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Hans-Jörg Weiß, Kapitalkosten in:

Hans-Jörg Weiß

Entscheidungsorientiertes Costing in liberalisierten Netzindustrien, page 40 - 43

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4061-4, ISBN online: 978-3-8452-1481-8 https://doi.org/10.5771/9783845214818

Series: Freiburger Studien zur Netzökonomie, vol. 16

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40 preise, aber die durchschnittliche Lebensdauer und der Treibstoffverbrauch sind bei allen identisch. In diesem Fall sind die Anschaffungspreise entscheidungsrelevant, die erwarteten zukünftigen Treibstoffkosten dagegen nicht, weil sie nicht alternativenspezifisch sind. Das Kriterium der Einzelzurechenbarkeit ist insbesondere bei den so genannten Gemeinkosten verletzt. Alle Versuche eine Zurechenbarkeit im Rahmen so genannter Gemeinkostenschlüsselungen künstlich herstellen zu wollen, sind dem Vorwurf der Willkür ausgesetzt (vgl. Baumol/Koehn/Willig 1987). Die Ermittlung entscheidungsrelevanter Kosten ist unvereinbar mit der Schlüsselung von Gemeinkosten. Die Kritik an solchen Verfahren der Kostenallokation hat denn auch eine lange Tradition.39 Schon Clark (1923) hat das zentrale Argument gebracht, warum Gemeinkostenschlüsselungen aus ökonomischer Sicht überflüssig oder gar schädlich sind: Die Elastizitäten der Nachfragergruppen des Unternehmens müssen einbezogen werden (vgl. Knieps 2008a: S. 232 f.). Durch die Einbeziehung der Nachfrageelastizitäten zur Deckung von Gemeinkosten wird jedoch die – bereits eingangs dieses Abschnitts markierte – konzeptionelle Grenze zwischen relevanten Kosten und relevanten Erlösen überschritten. 3.2 Grundsätzliche Probleme bei der Ermittlung entscheidungsrelevanter Kosten Die beiden in diesem Abschnitt vorgestellten Probleme sind allgemeiner Natur, d.h. stellen sich nicht nur in Netzen. Es wird sich aber später noch zeigen (Abschnitt 3.3), dass diese Probleme auch und gerade in Netzen von besonderer Bedeutung sind. 3.2.1 Kapitalkosten Die entscheidungsrelevanten Kosten eines Unternehmens lassen sich grob in zwei Arten unterteilen (vgl. Knieps 2003c: S. 18-20): • Prozesskosten: Personaleinsatz, Materialverbrauch und andere operative Inputs; • Kapitalkosten: Abschreibung und Verzinsung des eingesetzten Kapitals. In Theorie und Praxis gilt die Ermittlung der Kapitalkosten als das vergleichsweise schwierigere Problem. Das Schwierige daran ist ihre Periodisierung. Ein Beispiel ist der Kauf einer neuen Druckmaschine durch eine Druckerei zum Zeitpunkt t = 0. Nehmen wir an, diese Maschine habe bei optimaler Auslastung und regelmäßiger Wartung eine geschätzte wirtschaftliche Lebensdauer von T Perioden. Die Beschaffung der Maschine gegen Entgelt (Bestandsgröße) stellt für sich genommen einen Transfer von Eigentumsrechten zwischen Maschinenhersteller und Druckerei zum 39 Auch Coase hat die nachteiligen Folgen von Gemeinkostenschlüsselungen anhand eines Beispiels demonstriert (vgl. Coase 1952: S. 112-115). 41 Zeitpunkt t = 0 dar, aber noch keine Kosten im ökonomischen Sinne. Die eigentlichen Kosten im Zuge des Maschineneinsatzes (Stromgröße) fallen erst in den Perioden 1 ? t ? T an. Das Problem der Periodisierung besteht nun darin, Bestandsgrößen und Stromgrößen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen (vgl. Diewert 2005: S. 480). In der traditionellen Produktions- und Kostentheorie wird das Periodisierungsproblem weitgehend ausgeklammert, indem Inputmengen und Inputpreise von vornherein als periodenbezogene Größen aufgefasst werden (vgl. Enke 1962). Periodisierte Prozesskosten40 und periodisierte Kapitalkosten werden dann summiert zu periodisierten Gesamtkosten (vgl. Pindyck/Rubinfeld 2005: S. 311 f.): rKwLC += . Dabei bedeuten: C = Gesamtkosten der Produktion einer bestimmten Gütermenge in einem Jahr41, w = Lohnsatz pro Arbeitsstunde, L = Anzahl der Arbeitsstunden pro Jahr, r = Mietsatz pro Maschinenstunde; K = Anzahl der Maschinenstunden pro Jahr. Der Mietsatz r ist eine stark verdichtete Größe, hinter der zudem die Annahme eines wettbewerblichen Mietmarkts steht, auf dem der Mietsatz genau die Kapitalkosten widerspiegelt.42 Aus der Sicht eines tatsächlichen oder hypothetischen Vermieters besteht ein kostendeckender Mietsatz r aus