Content

Christian Bochmann, Trends der Jugendkriminalität in:

Christian Bochmann

Entwicklung eines europäischen Jugendstrafrechts, page 36 - 42

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4057-7, ISBN online: 978-3-8452-1343-9 https://doi.org/10.5771/9783845213439

Series: Kieler Rechtswissenschaftliche Abhandlungen (NF), vol. 56

Bibliographic information
36 3.2 Trends der Jugendkriminalität Es ist problematisch, valide Aussagen zur Jugendkriminalität in Europa zu machen. Folgendes kann vorweggestellt werden: Europaweit wird von einer quantitativen Zunahme der Jugendkriminalität im Allgemeinen und von einer qualitativen Zunahme der Gewaltkriminalität im Besonderen in den 90er Jahren berichtet.140 Diese Beobachtungen werden von einer Längsschnittuntersuchung141 zur Gesamtentwicklung der Jugendkriminalität in Europa getragen, die den Zeitraum von 1950 bis 1995 abdeckt, und die sich hauptsächlich aus polizeilichen Daten, aber auch aus Erkenntnissen über Täter- und Opferbefragungen142 speist. Die Beobachtungen lassen sich plastisch veranschaulichen durch zwei europäische Vergleichsstatistiken zu Häu? gkeitszahlen von Raub/ räuberischer Erpressung und von sexueller Gewalt (Rape) für die Jahre 1995 und 2000, wobei zu beachten ist, dass diese nicht spezi? sch auf Jugendkriminalität zugeschnitten sind. Polizeilich registrierte Fälle von Raub/räuberischer Erpressung, Häu? gkeitszahlen im europäischen Vergleich:143 140 Zusammenfassend Dünkel, Entwicklungen der Jugendkriminalität und des Jugendstrafrechts in Europa, 2004, S. 3 f. 141 Von Estrada European Journal on Criminal Policy and Research 1999, 23 ff, (35 ff). 142 Sog. „self report studies“ bzw „victim surveys“. 143 Quelle: BMI/ BMJ (Hrsg.), 2. PSB, 2006, S. 48. 37 Polizeilich registrierte sexuelle Gewalt (Rape), Häu? gkeitszahlen im europäischen Vergleich:144 Den Statistiken der EU-Mitgliedsstaaten zufolge macht die Jugendkriminalität im Durchschnitt 15%, in einigen Ländern auch bis zu 22% der sichtbaren Gesamtkriminalität aus.145 Demnach geht ein verhältnismäßig großer Teil der gesamten registrierten Kriminalität auf das Konto von jungen Menschen. Für eine Analyse kann auch das vom Europarat herausgegebene „European Sourcebook of Crime and Criminal Justice Statistics“146 herangezogen werden. Es enthält Datenmaterial zu polizeilich registrierten Straftaten. Bezogen auf die 90er Jahre lässt dieses innerhalb der damals 15 EU-Mitgliedsstaaten qualitativ eine Abnahme von Vermögensdelikten und einen generellen Anstieg von Gewaltdelikten (Raub, Körperverletzung) erkennen. Die Staaten des ehemaligen Ostblocks registrierten dagegen in den frühen 90er Jahren eine sprunghafte Kriminalitätszunahme in allen Deliktsbereichen, wobei sich die Lage dort in den späten 90er Jahren stabilisierte. Das „European Sourcebook“ – und die oben angeführten Quellen – enthalten nur Datenmaterial bis zum Jahr 2000. Fraglich ist, wie sich die Jugendkriminalität fortentwickelt hat. Kriminalstatistiken sind dafür ein wesentliches Erkenntnismittel. Der Begriff „Kriminalstatistik“ umfasst alle amtlichen Statistiken, in denen die Ergebnisse staatlicher Ermittlungs- und Straf- 144 Quelle: BMI/ BMJ (Hrsg.), 2. PSB, 2006, S. 48. 145 Stellungnahme des EWSA, Ziffer 1.4. 146 Europarat (Hrsg.), European Sourcebook of Crime and Criminal Justice Statistics, 2003. 38 verfolgungstätigkeit erfasst werden.147 So verstandene Statistiken existieren mehr oder weniger in jedem Mitgliedsstaat der Europäischen Union. Aus der Masse an Statistiken sind wiederum polizeiliche Kriminalstatistiken von besonderem Interesse. Diese genießen von allen Kriminalstatistiken die größte Publizität, weshalb sie maßgeblich das Bild der Öffentlichkeit von der Kriminalität in der Gesellschaft bestimmen. Bei einem länderübergreifenden europäischen Vergleich der Kriminalstatistiken müssen folgende Punkte beachtet werden: Die Statistiken werden in jedem Land anders erstellt. Internationale Standards existieren weder zur Erstellung, noch zum Inhalt, noch zur Präsentation. Das beeinträchtigt die Vergleichbarkeit, hebt sie aber nicht auf. Die einzelstaatlichen Kriminalstatistiken enthalten bereits für sich alleine betrachtet Unsicherheitsfaktoren und Fehlerquellen,148 die sich auf dem Level des zwischenstaatlichen Vergleichs potenzieren: Naturgemäß wird nur