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Hans-Jörg Weiß, Der Ansatz von Ladelle in:

Hans-Jörg Weiß

Entscheidungsorientiertes Costing in liberalisierten Netzindustrien, page 61 - 64

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4061-4, ISBN online: 978-3-8452-1481-8 https://doi.org/10.5771/9783845214818

Series: Freiburger Studien zur Netzökonomie, vol. 16

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61 Lebensdauer hätte (1909-1913), dann wäre es bereits am Jahresbeginn 1909 nur 432,93 wert (vgl. Böhm-Bawerk 1921: S. 414). Das Beispiel von Böhm-Bawerk lässt sich verallgemeinern für Kapitalgüter mit beliebig langer Lebensdauer und beliebiger zeitlicher Verteilung der Nutzleistungen.85 Bezeichne bt die am Periodenende anfallende Nutzleistung in Periode t (b wie benefit), i den Zinssatz und Bt den (Bestands-)Wert eines Kapitalguts zu Beginn einer Periode t. Dann gilt allgemein für den Wertverzehr ?Bt des Kapitalguts in Periode t: ttttt BibBBB ??=?=? +1 4.1.2 Der Ansatz von Ladelle Unabhängig von Böhm-Bawerk, der ihn im Kontext seiner Kapitaltheorie offenlegte86, wurde der Zusammenhang zwischen Abschreibung, Kapitalbewertung und Verzinsung von dem Engländer O.G. Ladelle im Jahr 1890 im Kontext des Rechnungswesens aufgedeckt (vgl. Ladelle 1967 und Wright 1967). Im Unterschied zu Böhm-Bawerk, der zur Kennzeichnung des Wertverzehrs ?Bt noch den Begriff "Abnützung" verwendete, nannte Ladelle diese Wertveränderung bereits explizit "Depreciation" (dt. Abschreibung). Auch Ladelle präsentierte seinen Ansatz mit Hilfe eines Beispiels: "[A]ssume, for convenience of illustration, that a large number of persons, numbered from 1 upwards, purchase as a joint venture, an asset, which they do not propose to use simultanously, but agree to use for a year apiece, in turn, and that we are asked to determine the method of apportioning the cost between themFn. [...] To ascertain what this proportion is, it may be stated that as the purchase price is the present value of the total future enjoyment of the asset, so, it is equivalent to the sum of the present values of its enjoyment during each successive year of its duration – so that if we write bn for the value of the enjoyment of the asset during its nth year, and vn for the present value of this bn 85 Zur Verallgemeinerung mit kontinuierlicher Verzinsung und variablen Zinssätzen vgl. Samuelson (1937: S. 483-488). Der Zusammenhang gilt deshalb auch im Spezialfall mit Zinssatz Null (vgl. das Zahlenbeispiel unten in Abschnitt 4.2.2). Dass die Entwicklung der Kapitalwerte nicht nur mit Abschreibung und Verzinsung in einem interdependenten Zusammenhang stehen, sondern bei vielen Kapitalgütern auch maßgeblich von den operativen Betriebskosten abhängen, wurde in den 1920er Jahren analytisch fundiert; vgl. hierzu Taylor (1923), Hotelling (1925) und Canning (1929: insbes. Kap. 14). Da das Kernproblem der Abschreibungsermittlung aus ökonomischer Sicht – die intertemporale Verbundproblematik (vgl. Abschnitt 3.2.1) – aber auch ohne diese zusätzliche "Komplikation" darstellbar ist, wird in der nachfolgenden Analyse aus Vereinfachungsgründen von (sowohl im Zeitablauf als auch im Querschnitt) homogenen operativen Betriebskosten der relevanten Kapitalgüter ausgegangen. 86 Im Mittelpunkt seines Erkenntnisinteresses stand das "Zinsphänomen an ausdauernden Gütern" (Böhm-Bawerk 1921: S. 416). 