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Hans-Jörg Weiß, Der Ansatz von Knight in:

Hans-Jörg Weiß

Entscheidungsorientiertes Costing in liberalisierten Netzindustrien, page 79 - 81

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4061-4, ISBN online: 978-3-8452-1481-8 https://doi.org/10.5771/9783845214818

Series: Freiburger Studien zur Netzökonomie, vol. 16

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79 5 Entscheidungsrelevante Zinskosten 5.1 Zinskosten und Risiko Nachdem im vorangegangenen Kapitel 4 die Kapitalkostenkomponente 'Abschreibung' vertiefend untersucht wurde, steht im vorliegenden Kapitel 5 die Kapitalkostenkomponente 'Zinskosten' im Mittelpunkt (vgl. Abschnitt 4.1 zur Abgrenzung). Da für die Bestimmung der Zinskosten Risikoaspekte eine zentrale Rolle spielen, wird in diesem Abschnitt zunächst an die beiden klassischen Beiträge von Knight und Markowitz erinnert, die diesen Zusammenhang aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Erkenntnisinteressen untersucht haben. 5.1.1 Der Ansatz von Knight Die ökonomischen Implikationen von Risiko wurden im Jahr 1921 von F. Knight grundlegend analysiert. Er unterschied "three different types of probability situation: 1. A priori probability [...] 2. Statistical probability [...] 3. Estimates" (Knight 1965: S. 224 f., Hervorhebung wie im Original). Die ersten beiden Typen fasste er unter dem Oberbegriff "Risk" zusammen; den dritten Typ kennzeichnete er mit dem Begriff "Uncertainty".117 Der zentrale Unterschied zwischen Risiko und Unsicherheit besteht nach Knight darin, dass bei Risiko die Bildung zuverlässiger Erwartungen möglich ist. Bei a priori-Wahrscheinlichkeiten ergibt sich die Möglichkeit zur Erwartungsbildung unmittelbar aus den Eigenschaften der relevanten Zufallsvariable, z.B. beim Werfen eines Würfels.118 Bei statistischen Wahrscheinlichkeiten beruht die Möglichkeit zur Erwartungsbildung auf empirisch beobachteten Regelmäßigkeiten, von denen angenommen werden kann, dass sie auch in der Zukunft auftreten 117 Knight's analytische Abgrenzung entspricht der bereits in Abschnitt 4.1.2 eingeführten Unterscheidung zwischen stationären Entscheidungskontexten (geschlossener Ereignisraum) und dynamischen Entscheidungskontexten (offener Ereignisraum). Nach Knight's Terminologie handelt es sich in stationären Kontexten um "Risk" und in dynamischen Kontexten um "Uncertainty". Dieselbe Abgrenzung der Entscheidungskontexte liegt der begrifflichen Unterscheidung zwischen parametrischer und nicht-parametrischer Ungewissheit zugrunde (vgl. Streit 2005: S. 166). 118 "The ideal case in which numerical probabilities can be computed on general principles, namely where they are assigned to equally probable and mutually exclusive possible outcomes such as the six sides of a perfect die. Given an exhaustive list of such possibilities x1, x2,..., xn, the propability of any one of them p(xi) = 1/n. If m of the xs are also ys then p(y) = m/n " (Runde 1998: S. 543). 80 werden.119 Beim dritten Typ von Wahrscheinlichkeiten, den Knight – etwas unglücklich – als "Estimates" bezeichnete, ist es dem Entscheider unbenommen, Schätzungen über die zukünftige Verteilung vorzunehmen, der Punkt ist nur, dass diese Schätzungen keine zuverlässige Grundlage haben.120 Es handelt sich um den Fall echter Unsicherheit im Sinne von Knight: "It is this third type of probability or uncertainty which has been neglected in economic theory, and which we propose to put in its rightful place. [...] It is this true uncertainty which by preventing the theoretically perfect outworking of the tendencies of competition gives the characteristic form of "enterprise" to economic organization as a whole and accounts for the peculiar income of the entrepreneur" (Knight 1965: S. 231 f., Hervorhebungen wie im Original). Gemäß Knight besteht das charakteristische Merkmal von Unternehmern darin, dass sie bereit sind, unter echter Unsicherheit zu handeln. Ihr Anreiz dies zu tun, ist die Chance auf eine unerwartet positive Entwicklung der Investition, die zu einer Kostenüberdeckung führt. Aus Sicht des Unternehmers überwiegt die Aussicht auf Kostenüberdeckung die gleichermaßen bestehende Gefahr einer unerwartet negativen Entwicklung der Investition, verbunden mit einer Kostenunterdeckung. Für Knight ist Kostenüberdeckung bzw. -unterdeckung eine Residualgröße, die nur ex post ermittelt werden kann: "This residuum is profit; it is the remainder out of the value realized from the sale of product after deduction of the values of all factors in production which can be valued, or after all the product has been imputed to productive elements which can be imputed by the competitive mechanism" (Knight 1965: S. 308). Dass Knight ex post-Überschüsse als Gewinn bezeichnet, ist aus buchhalterischer Sicht nicht zu beanstanden, wohl aber aus der Perspektive entscheidungsorientierter Kostenermittlung. Gewinne im Sinne von Knight sind abzugrenzen von Gewinnen im ökonomischen Sinne. Ökonomische Gewinne sind ex ante durchaus kalkulierbar. Sofern sie z.B. auf Marktmacht zurückzuführen sind, sind sie auch vermeidbar.121 Gewinne im Sinne von Knight sind stattdessen nicht vermeidbar. Es handelt sich um unvermeidbare Abweichungen von der kapitaltheoretischen Erfolgsneutralität. Sie sind die Folge des konstitutionellen Wissensmangels der handelnden Individuen (vgl. Streit 2005: S. 93-99).122 119 "Situations in which frequencies may be derived on the basis of an empirical classification of outcomes obtained in classes of more or less homogenous trials. The statistical probability r of some outcome y is then equal to the numerical proportion or relative frequency of a certain outcome (y) in a reference class of empirically tabulated trials (xs). The statistical probability of y might then be written px(y) = r " (Runde 1998: S. 543). 