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Hans-Jörg Weiß, Abschreibungsermittlung nach Wright in:

Hans-Jörg Weiß

Entscheidungsorientiertes Costing in liberalisierten Netzindustrien, page 68 - 74

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4061-4, ISBN online: 978-3-8452-1481-8 https://doi.org/10.5771/9783845214818

Series: Freiburger Studien zur Netzökonomie, vol. 16

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68 Investitionsentscheidung war das nicht anders. Auch ihr lagen die seinerzeitigen Umweltbedingungen, Handlungsmöglichkeiten und Zukunftserwartungen zugrunde. Es geht nun nicht darum, die damalige Investitionsentscheidung aus heutiger Sicht nochmals neu zu treffen. Der Anlass ist nicht mehr die sich ursprüngliche bietende Investitionschance, die zu dem Kauf des Kapitalguts führte – diese Chance wurde ja genutzt. Es geht vielmehr darum, das heute noch existierende Resultat der damaligen Investitionsentscheidung (das Kapitalgut) einer Investitionsrechnung zu den heute geltenden Bedingungen zu unterziehen. Das Ergebnis dieses Kalküls ist ein Entscheidungswert (vgl. Engels 1962a). Es ist zu betonen, dass das Deprival value-Konzept nicht an eine spezifische Art der Investitionsrechnung gebunden ist, etwa die neoklassische Investitionstheorie (vgl. Hirshleifer 1958). Wenn z.B. für ein Unternehmen so genannte Realoptionen bei Entscheidungen über Neuinvestitionen von besonderer Bedeutung sind, dann sollte es derartige Optionen konsequenterweise auch in der Investitionsrechnung zur Bewertung von Altinvestitionen berücksichtigen (vgl. Stark 1997).97 4.2.2 Abschreibungsermittlung nach Wright Nun könnte leicht der Eindruck entstehen, das Deprival value-Konzept sei nur etwas für besonders dynamische Märkte, auf denen nicht-stationäre Entscheidungskontexte vorherrschen (vgl. Knieps/Küpper/Langen 2001). Für stationäre Entscheidungskontexte sei es dagegen weniger relevant, weil auf stationären Märkten im Regelfall der hingegeben werden könnte. Die Umrechnung der Nichtgeld-Bestandteile geschieht also dadurch, daß eine Disposition am Ende der Periode fingiert wird" (Engels 1962b: S. 702, Hervorhebungen wie im Original, Fußnoten weggelassen). 97 Zur grundsätzlichen Notwendigkeit einer kapitaltheoretischen Fundierung interner Unternehmensrechnungen vgl. Küpper (1985). Dass Bilanzansätze auf Deprival value-Basis auch die ökonomische Aussagekraft der externen Rechnungslegung (Financial Accouting) deutlich erhöhen würden, haben Edwards/Kay/Mayer (1987: Kap. 4) gezeigt: "[A]ccounting profitability data would be directly relevant for economic analysis, providing investors and regulators with appropriate signals about the performance of activities, if two basic principles were adhered to in the construction of the accounting data, and one rather weak assumption is made. The assumption is that the replacement cost (RC) of an asset should not be less than its net realizable value (NRV). While there is nothing in logic to rule out the possibility that the net realizable value of an asset exceeds its replacement cost, such a situation is unlikely to persist for long, for if NRV is greater than RC, firms will be able to make a sure profit by selling the assets they possess and buying new ones, and the resulting price changes will soon ensure that RC ? NRV. The two basic principles which must apply in constructing the accounting data are, first, that capital employed should be valued using the value-to-the-owner rules, according to which book value is given by the minimum of replacement cost and the maximum of present value and net realizable value, and, second, that the accounts should be fully articulated, with the whole of any change over time in the book value of capital employed flowing through the profit and loss account during the intervening period" (Edwards/Kay/Mayer 1987: S. 69). Zur Verallgemeinerung für den Fall der Unsicherheit vgl. Grinyer/Walker (1990). 