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Hans-Jörg Weiß, Das Deprival value-Konzept in:

Hans-Jörg Weiß

Entscheidungsorientiertes Costing in liberalisierten Netzindustrien, page 65 - 68

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4061-4, ISBN online: 978-3-8452-1481-8 https://doi.org/10.5771/9783845214818

Series: Freiburger Studien zur Netzökonomie, vol. 16

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65 "[B]ut there is, I think, a field still untouched, for these rules are all defective, either from inaccuracy or from being applicable to special cases only; and though theoretical discussions are sometimes apt to be dry, yet I venture to submit, that to us accountants, having to take account of almost every sort and kind of asset, rules for special cases, however practical and useful, are insufficient; and that to be ready in every variety of cases that may come before us, not merely to propose a scheme of our own, but to review the particular system that has been already adopted, to see exactly how far it is true and how far fallacious, and to point out its particular defects and their consequences, it is important to have distinctly formulated in our minds, the abstract theory upon which calculations of depreciation in general should rest, and this in a form so general, as to be universally applicable" (Ladelle 1967: S. 28). Aus heutiger Sicht kam Ladelle zu diesem Schluss, weil er die Abschreibungsproblematik als ein Problem der Kostenallokation bei Verbundproduktion aufgefasst hat. Ein konventionelles Abschreibungsverfahren ist seinem Wesen nach vergleichbar mit einem Gemeinkostenschlüssel. Genauso wie jede andere Form der Gemeinkostenschlüsselung sind auch konventionelle Abschreibungsverfahren vom Grundsatz her unvereinbar mit entscheidungsrelevanter Kostenermittlung (vgl. Abschnitt 3.1).93 Es ist unbestritten, dass Unternehmen in der Praxis Faustregeln und Näherungslösungen suchen und verwenden, und dass dies aus Transaktionskostengesichtspunkten grundsätzlich sinnvoll ist.94 Die Aufgabe der Theorie steht dazu nicht im Widerspruch, sondern ganz im Gegenteil: Ein Referenzpunkt kann in der Praxis nur angenähert werden, wenn seine Position und seine Eigenschaften hinreichend bekannt sind. Das im nachfolgenden Abschnitt 4.2 vorgestellte Konzept ist in diesem Sinne als theoretischer Referenzpunkt zu verstehen. 4.2 Abschreibung auf den Deprival value 4.2.1 Das Deprival value-Konzept Die klassische Definition von Deprival value lautet: "The Value of a Property to Its Owner Is Identical in Amount with the Adverse Value of the Entire Loss, Direct and Indirect, That the Owner Might Expect to Suffer If He Were to Be Deprived of the Property" (Bonbright 1937: S. 71). 93 "Die herkömmlichen kostenrechnerischen Abschreibungsverfahren unterscheiden sich in ihrem Wesen von den entscheidungstheoretisch zu fordernden Abschreibungen so grundlegend, und der Abschreibungsbegriff ist so sehr auf die Grundgedanken dieser Verfahren fixiert, daß der Begriff "Abschreibung" für das, was in Planungsrechnungen als Wert für die Inanspruchnahme der Betriebsmittel anzusetzen ist, kaum noch geeignet erscheintFn" (Mahlert 1976: S. 152, Fußnotentext weggelassen). 94 Unbestritten ist auch, dass Unternehmen für die meisten extern auferlegte Zwecke, d.h. insbesondere Handels- und Steuerbilanz, an konventionelle Abschreibungsverfahren gebunden sind (vgl. Albach 1967). Bei der Ermittlung entscheidungsrelevanter Kapitalkosten für Planungs- und Steuerungszwecke sind sie daran jedoch nicht gebunden. 