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Hans-Jörg Weiß, Abschreibung und Kapitalbewertung in:

Hans-Jörg Weiß

Entscheidungsorientiertes Costing in liberalisierten Netzindustrien, page 123 - 125

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4061-4, ISBN online: 978-3-8452-1481-8 https://doi.org/10.5771/9783845214818

Series: Freiburger Studien zur Netzökonomie, vol. 16

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123 um davon ausgehend die Konsequenzen für die Preise öffentlicher Unternehmen aufzeigen zu können (Abschnitt 7.3). 7.2 Kapitalkostenermittlung in öffentlichen und privaten Unternehmen nach einheitlichen Prinzipien 7.2.1 Abschreibung und Kapitalbewertung Grundlegend für die entscheidungsorientierte Ermittlung von Abschreibungsprofilen und Kapitalwerten ist das in Kapitel 4 ausführlich vorgestellte Deprival value- Konzept. Demnach ist der Kapitalwert ein "Opportunitätswert", der dem Wert der nächstbesten Alternative entspricht. Ausgangspunkt der Bewertung ist die Frage, was ein Unternehmen tun würde, wenn das ihm gehörende Kapitalgut nicht vorhanden wäre. Die Ermittlung der nächstbesten Alternative resultiert aus der Gegenüberstellung der Wiederbeschaffungskosten des Kapitalguts (Replacement cost, RC), seines Ertragswerts (Present value, PV) und seines Nettoverkaufswerts (Net realisable value, NRV). Der Deprival value (DV) bestimmt sich dann wie folgt: DV = min[RC, max(PV, NRV)] Der Deprival value kann im Prinzip prospektiv für jeden beliebigen Zeitpunkt während der physischen Lebensdauer eines Kapitalguts ermittelt werden. Aus den Differenzen zwischen den Werten zu Beginn und Ende der einzelnen Perioden der Lebensdauer ergibt sich das ökonomische Abschreibungsprofil (vgl. Abschnitt 4.2). In Kapitel 4 wurde implizit davon ausgegangen, dass es sich bei dem bewertenden Unternehmen, das das Deprival value-Konzept anwendet, um ein privates Unternehmen handelt, das das Ziel der Gewinnmaximierung verfolgt und nur Leistungen anbieten kann, deren Entgelte mindestens ihre Kosten decken. Es stellt sich die Frage, ob – und ggf. welche – Modifikationen bei Anwendung des Konzepts auf öffentliche Unternehmen notwendig sind (vgl. Steering Committee 1994 und Walker/ Clarke/Dean 2000). Zunächst einmal ist festzustellen, dass sich zwei der drei Deprival value- Komponenten unmittelbar an Marktpreisen auf den Inputmärkten für Realkapital orientieren. Sowohl die Wiederbeschaffungskosten (RC) als auch der Nettoverkaufswert (NRV) werden durch die Entwicklungen auf den Investitionsgütermärkten determiniert. Dass für öffentliche Unternehmen systematisch höhere oder niedrigere RC und NRV relevant sind, ist nicht plausibel.222 So konzentriert sich die Frage nach möglichen Unterschieden zwischen öffentlichen und privaten Unternehmen bei der Anwendung des Deprival value- Konzepts auf die Komponente Ertragswert (PV). Um die Diskussion dieses Punkts zu vereinfachen, soll im Folgenden zwischen dem 222 Es kann hier offengelassen werden, ob öffentliche Unternehmen im Einzelfall niedrigere oder höhere Preise für Kapitalgüter bezahlen (oder beim Wiederverkauf erhalten) als private Unternehmen. 124 privaten Ertragswert (PVPriv) und dem sozialen Ertragswert (PVSoz) unterschieden werden. Nach dem traditionellen Verständnis der Rolle von öffentlichen Unternehmen kann der Staat mit ihrer Hilfe Projekte verwirklichen (Instrumentalfunktion), deren sozialer Ertragswert über den Kosten liegt, die aber aus privatwirtschaftlicher Sicht unrentabel sind, d.h. PVSoz > RC > PVPriv (vgl. Budäus 1987 und Zimmermann 1994). Die in der Finanzwissenschaft entwickelte Methode zur Ermittlung des PVSoz ist die Nutzen-Kosten-Analyse. Formal gibt es keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen einer gesamtwirtschaftlichen Nutzen-Kosten-Analyse und dem einzelwirtschaftlichen Investitionskalkül eines Unternehmens. Materiell unterscheiden sie sich durch die Einbeziehung externer Nutzen und Kosten (vgl. Blohm/Lüder/Schaefer 2006: S. 179-183). Die Nutzen-Kosten-Analyse wird üblicherweise zur Bestimmung des Kapitalwerts von Neuinvestitionen herangezogen. Bereits am Ende von Abschnitt 4.2.1 wurde betont, dass das Deprival value-Konzept nicht an eine bestimmte Art der Investitionsrechnung gebunden ist. Das gesamtwirtschaftliche Investitionskalkül lässt sich deshalb mit Hilfe des Deprival value-Konzepts auf die Bewertung bereits getätigter Investitionen übertragen. Konzeptionell kann zwischen einem auf PVPriv basierenden privaten Deprival value (DVPriv) und einem auf PVSoz basierenden sozialen Deprival value (DVSoz) unterschieden werden. Wenn ein öffentliches Unternehmen im Wettbewerb steht und kostendeckend anbieten muss, kann es in neue Projekte nur dann investieren, wenn deren privater Ertragswert (PVPriv) über den Beschaffungskosten (RC) liegt. Bereits begonnene Projekte wird es fortführen, solange deren PVPriv über dem Nettoverkaufswert (NRV) liegt. Für die Berücksichtigung eines möglicherweise über den privaten Ertragswert (PVPriv) hinausgehenden sozialen Ertragswerts (PVSoz) hat es keinen