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Hans-Jörg Weiß, Konventionelle versus entscheidungsrelevante Abschreibung in:

Hans-Jörg Weiß

Entscheidungsorientiertes Costing in liberalisierten Netzindustrien, page 64 - 65

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4061-4, ISBN online: 978-3-8452-1481-8 https://doi.org/10.5771/9783845214818

Series: Freiburger Studien zur Netzökonomie, vol. 16

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64 "In einer Welt, in der in jeder Periode entscheidungsrelevante Informationen auf Grund technischen Fortschritts und veränderter Nachfragebedingungen neu hinzutreten, und zuverlässige Annahmen über die zukünftigen Entwicklungen zu Beginn des Planungshorizonts nicht möglich sind, bei der also ein offener Ereignisraum vorliegt, verfehlen "geschlossene" Abschreibungspläne das Kriterium der Marktnähe. Auf Grund der permanenten, zu Beginn des Planungshorizonts nicht zuverlässig einschätzbaren Entwicklung besteht die Notwendigkeit einer periodischen Neubewertung der Anlagenteile unter Einbeziehung der im jeweiligen Entscheidungszeitpunkt vorliegenden entscheidungsrelevanten Informationen über die zukünftige EntwicklungFn" (Knieps/Küpper/Langen 2001: S. 768 f., Fußnotentext weggelassen).92 Freilich sind die Grenzen zwischen stationären und dynamischen Entscheidungskontexten in der Praxis fließend. Aus diesem Grund bedarf es eines Abschreibungskonzepts, das nicht nur zusätzliche Kostenanker für die periodische Bewertung neuer und gebrauchter Kapitalgüter bereithält, sondern auch konsistent in beiden Kontexten anwendbar ist. Es stellt sich die Frage, ob konventionelle Abschreibungsverfahren dies leisten können. 4.1.3 Konventionelle versus entscheidungsrelevante Abschreibung Konventionelle Abschreibungsverfahren verteilen die Anschaffungs- bzw. Herstellungskosten eines Kapitalguts nach einer festen Regel über die Perioden seiner Lebensdauer, z.B. linear, degressiv gestaffelt oder als Annuität (zusammen mit der Verzinsung). Diese Verfahren gehen davon aus, dass die Entscheidung für die Beschaffung des Kapitalguts bereits gefallen ist. Dies wiederum setzt voraus, dass die erwarteten Anschaffungskosten und die erwartete wirtschaftliche Lebensdauer bereits geschätzt wurden. Damit ist die potenzielle Entscheidungsrelevanz dieser Art der Abschreibungsermittlung von vornherein stark eingeschränkt (vgl. Schneider 1961: S. 16-32). Aber selbst für den verbleibenden Bereich potenzieller Entscheidungsrelevanz liefern konventionelle Abschreibungen keine ökonomisch fundierten Kosteninformationen (vgl. Knieps 2007: S. 19). Ihr grundsätzliches Manko hat schon Ladelle formuliert: 92 Busse von Colbe hat das Konzept der offenen Abschreibungspläne kritisiert. Er argumentiert, dass die Nichterfüllung unternehmerischer Erwartungen Teil des unternehmerischen Risikos und deshalb bei der risikoäquivalenten Verzinsung zu berücksichtigen seien. Er warnt vor einer Doppelzählung (vgl. Busse von Colbe 2002: S. 10-12). Wenn es um stationäre Kontexte ginge, wäre diese Warnung berechtigt. Hier können (erwartete) Unsicherheiten über die zukünftige Wertentwicklung entweder im Abschreibungsplan (vgl. Schneider 1961: S. 82 f. und Rhys 2000) oder im Rahmen der Risikoprämie bei den Zinskosten berücksichtigt werden. Aber in dynamischen Kontexten fehlt (definitionsgemäß) eine zuverlässige Erwartungsbasis für eine Berücksichtigung im ursprünglichen Abschreibungsplan. Derselbe Einwand gilt im Prinzip für die zweite Kapitalkostenkomponente, d.h. es stellt sich die Frage, ob es konzeptionell überhaupt möglich ist, diese Risiken in den Cost of capital adäquat abzubilden (vgl. Kapitel 5). Bei einem Festhalten an geschlossenen Abschreibungsplänen bestünde dann die Gefahr, dass diese Risiken überhaupt nicht berücksichtigt werden (gewissermaßen das andere Extrem zur "Doppelzählung"). 