66 Das Deprival value-Konzept bestimmt den Wert eines Vermögensgegenstandes95 entscheidungsorientiert. Es geht um die Frage, wie der Eigentümer reagieren würde, wenn ihm (fiktiv) dieser Gegenstand ohne Kompensation weggenommen würde (z.B. durch höhere Gewalt). Es wird unterstellt, er reagiert so, dass er seinen Verlust minimiert. Sein hypothetisches Entscheidungskalkül basiert auf einem Vergleich folgender drei Größen: • dem Betrag RC (Replacement cost), den er für die Ersatz- bzw. Wiederbeschaffung eines gleichartigen Vermögensgegenstandes bezahlen müsste; • dem Betrag PV (Present value), der wertmäßig den Nutzenentgang bzw. Zahlungsausfall abbildet, den er durch den Verlust des Vermögensgegenstandes in der Zukunft erleidet (z.B. Einnahmenausfälle); • dem Betrag NRV (Net realisable value), den er als "Liquidationserlös" hätte erzielen können, wenn ihm der Vermögensgegenstand nicht einfach weggenommen worden wäre, sondern er ihn (freiwillig und mit Kompensation) noch an Dritte hätte veräußern können. Wenn die drei Beträge RC, PV und NRV ermittelt sind, lautet die Auswahlregel zur Bestimmung des Deprival value (DV) wie folgt (vgl. Solomons 1966: S. 125 und Bell/Peasnell 1997: S. 126): DV = min [RC, max (PV, NRV)] Falls sich seit der ursprünglichen Investitionsentscheidung die Marktsituation nicht grundlegend verändert hat, wird dieses Kalkül in der Regel ergeben, dass der Deprival value den Replacement cost entspricht (d.h. DV = RC), denn andernfalls hätte man die ursprüngliche Investition gar nicht getätigt. Der Fall DV = PV würde den Verzicht auf eine Ersatzbeschaffung bedeuten. Das kann entweder der ursprünglichen Erwartung entsprechen (z.B. Marktsättigung) oder aber seit der ursprünglichen Investitionsentscheidung sind unerwartete Veränderungen eingetreten (z.B. eine Erfindung), so dass aus Sicht des bewertenden Unternehmens die fortgesetzte Bedienung des Marktes nur deshalb noch lohnenswert ist, weil die seinerzeitige Investitionsentscheidung nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Im Fall DV = NRV müsste man sich fragen, warum das Unternehmen den Vermögensgegenstand überhaupt noch in seinem Besitz hat, denn dies wäre ein Signal für den Verkauf. J.C. Bonbright (1937) hat das Deprival value-Konzept in seinem umfassenden Werk ausführlich im Kontext von gerichtlichen Auseinandersetzungen, Schadenersatzforderungen, Versicherungsleistungen u.ä. angewendet. Besonders hervorgehoben hat er die Kontextabhängigkeit jeglicher Bewertung und die daraus folgende grundsätzliche Fragwürdigkeit pauschaler Bewertungsregeln. Deshalb sollte die eingangs zitierte klassische Definition immer in Kombination mit dem folgenden qualifizierenden Nachtrag gesehen werden (vgl. Wright 1984: S. 420): "The Value of Property to Its Owner Can Be Stated Only by Reference to the Conditions under Which the Ownership Interest Shall Be Assumed to Cease" (Bonbright 1937: S. 74). 95 Das Konzept ist – gleichsam spiegelverkehrt – auf Verbindlichkeiten übertragbar, die man als negative Vermögensteile interpretieren kann (vgl. Lennard 2002). 67 Bemerkenswert ist, dass Bonbright die ökonomischen Fundamente des Deprival value-Konzepts bereits im Werk von Böhm-Bawerk (1921) angelegt sah: "Boehm-Bawerk points out that the subjective value of any commodity cannot be greater than the value of those things which the individual would willingly part with in order to make good the loss of the commodity in question. The possession of some overcoat may be so important to me that I would give $10,000 rather than to go without. But if I can at once replace my particular overcoat with another, equally good one, by paying $50, then my present overcoat has a subjective value of only $50. This is a fundamental principle in the appraisal of property and in the law of damages, as it constitutes the basis for valuations of property by