62 then if No. 1 pay v1, No. 2, v2 and so on, in each case No. n paying vn the vendor will receive in the aggregate the exact purchase price, and each speculator will pay exactly his fair share for the use of the asset during this year – and if then we can determine the values of vn our apportionment is completeFn"(Ladelle 1967: S. 29, Fußnotentext weggelassen). Die Umsetzung seines hypothetischen Szenarios stellte sich Ladelle so vor, dass das Kapitalgut am Beginn bzw. Ende jeder Periode zu einem (sich aus dem Abschreibungsplan ergebenden) bereits ex ante festgelegten Preis von einem "Perioden- Nutzer" (im Sinne Ladelles) zum nächsten weiterveräußert wird (vgl. Ladelle 1967: S. 32). Übertragen auf das Zahlenbeispiel von Böhm-Bawerk heißt das: Der erste Nutzer des Jahres 1909 kauft das Kapitalgut zum Anschaffungspreis von 507,55 am Jahresbeginn 1909 und verkauft es am Ende des Jahres weiter an den Nutzer des Jahres 1910 zum Preis von 432,93, der es wiederum nach einem Jahr für 354,58 weiterveräußert usw. Der letzte Nutzer des Jahres 1914 kann das Kapitalgut nicht mehr weiterveräußern, weil das Kapitalgut danach keine Nutzleistung (von Ladelle "enjoyment" genannt) mehr erbringt. Es stellt sich die Frage, was die Nutzleistungen bt mit den Kosten des Kapitalguts zu tun haben. Im Unterschied zu Böhm-Bawerk hat Ladelle in seinem Beispiel bereits explizit eine Verbindung zwischen dem Anschaffungspreis und dem Bestandswert des Kapitalguts zu Beginn der ersten Periode seiner Lebensdauer hergestellt, indem er davon ausgeht (aber dies nicht näher begründet), beide würden übereinstimmen.87 Diese Gleichsetzung ist bei Ladelle der zentrale – und letztlich auch der einzige – "Kostenanker" auf der Realkapitalseite.88 Aus spieltheoretischer Perspektive ist ein Abschreibungsplan à la Ladelle die Lösung eines kooperativen Spiels über die Aufteilung der Anschaffungsausgaben eines Kapitalguts auf die Perioden seiner Nutzung.89 Damit der Plan für alle Nutzer zustimmungsfähig bzw. anreizkompatibel ist, muss er gewisse Bedingungen erfüllen. Es handelt sich im Prinzip um denselben Gedankengang à la Faulhaber (1975), der bereits für die Kostenallokation in Mehrproduktunternehmen in Abschnitt 3.2.2 erläutert wurde. Ladelle hat mit seinem Kostenanker gewissermaßen Faulhabers erste notwendige Bedingung für den intertemporalen Kontext formuliert: die Anschaffungsausgaben müssen gerade gedeckt werden.90 Wäre die Summe der Abschreibungen geringer, könnte das Kapitalgut nicht angeschafft werden; wäre die Summe höher, hätten die Nutzer einen Anreiz einen alternativen Abschreibungsplan mit in der Summe niedrigeren Abschreibungen festzulegen. Was bei Ladelle aus 87 Böhm-Bawerk ist an anderer Stelle ausführlicher auf den Zusammenhang zwischen Werten und Kosten eingegangen (vgl. Böhm-Bawerk 1892, insbesondere S. 339-345). Auf die Beziehung des Deprival value-Konzepts zum Werk Böhm-Bawerks wird in Abschnitt 4.2.1 noch eingegangen. 88 Auch später bei Hotelling war diese Annahme zentral: "[T]he value of a new machine is its cost" (Hotelling 1925: S. 343). 89 "Ladelle saw the question of depreciation as an allocation problem, and he may even been the first to associate the problem of depreciation with the more general problem of allocating joint costs" (Brief 1967: S. 37). 90 Dies entspricht der Kostendeckungsbedingung bei Faulhaber. 63 heutiger Sicht fehlt, sind die weiteren notwendigen Bedingung einer anreizkompatiblen Verhandlungslösung à la Faulhaber: Es darf sich weder für einzelne Nutzer noch eine Teilgruppe von Nutzern lohnen, die nächstbeste Alternative zu wählen. Mit anderen Worten: Es fehlen weitere Kostenanker während der Lebensdauer des Kapitalguts. Nicht nur wegen der Einbeziehung des Zinsphänomens und der Formulierung des Kostenankers war Ladelle der Abschreibungsliteratur seiner Zeit ein gutes Stück voraus (vgl. Wright 2006: S. 93 f. und Schneider 1997: S. 133, Fn. 25). Er hat sich auch schon mit