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Peter Paic, Mikrozensus in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 49 - 52

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

Bibliographic information
Die Freien Berufe 49 Berufen vorgenommen. Unterschieden wird im erweiterten Modell der freiberuflichen Gründungsformen zwischen den Merkmalen der Strukturexistenz und der Kammerpflicht bei den Freien Berufen. Die Merkmale der Strukturexistenz werden aus dem Modell von Szyperski und Nathusius (1977) übernommen und um die freiberuflichen Spezifika der (1) „kammerpflichtigen“ freiberuflichen Gründungen und den (2) „nicht kammerpflichtigen“ (kammerfreie) freiberuflichen Gründungen erweitert. 2.4 Informationeller Zugang Grundlage für die empirische Untersuchung des freiberuflichen Gründungsgeschehens ist eine möglichst umfassende Datenbasis, welche relevante Informationen zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe beinhaltet und ein realistisches Abbild der Wirklichkeit (Repräsentativität) wiedergeben kann. Zum Zeitpunkt dieser Untersuchung stellt die informationelle Infrastruktur der Bundesrepublik Deutschland keine primär auf das freiberufliche Gründungsgeschehen erhobene Daten zur Verfügung, welche den gewünschten (idealtypischen) Ansprüchen genügen. Alternativ bietet sich eine eigene Erhebung und/ oder der Rückgriff auf Datenquellen an, welche in einem sekundären Zusammenhang erhoben wurden, aber die Freien Berufe explizit berücksichtigen. Aus der freiberuflichen Perspektive finden sich zu diesem Themenkomplex in der Literatur nur wenige Arbeiten, dennoch kann Eingeschränkt auf die Arbeit von Fritsch und Grotz (2002) über den Vergleich vierer Datenbasen für Selbständige Gründer zurückgegriffen werden. Zur informationellen Infrastruktur generell findet sich eine Vielzahl von Arbeiten in der Literatur, stellvertretend sei hier auf die Vorschläge der Kommission zur Verbesserung der informationellen Infrastruktur zwischen Wissenschaft und Statistik (KVI 2001) verwiesen. Zur Auswahl einer für den vorliegenden Untersuchungsgegenstand geeigneten sekundären Datenbasis werden Kriterien für ein Anforderungsprofil erstellt und eine Vorauswahl der verfügbaren und zu überprüfenden Datenquellen vorgenommen. Die ausgewählten Quellen werden kurz skizziert und mittels der Anforderungskriterien auf ihre Tauglichkeit überprüft. Ein Überblick der zentralen Ergebnisse schließt diesen Abschnitt ab. Einen Rahmen für die Auswahl der zur Überprüfung geeigneter Datenquellen ergibt sich aus den beiden zentralen Fragestellungen der Untersuchung. Maßgebliche Kriterien stellen die Merkmale und Charakteristika Freier Berufe sowie die Absicht einer empirischen Untersuchung ihres Gründungsgeschehens dar. In diesem Kontext ist eine aktuelle, regelmäßige und bundesweite Erfassung der Freien Berufe eine erste Mindestanforderung für die Auswahl zu überprüfender Datenbasen. Damit fallen bereits drei bekannte Datenbasen, wie die Gewerbean- 50 Die Freien Berufe zeigenstatistik (vgl. Clemens, Kaiser 2001, 3)4, das Hannoveraner Firmenpanel (regional auf Niedersachen begrenzt)5 und die Einkommenssteuer-Veranlagung (mit dreijähriger Verzögerung) aus. Letztlich bieten sich sieben klassische aus der Literatur und Gründungsforschung bekannte Datenbasen an, welche explizit die Freien Berufe bundesweit in ihren Erhebungen berücksichtigen. Dies sind: ‚ der Mikrozensus (MZ) des Statistischen Bundesamtes, ‚ die Umsatzsteuerstatistik, ‚ das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), ‚ das ZEW-Gründungspanel West und das ZEW-Gründungspanel Ost, vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), ‚ die Beschäftigtenstatistik der Bundesanstalt für Arbeit (IAB-Panel), ‚ die Erhebungen des Instituts für Freie Berufe (IFB), ‚ die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALL- BUS) der