den Komponenten Abschreibung und Verzinsung, die sich jeweils wieder in zwei Teilkomponenten aufspalten lassen (vgl. Tabelle 3.2). Der ex ante erwartete Wertverzehr des eingesetzten Kapitals entspricht der ökonomischen Abschreibung (vgl. Hotelling 1925). Abschreibungen lassen sich in eine nutzungsabhängige Komponente (z.B. nutzungsbedingter Verschleiß) und eine zeitabhängige Komponente (z.B. Obsoleszenz) unterteilen (vgl. Enke 1962). Nach der modernen Finanzmarkttheorie entspricht die ex ante erwartete Verzinsung des eingesetzten Kapitals der Renditeforderung der Kapitalgeber (Cost 40 Üblicherweise reduziert auf den Inputfaktor Arbeit. 41 Um deutlich zu machen, dass es bei der Güterproduktion um die Relation von Mengeneinheiten zu Zeiteinheiten geht, hat H. v. Stackelberg dafür den Begriff "Produktionsgeschwindigkeit" vorgeschlagen (vgl. Stackelberg 1932: S. 337), der sich allerdings nicht durchsetzen konnte. 42 Für die Zwecke der traditionellen Produktions- und Kostentheorie erscheint diese Verdichtung ausreichend: "Viele Lehrbücher nehmen einfach an, dass das gesamte Kapital zu einem Mietsatz r angemietet wird. Wie wir gerade aufgezeigt haben, ist dies eine angemessene Annahme. Allerdings sollte der Leser nun auch verstehen, warum diese Annahme angemessen ist: Gekauftes Kapital kann so behandelt werden, als wäre es zu einem den Kapitalnutzungskosten entsprechenden Mietsatz gemietet" (Pindyck/Rubinfeld 2005: S. 312, Hervorhebungen wie im Original). 42 of capital43), die sich ebenfalls in zwei Komponenten unterteilen lässt, eine zeitabhängige und eine risikoabhängige (vgl. Modigliani/Miller 1958).44 Tabelle 3.2: Komponenten der Kapitalkosten nutzungsabhängig Abschreibung zeitabhängig zeitabhängig Kapitalkosten Verzinsung risikoabhängig Quelle: Eigene Zusammenstellung Die beiden zeitabhängigen Komponenten der Kapitalkosten sind aus ökonomischer Sicht die eigentlichen Wurzeln der Probleme bei ihrer Ermittlung. Es handelt sich um das in der Kapitaltheorie schon im 19. Jahrhundert kontrovers diskutierte Problem der zeitlich verbundenen Produktion, einem Spezialfall der Kuppelproduktion (vgl. Hicks 1972: S. 92 f. und Burmeister 1974: S. 418 f.).45 In einem Kuppelproduktionsprozess nach herkömmlichem Begriffsverständnis resultieren aus einem Input (bzw. einer Inputkombination) unterschiedliche Outputs (Mehrproduktfall), und zwar mehr oder weniger gleichzeitig. Es handelt sich um einen speziellen Verbundvorteil der gleichzeitigen Produktion mehrerer Güter in einem Unternehmen. Die Kosten der Kuppelproduktion stellen Verbundkosten dar, die den einzelnen Outputs nicht direkt zugordnet werden können (vgl. Knieps 2008a: S. 232). Bei der zeitlich verbundenen Produktion dagegen resultieren aus einem Kapitalinput (z.B. einer Maschine) sequentiell Outputs (Ein- oder Mehrproduktfall) in unterschiedlichen Perioden. Die Kapazität des Kapitalinputs kann nicht von Periode zu Periode variiert werden, sondern ist – bezogen auf die Perioden – in 43 Zu dieser engeren Verwendung des englischen Begriffs Cost of capital in der Finanzmarkttheorie vgl. Armitage (2005: S. 147). Um Missverständnissen vorzubeugen, wird der englische Begriff auch in der vorliegenden Arbeit ausschließlich zur Kennzeichnung der Verzinsungskomponente der Kapitalkosten verwendet. 44 Auf die Abschreibungen und die Zinskosten wird ausführlich in den nachfolgenden Kapiteln 4 und 5 eingegangen. Im vorliegenden Kapitel 3 sollen zumindest die Dimensionen der Kapitalkostenproblematik bereits umrissen werden. 45 Die zeitliche Dimension stand von Anfang an im Mittelpunkt der österreichischen Kapitaltheorie. Eugen von Böhm-Bawerk hat das zeitliche Auseinanderfallen von Kapitalbildung und Kapitalinanspruchnahme in einer Volkswirtschaft als Produktionsumweg interpretiert: "Das Kapital aber ist nichts anderes als der Inbegriff der Zwischenprodukte, die auf den einzelnen Etappen des ausholenden Umweges zur Entstehung kommen" (Böhm-Bawerk 1921: S. 16). Der Produktionsumweg via Kapital hat einen zentralen Vorteil: Quantität und Qualität der produzierten Güter und Dienstleistungen lassen sich steigern. Dem steht ein zentraler Nachteil gegenüber: Wie jeder Umweg verlangt auch ein Produktionsumweg ein "Opfer an Zeit" (Böhm-Bawerk 1921: S. 111). 