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Peter Paic, Stand der Forschung in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 63 - 69

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

Bibliographic information
3. Theorien der Gründungsforschung Freiberufliche Tätigkeiten im Mittelalter: Künstlerische Darstellung der Grammatik Theorien der Gründungsforschung 65 Methodisches Kennzeichen dieser Untersuchung ist die Herleitung von Hypothesen aus den gründungstheoretischen Ansätzen und ihre empirische Überprüfung. Dazu werden in diesem Kapitel relevante theoretische und empirische Vorarbeiten aus der Gründungsforschung aufgegriffen und auf ihre Allgemeingültigkeit im freiberuflichen Gründungsumfeld überprüft. Aus den erklärenden theoretischen Ansätzen zur freiberuflichen Gründungsaktivität und dem freiberuflichen Gründungserfolg folgt die Herleitung der Hypothesen. Diese zielführende methodische Vorgehensweise ist aus zwei Gründen nicht unproblematisch: Zum einen kann die Gründungsforschung nicht auf einen in sich geschlossenen Theorieansatz zurückgreifen, welcher das Gründungsgeschehen in seiner Gänze erklärt. Zum anderen existieren bisher keine explizit auf das freiberufliche Gründungsgeschehen abgestimmten theoretischen Ansätze für deren Erklärung. Vor dem Hintergrund dieser Problemstellung muss eine Auswahl unter der Vielzahl theoretischer Erklärungsansätze für ihre Anwendung im freiberuflichen Gründungsumfeld getroffen werden. Die ausgewählten Theorien sind gegebenenfalls auf die freiberuflichen Umstände der Gründungsaktivität und des Gründungserfolges zu modellieren. Als Leitfaden für die Auswahl der Gründungstheorien dienen die Vorarbeiten von Preisendörfer (2002), Schulte (2002), Brüderl, Preisendörfer und Ziegler (1996) und Müller-Böling und Klandt (1993). Die vorliegende theoriegeleitete Entwicklung der Untersuchungsmodelle zur freiberuflichen Gründungsaktivität und dem Gründungserfolg gliedert sich in fünf Abschnitte. Zuerst wird ein Überblick zum aktuellen Stand der Gründungsforschung gegeben. Dieser reicht von der allgemeinen Entwicklung und dem aktuellen Stand der Gründungsforschung bis zum Status Quo der freiberuflichen Forschungsbemühungen. Der zweite Abschnitt des Kapitels nimmt die wissenschaftstheoretische Ausrichtung dieser Studie auf. Eingebettet im Bezugsrahmen für die Gründungsforschung werden die Forschungsperspektiven, Forschungsobjekte und der Forschungsansatz spezifiziert. Dem folgt im dritten Teil die Skizzierung und Diskussion der aus der Gründungsforschung einschlägig bekannten Theorielinien und empirischen Arbeiten. Dazu zählen die persönlichkeitsorientierten Ansätze, der Transaktionskostenansatz aus der Institutionenökonomie, die Ansätze aus der Industrieökonomie sowie die Ansätze der Organisationsökologie. Nach einer kurzen Vorstellung der einzelnen Theorielinien findet ein Vergleichs- und Auswahlverfahren zur Identifizierung der geeigneten Theorielinien statt. Grundlage des Auswahlverfahrens sind Kriterien, welche im Kontext des Bezugsrahmens und der Fragestellung entwickelt werden. Aus den für die Untersuchungsfragen geeigneten Theorielinien werden einzelne Theoriemodelle dargestellt und auf ihre Anwendbarkeit und den Aussagegehalt für das freiberufliche Gründungsgeschehen überprüft und gegebenenfalls modelliert. 