der Frage auseinandergesetzt, ob ein Abschreibungsplan in dynamischen Entscheidungskontexten91 bei Bedarf geändert werden sollte oder nicht. Im Ergebnis hat er sich dezidiert dagegen ausgesprochen: "In effect, Ladelle reasoned that ex post asset valuations affect only the capital account. Thus, if all expected flows, both negative and positive, were agreed on at the time of purchase, all differences between ex ante and ex post flows must be viewed as aberrations, i.e., capital gains or losses, caused by an "original error of the speculators." These ex post changes, i.e., unanticipated changes in the value of an asset are capital gains or losses and, in principle, cannot be assigned to the profit of a particular period because they are joint to all periods" (Brief 1967: S. 37, Hervorhebungen wie im Original). F.K. Wright hat dieses Argument kritisiert und Ladelle vorgeworfen, dass er hier seine Analogie zu einer Verhandlungslösung etwas zu weit getrieben habe. Es sei für die derzeitigen Aktionäre eines Unternehmens praktisch unmöglich, einen plötzlich und völlig unerwartet eintretenden Verlust auf die Aktionäre vergangener Perioden zu überwälzen, d.h. gewissermaßen rückwirkend eine Verlustteilung zu verhandeln (vgl. Wright 1967: S. 177-179). Dem ist hinzuzufügen: Selbst wenn sie praktisch möglich wäre, würde eine rückwirkende Überwälzung aus der Perspektive des Konzepts der entscheidungsrelevanten Kosten (vgl. Abschnitt 3.1) keinen Sinn machen. Der Grund ist die Irreversibilität der Zeit. Die Nutzer vergangener Perioden könnten ihrerseits nicht mehr auf die spätere Erwartungsänderung reagieren. Unmittelbar reagiert werden kann erst ab dem Zeitpunkt, an dem die Erwartungsänderung eintritt. Und um den heutigen und den zukünftigen Nutzern die Notwendigkeit einer Reaktion zu signalisieren, bedarf es einer Änderung des ursprünglichen Abschreibungsplans. An Stelle der in stationären Kontexten hinreichenden geschlossenen Abschreibungspläne à la Ladelle sind in dynamischen Kontexten offene Abschreibungspläne notwendig: 91 Bei Investitionsentscheidungen spielen Erwartungen über die Zukunft eine zentrale Rolle. Dabei lassen sich zwei Klassen von unternehmerischen Entscheidungskontexten unterscheiden: stationäre und dynamische. Stationäre Entscheidungskontexte sind dadurch gekennzeichnet, dass die Unternehmen über zuverlässige Erwartungen verfügen und mit keinen ex post-Abweichungen rechnen müssen (geschlossener Ereignisraum). In dynamischen Entscheidungskontexten dagegen ist der Ereignisraum prinzipiell offen. Hier ist mit unerwarteten "Überraschungen" (z.B. technischen Innovationen) zu rechnen, über die die Unternehmen ex ante keine ausreichend zuverlässigen Annahmen treffen können (vgl. Knieps/Küpper/Langen 2001: S. 759 und 768). 64 "In einer Welt, in der in jeder Periode entscheidungsrelevante Informationen auf Grund technischen Fortschritts und veränderter Nachfragebedingungen neu hinzutreten, und zuverlässige Annahmen über die zukünftigen Entwicklungen zu Beginn des Planungshorizonts nicht möglich sind, bei der also ein offener Ereignisraum vorliegt, verfehlen "geschlossene" Abschreibungspläne das Kriterium der Marktnähe. Auf Grund der permanenten, zu Beginn des Planungshorizonts nicht zuverlässig einschätzbaren Entwicklung besteht die Notwendigkeit einer periodischen Neubewertung der Anlagenteile unter Einbeziehung der im jeweiligen Entscheidungszeitpunkt vorliegenden entscheidungsrelevanten Informationen über die zukünftige EntwicklungFn" (Knieps/Küpper/Langen 2001: S. 768 f., Fußnotentext weggelassen).92 Freilich sind die Grenzen zwischen stationären und dynamischen Entscheidungskontexten in der Praxis fließend. Aus diesem Grund bedarf es eines Abschreibungskonzepts, das nicht nur zusätzliche Kostenanker für die periodische Bewertung neuer und gebrauchter Kapitalgüter bereithält, sondern auch konsistent in beiden Kontexten anwendbar ist. Es stellt sich die Frage, ob konventionelle Abschreibungsverfahren dies leisten können. 