Gesellschaft Sozialwissenschaftlicher Infrastruktureinrichtungen (GESIS). Da es sich bei allen Datenbasen um zielgerichtete sekundäre Erhebungen handelt (mit Ausnahme der Daten vom Institut für Freie Berufe (IFB)), weisen sie je nach ursprünglichem Zweck ihrer Erhebung, unterschiedliche Defizite für die Gründungsforschung und insbesondere für die freiberufliche Gründungsforschung auf. Diese reichen vom Aussagegehalt über die Gründungsaktivitäten, wie beispielsweise die Erfassung des genauen Gründungs- und Stilllegungszeitpunktes, Informationen über die Gründerperson oder Möglichkeiten der Verknüpfung von Unternehmens- und Beschäftigungsdaten, bis hin zu eingeschränkten Auswertungsmöglichkeiten durch die bedingte Datenstruktur. Einen Überblick zur Eignung vier ausgewählter Datenbasen für die Gründungsforschung, u.a. das ZEW-Gründungspanel und die Umsatzsteuerstatistik geben Fritsch und Grotz (2002). Die Auswahl einer für die Untersuchung des freiberuflichen Gründungsgeschehens geeigneten Datenbasis richtet sich nach den aus der Aufgabenstellung resultierenden Anforderungen. Die folgenden sechs Anforderungskriterien zielen auf die Freien Berufe und ihre Gründungsinformationen ab: 1. Explizite Berücksichtigung und bundesweite Erhebung 2. Informationen in einer angemessenen Fallzahl 3. Repräsentativität der Erhebung 4. Erfassung der freiberuflichen Gründer 4 Die Freien Berufe sind ausgenommen von der Anzeigepflicht. 5 Neben der regionalen Begrenzung auf das Bundesland Niedersachsen werden im Hannoveraner Firmenpanel lediglich Unternehmen mit fünf sozialversicherten Beschäftigten berücksichtigt. Dies schließt eine regionale begrenzte Untersuchung mit dieser Datenbasis aus, da der überwiegende Teil der Freien Berufe nicht berücksichtigt wird. Die Freien Berufe 51 5. Bereitstellung von Informationen zur Gründerperson, dem Gründungszeitpunkt und der beruflichen Wirkungsstätte 6. Panel-Charakter der Datenbasis für Rückschlüsse über die Zeit mittels multivariater Längsschnittanalysen Zur Identifizierung geeigneter Datenbasen werden die ausgewählten Informationsquellen kurz vorgestellt und anhand der Anforderungskriterien diskutiert. 2.4.1 Mikrozensus Der Mikrozensus ist die amtliche Repräsentativstatistik über die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt, an der jährlich 1 Prozent aller Haushalte in Deutschland beteiligt sind (laufende Haushaltsstichprobe). Insgesamt nehmen rund 370.000 Haushalte mit 820.000 Personen am Mikrozensus teil (Statistisches Bundesamt 2004a). Ziel der Erhebung ist die Bereitstellung statistischer Informationen über die wirtschaftliche und soziale Lage der Bevölkerung. Das Frageprogramm besteht aus einem festen Grund- und Ergänzungsprogramm sowie aus Zusatzprogrammen in vierjährigem Rhythmus. Abgefragt werden u.a. Angaben zur Person, dem mikro-sozialem Umfeld, der Erwerbstätigkeit, dem allgemeinen und beruflichen Ausbildungsabschluss, den Quellen des Lebensunterhalts, die Höhe des Individual- und Haushaltsnettoeinkommen. Im jährlichen Ergänzungsprogramm werden u. a. zusätzliche Daten zur Erwerbstätigkeit, früherer Erwerbstätigkeit und zur beruflichen und allgemeinen Aus- und Fortbildung erhoben. Der Mikrozensus berücksichtigt in seinen Erhebungen explizit die Gruppe der Freien Berufe und eignet sich grundsätzlich für eine bundesweit angelegte repräsentative Untersuchung der Freien Berufe mit einer angemessenen Fallzahl. Als sehr restriktiv erweist sich jedoch die nicht speziell auf das freiberuflicheoder unternehmens- Geschehen ausgerichtete Konzeption, so dass zur Gründerperson, dem Gründungszeitpunkt und der Wirkungsstätte nur sehr eingeschränkte Informationen existieren. Darüber hinaus ist die Verknüpfung der Daten aus dem Mikrozensus, wie beispielsweise der Erwerbstätigkeit als Freiberufler mit dem mikro-sozialen Umfeld, nicht möglich. Es lassen sich auch keine statistisch anspruchsvollen Auswertungsverfahren über die Zeit anwenden6. Generell bietet der Mikrozensus die gesichertsten Daten zur Gesamtzahl der Freien Berufe. Gemessen an den aufgestellten Anforderungen kann der Mikrozensus aber weder genügend Informationen zum Gründungsgeschehen bereitstellen noch den Anforderungen an die Struktur der Datenbasis erfüllen. 