66 Theorien der Gründungsforschung Im Fokus des vierten Abschnitts stehen aktuelle empirisch und methodisch fundierte Arbeiten aus der freiberuflichen Gründungsforschung. Da solche Studien, wie bereits ausführlich behandelt, nur in sehr rudimentären Ansätzen vorliegen, sollen darüber hinaus auch empirisch und methodisch geleitete Studien Berücksichtigung finden, welche sich mit den Fragen des Gründungserfolges und der Gründungsaktivität von Unternehmen befassen. Dem folgt eine Überprüfung der vorgestellten Studien hinsichtlich ihrer Eignung im freiberuflichen Umfeld sowie ihrer theoretischen, empirischen und methodischen Ansätze. Die Operrationalisierung der Begrifflichkeiten anhand der Erfolgs- und Aktivitätsindikatoren des freiberuflichen Gründungsgeschehens sowie ihrer adäquaten Messung wird im fünften Abschnitt vorgenommen, bevor zum Schluss des Kapitels aus den theoriegeleiteten Untersuchungsmodellen zum freiberuflichen Gründungserfolg und der freiberuflichen Gründungsaktivität die Hypothesen abgeleitet werden. 3.1 Stand der Forschung Die Gründungsforschung ist in der Bundesrepublik Deutschland ein noch junges Wissenschaftsgebiet. Sieht man einmal von speziellen Fragestellungen im Bereich der Finanzierung und der Standortwahl neuer Unternehmen ab, so liegen Forschungsarbeiten und Publikationen in nennenswerter Größenordnung erst mit dem Beginn der achtziger Jahre vor (Schulte 2002, Szyperski und Nathusius 1977; Müller-Böling und Klandt 1990, 1993). Eine international führende Stellung in der Gründungsforschung nimmt die USA ein. Unter der Bezeichnung "Entrepreneurship Research" hat sich in den USA seit den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin herausgebildet. Einen Überblick zum aktuellen Stand der angelsächsischen Entrepreneurship Research geben Low (2001), Davidsson, Low und Wright (2001), Chandler und Lyon (2001) und Davidsson und Wiklund (2001). Kennzeichnend für diese frühe Entwicklung steht die bereits in den achtziger Jahren ausgeprägte wissenschaftliche Verbreitung von 50 Lehrstühlen (Entrepreneurship Education) und 52 weiteren Professuren im Bereich des Entrepreneurship Research. Aktuell verfügen die USA über 325 Professuren in den Fachbereichen des Entrepreneurship Research und Education (vgl. Klandt und Knaup 2002, 14). Der erste deutsche Gründerlehrstuhl wurde 1991 an der Universität Dortmund eingerichtet, seitdem wuchs die Anzahl der Gründerlehrstühle in Deutschland auf insgesamt 52, bei einem weiterhin anhaltenden Aufwärtstrend (vgl. Schmude und Uebelacker 2002, 1; Klandt und Knaup 2002, 14). Betrachtet man die Akzente der deutschen Gründungsforschung, so bilden sich drei Forschungsschwerpunkte seit Beginn der achtziger Jahre heraus: Theorien der Gründungsforschung 67 ‚ Die Mehrzahl der Studien widmet sich dem Gründungserfolg. Das Spektrum reicht vom Erfassen der Gründungsaktivitäten über Analysen zur Überlebensdauer bis hin zu Versuchen, Gründungsbemühungen qualitativ zu bewerten. ‚ Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchungen ist die Gründungsinfrastruktur. Dazu zählen die instrumentellen Hilfen zur Beurteilung der unternehmerischen Eignung von potentiellen Gründern, die Gründungsförderprogramme und Gründungshelfer. ‚ Im weiteren Blickwinkel des Forschungsinteresses steht die Gründerperson selbst. Hierzu zählen die individuellen Persönlichkeitsmerkmale und -strukturen sowie das mikro-soziale Umfeld des Gründers (Ekkenga, Fritsch und Schmude 1998, 4). In der neueren Entwicklung greift die Gründungsforschung ein breiteres Disziplinenspektrum und neue Forschungsschwerpunkte auf. Dazu gehören neben der Betriebs- und der Volkswirtschaftslehre auch die Soziologie, die Psychologie, die Wirtschaftsgeographie und die Rechtswissenschaften sowie disziplinübergreifende Arbeitsfelder wie z.B. Teile der Arbeitsmarktforschung (vgl. Ekkenga, Fritsch und Schmude 1998, 5). Einen geschlossenen Theorieansatz für Unternehmensgründungen auf der mikroökonomischen Ebene gibt es bislang weder in Deutschland noch in der internationalen Gründungsforschung. Zwar finden Elemente verschiedener Theorieansätze, wie z.B. die Transaktionskostentheorie, die Theorie rationaler Entscheidungen oder die Property-Rights-Theorie in