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Anke Neuber, Manfred Neumann: „Hab ich immer „Nein“ jesagt“ – Gewalt als Überforderung im Kontext biographischer Autonomiekonflikte in:

Anke Neuber

Die Demonstration kein Opfer zu sein, page 112 - 127

Biographische Fallstudien zu Gewalt und Männlichkeitskonflikten

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8329-4056-0, ISBN online: 978-3-8452-1251-7 https://doi.org/10.5771/9783845212517

Series: Interdisziplinäre Beiträge zur Kriminologischen Forschung, vol. 35

Bibliographic information
112 10. Manfred Neumann: „Hab ich immer „Nein“ jesagt“ – Gewalt als Überforderung im Kontext biographischer Autonomiekonflikte Manfred Neumann wird 1982 in einer ostdeutschen Kleinstadt geboren. Er wächst gemeinsam mit seinen Eltern, seinem sieben Jahre älteren Bruder sowie den Großeltern mütterlicherseits in einem Zweifamilienhaus auf. Sein Vater arbeitet als Schlosser, seine Mutter ist vor der politischen Wende in der DDR im Werkzeugbau erwerbstätig. Nach der Wende absolviert sie eine Weiterbildung zur Krankenschwester, findet jedoch keine Arbeit. Mit sieben Jahren wird Manfred eingeschult und wiederholt die erste Klasse. Nachdem er nach der vierten Klasse auf eine weiterführende Schule wechselt, wiederholt er die fünfte Klasse. Daraufhin wechselt er in die siebte Klasse einer Sonderschule. Zu dieser Zeit beginnt Manfred gemeinsam mit anderen Jugendlichen Autodiebstähle zu begehen und mit den gestohlenen Fahrzeugen ohne Fahrerlaubnis zu fahren. Er wird daraufhin mit 14 Jahren für fünf Wochen in Untersuchungshaft genommen. Seine Eltern stellen beim Jugendamt einen Antrag auf Hilfen zur Erziehung, woraufhin Manfred nach der Schule in einer Tagesgruppe untergebracht und wenig später ins Betreute Wohnen verlegt wird. 1998 wird er mit 16 Jahren zu insgesamt zwei Jahren Strafhaft verurteilt und inhaftiert. Während dieser Inhaftierung werden das Interview über die Hafterfahrungen (I) und das biographische Interview (II) mit ihm geführt. Die Entlassung erfolgt 1999 auf Bewährung. Manfred zieht zurück ins Betreute Wohnen und beginnt ein Berufsvorbereitungsjahr. Fünf Monate nach der Entlassung erfolgt der Bewährungswiderruf wegen gemeinschaftlichen Autodiebstahls. Während des siebenmonatigen Bewährungswiderrufs wird das erste Längsschnittinterview (III) in derselben Jugendhaftanstalt wie bei seiner Erstinhaftierung geführt. In dieser Zeit findet die Verhandlung statt und Manfred wird zu weiteren acht Monaten Strafhaft verurteilt. Kurz vor seiner Entlassung findet das zweite Längsschnittinterview (IV) statt. „und dann hab ich Antrag jestellt, dass ich von die Station runter will“ – institutionelle Hinwendung Manfred Neumann antwortet zu Beginn des Haftinterviews auf die Frage, wie er die Situation der Ankunft im Gefängnis erinnert, dass die Inhaftierung verbunden mit dem Eingesperrtsein ein „ganz komisches Gefühl“ (I) war. Im Anschluss daran erzählt er über die Verlegung auf eine Station und beschreibt: M: und da hab ich nach einem Monat dann e Fernseher jekriegt, ’n da hab ich mich auch da mit so anderen zusammenjelegt. I: hm M: so Jefangenen 113 I: hm M: und das mä Mittagessen hier und so das schmeckt eigentlich jar nich so richtig und ’s Abendbrot auch nich so. (I) Manfred orientiert sich in der Passage zunächst zeitlich („nach einem Monat“). Im weiteren Verlauf verlässt er diese Chronologie und springt zwischen verschiedenen Themen hin und her. Auffällig ist dabei, dass er auf der sprachlichen Ebene aktiv erzählt („hab ich mich auch da mit so anderen zusammenjelegt“), obwohl „zusammenjelegt“ grammatikalisch einen passiven Sprachgebrauch impliziert: Dieser betont aktive Selbstentwurf und die Beschreibung einer intentionalen Handlung geht in seiner Erzählung mit der Distanzierung von der Inhaftiertengruppe einher („so Jefangenen“). Manfred scheint um Aktivität und Handlungsfähigkeit im Gefängnis bei gleichzeitiger Distanzierung von der Gefangenengruppe zu ringen. An dieser Stelle wird in der Textpassage ein Bruch sichtbar: Manfred springt im Interview von den Inhaftierten zur Institution. Er übt Kritik an der Institution und in Form der Qualität des Essens. Die Kritik an den Mahlzeiten verweist darauf, dass Manfred sich scheinbar schlecht versorgt und im übertragenen Sinn nicht gut genährt fühlt. An einer anderen Sequenz im weiteren Verlauf des