69 Deprival value den Replacement cost entsprechen dürfte (d.h. DV = RC). Wozu dann überhaupt noch zusätzlich die beiden anderen Werte (NRV und PV) ermitteln? Es erscheint naheliegend, dem Deprival value-Konzept deshalb in stationären Kontexten eine geringe Relevanz beizumessen. Dieser Eindruck täuscht jedoch. Die durchaus begründete Annahme, dass die Replacement cost in einer Klasse von Entscheidungskontexten die relevante Größe sei, sagt noch nichts über ihre Höhe aus. Die Stärke des Deprival value-Konzepts liegt gerade darin, dass es in ganz unterschiedlichen Kontexten anwendbar ist. So war Wright, einer der Wegbereiter des Konzepts, sogar der Ansicht, dass das Deprival value-Konzept gerade unter stationären Bedingungen besonders gut geeignet sei, die Replacement cost strikt zukunftsorientiert zu ermitteln (vgl. Wright 1968: S. 234). Um die Argumentation von Wright nachzuvollziehen, ist die Unterscheidung zwischen Stromgrößen und Bestandsgrößen wichtig. In der Regel wird unter einem Deprival value eine zeitpunktbezogene Bestandsgröße (Stock) verstanden. Die Abschreibungen – als zeitraumbezogene Stromgröße (Flow) – ergeben sich dann als Differenz der beiden zeitpunktbezogenen Bestandswerte zu Beginn und Ende der relevanten Abschreibungsperiode. Wright hat nun dieses klassische Vorgehen bei der Abschreibungsermittlung (mit dem Fokus auf Bestandsgrößen) in gewisser Hinsicht umgekehrt: Er fokussiert die Abschreibungen und bestimmt über sie die noch nicht bekannten Bestandswerte.98 Wrights Vorgehen lässt sich am besten an dem von ihm präsentierten Zahlenbeispiel verdeutlichen: "A one-hoss-shay type of machine with zero operating cost produces 10 units of service a year for two years and then disintegrates. At the beginning of each year, a new model of the machine appears on the market, identical with the previous model in every respect but price. The machine prices are as follows: Year 1 2 3 4 and thereafter Machine price ($) 100 70 50 40 The loss which the firm would incur if it should cease to produce the service is very high, so that the opportunity value of the service is determined by its replacement cost.Fn If the interest rate is zero, what is the opportunity value of the service in each period? In the steady state, from year 4 onwards, the average cost of service from each machine is evidently $2. As was shown in the previous paper, opportunity value coincides with average cost in the steady state,Fn so that the opportunity value is $2 per unit of service in year 4 and thereafter. 98 Wright (wie übrigens auch Solomons 1966) verwendete noch nicht den Begriff Deprival value, der erst später durch W. T. Baxter geprägt wurde (vgl. zur Begriffsgenese Bell/Peasnell 1997: S. 123 und Edwards/Kay/Mayer 1987: S. 39 f.). Wright verwendet hierfür noch den Begriff Opportunity Value und begründet dies wie folgt: "What is the value of the services of an asset already owned by a firm? Reversing the well-known concept of opportunity cost, we may say that their value is equal to the cost, loss or sacrifice which would have to be incurred if the firm did not have those services. Opportunity cost is measured by the most valuable alternative foregone; conversely, 'opportunity value' (if we may coin this phrase) is measured by the least costly of the alternatives avoided through owning the services" (Wright 1964: S. 82). Das Zitat macht zugleich deutlich: Bei Wright steht die Bewertung der Services (Stromgrößen) im Mittelpunkt. 