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Hans-Jörg Weiß, Anwendbarkeit des Deprival value-Konzepts in unterschiedlichen Bewertungskontexten in:

Hans-Jörg Weiß

Entscheidungsorientiertes Costing in liberalisierten Netzindustrien, page 74 - 76

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4061-4, ISBN online: 978-3-8452-1481-8 https://doi.org/10.5771/9783845214818

Series: Freiburger Studien zur Netzökonomie, vol. 16

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74 4.3 Anwendung des Deprival value-Konzepts in Netzen 4.3.1 Anwendbarkeit des Deprival value-Konzepts in unterschiedlichen Bewertungskontexten Weder in Netzindustrien noch in anderen Wirtschaftssektoren hat sich das Deprival value-Konzept bislang durchsetzen können.107 Einer der Hauptkritikpunkte ist die starke Abhängigkeit der Wertermittlung vom jeweiligen Bewertungskontext, die die resultierenden Wertansätze dem Vorwurf der Subjektivität aussetzt (vgl. Edwards/Kay/Mayer 1987: S. 41-48). Aus einer entscheidungsorientierten Perspektive ist aber gerade die Anwendbarkeit des Konzepts in ganz unterschiedlichen Kontexten die besondere Stärke des Konzepts (vgl. Wright 1984). In Netzindustrien ist diese Stärke von besonderer Bedeutung, weil es in Netzen eine Vielfalt von Bewertungskontexten gibt. In Abschnitt 3.3.4 wurde das vielfältige Produktspektrum in Netzindustrien und die Notwendigkeit einer konsistenten, disaggregierten Kapitalkostenermittlung bereits aufgezeigt. Das Deprival value-Konzept ist offen genug, um dieser Vielfalt von Bewertungskontexten gerecht zu werden. Angesichts des erheblichen Wandels der Bewertungskontexte im Zuge der Liberalisierung wird deutlich, dass der Blick in die Vergangenheit nicht weiterhilft. Entsprechend fragwürdig erscheint der Informationsgehalt historischer Anschaffungskosten und mit Hilfe geschlossener Abschreibungspläne ermittelter Buchwerte (vgl. Knieps/Küpper/Langen 2001: S. 769). Das Deprival value-Konzept dagegen ist inhärent zukunftsorientiert. Für jedes Kapitalgut bedeutet jede Bewertung eine interdependente Aktualisierung aller damit zusammenhängenden Zukunftspläne.108 Genauso wie die ursprüngliche Investitionsentscheidung ist auch jede Neubewertung ein komplexes Alternativenkalkül, in der es eine Vielzahl von Opportunitätskosten zu berücksichtigen gilt. Beim Deprival value-Konzept werden alle relevanten Marktdaten in das Kalkül integriert.109 Die Verfügbarkeit wettbewerblicher Marktpreise ist jedoch keine zwingende Notwendigkeit für die Anwendbarkeit des Konzepts. Das Deprival value- Konzept ist unabhängig von der Marktform anwendbar. Die entscheidende Frage ist, ob ein Kapitalgut ersetzt wird oder nicht. Sowohl im Falle eines marktmächtigen Monopolisten als auch im Falle eines im Wettbewerb stehenden Unternehmens führt 107 "Deprival value (often as 'value to the owner' or 'value to the business') has become not unfamiliar in Britain and Australia. However, it is little known elsewhere, and is not always understood. This is a pity. It provides a coherent principle for selecting the most defensible type of current value for each kind of asset and liability, and for finding the value's size. Its general use would make accounts more consistent and comprehensible" (Baxter 2003: S. 1). Vgl. hierzu auch die in Abacus-Forum (1998) enthaltenen Symposiumsbeiträge über die Erfahrungen in mehreren Ländern. Auf ein Beispiel aus den Netzindustrien wird in Abschnitt 4.3.2 eingegangen. 108 Auch und gerade im Regulierungskontext bedarf die Kostenrechnung einer kapitaltheoretischen Fundierung (vgl. Küpper 2003: S. 30 ff.). 109 Zum Prinzip des Marktbezugs vgl. Knieps/Küpper/Langen (2001: S. 760 f.). 