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Peter Paic, Zielsetzung in:

Peter Paic

Gründungsaktivität und Gründungserfolg von Freiberuflern, page 21 - 26

Eine empirische Mikroanalyse mit dem Sozio-ökonomischen Panel

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4112-3, ISBN online: 978-3-8452-1348-4 https://doi.org/10.5771/9783845213484

Series: FFB - Schriften des Forschungsinstituts Freie Berufe der Leuphana Universität Lüneburg, vol. 17

Bibliographic information
1. Einleitung Freiberufliche Tätigkeiten im Mittelalter: Künstlerische Darstellung der „Arithmetik“ Einleitung 23 Seit Mitte der neunziger Jahre stehen die Freien Berufe verstärkt im Blickpunkt wirtschaftspolitischer Diskussionen. Das Spektrum des Interesses reicht von den Reformbemühungen im Gesundheitswesen über die Altersvorsorge bis zum Steuerrecht und hat auch die europäische Ebene im Zuge der Dienstleistungsrichtlinie erreicht. Einen medialen Überblick zum aktuellen Stand der freiberuflichen Diskussion geben Läsker (2003), Bauchmüller (2003), Hoffmann (2003), Conradi und Schlauch (2003), Dombek (2003) und Hagelücken (2003). Von diesem Diskurs fast unbemerkt entwickelten die Freien Berufe in der letzten Dekade des zweiten Jahrtausends proportional das höchste Wachstum innerhalb der Selbstständigengruppe in der Bundesrepublik. Die anhaltende Dynamik des Wachstums - die Anzahl der freiberuflich Tätigen stieg allein zwischen 1992 und 2002 um 67 Prozent (vgl. IFB 2002, 3) - sowie die Chance, weitere Reserven für den Arbeitsmarkt in den Freien Berufen zu aktivieren, stellen freiberufliche Gründungen in eine interessante Perspektive für die Gründungsforschung. Grundlage dieser dynamischen Entwicklung ist der Übergang von der Industriezur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft. Durch die damit verbundene Veränderung von Produktionsprozessen und individuellen Bedürfnissen der Menschen entstand eine Vielzahl neuer Berufsfelder. Daraus bildeten sich neue freiberufliche Tätigkeiten und Berufsbilder in den Bereichen Gesundheit und Umweltberatung sowie in den neuen Informations-, Kommunikations- und Medienberufen (vgl. Bayerische Staatskanzlei 2002, 2). In der Bundesrepublik Deutschland stellen die 761.000 Freiberufler (vgl. IFB 2003, 3) mit ihren knapp drei Millionen Beschäftigten einen wichtigen Faktor in der Wirtschaft dar. Die Freien Berufe repräsentieren mit ihren abhängig Beschäftigten sieben Prozent aller Erwerbstätigen in Deutschland und erwirtschaften rund acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes (vgl. BMWi 2002, 2). Damit tragen die Freien Berufe entscheidend zu Wachstum und Beschäftigung bei und verfügen zusätzlich über eine ausgeprägte Gründungsdynamik. Trotz ihrer volkswirtschaftlich bedeutenden Relevanz stehen der Wissenschaft keine primär zu den Freien Berufen erhobenen Informationen, welche auch die Vielfalt der einzelnen freien Berufsbilder berücksichtigt, zur Verfügung – ja selbst eine präzise und eindeutige Definition und Abgrenzung freiberuflicher Tätigkeiten existiert nicht. So liegt der Fokus aktueller deutschsprachiger Bemühungen in der Gründungsforschung und daraus resultierende Ergebnisse auf den Selbständigen und Unternehmen. Weiterreichende Untersuchungen spezieller Gruppen der Selbständigen liegen mit Schwerpunkten bei den Frauen, den Handwerkern, den Hochschulabsolventen und insbesondere bei den technologieorientierten Gründungen vor (vgl. Schulte 2002, 9). Vor diesem Hintergrund findet sich in der Literatur eine große Zahl an empirisch gestützten Studien zum Gründungsgeschehen (vgl. Kap. 3). Im Gegensatz dazu liegen über das Gründungsgeschehen der Freien Berufe bisher nur wenige Abhandlungen vor. Diese sind entweder sehr rudimentärer Art (vgl. Simon Einleitung 24 2002, Koch 2003) oder beziehen sich auf einzelne Berufsgruppen wie beispielsweise die Ärzteschaft (vgl. Ackermann 2003). Theoretisch und methodisch fundierte Arbeiten zum Gründungsgeschehen über die einzelnen Berufsgruppen hinweg sind selten (vgl. aber Merz und Paic 2003). Insgesamt spielen die Freien Berufe als Gegenstand empirischer Untersuchungen in der Gründungsforschung eine bisher untergeordnete Rolle1. Die vorliegende Arbeit will einen Beitrag dazu leisten diese Forschungslücke zu schließen, indem die offenen