70 Now consider the cost in year 3. The cheapest way of producing the units of service required in that year is to buy the necessary number of machines at the beginning of the year for $50 each. At the end of the year, each machine will have a residual service potential of 10 units, and since the opportunity value of each unit in year 4 is $2, the residual value of the machine at the end of year 3 will be $20. Its depreciation during year 3 is therefore $30, so that the replacement cost of the service during that year is $3 per unit. Under the conditions of the problem, opportunity value equals replacement cost, so that the opportunity value of the service will also be $3 per unit. By exactly the same argument, we can show that the opportunity value of the service in year 2 is (70 – 30) / 10 = $4 per unit, and in year 1 (100 – 40) / 10 = $6 per unit" (Wright 1968: S. 224 f., Fußnotentext weggelassen). In Tabelle 4.2 sind die Ausgangsdaten und die Ergebnisse des Zahlenbeispiels von Wright nochmals tabellarisch zusammengestellt. In dieser Darstellungsform wird vielleicht noch deutlicher, dass bei Anwendung des Deprival value-Konzepts gleichwertige Inanspruchnahmen von Kapitalgütern zwingend zu gleichen Kapitalkosten führen. So werden z.B. die in Periode 2 eingesetzten Maschinenjahrgänge 0 und 1 in dieser Periode jeweils mit dem selben Betrag (40) abgeschrieben.99 Tabelle 4.2: Zahlenbeispiel von Wright zur Abschreibungsermittlung Periode 1 2 3 4 Zeitpunkt 0 1,0 2,0 3,0 4,0 Neupreis 100 70 50 40 40 Abschreibung 60 40 Jg. 0 Bestandswert 100 40 0 Abschreibung 40 30 Jg. 1 Bestandswert 70 30 0 Abschreibung 30 20 Jg. 2 Bestandswert 50 20 0 Abschreibung 20 Jg. 3 Bestandswert 40 20 Abschreibung Jg. 4 Bestandswert 40 Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Daten von Wright (1968. S. 224 f.) In Anlehnung an Böhm-Bawerks bildhafte Vorstellung vom zeitlichen Näherrücken der Nutzleistungen von Kapitalgütern (vgl. Abschnitt 4.1.1) kann man die Höhe der Abschreibungen im Wright-Beispiel durch die zeitliche Verschiebung der Anschaffungszeitpunkte von Maschinenjahrgängen erklären. Wenn z.B. der Maschinenjahrgang 0 in der Periode 1 nicht zur Verfügung stehen würde (aus welchen Gründen auch immer), dann wäre die nächstbeste Alternative das Vorziehen der Anschaffung 99 Dieses Prinzip wurde schon von Taylor, Hotelling und Canning verwendet. Dass es in Wrights Beispiel reduziert wird auf die Übereinstimmung der Abschreibungen, liegt an der Ausblendung von Zinsen und operativen Kosten (vgl. Fußnote 85 in Abschnitt 4.1.1). Das Prinzip wurde auch von Rummel (1949: S. 301) und Lowe (1963: S. 294) formuliert. 71 der Maschinenjahrgänge 1, 3, 5, 7 usw. um jeweils eine Periode. Dadurch würden folgende Mehrkosten entstehen: a) Der Neupreis von Jahrgang 1 steigt von 70 auf 100 (Kostendifferenz: +30). b) Der Neupreis von Jahrgang 3 steigt von 40 auf 50 (Kostendifferenz: +10).100 c) Die im "Steady state" entstehenden (Mindest-) Abschreibungen von 20 würden einmal zusätzlich anfallen (Kostendifferenz: +20). Zusammengerechnet betragen die Mehrkosten für die in Periode 1 nicht zur Verfügung stehende Maschine 30 + 10 + 20 = 60, was genau dem ausgewiesenen Abschreibungsbetrag für Periode 1 entspricht (vgl. Turvey 1969: S. 291-295). Die Ermittlungsmethode von Wright ist strikt zukunftsorientiert: Man nähert sich schrittweise von der ferneren Zukunft durch Rückwärtsinduktion der Gegenwart.101 Auch die Erwartungen bezüglich der Neupreise, die jenseits der erwarteten Lebensdauer einer Maschine liegen, haben Auswirkungen auf ihre geplanten Abschreibungs- und Bestandswerte. Um diese strikte Zukunftsorientierung zu zeigen, wurde in Tabelle 4.3 das Zahlenbeispiel von Wright leicht modifiziert. Die einzige Änderung besteht darin, dass die erwarteten Maschinenneupreise ab der Periode 4 konstant 20 (statt 40) betragen. Das hat unmittelbare Folgen