65 "[B]ut there is, I think, a field still untouched, for these rules are all defective, either from inaccuracy or from being applicable to special cases only; and though theoretical discussions are sometimes apt to be dry, yet I venture to submit, that to us accountants, having to take account of almost every sort and kind of asset, rules for special cases, however practical and useful, are insufficient; and that to be ready in every variety of cases that may come before us, not merely to propose a scheme of our own, but to review the particular system that has been already adopted, to see exactly how far it is true and how far fallacious, and to point out its particular defects and their consequences, it is important to have distinctly formulated in our minds, the abstract theory upon which calculations of depreciation in general should rest, and this in a form so general, as to be universally applicable" (Ladelle 1967: S. 28). Aus heutiger Sicht kam Ladelle zu diesem Schluss, weil er die Abschreibungsproblematik als ein Problem der Kostenallokation bei Verbundproduktion aufgefasst hat. Ein konventionelles Abschreibungsverfahren ist seinem Wesen nach vergleichbar mit einem Gemeinkostenschlüssel. Genauso wie jede andere Form der Gemeinkostenschlüsselung sind auch konventionelle Abschreibungsverfahren vom Grundsatz her unvereinbar mit entscheidungsrelevanter Kostenermittlung (vgl. Abschnitt 3.1).93 Es ist unbestritten, dass Unternehmen in der Praxis Faustregeln und Näherungslösungen suchen und verwenden, und dass dies aus Transaktionskostengesichtspunkten grundsätzlich sinnvoll ist.94 Die Aufgabe der Theorie steht dazu nicht im Widerspruch, sondern ganz im Gegenteil: Ein Referenzpunkt kann in der Praxis nur angenähert werden, wenn seine Position und seine Eigenschaften hinreichend bekannt sind. Das im nachfolgenden Abschnitt 4.2 vorgestellte Konzept ist in diesem Sinne als theoretischer Referenzpunkt zu verstehen. 4.2 Abschreibung auf den Deprival value 4.2.1 Das Deprival value-Konzept Die klassische Definition von Deprival value lautet: "The Value of a Property to Its Owner Is Identical in Amount with the Adverse Value of the Entire Loss, Direct and Indirect, That the Owner Might Expect to Suffer If He Were to Be Deprived of the Property" (Bonbright 1937: S. 71). 93 "Die herkömmlichen kostenrechnerischen Abschreibungsverfahren unterscheiden sich in ihrem Wesen von den entscheidungstheoretisch zu fordernden Abschreibungen so grundlegend, und der Abschreibungsbegriff ist so sehr auf die Grundgedanken dieser Verfahren fixiert, daß der Begriff "Abschreibung" für das, was in Planungsrechnungen als Wert für die Inanspruchnahme der Betriebsmittel anzusetzen ist, kaum noch geeignet erscheintFn" (Mahlert 1976: S. 152, Fußnotentext weggelassen). 94 Unbestritten ist auch, dass Unternehmen für die meisten extern auferlegte Zwecke, d.h. insbesondere Handels- und Steuerbilanz, an konventionelle Abschreibungsverfahren gebunden sind (vgl. Albach 1967). Bei der Ermittlung entscheidungsrelevanter Kapitalkosten für Planungs- und Steuerungszwecke sind sie daran jedoch nicht gebunden.

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Zusammenfassung

Für die in liberalisierten Netzindustrien aktiven Unternehmen sind Kosteninformationen insbesondere bei Preis- und Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus interessieren sich in zunehmendem Maße die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger für die Kosten der Netze, vor allem bei der Regulierung von Marktmacht und der Bestellung defizitärer Netzleistungen. Dies erfordert eine auf anerkannten ökonomischen Prinzipien basierende entscheidungsorientierte Kostenermittlung, die durchgängig und konsistent in allen Netzbereichen – seien sie nun wettbewerblich, reguliert oder subventioniert – anwendbar ist. Die vorliegende Habilitationsschrift will hierfür eine systematische methodische Grundlage legen.

Im Mittelpunkt steht die disaggregierte Ermittlung der Kapitalkosten. Es wird aufgezeigt, dass das Deprival value-Konzept bei der Kapitalkostenermittlung eine zentrale Rolle spielt. Darauf aufbauend wird ein analytischer Rahmen entwickelt, der das Zusammenspiel von Regulierung und Subventionierung (z.B. bei defizitären Eisenbahninfrastrukturen) normativ begründen kann.