Forschungsfragen zum freiberuflichen Gründungsgeschehen aus der Perspektive der Gründungsaktivität und des Gründungserfolges aufgenommen werden. Als theoretische Grundlage dienen die bekannten Theorielinien aus der Gründungsforschung. Diese befassen sich intensiv mit den Wirkungszusammenhängen verschiedener Determinanten auf eine Gründungsaktivität und den Gründungserfolg. Der Autor kann in diesem Kontext auf umfangreiche theoretische und empirische Vorarbeiten zurückgreifen. Diese werden unter der Berücksichtigung berufsspezifischer und rechtlicher Besonderheiten auf das freiberufliche Gründungsgeschehen übertragen. Die verschiedenen Theorielinien und deren spezifische Ausgestaltung dienen der Ableitung empirisch überprüfbarer Hypothesen zur freiberuflichen Gründungsaktivität und dem Gründungserfolg. Die Untersuchung des freiberuflichen Gründungsgeschehens stellt hohe Anforderungen an das empirische Material. Dementsprechend wurde eine eigene Onlineerhebung zu den Freien Berufen (FFB-Onlineerhebung Freie Berufe) vorgenommen und das Sozio-ökonomische Panel (SOEP) unter sieben für die Wissenschaft verfügbaren Quer- und Längsschnittdatenbasen ausgewählt. Das SOEP stellt seit Mitte der achtziger Jahre einen Paneldatensatz zur Verfügung, der ein reichhaltiges statistisches Material zu den Freien Berufen und ihrem mikro-sozialen Umfeld umfasst. Das Datenmaterial wird ergänzt durch die FFB- Onlineumfrage zu den Freien Berufen deren Schwerpunkt auf die Generierung betriebsbezogener Daten der Freien Berufe abzielt. Mit Hilfe beider Datenbasen und unter Anwendung statistischer und ökonometrischer Verfahren ist es möglich signifikante Einflussfaktoren für die Wahrscheinlichkeit einer freiberuflichen Gründung und des Gründungserfolges zu bestimmen. 1.1 Zielsetzung Zielsetzung dieser Arbeit ist die theoretisch, methodisch und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Der Untersuchungsbereich umfasst die freiberuflichen Gründungen innerhalb der Bundesrepublik Deutschland. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen zwei zentrale Fragestellungen: 1. „Welche Determinanten beeinflussen eine freiberufliche Gründungsaktivität?“ 1 Die vorliegende Arbeit berücksichtigt Veröffentlichungen bis März 2004. Einleitung 25 2. „Welche Determinanten beeinflussen den freiberuflichen Gründungserfolg?“ Innerhalb dieser zentralen Forschungsfragen soll das Spektrum der freiberuflichen Gründungen über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit im Markt erfasst werden. Die einzelnen Forschungsziele dieser Arbeit untergliedern sich in einen theoretischen- und einen praktischen Erkenntnisgewinn. Zum Ziel des theoretischen Erkenntnisgewinns (Grundlagenforschung) gehört die Definition der Begrifflichkeiten „Freier Beruf“, „freiberufliche Gründungsaktivität“ und „freiberuflicher Gründungserfolg“ sowie deren Klassifizierung im Rahmen der „Selbständigen“ und „Unternehmen“. Abbildung 1: Forschungsziele dieser Arbeit Grundlagenforschung (theoretischer Erkenntnisgewinn) Klärung der Begriffe „freiberuflicher Gründungserfolg“ und „freiberufliche Gründungsaktivität“ im Kontext des Gründungsgeschehens und ihre Operationalisierung Systematisierung und kritische Analyse allgemeiner und spezieller Theorieansätze aus der Gründungsforschung im Kontext der Freien Berufe Systematisierung und kritische Analyse empirisch gewonnener Modelle zum Gründungsgeschehen im Kontext der Freien Berufe Gewinnung deskriptiver Aussagen über die Erfolgsfaktoren der freiberuflichen Gründungsaktivität und des freiberuflichen Gründungserfolges sowie der Freien Berufe generell Ableitung von Regelmäßigkeiten der Entwicklung und Test multivariater Kausalmodelle freiberuflicher Gründungs- und Erfolgsfaktoren Anwendungsbezogene Forschung Gewinnung neuer Erkenntnisse über die Population und Struktur der Freien Berufe und ihrer Berufsgruppen (praktischer Erkenntnisgewinn) Gewinnung von Gestaltungs- und Herangehenshinweisen in der freiberuflichen Gründungsforschung Quelle: Eigene Abbildung. Weiteres Ziel im Rahmen der Grundlagenforschung ist die jeweilige Systematisierung, kritische Analyse und gegebenenfalls Erweiterung der allgemeinen und spezifischeren Theorieansätze, ebenso wie der empirisch gewonnenen Erkenntnisse aus der Gründungsforschung, im Kontext der Freien