Content

Boris Eitel, Stoffliche Verwertung in:

Boris Eitel

Die Konkretisierung der abfallrechtlichen Produktverantwortung für Reifen in Deutschland, page 42 - 43

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4090-4, ISBN online: 978-3-8452-1275-3 https://doi.org/10.5771/9783845212753

Series: Lüneburger Schriften zum Wirtschaftsrecht, vol. 11

Bibliographic information
42 asiatischer Herkunft zu äußerst niedrigen Preisen auf dem Markt. Diese werden von vielen Kunden bevorzugt. Die mindere Qualität wird übersehen.134 Anzumerken ist in diesem Zusammenhang noch, dass die Verfahren des Nachschneidens und der Runderneuerung bei professioneller Ausführung kumulativ anwendbar sind. Ein Reifen kann so mindestens »vier Leben« erhalten. Eine Laufleistungssteigerung auf 250 % im Vergleich zu einem nicht reparierten Neureifen ist damit problemlos möglich. 3. Stoffliche Verwertung135 131.000 Tonnen und damit circa 22 % der Altreifenmasse werden stofflich verwertet. Da eine umfassende Rückgewinnung der Rohstoffe auf Grund der irreversiblen Vernetzungsreaktion der Gummimoleküle (Vulkanisation) nicht möglich ist, 136 macht man sich die stofflichen Eigenschaften des vulkanisierten Gummis zu Nutze.137 Die Altreifen werden für diesen Zweck zu Gummimehlen und Granulat verarbeitet,138 wobei Stahl- und Textilanteile separiert werden.139 Das Gummi kann sodann in niederwertigen Produkten wie Rollen, Schuhsohlen, Matten, Planen, Sportplatz- und Bodenbelägen oder im Straßenbau verwendet werden.140 Stahl und Textil finden eine rohstoffliche Weiterverwendung. Reifengranulat der gängigen Korngröße bis 5 mm wird mit Preisen zwischen 100 und 200 Euro pro Tonne gehandelt,141 Körnungen in den 200 µm-Bereichen gar mit 400 bis 600 Euro pro Tonne.142 Das darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Materialien aus stofflich verwerteten Altreifen bislang Probleme hatten, sich unter Marktbedingungen zu behaupten.143 So soll es für die Verwerter bereits schwierig gewesen 134 Vergleiche hierzu die Homepage des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk e.V. (BRV) (http://www.bundesverband-reifenhandel.de/verbraucher-infos/reifen_a_z.html# retreadable), zuletzt aufgerufen am 11. Januar 2006. 135 Vergleiche zum Ganzen Bertling/Rechberger, Technische Herausforderung Altgummi, S. 14ff, Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Entsorgung von Altreifen in Baden-Württemberg, GAVS (Hrsg.), Altgummientsorgung in Deutschland, Statusbericht 2001, S. 11ff, Shulman, Tyre Recycling, INFU (Hrsg.), Umweltexpositionen, S. 200 ff und Amt der Steiermärkischen Landesregierung (Hrsg.), Altreifensituation, S. 15 ff. 136 Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, S. 3, der in diesem Zusammenhang auf den Unterschied zu anderen Werkstoffen wie Glas, Thermoplasten oder Aluminium hinweist. 137 Vergleiche Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, S. 26. 138 Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Entsorgung von Altreifen in Baden-Württemberg, S. 3 (für das Jahr 2000 wird hier allerdings eine Quote der stofflichen Verwertung von 28 % angenommen). 139 Vergleiche Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, S. 26. 140 Ebenso Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, S. 32. Vergleiche auch Amt der Steiermärkischen Landesregierung (Hrsg.), Altreifensituation, S. 20f, 27 und Borchers, Genan, NEUE Reifen- Zeitung 1/2004, S. 31. 141 Vergleiche Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, S. 29. 142 Vergleiche Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, S. 31. 143 So eine Äußerung des Geschäftsführers des Bundesverbandes Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV), Hans-Jürgen Drechsler Anfang des Jahres 2004, nachzulesen in Borchers, Altreifen nicht immer konkurrenzfähig, BRV-Initiative bewährt sich über die Jahre, NEUE ReifenZeitung 1/ 2004, S. 33. 