43 fixen Proportionen gegeben.46 Aus dieser Perspektive betrachtet handelt es sich bei den beiden zeitabhängigen Komponenten der Kapitalkosten um intertemporale Verbundkosten. Die Herausforderung für das Costing besteht darin, diese Kostenkomponenten ökonomisch fundiert zu periodisieren, ohne die Grenzen zum Pricing zu überschreiten (vgl. Knieps 2007: S. 15). 3.2.2 Kostenallokation Die Abbildung der Kosten in Abhängigkeit vom Output in Form einer Kostenfunktion C(y) steht im Mittelpunkt der ökonomischen Kostentheorie.47 Dabei gilt es zwei Fälle zu unterscheiden: • Einproduktfall: die Mengenvariable y ist ein Skalar; • Mehrproduktfall: die Mengenvariable y ist ein Vektor (y1, ..., yn). Der Mehrproduktfall gilt als der praktisch relevantere aber konzeptionell schwierigere Fall.48 Die Schwierigkeit besteht darin, das bzw. die für die jeweilige Entscheidungssituation relevante(n) Kostenkonzept(e) auszuwählen. Ein Beispiel aus der Praxis der Kartellbehörden soll die Auswahlproblematik verdeutlichen. Fluggesellschaft A bezichtigt Fluggesellschaft B der Kampfpreisunterbietung (vgl. Knieps 2008a: Kap. 8) auf der Fluglinie XY. B setze in der Business Class gezielt "Unter- Kosten-Preise", um A vom Markt zu verdrängen. Die Kartellbehörden mögen einschreiten und dafür sorgen, dass die Kosten nicht mehr unterschritten werden. Aus der Perspektive des Konzepts der entscheidungsrelevanten Kosten stellt sich sofort die Frage: Welche Kosten (und von was) sind hier relevant? Wenn die Kartellbehörde den Fall näher untersucht49, dann muss sie diese Frage klären, bevor sie entsprechende Kosteninformationen von den beteiligten Unternehmen einfordert (vgl. Baumol 1996). 46 "Whenever a machine or a building or another piece of fixed capital is used in the production process we have to deal with a production process involving joint products. We can no longer separate completely the production process leading to the production of final outputs in period 1 and the production process producing final outputs in another period, if the same machine is used in these two production process. Final outputs of different periods therefore become joint products" (Weizsäcker 1971: S. 67). Auf dieser Analogie zur Kuppelproduktion beruht auch das Modell der Spitzenlasttarifierung (vgl. Knieps 2008a: S. 225-231). 47 "[T]he most important thing about costs is the extent to which they change with output" (Edwards 1952: S. 90). 48 Die traditionelle Produktions- und Kostentheorie hat den Einproduktfall ins Zentrum der Analyse gestellt (vgl. Viner 1932, Stackelberg 1932 und Gutenberg 1953). Die konzeptionellen Schwierigkeiten bei der Übertragung auf den Mehrproduktfall beginnen bereits bei der Unmöglichkeit, die Gesamtkosten durch einen Vektor zu teilen. Damit entfällt die Möglichkeit zur Ableitung von kurz- und langfristigen Durchschnittskostenkurven, die wesentliche Bestandteile der traditionellen Kostenanalyse im Einproduktfall sind (vgl. Pindyck/Rubinfeld 2005: S. 380, Abb. 8.13). 49 Zum zweistufigen Vorgehen bei der Aufdeckung von Kampfpreisunterbietung vgl. Joskow/Klevorick (1979).

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Zusammenfassung

Für die in liberalisierten Netzindustrien aktiven Unternehmen sind Kosteninformationen insbesondere bei Preis- und Investitionsentscheidungen von zentraler Bedeutung. Darüber hinaus interessieren sich in zunehmendem Maße die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger für die Kosten der Netze, vor allem bei der Regulierung von Marktmacht und der Bestellung defizitärer Netzleistungen. Dies erfordert eine auf anerkannten ökonomischen Prinzipien basierende entscheidungsorientierte Kostenermittlung, die durchgängig und konsistent in allen Netzbereichen – seien sie nun wettbewerblich, reguliert oder subventioniert – anwendbar ist. Die vorliegende Habilitationsschrift will hierfür eine systematische methodische Grundlage legen.

Im Mittelpunkt steht die disaggregierte Ermittlung der Kapitalkosten. Es wird aufgezeigt, dass das Deprival value-Konzept bei der Kapitalkostenermittlung eine zentrale Rolle spielt. Darauf aufbauend wird ein analytischer Rahmen entwickelt, der das Zusammenspiel von Regulierung und Subventionierung (z.B. bei defizitären Eisenbahninfrastrukturen) normativ begründen kann.