Berufe. Dem schlie- ßen sich aus den beiden eingangs vorgestellten Fragestellungen die zwei zentralen Ziele zum theoretischen Erkenntnisgewinn an. Zum einen die Gewinnung deskriptiver und kausaler Aussagen über die Determinanten einer freiberuflichen Gründungsaktivität und des Gründungserfolges und zum anderen die Ableitung Einleitung 26 von Regelmäßigkeiten, die Entwicklung und Test multivariater Kausalmodelle freiberuflicher Gründungsaktivitäten und des Gründungserfolges. Die Abbildung 1 gibt einen Überblick zu den Forschungszielen dieser Arbeit. Zu den anwendungsbezogenen Forschungszielen, hier dem praktischen Erkenntnisgewinn der Arbeit, zählen die Gewinnung neuer Erkenntnisse zur Population, Struktur und Verteilung in den freiberuflichen Berufsgruppen. Da im Rahmen der Fragestellung umfangreiche Daten zum freiberuflichen Gründungsgeschehen gesammelt und ausgewertet werden, ist es ein Forschungsziel über die zentrale Fragestellung hinaus, grundlegende Erkenntnisse zur Population und Struktur der freiberuflich Tätigen und ihrer einzelnen Gruppen zu gewinnen. Mit dieser Zielsetzung greift der Autor eine Anregung des Niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr auf, die zu den Freien Berufen generierten Daten auch praxisbezogen aufzubereiten. Letztlich ist es ein anwendungsbezogenes Forschungsziel dieser Untersuchung neue Gestaltungs- und Herangehensweisen in der freiberuflichen Gründungsforschung aufzuzeigen. 1.2 Methodologie Eine methodologische Auseinandersetzung steht zu Beginn jeder auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Untersuchung. In der praktizierten ökonomischen Wissenschaft hat sich der Neopositivismus in seinen verschiedenen Varianten als herrschendes Methodologieverständnis etabliert (vgl. Epskamp 1998, 25). Die Wissenschaft stellt sich für den Neopositivismus als ein Kommunikationssystem dar, indem die Möglichkeit eines allgemeinen, gleichen Verständnisses des jeweils Gemeinten Voraussetzung der Kommunizierbarkeit von Inhalten ist. Das Wissenschaftsverständnis des Neopositivismus beruht auf dem Versuch, das Dilemma zwischen dem notwendigen Konventionalismus der wissenschaftlichen Methoden und dem Anspruch auf Wahrheit aufzulösen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelten Mach, Wiener Kreis mit Carnap und Neurath, Wittgenstein und Popper den Neopositivismus zu seiner klassischen Form. Einen ersten umfassenden Entwurf einer Sprachregelung für die empirischen Wissenschaften schrieb Popper (1934) unter dem Titel „Logik der Forschung“. Hier findet sich die ausformulierte Wissenschaftstheorie des „kritischen Rationalismus“, dem noch immer vorherrschenden Typ des Neopositivismus. Der „kritische Rationalismus“ beruht auf dem Falsifikationskonzept mit seinen deduktiven Schlüssen. Mit dem von Carnap (1945, 1969) und Stegmüller (1973) entwickelten Induktionsverfahren wird die von Popper verfochtene Behauptung einer grundsätzlichen Asymmetrie zwischen Verifikation und Falsifikation aufgehoben. Demnach gibt es die Möglichkeit den Begriff der Bewährung in eine „logische“ oder „induktive Wahrscheinlichkeit“ (Zahlenwerte) messbar zu machen (vgl. Carnap 1969, 28 f.; Epskamp 1998, 27 f.). Während der Induktionist davon ausgeht, dass Sätze wahrer sein können als andere und die Theoriebildung auf der Basis solcher Sätze erfolgreich voranzutrei-

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Zusammenfassung

Die Arbeit verfolgt die theoretische, methodische und empirisch fundierte Analyse des freiberuflichen Gründungsgeschehens. Um die Fragestellung “Welche Determinanten beeinflussen die Gründungsaktivität und den Gründungserfolg von Freiberuflern?“ wird das Spektrum über die Phasen vor der Gründung bis zur Etablierung der freiberuflichen Tätigkeit am Markt erfasst.

Auf Grundlage des SOEP-Panels und einer Onlineerhebung tragen die Ergebnisse zu einem Erkenntnisgewinn des freiberuflichen Gründungsgeschehens bei. Gewürdigt wird dabei insbesondere die Praxis mit vielen neuen Ergebnissen aus den empirisch neu gewonnenen Daten zum Gründungsgeschehen der Freien Berufe.

Dr. Peter Paic studierte BWL und Ökonomie in Hamburg. 2008 Promotion an der Leuphana Universität Lüneburg. Zurzeit ist er Referent im Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik (LDS NRW) in Düsseldorf.