Spielraum. PVSoz ist unter diesen Prämissen nicht entscheidungsrelevant. Entscheidungsrelevant wird PVSoz nur insoweit, als der Staat in seiner Rolle als Besteller aktiv wird und für die Differenz einen finanziellen Ausgleich bezahlt. Durch die Umsetzung des Bestellerprinzips werden privater und sozialer Deprival value in Übereinstimmung gebracht. Solange der politische Besteller gewillt und in der Lage ist, die vereinbarten Entgelte zu zahlen, hat das erstellende Unternehmen auch einen Anreiz, das Kapitalgut im Falle eines Wegfalls zu ersetzen. In diesem Fall sind die Replacement cost (RC) die Komponente, die den Deprival value determinieren. Damit würde sich auch bei politisch bestellten Investitionsprojekten der volle ökonomische Ressourcenverzehr in der entscheidungsorientierten Kostenrechnung des erstellenden Unternehmens widerspiegeln. Zu einer sprunghaften Abwertung des Kapitalguts würde es erst kommen, wenn der politische Besteller – möglicherweise überraschend und unerwartet – die Fortführung der Bestellungen in Frage stellt. Ein offener Abschrei- 125 bungsplan auf Basis des Deprival value-Konzepts würde dem Rechnung tragen (vgl. Knieps 2007: S. 20-23).223 7.2.2 Zinskosten Abschreibungen spiegeln die Opportunitätskosten auf den Inputmärkten für Investitionsgüter wider. Die Zinskosten spiegeln dagegen die Opportunitätskosten auf den Inputmärkten für Finanzkapital wider. Grundlegend für die entscheidungsorientierte Ermittlung der Zinskosten eines Unternehmens ist das in Kapitel 5 ausführlich vorgestellte Cost of capital-Konzept. Bei den Cost of capital handelt es sich um die Opportunitätskosten einer Investition aus Sicht der Kapitalgeber. Die Höhe der Opportunitätskosten wird bestimmt durch die erwartete Rendite der nächstbesten Investitionsalternative. Der durchschnittliche Kapitalkostensatz (Weighted Average Cost of Capital – WACC) ergibt sich aus den jeweiligen Renditeforderungen der Eigenkapital- und Fremdkapitalgeber, gewichtet mit dem Anteil von Eigen- und Fremdkapital am Gesamtkapital. Problematisch an der Ermittlung der Kapitalkosten ist insbesondere die Ermittlung der Eigenkapitalkosten. Hier gilt das Capital Asset Pricing Model (CAPM) mit seiner Unterscheidung zwischen systematischen und unsystematischen Risiken als Best Practise. Das Modell beruht auf der grundlegenden Aussage der Portfoliotheorie, wonach die unsystematischen Risiken durch Portfoliobildung bzw. Diversifikation vermeidbar sind. Die Investoren erhalten auf dem Kapitalmarkt nur das systematische Risiko vergütet. Das systematische Risiko wird bestimmt durch die Korrelation der erwarteten Rendite einer Investition mit der erwarteten Rendite des Gesamtmarkts (vgl. Abschnitt 5.2). In Kapitel 5 wurde die Frage, ob es sich bei dem Kapitalgeber um ein privates Wirtschaftssubjekt oder eine staatliche Institution handelt, nicht weiter problematisiert. Auch bei öffentlichen Unternehmen werden die Kapitalkosten als gewichtetes Mittel der Eigen- und Fremdkapitalkosten (WACC-Ansatz) bestimmt. Kontrovers diskutiert wird die Frage, ob ein öffentliches Unternehmen ceteris paribus niedrigere Eigenkapitalkosten als ein privates Unternehmen hat. Dahinter stehen unterschiedliche Vorstellungen darüber, ob es bei der Bewertung und Auswahl der nächstbesten Investitionsalternative grundsätzliche Unterschiede zwischen staatlichen und privaten Kapitalgebern gibt. Dies führt zu unterschiedlichen Positionen über die Höhe der Eigenkapitalkosten öffentlicher Unternehmen. Position 1: Keine Eigenkapitalkosten "Solange der öffentliche Auftrag eines öffentlichen Unternehmens besteht, existiert keine alternative Verwendungsmöglichkeit für das in diesem Unternehmen gebun- 223 Im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit steht das interne Rechnungswesen. Zu den Konsequenzen der Umsetzung des Bestellerprinzips für das externe Rechnungswesen vgl. Broadbent/Laughlin (2005).

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Zusammenfassung

Für die in liberalisierten Netzindustrien aktiven Unternehmen sind Kosteninformationen insbesondere bei Preis- und Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus interessieren sich in zunehmendem Maße die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger für die Kosten der Netze, vor allem bei der Regulierung von Marktmacht und der Bestellung defizitärer Netzleistungen. Dies erfordert eine auf anerkannten ökonomischen Prinzipien basierende entscheidungsorientierte Kostenermittlung, die durchgängig und konsistent in allen Netzbereichen – seien sie nun wettbewerblich, reguliert oder subventioniert – anwendbar ist. Die vorliegende Habilitationsschrift will hierfür eine systematische methodische Grundlage legen.

Im Mittelpunkt steht die disaggregierte Ermittlung der Kapitalkosten. Es wird aufgezeigt, dass das Deprival value-Konzept bei der Kapitalkostenermittlung eine zentrale Rolle spielt. Darauf aufbauend wird ein analytischer Rahmen entwickelt, der das Zusammenspiel von Regulierung und Subventionierung (z.B. bei defizitären Eisenbahninfrastrukturen) normativ begründen kann.