4.1.3 Konventionelle versus entscheidungsrelevante Abschreibung Konventionelle Abschreibungsverfahren verteilen die Anschaffungs- bzw. Herstellungskosten eines Kapitalguts nach einer festen Regel über die Perioden seiner Lebensdauer, z.B. linear, degressiv gestaffelt oder als Annuität (zusammen mit der Verzinsung). Diese Verfahren gehen davon aus, dass die Entscheidung für die Beschaffung des Kapitalguts bereits gefallen ist. Dies wiederum setzt voraus, dass die erwarteten Anschaffungskosten und die erwartete wirtschaftliche Lebensdauer bereits geschätzt wurden. Damit ist die potenzielle Entscheidungsrelevanz dieser Art der Abschreibungsermittlung von vornherein stark eingeschränkt (vgl. Schneider 1961: S. 16-32). Aber selbst für den verbleibenden Bereich potenzieller Entscheidungsrelevanz liefern konventionelle Abschreibungen keine ökonomisch fundierten Kosteninformationen (vgl. Knieps 2007: S. 19). Ihr grundsätzliches Manko hat schon Ladelle formuliert: 92 Busse von Colbe hat das Konzept der offenen Abschreibungspläne kritisiert. Er argumentiert, dass die Nichterfüllung unternehmerischer Erwartungen Teil des unternehmerischen Risikos und deshalb bei der risikoäquivalenten Verzinsung zu berücksichtigen seien. Er warnt vor einer Doppelzählung (vgl. Busse von Colbe 2002: S. 10-12). Wenn es um stationäre Kontexte ginge, wäre diese Warnung berechtigt. Hier können (erwartete) Unsicherheiten über die zukünftige Wertentwicklung entweder im Abschreibungsplan (vgl. Schneider 1961: S. 82 f. und Rhys 2000) oder im Rahmen der Risikoprämie bei den Zinskosten berücksichtigt werden. Aber in dynamischen Kontexten fehlt (definitionsgemäß) eine zuverlässige Erwartungsbasis für eine Berücksichtigung im ursprünglichen Abschreibungsplan. Derselbe Einwand gilt im Prinzip für die zweite Kapitalkostenkomponente, d.h. es stellt sich die Frage, ob es konzeptionell überhaupt möglich ist, diese Risiken in den Cost of capital adäquat abzubilden (vgl. Kapitel 5). Bei einem Festhalten an geschlossenen Abschreibungsplänen bestünde dann die Gefahr, dass diese Risiken überhaupt nicht berücksichtigt werden (gewissermaßen das andere Extrem zur "Doppelzählung").

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Zusammenfassung

Für die in liberalisierten Netzindustrien aktiven Unternehmen sind Kosteninformationen insbesondere bei Preis- und Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus interessieren sich in zunehmendem Maße die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger für die Kosten der Netze, vor allem bei der Regulierung von Marktmacht und der Bestellung defizitärer Netzleistungen. Dies erfordert eine auf anerkannten ökonomischen Prinzipien basierende entscheidungsorientierte Kostenermittlung, die durchgängig und konsistent in allen Netzbereichen – seien sie nun wettbewerblich, reguliert oder subventioniert – anwendbar ist. Die vorliegende Habilitationsschrift will hierfür eine systematische methodische Grundlage legen.

Im Mittelpunkt steht die disaggregierte Ermittlung der Kapitalkosten. Es wird aufgezeigt, dass das Deprival value-Konzept bei der Kapitalkostenermittlung eine zentrale Rolle spielt. Darauf aufbauend wird ein analytischer Rahmen entwickelt, der das Zusammenspiel von Regulierung und Subventionierung (z.B. bei defizitären Eisenbahninfrastrukturen) normativ begründen kann.