für die meisten Plangrößen zum Entscheidungszeitpunkt 0. Tabelle 4.3: Änderung der Neupreisprognose (20 statt 40 ab Periode 4) zum Zeitpunkt 0 Periode 1 2 3 4 Zeitpunkt 0 1,0 2,0 3,0 4,0 Neupreis 100 70 50 20 20 Abschreibung 70 30 Jg. 0 Bestandswert 100 30 0 Abschreibung 30 40 Jg. 1 Bestandswert 70 40 0 Abschreibung 40 10 Jg. 2 Bestandswert 50 10 0 Abschreibung 10 Jg. 3 Bestandswert 20 10 Abschreibung Jg. 4 Bestandswert 20 Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Daten von Wright (1968. S. 224 f.) So ändert sich z.B. das Abschreibungsprofil des Maschinenjahrgangs 0 von 60:40 auf 70:30. Oder der Bestandswert des Jahrgangs 1 zum Zeitpunkt 2,0 erhöht sich von 30 auf 40. Das Deprival value-Konzept zwingt also den Bewertenden dazu, 100 Bei den übrigen vorzuziehenden Jahrgängen 5, 7, 9 usw. bleibt es beim "Steady state"-Neupreis von 40. 101 Um die Zahlen so anschaulich wie möglich zu halten, lässt Wright die Verzinsung außen vor und beschränkt sich auf die Steady state-Annahme. Zusätzlich könnte man einen positiven Zinssatz verwenden, so dass weiter entfernt liegende Perioden immer weniger ins Gewicht fallen. Für das Argument ist das aber nicht wesentlich. 72 explizit Annahmen über die gesamte Zukunft zu treffen. Jede Beschränkung des Planungshorizonts auf die (wie auch immer ermittelte) wirtschaftliche Lebensdauer des Bewertungsobjekts wäre aus dieser Perspektive willkürlich. Es bedarf vielmehr Annahmen über das, was danach kommt (vgl. Preinreich 1938: S. 235 und 1940). Bei Verwendung des Deprival value-Konzepts zur Abschreibungsermittlung in einem stationären Entscheidungskontext ist die kapitaltheoretische Erfolgsneutralität102 gewährleistet. Wie gerade mit Hilfe des Zahlenbeispiels gezeigt, können sich die Abschreibungsprofile in Abhängigkeit von den Zukunftserwartungen ändern (z.B. 60:40 oder 70:30 bei Maschinenjahrgang 0). Unabhängig davon bleibt gewährleistet, dass die Summe der Abschreibungen dem Anschaffungspreis entspricht (dieser beträgt 100 bei Maschinenjahrgang 0). Folgt man Wright's Methode im stationären Kontext, dann muss dies zwangsläufig so sein, denn sein Verfahren der Rückwärtsinduktion beruht gerade darauf, dass sich die zukünftigen Abschreibungen zu den jeweiligen Neupreisen addieren. Die kapitaltheoretische Erfolgsneutralität ist nicht nur eine Eigenschaft der Ergebnisse seiner Methode, sondern sie ist zentraler Bestandteil dieser Methode.103 Wenn die kumulierten Abschreibungen nicht den jeweils relevanten Neupreisen entsprächen, würde dies bedeuten, dass das Unternehmen in seinen Planungen Arbitragemöglichkeiten ungenutzt ließe. Die Analogie zur Rolle von Arbitrage auf den Finanzmärkten wird besonders deutlich in Bell/Peasnell (1997). Darin wird untersucht, wie perfekte Second hand-Märkte für Maschinen idealtypisch funktionieren würden, vor allem im Hinblick auf den Zusammenhang zwischen Second hand- und Neupreisen. Es zeigt sich, dass die Logik des Deprival value-Konzepts der Logik des Marktes entspricht (vgl. Bell/Peasnell 1997: S. 135-144). Das Prinzip der kapitaltheoretischen Erfolgsneutralität auf Realkapitalmärkten ist so gesehen das Pendant zum Prinzip der Arbitragefreiheit auf den Finanzkapitalmärkten. 102 Zu diesem Prinzip vgl. Knieps/Küpper/Langen (2001: S. 760). 