reference to replacement cost.Fn On the whole, Boehm-Bawerk's subjective value seems to correspond to our "value to the owner," although he ignored many of the implications of the concept that we have felt it necessary to consider in a treatise on appraisal" (Bonbright 1937: S. 96, Hervorhebung wie im Original, Fußnotentext weggelassen). Diese Ursprünge des Deprival value-Konzepts in der subjektiven Wertlehre der österreichischen Schule untermauern die inhärente Entscheidungsorientierung des Konzepts. Entscheidungen, Bewertungen und Opportunitätskosten sind untrennbar miteinander verbunden. Ausgangspunkt jeder Bewertung ist aus ökonomischer Sicht die Lokalisierung der relevanten Entscheidung(en). Der Begriff "Wert" sagt für sich genommen noch nicht viel aus. Was ist das für ein Wert, der da ermittelt werden soll? Wozu wird er gebraucht? Hat er einen erkennbaren Bezug zu einer Entscheidung; und hat diese Entscheidung eine erkennbare Auswirkung auf die Allokation knapper Ressourcen? Das sind die zentralen Ausgangsfragen aus einer entscheidungsorientierten Perspektive. Mit der Frage, welche Rolle solche Bewertungen in unternehmerischen Kalkülen (insbesondere Bilanzen) spielen, hat sich Engels (1962a) grundlegend auseinandergesetzt. Er hat von gesetzlichen Verpflichtungen zur Aufstellung von Bilanzen u.ä. institutionellen Erfordernissen zunächst völlig abstrahiert und strikt gefragt, wozu ein Unternehmen im eigenen Interesse Bewertungen vornehmen sollte. Er sieht die zentrale Funktion einer Bilanz darin, eine Prognose für die Zukunft – im Sinne einer Zwischenbilanz – zu erstellen: "Die Prognosebilanz enthält Entscheidungswerte. Jeder Gegenstand, jeder Vorrat oder Bestand wird in der Bilanz mit dem Werte angesetzt, den er für den Betrieb hat, d.h. mit einem Geldbetrag, der das Nichtvorhandensein dieses Gegenstandes gerade ausgleichen würde. Das ist zugleich die einfachste und geschlossenste Bewertungsregel" (Engels 1962a: S. 194). Ein Unternehmer, der den Wert eines Kapitalguts bestimmen will, versetzt sich in eine fiktive Situation ohne dieses Gut. Der Wert ist abhängig von dem von ihm gewählten Zeitpunkt der Bewertung und seinen dort vorhandenen Umweltbedingungen, Zukunftserwartungen und Handlungsmöglichkeiten.96 Bei der ursprünglichen 96 "Das Geldäquivalent einer Sache ist der Betrag, der in dem betreffenden Zeitpunkt rationalerweise für diese Sache – wäre sie nicht vorhanden – geopfert werden könnte. Das ist die Definition des Kapitalwertes einer Investition. Die Bewertungsregel der Bilanz lautet also: Nichtgeld-Bestandteile der Bilanz werden im Betrag ihrer Kapitalwerte im Bilanzierungszeitpunkt angesetzt. Der Kapitalwert ist gleich dem Geldbetrag, der für die Sache rationalerweise 68 Investitionsentscheidung war das nicht anders. Auch ihr lagen die seinerzeitigen Umweltbedingungen, Handlungsmöglichkeiten und Zukunftserwartungen zugrunde. Es geht nun nicht darum, die damalige Investitionsentscheidung aus heutiger Sicht nochmals neu zu treffen. Der Anlass ist nicht mehr die sich ursprüngliche bietende Investitionschance, die zu dem Kauf des Kapitalguts führte – diese Chance wurde ja genutzt. Es geht vielmehr darum, das heute noch existierende Resultat der damaligen Investitionsentscheidung (das Kapitalgut) einer Investitionsrechnung zu den heute geltenden Bedingungen zu unterziehen. Das Ergebnis dieses Kalküls ist ein Entscheidungswert (vgl. Engels 1962a). Es ist zu betonen, dass das Deprival value-Konzept nicht an eine spezifische Art der Investitionsrechnung gebunden ist, etwa die neoklassische Investitionstheorie (vgl. Hirshleifer 1958). Wenn z.B. für ein Unternehmen so genannte Realoptionen bei Entscheidungen über Neuinvestitionen von