die sichtbare Kriminalität, das „Hellfeld“ gezeigt. Das „Dunkelfeld“ wird nicht erfasst. Das Dunkelfeld149 ist der wesentlichste Unsicherheitsfaktor der Kriminalstatistik und stellt als solcher eins der Hauptprobleme der Kriminologie dar. Unter dem Begriff „Dunkelfeld“ versteht man die Summe jener Delikte, die nicht bekannt werden und folglich auch nicht in einer Statistik auftauchen können. Die Dunkelfeldforschung zielt darauf ab, das Dunkelfeld aufzuhellen, seine Größe zu bestimmen. Die Größe des Dunkelfeldes, also das Verhältnis der bekannt gewordenen zu den nicht bekannt gewordenen Delikten, wird schließlich mit der „Kriminalitätsdunkelziffer“ beschrieben. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialrat geht in seiner Stellungnahme davon aus, dass die Kriminalitätsdunkelziffer gerade bei der Jugendkriminalität sehr hoch sein dürfte.150 Das sei darauf zurückzuführen, dass es sich bei den von Jugendlichen begangenen Straftaten generell um geringfügige Delikte handle und die Opfer häu? g auch minderjährig und wenig geneigt seien, die Hilfe der staatlichen Instanzen in Anspruch zu nehmen.151 Faktoren, die das Dunkelfeld beein? ussen können, sind zum Beispiel das Anzeigeverhalten der Bürger sowie die Zahlenstärke und Präsenz der Polizei in einem Land. Beide Faktoren können von Staat zu Staat variieren. Das nachfolgende Schaubild zeigt die Varianz der Polizeidichte in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union: 147 Bock, Kriminologie, 2000, S. 116. 148 S. dazu Kunz, Kriminologie, 2004, § 27. 149 Zum Ganzen Kunz, Kriminologie, 2004, § 29. 150 Stellungnahme des EWSA (ABl. C 110/75), Ziffer 1.4. 151 Stellungnahme des EWSA (ABl. C 110/75), Ziffer 1.4. 39 Polizei in Mitgliedsstaaten der EU – Beamte je 100.000 Einwohner im Schnitt der Jahre 1999 – 2001:152 152 Quelle: BMI/ BMJ (Hrsg.), 2. PSB, 2006, S. 54 unter Bezugnahme auf Barclay/ Tavares, International Comparisons of Criminal Justice Statistics, 2003. 40 Gerade polizeiliche Kriminalstatistiken machen in ihrer Eigenschaft als „Eingangsstatistiken“ keine Aussagen darüber, wie das Verfahren weiterläuft. Freisprüche und Verfahrenseinstellungen bleiben also unberücksichtigt. Auf zwischenstaatlicher Ebene kann hier die Spruch- und Einstellungspraxis erheblich differieren. Auf nationaler Ebene werden eventuelle Gesetzesänderungen nicht berücksichtigt. Auf zwischenstaatlicher Ebene entsprechen sich die Gesetze nicht. Behält man die genannten Problempunkte im Hinterkopf, gibt die nachfolgende Tabelle jedenfalls eine Idee davon, wohin der Trend der Jugendkriminalität ab dem Jahr 2000 nach den Statistiken geht: Quantitative Entwicklung der Jugendkriminalität seit 2000 (Quelle: amtliche (polizeiliche) Statistiken der EU-Mitgliedsstaaten) EU-Mitgliedsstaat Entwicklung153 Quelle Belgien ? www.statbel.fgov.be/? gures/d352_nl.asp#2 Bulgarien ? www.csd.bg/artShow.php?id=4965 Dänemark = www.dst.dk Deutschland - www.bka.de England - www.homeof? ce.gov.uk Estland = www.stat.ee Finnland = www.om.? Frankreich = www.justice.gouv.fr Griechenland = www.statistics.gr Irland + www.cso.ie Italien ? www.istat.it Lettland = www.csb.lv/avidus.cfm Litauen = www.stat.gov.lt Luxemburg ? Malta ? Niederlande - www.cbs.nl Österreich + www.bmi.gv.at Polen - www.policja.pl Portugal = www.ine.pt/index_eng.htm Rumänien - www.inesse.ro Schweden = www.bra.se Slowakei = www.statistics.sk Slowenien - www.stat.si Spanien - www.ine.es Tschechien - www.czso.cz/eng/ Ungarn = www.ksh.hu Zypern = www.police.gov.cy 153 Zeichenerklärung: (=) gleichgeblieben; (+) angestiegen; (-) gesunken; (?) kein (getrenntes) Datenmaterial. 41 Die Tabelle zeigt, dass sich die Jugendkriminalität innerhalb der Europäischen Union seit dem Jahr 2000 in quantitativer Hinsicht nicht signi? kant verändert hat.154 Nur zwei Länder verzeichnen nach den of? ziellen Statistiken einen Anstieg der Jugendkriminalität.155 Während sie in acht Mitgliedsstaaten seit der Jahrtausendwende sogar gesunken ist,156 ist sie in der Mehrzahl von zwölf Mitgliedsstaaten annähernd gleich geblieben.157 Die statistische Feststellung der quantitativen Konstanz wird von der Dunkelfeldforschung untermauert: Nach der „International Self-Report Delinquency Study“158 von 2003, einer europaweit angelegten Untersuchung zur selbstberichteten Delinquenz, blieb das Ausmaß der