103 Das gilt auch in dem Fall, dass sich aufgrund von Wettbewerbsdruck, Nachfragerückgang etc. die Wiederbeschaffung einer Maschine ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr lohnt (vgl. Wright 1968: S. 225 f. und Knieps 2007: S. 17-19). Zur Verallgemeinerung mit Hilfe der Linearen Programmierung vgl. Wright (1968: S. 226-232). Weitere Programming-Modelle, die die Rolle der Nachfrage betonen, haben Littlechild (1970), Baumol (1971) und Atkinson/Scott (1982) entwickelt. Sie basieren im Wesentlichen auf dem Peak load pricing-Modell und erfordern denn auch mehr Informationen über die Erlösseite als die Methode von Wright. Damit ist zwar noch nicht die Grenze zum Pricing überschritten, aber die Abgrenzung zur Ermittlung der entscheidungsrelevanten Erlöse verschwimmt (vgl. Abschnitt 3.1 und Knieps 2007: S. 15). Bei Wright dagegen muss erlösseitig "nur" geschätzt werden, ob sich die Ersatzbeschaffung der einzelnen Maschinenjahrgänge lohnt oder nicht (0-1-Entscheidung). Diese Sichtweise findet sich auch in der neueren Kapitaltheorie: "Es genügt nicht, den kapitalisierten Wert des Prozesses nur für den Anfang des Prozesses zu errechnen; denn ein Prozeß hat einen Kapitalwert nicht nur zu Beginn, sondern auch während seines Ablaufes. Für die Verlustfreiheit des Prozesses als Ganzen ist sein durchgehend positiver bzw. nicht-negativer Kapitalwert notwendige Bedingung. Denn in jedem Zeitpunkt des Prozesses muß die Frage gestellt werden, ob er fortgesetzt werden soll" (Hicks 1972: S. 94, Hervorhebung wie im Original). 73 In einem dynamischen Entscheidungskontext ist die kapitaltheoretische Erfolgsneutralität nicht mehr zwangsläufig gewährleistet (vgl. Knieps/Küpper/Langen 2001: S. 770 f.).104 Um dies zu veranschaulichen, wurde in Tabelle 4.4 das Zahlenbeispiel von Wright nochmals leicht modifiziert. Der einzige Unterschied zur Situation in Tabelle 4.3 besteht darin, dass die Erwartungsänderung bezüglich der Neupreisentwicklung (20 statt 40 ab Periode 4) zum Zeitpunkt 0 noch nicht bekannt war, sondern erst zum Zeitpunkt 1,0 bekannt wird. Diese Erwartungsänderung erfordert zum Zeitpunkt 1,0 eine Neubewertung und Planänderung für die Zukunft.105 Tabelle 4.4: Änderung der Neupreisprognose (20 statt 40 ab Periode 4) zum Zeitpunkt 1,0 Periode [1] 2 3 4 Zeitpunkt [0] 1,0 2,0 3,0 4,0 Neupreis [100] 70 50 20 20 Abschreibung [60] 30 Jg. 0 Bestandswert [100] 30 0 Abschreibung 30 40 Jg. 1 Bestandswert 70 40 0 Abschreibung 40 10 Jg. 2 Bestandswert 50 10 0 Abschreibung 10 Jg. 3 Bestandswert 20 10 Abschreibung Jg. 4 Bestandswert 20 Quelle: Eigene Darstellung auf Basis der Daten von Wright (1968. S. 224 f.) Die Vergangenheitswerte der Periode 1 sind nach dem Deprival value-Konzept für diese Neubewertung zum Zeitpunkt 1,0 irrelevant. Die Werte für Periode 1 aus dem ursprünglichen Plan (siehe Tabelle 4.2) sind deshalb in Tabelle 4.4 durchgestrichen. Alle übrigen Werte der Tabelle 4.4 entsprechen den Werten der Tabelle 4.3. Da die Abschreibungen der Periode 1 nicht nachträglich von 60 auf 70 erhöht werden können, ist unter den speziellen Annahmen des Zahlenbeispiels die kapitaltheoretische Erfolgsneutralität verletzt (60 + 30 = 90 < 100).106 104 Das Prinzip der Arbitragefreiheit auf den Finanzkapitalmärkten kann ebenfalls nur dann Gültigkeit beanspruchen, wenn von einem geschlossenen Ereignisraum ausgegangen wird, d.h. einem stationären Kontext. 105 Der Zeitpunkt der Erwartungsänderung ist zentral für das Argument. Der vertikale Balken in den Tabellen 4.2 bis 4.4 soll den jeweils relevanten Entscheidungszeitpunkt verdeutlichen. 106 Sowohl eine Kostenunterdeckung als auch eine Kostenüberdeckung sind möglich (vgl. Knieps 2007: S. 22 f.). 74 4.3 Anwendung des Deprival value-Konzepts in Netzen 4.3.1 Anwendbarkeit des Deprival value-Konzepts in unterschiedlichen Bewertungskontexten Weder in Netzindustrien noch in anderen Wirtschaftssektoren hat sich das Deprival value-Konzept bislang durchsetzen können.107 Einer der Hauptkritikpunkte ist die starke Abhängigkeit der Wertermittlung vom jeweiligen Bewertungskontext, die die resultierenden Wertansätze dem Vorwurf der Subjektivität aussetzt (vgl. Edwards/Kay/Mayer 1987: S. 41-48). Aus einer entscheidungsorientierten Perspektive ist aber gerade die Anwendbarkeit des Konzepts