böling und Klandt 1990, 162). Als Nachweismethode dient die durch das SOEP und eine eigene Erhebung erfasste Realität (Empirie). Der vorliegende Forschungsansatz baut auf der Basis vorliegender Erkenntnisse und Ergebnisse der deutschen und internationalen Gründungsforschung auf. Diese Forschungsansätze werden auf den Untersuchungsgegenstand übertragen und gegebenenfalls modifiziert. Dies betrifft die theoretische Fundierung, die Datenbasen und die Auswertungsverfahren. Als empirische Forschungsstrategie wird auf Grundlage des kritischen Rationalismus die Falsifikationsstrategie angewendet. Dabei wird versucht über die Wiederlegung von Hypothesen durch die Konfrontation mit der Realität zu Erkenntnisgewinnen zu gelangen. Vor dem Hintergrund, dass der Entdeckungszusammenhang insbesondere bei den freiberuflichen Gründungsgeschehen, bei weitem nicht als abgeschlossen gelten kann, kommt neben der Falsifikationsstrategie auch die Explorationsstrategie zur Anwendung. Dabei steht das erstmalige Erkennen von Zusammenhängen im Vordergrund. Sowohl die Falsifikationsstrategie als auch die Explorationsstrategie sind auf die Gewinnung theoretischer Aussagen gerichtet. Aus der aktuellen Gründungsforschung werden verschiedene Theorieansätze, wie der persönlichkeitsorientierte Ansatz, der Ansatz der Institutionenökonomie, der Ansatz der Industrieökonomie und der Ansatz der Organisationsökologie diskutiert und ihre Erklärungskraft im Kontext der freiberuflichen Gründung quantifiziert. Für eine effiziente Ausschöpfung des Datenmaterials bieten sich multivariate Analyseverfahren der Mikroökonometrie an (vgl. Merz 2002 (b), 111 f.; Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 17). Insbesondere kann und soll die unbeobachtete Heterogenität der Individualinformationen durch panelökonometrische Ansätze (Random Effects Modell) berücksichtigt werden. Für die Modellierung der Gründungswahrscheinlichkeit und des Gründungserfolges werden entsprechende diskrete Entscheidungsmodelle wie das Logit- und das Probit Modell herangezogen. Der Datenskalierung entsprechend kommen für den Einkommenserfolg ein Ordered Probit und multinomiales Logit Model zur Anwendung. Darüber werden weitere statistische Schätzverfahren, situations- und anwendungsbedingt, eingesetzt wie beispielsweise ein rare-event Logit Model oder auch einfache OLS-Schätzer. Theorien der Gründungsforschung 73 Grundlage dieser mikroökonometrischen Verfahren ist die quantitative und qualitative Erweiterung der SOEP- Datenbasis hinsichtlich der Freien Berufe. Zum einen werden die Daten im SOEP um ihre kritischen Wechsel innerhalb der Selbständigengruppe berichtigt und zum anderen wird die SOEP Datenbasis um die Informationen der Standesorganisationen und der Berufsgruppen erweitert. Mit der eigenen FFB-Onlineerhebung zu den Freien Berufen werden insbesondere betriebsbezogene Daten, welche nicht vom SOEP abgedeckt werden, erhoben. Mit der Systematisierung nach dem Bezugsrahmen für die Gründungsforschung sollen ein Vergleich und die Überprüfung der Ergebnisse mit anderen bisherigen und zukünftigen Studien ermöglicht werden. 3.3 Theoretische Ansätze in der Gründungsforschung Seit Beginn der 90ziger Jahre wurden in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eine Vielzahl von Theorieansätzen zur Erklärung der Gründungsaktivität und des Gründungserfolges herangezogen. Da die Disziplin der Gründungsforschung über keinen in sich geschlossenen Theorieansatz verfügt, werden Erklärungsansätze aus den verschiedenen Fachbereichen wie der Ökonomie, der Biologie, der Psychologie sowie disziplinübergreifende Ansätze auf die Gründungsforschung übertragen. In der Literatur, speziell zu den kleinbetrieblichen Neugründungen, hat sich in zahlreichen empirischen Arbeiten eine Dreiteilung der Theorieansätze etabliert (Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996; Müller- Böling und Klandt 1990, 1993; Schüßler und Voss 1988; Hunsdiek und May- Strobel 1986; Szyperski und Nathusius 1977). Inhaltlich systematisiert die Dreiteilung die theoretischen Ansätze nach ihren Merkmalen, welchen Einfluss sie auf die Erfolgschancen neugegründeter Betriebe nehmen, in personenzentrierte Ansätze, betriebszentrierte Ansätze und umfeldzentrierte Ansätze. Mit den allgemeingehaltenen Erklärungen ist die theoretische Fundierung der drei Ansätze zunächst von einer eher trivialen Natur. Brüderl, Preisendörfer und Ziegler (1996) stellen dazu fest: „…Da der theoretische Kern dieser „Ansätze“ nicht mehr als allgemeine Aussagen enthält, dass die jeweilige Variablengruppe für den Erfolg einer Neugründung „wichtig“ bzw. „besonders wichtig“ ist, handelt es sich zunächst einmal eigentlich nur um Heuristiken, die die Zielrichtung für die empirische Analyse vorgeben. In Verbund mit der konkreten empirischen Ausfüllung, den jeweiligen Schwerpunktsetzungen und den vermuteten Mechanismen, über die die Faktoren wirken, kann man gleichwohl von Theorien sprechen, und zwar von Theorien im Sinne von bereichsbezogenen Leitlinien-Ansätzen“ (Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996, 33). Diese systematisierte Dreiteilung in personen-, betriebs- und umfeldzentrierten Ansätze wird für diese Studie übernommen. Folgend werden die drei Ansätze in ihren inhaltlichen Aussagen kurz skizziert.

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Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.