besonderer Bedeutung sind, dann sollte es derartige Optionen konsequenterweise auch in der Investitionsrechnung zur Bewertung von Altinvestitionen berücksichtigen (vgl. Stark 1997).97 4.2.2 Abschreibungsermittlung nach Wright Nun könnte leicht der Eindruck entstehen, das Deprival value-Konzept sei nur etwas für besonders dynamische Märkte, auf denen nicht-stationäre Entscheidungskontexte vorherrschen (vgl. Knieps/Küpper/Langen 2001). Für stationäre Entscheidungskontexte sei es dagegen weniger relevant, weil auf stationären Märkten im Regelfall der hingegeben werden könnte. Die Umrechnung der Nichtgeld-Bestandteile geschieht also dadurch, daß eine Disposition am Ende der Periode fingiert wird" (Engels 1962b: S. 702, Hervorhebungen wie im Original, Fußnoten weggelassen). 97 Zur grundsätzlichen Notwendigkeit einer kapitaltheoretischen Fundierung interner Unternehmensrechnungen vgl. Küpper (1985). Dass Bilanzansätze auf Deprival value-Basis auch die ökonomische Aussagekraft der externen Rechnungslegung (Financial Accouting) deutlich erhöhen würden, haben Edwards/Kay/Mayer (1987: Kap. 4) gezeigt: "[A]ccounting profitability data would be directly relevant for economic analysis, providing investors and regulators with appropriate signals about the performance of activities, if two basic principles were adhered to in the construction of the accounting data, and one rather weak assumption is made. The assumption is that the replacement cost (RC) of an asset should not be less than its net realizable value (NRV). While there is nothing in logic to rule out the possibility that the net realizable value of an asset exceeds its replacement cost, such a situation is unlikely to persist for long, for if NRV is greater than RC, firms will be able to make a sure profit by selling the assets they possess and buying new ones, and the resulting price changes will soon ensure that RC ? NRV. The two basic principles which must apply in constructing the accounting data are, first, that capital employed should be valued using the value-to-the-owner rules, according to which book value is given by the minimum of replacement cost and the maximum of present value and net realizable value, and, second, that the accounts should be fully articulated, with the whole of any change over time in the book value of capital employed flowing through the profit and loss account during the intervening period" (Edwards/Kay/Mayer 1987: S. 69). Zur Verallgemeinerung für den Fall der Unsicherheit vgl. Grinyer/Walker (1990).

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References

Zusammenfassung

Für die in liberalisierten Netzindustrien aktiven Unternehmen sind Kosteninformationen insbesondere bei Preis- und Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus interessieren sich in zunehmendem Maße die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger für die Kosten der Netze, vor allem bei der Regulierung von Marktmacht und der Bestellung defizitärer Netzleistungen. Dies erfordert eine auf anerkannten ökonomischen Prinzipien basierende entscheidungsorientierte Kostenermittlung, die durchgängig und konsistent in allen Netzbereichen – seien sie nun wettbewerblich, reguliert oder subventioniert – anwendbar ist. Die vorliegende Habilitationsschrift will hierfür eine systematische methodische Grundlage legen.

Im Mittelpunkt steht die disaggregierte Ermittlung der Kapitalkosten. Es wird aufgezeigt, dass das Deprival value-Konzept bei der Kapitalkostenermittlung eine zentrale Rolle spielt. Darauf aufbauend wird ein analytischer Rahmen entwickelt, der das Zusammenspiel von Regulierung und Subventionierung (z.B. bei defizitären Eisenbahninfrastrukturen) normativ begründen kann.