Jugendkriminalität im letzten Jahrzehnt in den meisten europäischen Ländern unverändert. Eine weitere Feststellung aus der Dunkelfeldforschung ist die, dass sich in vielen EU-Mitgliedssaaten eine kleine Gruppe so genannter „Intensiv“- bzw. „Mehrfachtäter“ herauskristallisiert, die für den Großteil der Kriminalität ihrer Altersgruppe verantwortlich ist.159 In England beispielsweise zeigen entsprechende Untersuchungen, dass 10% der Straftäter für die Hälfte aller begangenen Straftaten und ca. 3% der 14bis 25-Jährigen für ein Viertel verantwortlich sind.160 In Deutschland zeichnen sich ca. 5% dieser Intensivtäter für über 50% der Kriminalität verantwortlich.161 Annähernd gleiche Prozentsätze können für Frankreich angegeben werden. Dort begehen 5% der 13- bis 19-Jährigen in ihrer Geburtskohorte 55 bis 85% der Straftaten.162 Im Umkehrschluss – den europaweite Studien belegen – bedeutet dies, dass es sich bei Jugenddelinquenz in der Mehrzahl der Fälle um ein weitgehend normales, entwicklungsbedingtes Fehlverhalten handelt.163 Speziell für diese Mehrzahl der jungen Menschen gilt auch der kriminologische Grundsatz der „Episodenhaftigkeit“. Danach hört delinquentes Verhalten mit zunehmendem Alter von alleine auf – so genannte 154 Für fünf Länder (Belgien, Bulgarien, Italien, Luxemburg, Malta) existiert kein Datenmaterial bzw. in den Statistiken erfolgt keine Aufteilung nach Altersgruppen; so etwa in Belgien und Bulgarien. In Bulgarien ist die Kriminalität zwischen 2001 und 2004 insgesamt gesunken; s. Bezlov/ Gounev, Crime Trends in Bulgaria, 2005, S. 6. 155 Irland, Österreich. 156 Deutschland, England, Niederlande, Polen, Rumänien, Slowenien, Spanien, Tschechien. 157 Dänemark, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Lettland, Litauen, Portugal, Schweden, Slowakei, Ungarn, Zypern. 158 Junger-Tas/ Haen-Marshall/ Ribeaud (Hrsg.), Delinquency in an international perspective, 2003. 159 S. Sessar, in: Entwicklungstendenzen und Reformstrategien im Jugendstrafrecht im europäischen Vergleich, hrsg. von Dünkel/van Kalmthout/Schüler-Springorum, 1997, S. 67 ff. 160 Stevens/ Gladstone, Learning, not Offending, 2002; Graham/ Moore in: International Handbook of Juvenile Justice, hrsg. von Junger-Tas/Decker, 2006, S. 66 mwN. 161 Naplava BewHi 2006, 272; Heinz ZJJ 2008, 61: „3% – 9%“ 162 Wyvekens in: International Handbook of Juvenile Justice, hrsg. von Junger-Tas/Decker, 2006, S. 174. 163 Walter, Jugendkriminalität, 2005, S. 216 ff; Junger-Tas/ Haen-Marshall/ Ribeaud (Hrsg.), Delinquency in an international perspective, 2003. 42 „Spontanbewährung“.164 Aber auch das Verhalten der Mehrfachtäter zieht nicht zwangsläu? g eine kriminelle Karriere nach sich. Neuere Forschungsergebnisse aus Deutschland zeigen jedenfalls, dass auch bei dieser kleinen Gruppe die Beendigung der kriminellen Karriere nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Auch bei den Intensivtätern kann eine Spontanbewährung als „turning point“ bereits in der frühen bzw. mittleren Jugendphase beobachtet werden.165 In diesem Zusammenhang ist – unabhängig davon, ob man polizeiliche Registrierungen oder Verurteilungen als Indikator heranzieht – auf die sog. „Alterskriminalitätskurve“ hinzuweisen. Grob vereinfacht besagt sie, dass die Kriminalitätsbelastung vor allem bei jungen Männern bis zum 18. oder 21. Lebensjahr steil ansteigt, um dann bis zum 25. oder 30. Lebensjahr ebenfalls steil abzufallen und danach allmählich zu sinken. Die nachfolgende Graphik veranschaulicht das am Beispiel der Tatverdächtigenbelastung der Deutschen bei Straftaten:166 Die Alterskriminalitätskurve ist ein weltweit zu beobachtendes Phänomen; ihre Struktur gehört zu den sichersten Befunden in der Kriminologie.167 3.3 Trends der formellen Reaktion Der internationale Vergleich der formellen Reaktionen zeigt bemerkenswert identische Phänomene in der Entwicklung und Struktur. Man muss sich jedoch darüber im Klaren sein, dass auch Justizstatistiken nicht den tatsächlichen Umfang der Kriminalität ab- 164 Eisenberg, Kriminologie, 2005, § 44 Rn 26 ff; Kunz, Kriminologie, 2004, S. 290 ff. 165 Boers/ Walburg/ Reinecke MschrKrim 2006, 75; Stelly/ Thomas ZJJ 2006, 45 ff. 166 TVBZ pro 100000 Einwohner derselben Altersgruppe; Quelle: PKS 2006, S. 98. 167 Stelly/ Thomas, Kriminalität im Lebenslauf, 2005, S. 61 (Fn 43).