6 Die Kommission zur Verbesserung der informationellen Infrastruktur zwischen Wissenschaft und Statistik (KVI) regt in ihrem Bericht u.a. die konzeptionelle Weiterentwicklung des Mikrozensus (MZ) an: „...den Übergang auf ein Konzept der unterjährigen Erhebung, die eine Aufbereitung als rotierendes Panel erlauben sollte...“(KVI 2001, 255). 52 Die Freien Berufe 2.4.2 Umsatzsteuerstatistik Die Datenbasis der Umsatzsteuerstatistik beruht auf den Angaben der Unternehmen zur Umsatzsteuer-Voranmeldung und dem Grundinformationsdienst der Finanzverwaltung. Rechtsgrundlage der Umsatzsteuerstatistik ist das Gesetz über Steuerstatistiken, das ab 1996 eine jährliche Durchführung der Umsatzsteuerstatistik vorschreibt (zuvor alle zwei Jahre). Berücksichtigung finden in der Umsatzsteuerstatistik alle Unternehmen deren Jahresumsatz die Grenze von 16.620 Euro übersteigt und sie damit zur Umsatzsteuer verpflichtet. Erfasst werden die Umsätze, Wirtschaftszweige, Rechtsformen und Umsatzgrößenklassen der Unternehmen. Weitere erfasste Merkmale sind Lieferungen und Leistungen, innergemeinschaftliche Erwerbe (ab 1993 - auch Käufe von Waren und Dienstleistungen aus der EU), Umsatzsteuer vor Abzug der Vorsteuerbeträge, abziehbare Vorsteuerbeträge, Umsatzsteuer-Vorauszahlung. Nicht erfasst werden die Einfuhren aus Nicht-EU-Mitgliedstaaten (vgl. Statistisches Bundesamt 2004b). Berücksichtigung finden die Freien Berufe in der Umsatzsteuerstatistik erst ab einem Mindestumsatz von 16.620 Euro. Damit dürfte ein nicht unerheblicher Teil der Freien Berufe nicht erfasst sein, zumal einige freiberufliche Tätigkeiten von der Umsatzsteuer befreit sind (vgl. Kap. 2.3). Hinzu kommen nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten zur Verknüpfung von Person und freiberuflicher Wirkungsstätte sowie sehr wenige Informationen zum Gründungsgeschehen. Insgesamt kann die Umsatzsteuerstatistik den aufgestellten Anforderungen an eine geeignete Datenbasis zur Untersuchung des freiberuflichen Gründungsgeschehens nicht genügen. Dies betrifft sowohl die Erfassung der freiberuflich Tätigen, als auch die sehr eingeschränkt verfügbaren Informationen zum Gründungsgeschehen, sowie den fehlenden Panel-Charakter der Datenbasis. 2.4.3 SOEP Das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung privater Haushalte in Deutschland. Im jährlichen Rhythmus werden seit 1984 dieselben Personen und Familien in der Bundesrepublik befragt. Über die Laufzeit der Umfrage wurden weitere Stichproben in die laufende Erhebung integriert. Seit 1990 erstreckt sich die Studie auch auf das Gebiet der ehemaligen DDR. Ziel des SOEP ist die Erfassung der politischen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Bundesrepublik Deutschland. Mit der Bereitstellung des Paneldatensatzes können diese Veränderungen analysiert werden. Erfasst werden sowohl die objektiven Lebensbedingungen als auch die subjektiv wahrgenommene Lebensqualität, der Wandel in verschiedenen Lebensbereichen und die Abhängigkeiten, die zwischen verschiedenen Lebensbereichen und deren Veränderungen existieren. Dazu gehören u.a. auch die Erwerbstätigkeit, das Einkommen sowie das mikro-soziale Umfeld der befragten Personen. Insgesamt stellt das SOEP für das Jahr 2002 Angaben über 25.000 Personen bereit (SOEP Gruppe 2003a).

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References

Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.