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Hans-Jörg Weiß, Fazit: Disaggregierte Kapitalkostenermittlung als Problembrennpunkt in:

Hans-Jörg Weiß

Entscheidungsorientiertes Costing in liberalisierten Netzindustrien, page 57 - 58

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4061-4, ISBN online: 978-3-8452-1481-8 https://doi.org/10.5771/9783845214818

Series: Freiburger Studien zur Netzökonomie, vol. 16

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57 3.3.4 Fazit: Disaggregierte Kapitalkostenermittlung als Problembrennpunkt Das Problem der Kapitalkostenermittlung ist in Netzen von herausragender Bedeutung, weil Netzindustrien ausgesprochen kapitalintensive Wirtschaftssektoren sind. Das Problem der Kostenallokation ist in Netzindustrien allgegenwärtig, weil Komplementaritäten und damit einhergehende Verbundvorteile konstituierende Merkmale von Netzen sind. Wer in Netzindustrien entscheidungsrelevante Kapitalkosten ermitteln will, kommt am Problem der entscheidungsrelevanten Kostenallokation nicht vorbei; umgekehrt gilt dasselbe. Die Kreuzung dieser beiden Problemfelder markiert einen zentralen Problembrennpunkt der Ermittlung entscheidungsrelevanter Kosten in Netzen und steht deshalb im Mittelpunkt der vorliegenden Arbeit. Um den Problembrennpunkt angehen zu können, ist ein grundlegender analytischer Schnitt notwendig. Ausgangspunkt ist die Unterscheidung zwischen Netzdiensten und Netzinfrastrukturen. Fasst man die Ergebnisse von Abschnitt 3.3 zusammen, dann sprechen folgende Gründe für ein disaggregiertes Vorgehen: • Die Ursachen für die besondere Kapitalintensität von Netzen liegen auf der Infrastrukturebene. • Die horizontalen Verbundvorteile auf den beiden Ebenen sind ausgeprägter als die vertikalen Verbundvorteile zwischen Dienste- und Infrastrukturebene. • Regulierungsbedürftige monopolistische Bottlenecks gibt es nur auf der Infrastrukturebene. • Die vertraglichen Beziehungen zwischen Staat und Privaten sind bei defizitären Infrastrukturen sehr viel langfristiger als bei defizitären Diensten. Folgt man netzökonomischen Kriterien, lässt sich das Spektrum der in Netzindustrien angebotenen Produkte in fünf Gruppen unterteilen (vgl. Tabelle 3.3). Tabelle 3.3: Produktspektrum in Netzindustrien aus netzökonomischer Sicht wettbewerbliche Dienste z.B. Fluglinien oder Internetdienste bestellte Dienste z.B. defizitäre Buslinien wettbewerbliche Infrastrukturen z.B. Fernnetze für Telekom. regulierte Infrastrukturen z.B. Stromübertragungsnetze bestellte Infrastrukturen z.B. defizitäre Bahnstrecken Quelle: Eigene Zusammenstellung Im Grunde ergibt sich immer dann, wenn ein Unternehmen Leistungen aus mindestens zwei dieser Produktgruppen bereitstellt, die Notwendigkeit einer disaggregier- 58 ten Kapitalkostenermittlung. Am offensichtlichsten wird diese Notwendigkeit bei vertikal integrierten Anbietern, die z.B. in der Telekommunikation oder im Energieund Bahnbereich nach wie vor eine wichtige Rolle spielen (vgl. Knieps 2007: S. 24 f.). Nachdem in diesem Kapitel die konzeptionellen Grundlagen entscheidungsrelevanter Kosten dargestellt und die disaggregierte Kapitalkostenermittlung als Problembrennpunkt herausgearbeitet wurden, steht in den nachfolgenden Kapiteln die ökonomische Fundierung disaggregierter Kapitalkosten im Mittelpunkt.

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Zusammenfassung

Für die in liberalisierten Netzindustrien aktiven Unternehmen sind Kosteninformationen insbesondere bei Preis- und Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus interessieren sich in zunehmendem Maße die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger für die Kosten der Netze, vor allem bei der Regulierung von Marktmacht und der Bestellung defizitärer Netzleistungen. Dies erfordert eine auf anerkannten ökonomischen Prinzipien basierende entscheidungsorientierte Kostenermittlung, die durchgängig und konsistent in allen Netzbereichen – seien sie nun wettbewerblich, reguliert oder subventioniert – anwendbar ist. Die vorliegende Habilitationsschrift will hierfür eine systematische methodische Grundlage legen.

Im Mittelpunkt steht die disaggregierte Ermittlung der Kapitalkosten. Es wird aufgezeigt, dass das Deprival value-Konzept bei der Kapitalkostenermittlung eine zentrale Rolle spielt. Darauf aufbauend wird ein analytischer Rahmen entwickelt, der das Zusammenspiel von Regulierung und Subventionierung (z.B. bei defizitären Eisenbahninfrastrukturen) normativ begründen kann.