Interviews wird deutlich, dass die Mahlzeiten im Gefängnis eine wichtige Strukturierung des Tages darstellen: „geht al alles ganz gut hier. (I: hm) ’s Mittagessen so um halb eins rum, manchmal auch um zwölf“ (I). Aus dem Kontext der Textpassage wird deutlich, dass Manfred zunächst darüber spricht, dass er mit seinem Mitinhaftierten im Haftraum keine Konflikte hat („geht al alles ganz gut hier“). Im nächsten Schritt springt er in seiner Erzählung erneut zu der Beschreibung der versorgenden Struktur der Institution. Das Springen von der Inhaftiertengemeinschaft zur Institution gewinnt vor dem Hintergrund an Bedeutung, dass er im Interview über die Hafterfahrungen von Konflikten mit Mitinhaftierten erzählt. Manfred wird während der ersten Inhaftierung mehrfach Ziel verschiedener Unterdrückungsversuche durch andere Gefangene. Sie fordern ihn auf, bestimmte Dienste, wie beispielsweise den Abwasch, zu verrichten und stehlen sein Eigentum – auch unter Androhung von Gewalt. Manfred beschreibt sein Verhalten in einer dieser Situationen folgendermaßen96: Na die reden mich solang ein bis bis ich's mache, a' ich hab's nich gemacht. Hab ich immer „Nein“ jesagt (I: hm) und wollten da schon (?handgreiflich) übergehen (I: hm) und dann hab ich aa Antrag jestellt, dass ich von die Station runter will (I: hm) dann mußt' ich 'ne Stellungnahme schreiben (I: hm) da hab ich das auch reingeschrieben (I: hm) und dadurch bin ich jetz runterjekommen. (I) In der Textpassage fällt zunächst seine knappe und unvollständige Erzählweise auf. Es fehlen einzelne Wörter und die handelnden Subjekte bleiben nebulös. Be- 96 Der folgende Dialog ist im Originaltranskript so verschriftlicht, dass bei Manfred und der Interviewerin bei jeder Äußerung eine neue Zeile beginnt. Da an dieser Stelle jedoch bei der Interpretation nicht auf die Interaktion eingegangen wird, wird die Sequenz aus Platzgründen zusammengezogen. 114 sonders an der Stelle, als er darüber spricht, dass er sich den Aufforderungen widersetzt, bricht ihm die Sprache weg („a’“). Manfred wehrt sich zunächst gegen den Unterdrückungsversuch, indem er „immer „Nein““ sagt. Das Neinsagen kann als trotzige Reaktion oder als Verweigerung gelesen werden. Als ihm körperliche Gewalt droht („handgreiflich übergehen“), wendet er sich an die Institution. Er vertraut darauf, dass er Unterstützung und Hilfe erhält und gibt somit Verantwortung an die Institution ab. Zugleich macht er jedoch deutlich, dass er kein Opfer ist, denn er wendet sich an die Bediensteten des Gefängnisses. Im weiteren Verlauf der Textpassage wird deutlich, dass die Institution dafür sorgt, dass ihm keine Gewalt durch Mitinhaftierte droht, indem sie ihn auf der Station für besonders schutzbedürftige Insassen unterbringt. Zugleich reagiert Manfred mit Rückzug – und zwar mit einem räumlichen Rückzug: Er zieht sich in seinen Haftraum zurück und schützt sich somit vor weiteren Gefährdungen durch Mitinhaftierte. Die Strategie, sich in Situationen, in denen er sich durch Mitgefangene bedroht fühlt und damit überfordert ist, an die Institution zu wenden, hat Kontinuität im Längsschnitt. In beiden Längsschnittinterviews (III und IV), die jeweils ein Jahr später mit ihm ebenfalls in Haft geführt werden, erzählt Manfred über Versuche von Mitinhaftierten, ihn zum Opfer zu degradieren. Er wendet sich erneut mit Anträgen an die Institution, die dafür sorgt, dass er geschützt wird. Die zu Beginn bereits angeführte aktive Erzählweise Manfreds bei grammatikalischem Passiv taucht noch an weiteren Stellen im Interview über die Hafterfahrungen auf und erfährt vor dem eben angeführten eine neue Bedeutung: „jedenfalls hab ich mich dann äh Weilchen später auseinandejelegt mit dem. (I: ja) mit e andern Jefangenen auf'm Trakt zusammenjelegt“ (I). Manfred schreibt einen Antrag an die Institution mit der Bitte um Verlegung in einen anderen Haftraum. Indem er sich an die Institution und ihre Vertreter wendet, gerät er in eine passive Situation: Er ist abhängig von den institutionellen Entscheidungen. Dieses Dilemma zwischen seiner Aktivität (einen Antrag zu stellen) und der institutionellen Abhängigkeit scheint er sprachlich aufzulösen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Gewalt im Gefängnis für Manfred keine Handlungsressource darstellt. Wenn er sich bedroht fühlt, scheint er mit der Situation überfordert und wendet sich an die Institution. Er macht deutlich, dass er kein Opfer ist, gibt zugleich jedoch die Verantwortung für sein Handeln ab. Manfred wünscht sich, von der Institution geschützt und versorgt zu werden. Dieses Verhalten schützt ihn vorrübergehend vor den Gefährdungen in der Gefangenengemeinschaft und er weicht äußeren Konflikten aus. Im Folgenden wird die Bedeutung von Gewalt im Gefängnis als Ausdruck von Überforderung und seine institutionelle Orientierung, im Kontext der biographischen Konflikterfahrungen betrachtet. „äh (pustet) wie jetz?