der Gründungsforschung Anwendung und auch in einigen Fachdisziplinen wie der Organisationstheorie, der Führungstheorie oder der Verhaltenstheorie gibt es auf das Gründungsgeschehen eine Vielzahl anwendbarer Theoriemodelle. Allerdings geben diese einzelnen Theorieansätze, so Schulte (2002): „kein umfassendes und ... kein integratives theoretisches Abbild von Gründung und Gründungsprozess“ (Schulte 2002, 78). Die heutige Gründungsforschung ist durch eine kaum aufeinander abgestimmte und damit von einer unausgewogenen und fragmentarisch gekennzeichneten Entwicklung geprägt. Dazu kommt ein Mangel an Einheitlichkeit und Konsistenz in der Terminologie, so dass ein Vergleich der Ergebnisse nur schwer möglich ist, da die forschungsmethodischen Ansätze und Ziele disziplinspezifisch angelegt sind (vgl. Ekkenga, Fritsch und Schmude 1998, 5). Ein geeignetes Instrument zur systematischen Erfassung und Erschließung bisheriger und zukünftiger Arbeiten in der Gründungsforschung stellen Müller- Böling und Klandt (1990) mit dem Bezugsrahmen für die Gründungsforschung bereit. Dieser für die Gründungsforschung als „roter Faden“ fungierende Bezugsrahmen wird im Folgenden aufgenommen und auf die Fragestellung der vorliegenden Untersuchung übertragen. Im speziellen Forschungsbereich zum Gründungserfolg neugegründeter Unternehmen kann aktuell auf eine Vielzahl theoretisch fundierter und empirisch be- 68 Theorien der Gründungsforschung legter Arbeiten zurückgegriffen werden. Dabei reicht das Spektrum der Arbeiten vom Erfassen der Gründungsaktivitäten über Analysen zur Überlebensdauer bis hin die Gründungsbemühungen qualitativ zu bewerten. (u.a. Uhly 2000; Woywode 1998; Brüderl, Preisendörfer und Ziegler 1996). In den zugrunde liegenden Arbeiten haben sich insbesondere vier geeignete Theoriestränge zur Untersuchung des Gründungserfolges herausgebildet: Personenbezogene Theorieansätze wie beispielsweise die Humankapitaltheorie; aus der Industrieökonomie der unvollständige Wettbewerb; die Institutionenökonomie mit dem Transaktionskostenansatz und die Ansätze der Organisationsökologie wie beispielsweise die Neulingssterblichkeit. Diese Forschungsansätze werden in der neueren Literatur durch einen weiteren Theorieansatz, dem Managementansatz ergänzt (Schulte 2002, 84). Insgesamt lässt sich aus den bisher vorliegenden Forschungsergebnissen eine Reihe von bewährten Regelhaftigkeiten über den Erfolg neugegründeter Unternehmen ableiten. Einen zusammenfassenden Überblick zum Stand der erfolgsorientierten Gründungsforschung gibt Preisendörfer (2002, 45 ff.). Trotz positiver Aktivitäten und Ansätze, wie beispielsweise das 1998 von der DFG eingerichtete Schwerpunktprogramm „Interdisziplinäre Gründungsforschung“, ist in der deutschsprachigen Gründungsforschung noch immer ein enormer Nachholbedarf festzustellen. Wurde zu Beginn der Gründungsforschung noch ein generelles Theoriedefizit in der Literatur beklagt, so ist es aktuell die fehlende systematische Erfassung und Erschließung des Forschungsobjektes. Die stark angewachsene Zahl der Gründungsstudien ist aufgrund ihrer unterschiedlichen Ansätze und Ziele in ihren Ergebnissen nur schwer miteinander zu vergleichen. Darüber hinaus erweist sich der Informationszugang weiterhin als problematisch. Insbesondere personenbezogene Gründerdaten von Kleinund Kleinstbetrieben, aufbereitet als Panel sind bisher nur eingeschränkt zugänglich. Stehen diese Gründerinformationen zur Verfügung finden auch verstärkt anspruchsvolle methodische Auswertungsverfahren, wie z.B. multivariate Analyseverfahren, Anwendung in der Gründungsforschung. Letztlich stehen die Forschungsbemühungen hinsichtlich ihrer interdisziplinären Ausrichtung und Bearbeitung (vgl. Klandt und Knaup 2002, 16) als auch ihre schwache