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Christian Bochmann, Trends der formellen Reaktion in:

Christian Bochmann

Entwicklung eines europäischen Jugendstrafrechts, page 42 - 43

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4057-7, ISBN online: 978-3-8452-1343-9 https://doi.org/10.5771/9783845213439

Series: Kieler Rechtswissenschaftliche Abhandlungen (NF), vol. 56

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42 „Spontanbewährung“.164 Aber auch das Verhalten der Mehrfachtäter zieht nicht zwangsläu? g eine kriminelle Karriere nach sich. Neuere Forschungsergebnisse aus Deutschland zeigen jedenfalls, dass auch bei dieser kleinen Gruppe die Beendigung der kriminellen Karriere nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Auch bei den Intensivtätern kann eine Spontanbewährung als „turning point“ bereits in der frühen bzw. mittleren Jugendphase beobachtet werden.165 In diesem Zusammenhang ist – unabhängig davon, ob man polizeiliche Registrierungen oder Verurteilungen als Indikator heranzieht – auf die sog. „Alterskriminalitätskurve“ hinzuweisen. Grob vereinfacht besagt sie, dass die Kriminalitätsbelastung vor allem bei jungen Männern bis zum 18. oder 21. Lebensjahr steil ansteigt, um dann bis zum 25. oder 30. Lebensjahr ebenfalls steil abzufallen und danach allmählich zu sinken. Die nachfolgende Graphik veranschaulicht das am Beispiel der Tatverdächtigenbelastung der Deutschen bei Straftaten:166 Die Alterskriminalitätskurve ist ein weltweit zu beobachtendes Phänomen; ihre Struktur gehört zu den sichersten Befunden in der Kriminologie.167 3.3 Trends der formellen Reaktion Der internationale Vergleich der formellen Reaktionen zeigt bemerkenswert identische Phänomene in der Entwicklung und Struktur. Man muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass auch Justizstatistiken nicht den tatsächlichen Umfang der Kriminalität ab- 164 Eisenberg, Kriminologie, 2005, § 44 Rn 26 ff; Kunz, Kriminologie, 2004, S. 290 ff. 165 Boers/ Walburg/ Reinecke MschrKrim 2006, 75; Stelly/ Thomas ZJJ 2006, 45 ff. 166 TVBZ pro 100000 Einwohner derselben Altersgruppe; Quelle: PKS 2006, S. 98. 167 Stelly/ Thomas, Kriminalität im Lebenslauf, 2005, S. 61 (Fn 43). 43 bilden, sondern lediglich Auskunft über die formelle (strafrechtliche) Reaktion auf Kriminalität geben.168 So gesehen halten sie auf den verschiedenen Verfahrensstufen die Bearbeitungsergebnisse von Kriminalität fest. Im Verfahren hängt es von den Entscheidungen der Institutionen der formellen Verbrechenskontrolle (Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht) ab, ob und wie Fälle erledigt werden oder weiter im formellen System einschließlich einer Hauptverhandlung, Verurteilung und Inhaftierung verbleiben. Hier treten größere Diskrepanzen zwischen West-Europa und Ost-Europa auf. In West-Europa erfolgt eine Art Aus? lterungsprozess, im Verlaufe dessen die meisten Fälle erledigt werden, bevor es zu einer Gerichtsverhandlung, Verurteilung oder gar Inhaftierung kommt. Von Stufe zu Stufe wird die Zahl der Fälle drastisch weniger, sodass sich plastisch das Bild eines Trichters ergibt, der nach unten hin immer schmaler wird – so genanntes „Trichtermodell“.169 In Ost-Europa ? ndet ein solcher Selektionsprozess seltener statt.170 Das heißt, diejenigen, die einer Straftat verdächtigt werden, verbleiben gewöhnlich innerhalb des formellen Instanzensystems bis zur Verurteilung – so genanntes „Tunnelmodell“171. 3.4 Trends der Jugendkriminalpolitik Zum Aufgabenbereich der Kriminologie zählen nicht nur die Erforschung der „Jugendkriminalität als gesellschaftliches Phänomen“, also Ursachen, Erscheinungsformen, Umfang und Entwicklung. Gerade auf dieser Ebene gehört zu ihrem Aufgabenbereich auch die Beobachtung und Beein? ussung der Kriminalpolitik, also die Erforschung der „Reaktion auf Jugendkriminalität als gesellschaftliches Phänomen“. Unter diesem Blickwinkel haben die dargelegten – europaweit ähnlichen – Befunde zur Jugendkriminalität zu verschiedenen jugendkriminalpolitischen Reaktionen innerhalb Europas geführt. Vor allem in England, Frankreich und den Niederlanden wurde das Jugendstrafrecht mit repressiven Elementen verschärft.172 In England erfolgten die Reformen in den späten 90er Jahren unter dem Obersatz „getting tough on crime and on the causes of crime“ („hart zum Verbrechen und seinen Ursachen“) aufgrund des Konsultationspapiers „tackling youth crime“173 („Jugendkriminalität in Angriff nehmen“) und des White Papers „no more excuses“174 („keine weiteren Entschuldigungen“). Die Grundüberlegung lautet „nipping offending in the bud“175, also „Straf- 168 Ähnlich Bock, Kriminologie, 2000, S. 116 f. 169 Kaiser, Kriminologie, 1996, S. 362. 170 Dazu Dünkel, Entwicklungen der Jugendkriminalität und des Jugendstrafrechts in Europa, 2004, S. 19. 171 „Funnel-system“, s. Stevens/ Kessler/ Gladstone, Review of Good Practices in Preventing Juvenile Crime in the European Union, 2006, S. 18. 172 Im Einzelnen s. Kap. 7. 173 Abrufbar unter www.homeof? ce.gov.uk/docs/tyc.html. 174 Abrufbar unter www.homeof? ce.gov.uk/docs/nme.html. 175 S. Home Of? ce, Tackling Youth Crime, 1997, Introduction, Context.

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Zusammenfassung

Die Jugendstrafrechtssysteme in Europa sind sehr verschieden. Anhand des Rechtsvergleichs und der Rechtsentwicklung in der EU und mittels der Völkerrechtsinstrumente zur Jugendgerichtsbarkeit formuliert der Autor Elementarteile eines Europäischen Jugendstrafrechts. Behandelt werden:

• Konzeption und Zielsetzung

• Alter und Prüfung der Strafbarkeit

• der Umgang mit jungerwachsenen Tätern

• Diversion und Entkriminalisierung

• der Sanktionskatalog nebst Freiheitsentzug

Neben einer Analyse von Trends in der Jugendkriminalität und kriminologischer Erklärungsansätze werden die Wünschbarkeit und Zweckmäßigkeit einer gemeineuropäischen Rahmenstrategie im Jugendstrafrecht erörtert sowie Harmonisierungswege für die europäische Integration aufgezeigt.

Die Arbeit bündelt verstreute Reformansätze auf nationaler und internationaler Ebene zu einem neuen Anlauf. Sie hilft, eine zeitgemäße und angemessene Reaktion auf die verschiedenen Formen der Jugenddelinquenz zu erarbeiten. Sie richtet sich an Wissenschaftler, Politiker und Praktiker im Jugendrecht.

Der Autor war Doktorand und Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Jugendstrafrecht und Kriminalprävention der Christian-Albrechts-Universität Kiel.