43 sein, einen kontinuierlichen Stoffstrom in ihre Anlagen sicherzustellen, was die Auslastung senkte und damit die Herstellungskosten und den Verkaufspreis erhöhte. Zudem bestanden Probleme, die Granulate im Rahmen dauerhafter Vertragsbeziehungen abzusetzen. Diese Umstände haben sich allem Anschein nach nunmehr ins Gegenteil gewandelt. Für das Jahr 2006 war mit einem Anstieg der Menge an stofflich verwerteten Altreifen zu rechnen. Die in Deutschland betriebenen Granulieranlagen sollen zwischenzeitlich an ihre Kapazitätsgrenzen gestoßen sein. Für eine hochwertige, werkstoffliche Verwertung in Frischgummimischungen von Neureifen sind die Granulate und Mehle nur begrenzt geeignet. Markenhersteller nutzen sie überhaupt nicht. Das bereits vulkanisierte Material würde die Qualität der Neureifen negativ beeinflussen, da es keine neuen chemischen Verbindungen mehr eingehen kann.144 Wie bereits erwähnt, ist eine rohstoffliche Verwertung von Altreifen technisch nur eingeschränkt möglich.145 Eine umfängliche Rückgewinnung der Rohstoffe ist unmöglich. Hingegen können durch eine Überführung der Polymere der Gummima trix in niedermolekulare Verbindungen synthetische Öle, Gase und Feststoffe gewonnen werden. Wirtschaftlich ist dies zurzeit jedoch weitgehend nicht realisierbar.146 Soweit ersichtlich, kommen rohstoffliche Verwertungen deshalb europaweit nur in unbedeutendem Maße zur Anwendung.147 4. Energetische Verwertung148 Altreifen haben auf Grund ihres großen Kohlenstoff- und Kohlenwasserstoffanteils von 70 bis 85 Gewichtsprozenten einen hohen Brennwert. Er liegt zwischen 26.000 und 31.000 Kilojoule pro Kilogramm.149 Der Brennwert überschreitet damit deutlich den in § 6 Absatz 2 S. 1 Nr. 1 KrW-/AbfG geforderten Grenzwert von 11.000 Kilojoule pro Kilogramm für die Zulässigkeit einer energetischen Verwertung von Abfällen. Auch im Übrigen können bei der energetischen Verwertung von Altreifen die in 144 Vergleiche hinsichtlich dieses Absatzes Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Entsorgung von Altreifen in Baden-Württemberg, S. 4. Mit ähnlichen Aussagen Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, S. 40f, GAVS (Hrsg.), Altgummientsorgung in Deutschland, Statusbericht 2001, S. 12, INFU (Hrsg.), Umweltexpositionen, S. 201 und Bertling/Rechberger, Technische Herausforderung Altgummi, S. 53. 145 Hierzu ausführlich Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, S. 42ff. So ist beispielsweise die Rußherstellung aus Altreifen mittels Pyrolyse, die Erzeugung von synthetischem Rohöl mittels Hydrierung oder die Synthesegasgewinnung mittels Hochtemperaturvergasung möglich. 146 So Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg , Entsorgung von Altreifen in Baden-Württemberg, S. 4. 147 Vergleiche auch Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, S. 43. 148 Vergleiche zum Ganzen auch INFU (Hrsg.), Umweltexpositionen, S. 210ff. 149 Vergleiche zu diesen Angaben Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg, Entsorgung von Altreifen in Baden-Württemberg, S. 8 und GAVS (Hrsg.), Altgummientsorgung in Deutschland, Statusbericht 2001, S. 14. Zu ähnlichen Ergebnissen kommend Brinkmann, Stoffliche Verwertung von Altreifen, S. 8, der aufzeigt, dass ein mittelschwerer Pkw-Reifen von 8 kg den gleichen Brennwert hat wie 6 Liter Öl. Durch die teilweise Verwendung von Silika statt Ruß in modernen, rollwiderstandsoptimierten Reifen werde der Brennwert aber entsprechend reduziert. Der Silikaanteil liege bei bis zu 10 %.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Wie kann abfallrechtliche Produktverantwortung dazu beitragen, das in Reifen verborgene Abfallvermeidungspotential auszuschöpfen? Welche Regelungen sind hierfür sinnvoll und rechtmäßig?

Das moderne Abfallrecht verfolgt das Ziel, den Stoffeinsatz bei der Produktherstellung durch ressourcensparendes Produktdesign möglichst zu minimieren und Stoffe durch lange Benutzungsdauer und mehrfache Verwendung über große Zeiträume im Umlauf zu halten. Die Entstehung von Abfall soll vermieden werden.

Bei Reifen lässt sich dies im Wesentlichen auf drei Arten erreichen. So kann zunächst die Kilometerlaufleistung erhöht werden, so dass ein Reifenwechsel und damit ein Altreifenanfall verzögert werden. Weiterhin können Reifen durch die Anwendung der Verfahren des Nachschneidens und der Runderneuerung „weitere Leben“ gegeben werden, so dass die aus dem Verkehr auszusondernde Zahl von Reifen erheblich verringert werden kann.

Das Buch zeigt auf, wie Reifenhersteller zur Anwendung dieser Verfahren und damit zur Wahrnehmung ihrer abfallrechtlichen Produktverantwortung gebracht werden können. Besonderes Gewicht wird dabei auf die Berücksichtigung von Vorsorgeprinzip und Lebenszykluskonzept gelegt.