75 die Anwendung des Deprival value-Konzepts zu einer klaren konzeptionellen Trennung von Kosten und Gewinnen. Die Anwendbarkeit des Konzepts ist auch nicht davon abhängig, dass die Finanzierung ausschließlich über Entgelte der Konsumenten erfolgt, sondern ist auch im Falle staatlicher Bereitstellung und Finanzierung gegeben. Falls z.B. ein Kapitalgut nur auf Grund einer staatlichen Zuschusszahlung angeschafft wurde, dann ist die allererste (und letztlich entscheidende) Frage, wenn man das Deprival value-Konzept anwendet: Würde der Staat den Zuschuss heute auch bezahlen, wenn das Kapitalgut nicht bereits vorhanden wäre?110 Einer Verselbständigung der Ermittlungsmethoden für Abschreibung, Kapitalbasis und Verzinsung wird bei konsequenter Anwendung des Deprival value-Konzepts vorgebeugt.111 Die Interpretation von Bewertung als fiktive Investitionsrechnung macht deutlich: Um den Wert von Bestandsgrößen (Kapitalbasis) zu bestimmen, werden die Werte aller relevanten zukünftigen Stromgrößen (Abschreibung) benötigt, die – analog dem Vorgehen in der Investitionsrechnung – zu diskontieren sind (Verzinsung). In welcher Weise unternehmerischen Risiken im Investitionskalkül Rechnung getragen wird, ist ein zentraler Bestandteil der Bewertung. Der Bewertende muss z.B. entscheiden, ob ein stationärer oder ein dynamischer Entscheidungskontext vorliegt. Obwohl nun aber diese Entscheidung erhebliche Auswirkungen auf die ermittelten Kapitalwerte haben kann, hat sie keinerlei Konsequenzen für die Wahl des Bewertungskonzepts, denn das Deprival value-Konzept ist – wie in Abschnitt 4.2.2 gezeigt – sowohl in stationären als auch in dynamischen Entscheidungskontexten anwendbar. Wenn man das Deprival value-Konzept als fiktive Investitionsrechnung interpretiert, dann liefert es auch eine relativ einfache Antwort auf die Frage, wer in liberalisierten Netzindustrien bewerten sollte. Die fiktive Investitionsrechnung zur Bewertung von Altinvestitionen sollte konsequenterweise von denselben Entscheidungsträgern ausgestaltet und durchgeführt werden, die auch die Entscheidungskompetenz für Neuinvestitionen haben. Selbst in regulierten Netzbereichen liegt diese Entscheidungskompetenz überwiegend bei den Unternehmen, die als Eigentümer die wirtschaftliche Verfügungsgewalt haben. Konsequenterweise sollte dann auch die Abschreibungs- und Kapitalwertermittlung als unternehmerische Aufgabe angesehen werden. So gesehen bekräftigt das Deprival value-Konzept die grundsätzliche Kritik an der Verwendung administrativer Preisregeln und regulatorischer Kostenrechnungen in liberalisierten Netzindustrien (vgl. Knieps 2003b: S. 992-994). 110 Auf die Anwendung des Deprival value-Konzepts bei staatlich finanzierten Kapitalgütern wird in den Abschnitten 7.2.1 und 8.3.2 noch näher eingegangen. 111 Schon vor der Liberalisierung hat Kahn kritisiert, dass sich in Theorie und Praxis der Regulierung die Ermittlung von Wertansätzen für das eingesetzte Kapital (Rate base), von Abschreibungen (Depreciation) und von zugelassenen Verzinsungen (Rate of return) mehr und mehr zu scheinbar eigenständigen Untersuchungsgegenständen entwickelt haben, obwohl sie doch eigentlich interdependent zu sehen seien (vgl. Kahn 1988: S. I/32). 76 4.3.2 Beispiel für die Implementierung des Deprival value-Konzepts Die Europäische Kommission hat im Jahr 1998 das Deprival value-Konzept explizit als Orientierungshilfe zur Bewertung von Kapitalgütern in einem liberalisierten Telekommunikationsmarkt empfohlen (vgl. Europäische Kommission 1998: S. 9 u. 32). Gleichwohl sind unmittelbare praktische Anwendungen des Konzepts in Europas Netzindustrien bislang nicht bekannt geworden. Erhebliche Anstrengungen zur Umsetzung des Konzepts in die Praxis gab es aber in den Netzindustrien Neuseelands, insbesondere im dortigen Stromsektor. Zu Beginn der 1990er Jahre wurde der Stromsektor Neuseelands einer grundlegenden ordnungspolitischen Neuordnung unterzogen. Die bis dato den Wettbewerb verhindernden gesetzlichen Marktzutrittsschranken