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Die Jugendstrafrechtssysteme in Europa sind sehr verschieden. Anhand des Rechtsvergleichs und der Rechtsentwicklung in der EU und mittels der Völkerrechtsinstrumente zur Jugendgerichtsbarkeit formuliert der Autor Elementarteile eines Europäischen Jugendstrafrechts. Behandelt werden:

• Konzeption und Zielsetzung

• Alter und Prüfung der Strafbarkeit

• der Umgang mit jungerwachsenen Tätern

• Diversion und Entkriminalisierung

• der Sanktionskatalog nebst Freiheitsentzug

Neben einer Analyse von Trends in der Jugendkriminalität und kriminologischer Erklärungsansätze werden die Wünschbarkeit und Zweckmäßigkeit einer gemeineuropäischen Rahmenstrategie im Jugendstrafrecht erörtert sowie Harmonisierungswege für die europäische Integration aufgezeigt.

Die Arbeit bündelt verstreute Reformansätze auf nationaler und internationaler Ebene zu einem neuen Anlauf. Sie hilft, eine zeitgemäße und angemessene Reaktion auf die verschiedenen Formen der Jugenddelinquenz zu erarbeiten. Sie richtet sich an Wissenschaftler, Politiker und Praktiker im Jugendrecht.

Der Autor war Doktorand und Mitarbeiter an der Forschungsstelle für Jugendstrafrecht und Kriminalprävention der Christian-Albrechts-Universität Kiel.