120 "Situations in which it is not possible to calculate a priori probabilities or where there are insufficient trials 'like' enough to form a reference class of even more or less homogeneous trials on the basis of which frequencies can be determined" (Runde 1998: S. 543, Hervorhebung wie im Original). 121 Der Fokus von Knight liegt auf der Analyse von Wettbewerbsmärkten: "It is no part of our present purpose to go into an exhaustive discussion of monopoly, and we may pass over the ordinary type of the phenomenon very briefly" (Knight 1965: S. 185). 122 Auch die buchhalterischen Gewinne, die auf Innovationen zurückzuführen sind, sind keine Gewinne im ökonomischen Sinne. Sie sind vielmehr als Innovationsrenten anzusehen, die 81 Mit der Frage, inwieweit sich unternehmerische Risiken konkret in den Zinskosten abbilden lassen, hat sich Knight nur am Rande befasst (vgl. Knight 1965: S. 302- 312). Gleichwohl lässt sich aus seinem Ansatz folgern, dass für ihn nur die Kompensation von "Risk" (gemäß seiner Typologie) als entscheidungsrelevante Kosten in Betracht kommen kann. Nur soweit die von den Investoren eingegangenen Risiken im Prinzip auf wettbewerblichen Kapitalmärkten gehandelt und bewertet werden können, können sie nach seinem Risikoverständnis als relevante Kosten in Betracht kommen. Demgegenüber ist "Uncertainty" à la Knight ex ante nicht zuverlässig bewertbar. Es bleibt die Möglichkeit, die Konsequenzen unerwarteter Ereignisse ex post als Kostenüber- oder -unterdeckung auszuweisen (vgl. ergänzend hierzu Abschnitt 5.1.3). 5.1.2 Der Ansatz von Markowitz H. Markowitz gilt als Begründer der Portfoliotheorie (vgl. Markowitz 1952). Diese Theorie erweiterte die mikroökonomische Theorie konzeptionell in dreifacher Hinsicht: a) Bei der Analyse von Investitionsentscheidungen ist nicht die Perspektive der Unternehmensführung sondern die Perspektive der Kapitalgeber der Ausgangspunkt. b) Die zukünftigen Erträge einer Investition sind unsicher und deshalb als Zufallsvariable aufzufassen. Investitionsentscheidungen sind geprägt vom Trade-off zwischen dem Erwartungswert und der Varianz dieser Zufallsvariable. c) Die Theorie zielt darauf ab, den Investoren auf dem Kapitalmarkt konkrete normative Handlungsempfehlungen für ihre Investitionsentscheidungen an die Hand zu geben (vgl. Markowitz 1991: S. 469 f.). Die zentrale Aussage der Theorie besteht darin, dass Risiken durch die Bildung diversifizierter Portfolios reduziert werden können. Dies lässt sich mit Hilfe der beschreibenden Statistik zeigen. Sei P ein Portfolio aus N Assets, z.B. den Aktien N verschiedener Unternehmen. Die Ertragsrate bzw. Rentabilität ir (gemessen in % vom Kapitaleinsatz) sei für jedes Asset Ni? eine Zufallsvariable mit Erwartungswert )( irE und Varianz )( irVar . Jedes Asset sei mit einem Anteil iw im Portfolio enthalten, so dass gilt: ?= =Ni iw1 1 . Dann ist die Rentabilität des gesamten Portfolios, Pr , ebenfalls eine Zufallsvariable mit dem Erwartungswert erst den Anreiz zur Suche nach Neuem geben. Ex post lassen sich diese Renten als Kompensation für die Forschungsbemühungen all derjenigen auffassen, die an der Suche nach der Innovation beteiligt waren. Ex ante sind sie nicht kalkulierbar. Im Gegensatz zu Monopolgewinnen sind sie in einer Wettbewerbsordnung grundsätzlich erwünscht (vgl. von Weizsäcker 1981).

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Zusammenfassung

Für die in liberalisierten Netzindustrien aktiven Unternehmen sind Kosteninformationen insbesondere bei Preis- und Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus interessieren sich in zunehmendem Maße die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger für die Kosten der Netze, vor allem bei der Regulierung von Marktmacht und der Bestellung defizitärer Netzleistungen. Dies erfordert eine auf anerkannten ökonomischen Prinzipien basierende entscheidungsorientierte Kostenermittlung, die durchgängig und konsistent in allen Netzbereichen – seien sie nun wettbewerblich, reguliert oder subventioniert – anwendbar ist. Die vorliegende Habilitationsschrift will hierfür eine systematische methodische Grundlage legen.

Im Mittelpunkt steht die disaggregierte Ermittlung der Kapitalkosten. Es wird aufgezeigt, dass das Deprival value-Konzept bei der Kapitalkostenermittlung eine zentrale Rolle spielt. Darauf aufbauend wird ein analytischer Rahmen entwickelt, der das Zusammenspiel von Regulierung und Subventionierung (z.B. bei defizitären Eisenbahninfrastrukturen) normativ begründen kann.