wurden abgebaut. Um möglichen Diskriminierungsanreizen vorzubeugen, wurde eine Umstrukturierung der Unternehmen erzwungen, so dass Stromerzeugung und Stromübertragung nunmehr weitgehend vertikal separiert sind. Die Stromübertragungebene, d.h. die Teilbereiche des Stromsektors mit den geringsten Wettbewerbspotenzialen (nationales Hochspannungsnetz plus lokale Verteilnetze), wurde einer so genannten Light handed regulation nach dem Commerce Act von 1986 unterworfen. D.h. der Gesetzgeber verzichtete auf die Einführung einer expliziten ex ante-Regulierung der verbleibenden Marktmacht. Dieser Verzicht war allerdings verbunden mit der Drohung, diese Entscheidung nochmals zu überdenken und ggf. zu revidieren, falls die Unternehmen ihre Marktmacht erkennbar missbrauchen.112 Um das Erkennen von Missbräuchen zu erleichtern und damit der Drohung eine zusätzliche Glaubwürdigkeit zu verleihen, wurden umfangreiche sektorspezifische Veröffentlichungspflichten – so genanntes Information disclosure – gesetzlich verankert (vgl. Brunekreeft 2003a: Kap. 10). Von Anfang an wurden von den mit der Administration betrauten Behörden Informationen über Kapitalwerte als wesentlicher Teil der Information disclosure angesehen.113 Als Referenzpunkt der Kapitalwertermittlung wird das Deprival value- Konzept verwendet. Ausgehend von diesem Referenzpunkt werden von allen neu- 112 "Eine besondere neuseeländische Spezialität besteht in der Drohung der Regierung, zu mehr Regulierung zurückzukehren, falls die involvierten Netzkonkurrenten sich nicht wettbewerbsmäßig verhalten" (Knieps 1997b: S. 259). Zur analytischen Fundierung mit Hilfe des Regulatory Threat-Konzepts vgl. Brunekreeft (2003a: Kap. 9). 113 Ursprünglich zuständig war das Ministry of Commerce, später dann das Ministry of Economic Development, und heute ist die Commerce Commission für die Durchsetzung der Veröffentlichungspflichten verantwortlich (vgl. Commerce Commission 2004b: S. 9). Mittlerweile gibt es neben der Commerce Commission noch die Electricity Commission als weitere Regulierungsbehörde: "To ensure that the broad approach to regulating lines businesses results in no inconsistencies or duplications of effort, the Commission and the Electricity Commission will be working closely together in reviewing the information disclosure regime (and the requirements for preparing regulatory accounts) and resetting Transpower's thresholds" (Commerce Commission 2004b: S. 17). Die Aufgaben der Behörden überlappen sich: "It should be noted that the Electricity Commission is currently developing a new pricing methodology, which may or may not include replacement cost concepts" (Transpower 2006: S. 33).

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Zusammenfassung

Für die in liberalisierten Netzindustrien aktiven Unternehmen sind Kosteninformationen insbesondere bei Preis- und Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus interessieren sich in zunehmendem Maße die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger für die Kosten der Netze, vor allem bei der Regulierung von Marktmacht und der Bestellung defizitärer Netzleistungen. Dies erfordert eine auf anerkannten ökonomischen Prinzipien basierende entscheidungsorientierte Kostenermittlung, die durchgängig und konsistent in allen Netzbereichen – seien sie nun wettbewerblich, reguliert oder subventioniert – anwendbar ist. Die vorliegende Habilitationsschrift will hierfür eine systematische methodische Grundlage legen.

Im Mittelpunkt steht die disaggregierte Ermittlung der Kapitalkosten. Es wird aufgezeigt, dass das Deprival value-Konzept bei der Kapitalkostenermittlung eine zentrale Rolle spielt. Darauf aufbauend wird ein analytischer Rahmen entwickelt, der das Zusammenspiel von Regulierung und Subventionierung (z.B. bei defizitären Eisenbahninfrastrukturen) normativ begründen kann.