Verzahnung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft (vgl. Bohrmann 2002, 1) in der Kritik. Im Gegensatz zur steigenden Anzahl der Studien zum Gründungserfolg neugegründeter Unternehmen steht die Anzahl der Studien im Bereich der freiberuflichen Gründungsforschung. Hier liegen bisher erst wenige Arbeiten, wie beispielsweise zur Gründungsaktivität in den Freien Berufen von Merz und Paic (2003) vor. Weitere theoretisch, empirisch und methodisch fundierte Arbeiten gibt es nur in rudimentären Ansätzen (vgl. Simon 2002; Koch 2003). Darüber hinaus existieren vereinzelte Studien zum Gründungserfolg in den einzelnen freiberuflichen Berufsbildern wie beispielsweise den Ärzten (vgl. Ackermann Theorien der Gründungsforschung 69 2003; Ackermann, Merz und Stolze, 2003) oder bestimmten freiberuflichen Berufsgruppen, wie den Künstlern (vgl. Kräuter 2002). Andere Studien streifen die Freien Berufe und ihre Gründungen nur am Rande, beispielsweise als eine Merkmalsausprägung der Selbständigen (vgl. Pfeiffer 1994) oder als Teil neudefinierter Subgruppen (vgl. Uhly 2002). Ein zentrales Hemmnis freiberuflicher Forschungsbemühungen stellt die problematische Datenlage dar. Eine primär zu den Freien Berufen erhobene Datenbasis existiert nicht. Im sekundären Zusammenhang erhobene Daten mit einem umfassenden repräsentativen Abbild der Freien Berufe und ihrer Gründungen existieren nur in sehr einschränkender Form. Sie stoßen schnell, aufgrund ihrer geringen Fallzahlen, an ihre Grenzen sobald einzelne Teilgruppen der Freien Berufe oder das betriebliche Umfeld untersucht werden sollen (vgl. Kap. 2.4 und 2.5). Ohne eine entsprechende informationelle Infrastruktur sind naturgemäß auch keine analytischen Auswertungsverfahren anwendbar und die geringe Anzahl bisher veröffentlichter Studien zu diesem Thema nicht verwunderlich. In der Gesamtschau zeichnet sich für die freiberuflichen Gründungen ein Forschungsbild ab, dass erst noch erschlossen werden will. Es existiert ein großer Nachholbedarf in den elementaren Forschungsfragen von grundlegenden Definitions- und Klassifizierungsfragen sowie der Übertragung und Modellierung theoretischer Ansätze aus der Gründungsforschung im Kontext freiberuflicher Gründungen. Letztlich liegen explizit zur freiberuflichen Gründungsforschung nur wenige Ergebnisse über deskriptive und kausale Aussagen oder der Ableitung von Regelhaftigkeiten vor. 3.2 Bezugsrahmen Mit dem Bezugsrahmen für die Gründungsforschung schufen Müller-Böling und Klandt (1990) erstmals eine Grundlage für die systematische Erschließung des Forschungsobjektes. Der Bezugsrahmen soll helfen „zurückliegende und aktuelle Forschungsarbeiten besser zueinander in Bezug zu setzen, Ansatzstellen zur Vereinheitlichung des Vokabulariums zu geben, als Heuristikgenerator durch die Identifizierung von Lehr- und Forschungsfeldern zu weiteren Forschungsaktivitäten anzuregen“ (vgl. Müller-Böling und Klandt 1990, 144). Die Struktur des Bezugsrahmens unterscheidet einerseits verschiedene Forschungsobjekte der Gründungsforschung und differenziert andererseits unterschiedliche Forschungsperspektiven und Forschungsansätze. Insgesamt stellt der Bezugsrahmen zwar keine zusammenfassende Theorie der Unternehmensgründung dar, doch können mit ihm verschiedene theoretische Ansätze aus der Gründungsforschung systematisiert werden. Der Bezugsrahmen dient in erster Linie der Integration der Befunde aus der Gründungsforschung. Er beschreibt das Forschungsfeld, stellt eine Problemtransparenz her und gibt Hinweise auf bestimmte Beziehungszusammenhänge. Dazu benennt er einige Variablen und findet häufig Anwendung in der Gründungsforschung (vgl. Schulte 2002, 79 f.).

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Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.