in ganz unterschiedlichen Kontexten die besondere Stärke des Konzepts (vgl. Wright 1984). In Netzindustrien ist diese Stärke von besonderer Bedeutung, weil es in Netzen eine Vielfalt von Bewertungskontexten gibt. In Abschnitt 3.3.4 wurde das vielfältige Produktspektrum in Netzindustrien und die Notwendigkeit einer konsistenten, disaggregierten Kapitalkostenermittlung bereits aufgezeigt. Das Deprival value-Konzept ist offen genug, um dieser Vielfalt von Bewertungskontexten gerecht zu werden. Angesichts des erheblichen Wandels der Bewertungskontexte im Zuge der Liberalisierung wird deutlich, dass der Blick in die Vergangenheit nicht weiterhilft. Entsprechend fragwürdig erscheint der Informationsgehalt historischer Anschaffungskosten und mit Hilfe geschlossener Abschreibungspläne ermittelter Buchwerte (vgl. Knieps/Küpper/Langen 2001: S. 769). Das Deprival value-Konzept dagegen ist inhärent zukunftsorientiert. Für jedes Kapitalgut bedeutet jede Bewertung eine interdependente Aktualisierung aller damit zusammenhängenden Zukunftspläne.108 Genauso wie die ursprüngliche Investitionsentscheidung ist auch jede Neubewertung ein komplexes Alternativenkalkül, in der es eine Vielzahl von Opportunitätskosten zu berücksichtigen gilt. Beim Deprival value-Konzept werden alle relevanten Marktdaten in das Kalkül integriert.109 Die Verfügbarkeit wettbewerblicher Marktpreise ist jedoch keine zwingende Notwendigkeit für die Anwendbarkeit des Konzepts. Das Deprival value- Konzept ist unabhängig von der Marktform anwendbar. Die entscheidende Frage ist, ob ein Kapitalgut ersetzt wird oder nicht. Sowohl im Falle eines marktmächtigen Monopolisten als auch im Falle eines im Wettbewerb stehenden Unternehmens führt 107 "Deprival value (often as 'value to the owner' or 'value to the business') has become not unfamiliar in Britain and Australia. However, it is little known elsewhere, and is not always understood. This is a pity. It provides a coherent principle for selecting the most defensible type of current value for each kind of asset and liability, and for finding the value's size. Its general use would make accounts more consistent and comprehensible" (Baxter 2003: S. 1). Vgl. hierzu auch die in Abacus-Forum (1998) enthaltenen Symposiumsbeiträge über die Erfahrungen in mehreren Ländern. Auf ein Beispiel aus den Netzindustrien wird in Abschnitt 4.3.2 eingegangen. 108 Auch und gerade im Regulierungskontext bedarf die Kostenrechnung einer kapitaltheoretischen Fundierung (vgl. Küpper 2003: S. 30 ff.). 109 Zum Prinzip des Marktbezugs vgl. Knieps/Küpper/Langen (2001: S. 760 f.).

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Zusammenfassung

Für die in liberalisierten Netzindustrien aktiven Unternehmen sind Kosteninformationen insbesondere bei Preis- und Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus interessieren sich in zunehmendem Maße die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger für die Kosten der Netze, vor allem bei der Regulierung von Marktmacht und der Bestellung defizitärer Netzleistungen. Dies erfordert eine auf anerkannten ökonomischen Prinzipien basierende entscheidungsorientierte Kostenermittlung, die durchgängig und konsistent in allen Netzbereichen – seien sie nun wettbewerblich, reguliert oder subventioniert – anwendbar ist. Die vorliegende Habilitationsschrift will hierfür eine systematische methodische Grundlage legen.

Im Mittelpunkt steht die disaggregierte Ermittlung der Kapitalkosten. Es wird aufgezeigt, dass das Deprival value-Konzept bei der Kapitalkostenermittlung eine zentrale Rolle spielt. Darauf aufbauend wird ein analytischer Rahmen entwickelt, der das Zusammenspiel von Regulierung und Subventionierung (z.B. bei defizitären Eisenbahninfrastrukturen) normativ begründen kann.