“ – Spuren von Überforderung Die Überforderung, die sich in Manfred Neumanns Erzählung über die Bedeutung von Gewalt im Gefängnis als Spur zeigt, wird auch in der Interviewsituation sicht- 115 bar. Eine genaue Betrachtung der Interaktion im Interview verdeutlicht, dass sich dort etwas reproduziert, das sich auch in der lebensgeschichtlichen Analyse finden lässt – seine Suche nach Orientierung. Dies wird im Folgenden an der Auftaktsequenz des biographischen Interviews (II) gezeigt, die exemplarisch für Manfreds Art und Weise ist, seine Lebensgeschichte zu erzählen. In den Interviews existieren wenige Passagen, in denen er über längere Abschnitte erzählt. Meist gleicht das Interviewtranskript einem verbalen Ping-Pong-Spiel, das durch seine kurzen Antworten geprägt ist. Die häufigen Wechsel in der Interaktion weisen daraufhin, dass es Manfred schwer fällt, auf die offenen Erzählimpulse einzugehen. Auf die Auftaktfrage nach Erinnerungen aus der Kindheit antwortet Manfred: M: Ja. (?von meiner Kindheit) jetz? I: ja hm. M: äh (pustet) wie jetz? wo ich jeboren bin und alles ab dem Tag. I: Ja wenn Sie wollen können Sie da anfangen. Ja. M: ich bin ja (?Ende) Oktober jeboren I: hmm M: äh aber ich hatte ja dann äh lag öfters mal im Krankenhaus (II) Manfred wirkt durch das wiederholte Nachfragen („von meiner Kindheit jetz?“ „Wie jetz?“) in dieser Passage zunächst unsicher und überfordert, zugleich verweist das „wie jetzt“ auch auf ein Moment von Aufmüpfigkeit. Die Überforderung mit dieser offenen Erzählsituation spiegelt sich in seinem Pusten gleich zu Beginn wieder, einem Ausdruck von Anstrengung und versuchtem Spannungsabbau. Die Anstrengung weist aber auch darauf hin, dass Manfred bemüht ist, zu erzählen (er strengt sich an) und sich unter Druck setzt (er ist angestrengt). Die Überforderung und der damit verbundene Druck setzen sich im Verlauf der Textpassage fort: Manfred versteht die Aufforderung der Interviewerin in dem Sinne, „alles ab dem Tag“ seiner Geburt erzählen zu müssen, womit er sich selbst überfordert und scheitern muss. Die zitierte Eingangssequenz aus dem biographischen Interview ist jedoch nicht nur auf der Ebene der Interaktion, sondern auch auf der inhaltlichen Ebene aussagekräftig. Um Orientierung in seine Erzählung zu bringen, unternimmt Manfred den Versuch, seine Biographie faktisch und chronologisch zu schildern – wie in einem tabellarischen Lebenslauf – und beginnt mit dem Tag seiner Geburt. Diesen gibt er jedoch im Gegensatz zu einem tabellarischen Lebenslauf nicht präzise mit Tag und Jahr an, sondern mit einem Zeitraum („Ende Oktober jeboren“). Gleich im Anschluss daran verlässt er die chronologische Erzählung und springt thematisch und nicht zeitlich: Er lag „öfters mal im Krankenhaus“. Die Zeitperspektive und die genaueren Hintergründe bleiben durch den assoziativen Sprung in seiner Erzählung zunächst unklar. Er begibt sich erneut auf die Suche nach einem Einstieg in seine Lebensgeschichte und führt eine Institutionenerfahrung an – das Krankenhaus. Auf- 116 fällig ist hierbei, dass Manfred in der Situation in Haft – sich somit in einer Institution befindend – seine Lebensgeschichte mit einer Institution beginnt. Die Spuren der Überforderung und der Bedeutung von Institutionen, die sich im Interviewauftakt seiner lebensgeschichtlichen Erzählung andeuten, setzen sich im Verlauf des Interviews fort, wenn er über seine Schulzeit spricht. Manfred wird mit sieben Jahren eingeschult und wiederholt die erste Klasse. Als Grund für die Wiederholung führt er längere Krankenhausaufenthalte kurz nach der Einschulung an. Nach der Rückversetzung in die erste Klasse hat er eine Klassenlehrerin, die er als unterstützend erlebt. Sie kümmert sich mit großem Einsatz um ihn und kooperiert eng mit seinen Eltern. Manfred erzählt über die Grundschulzeit kaum von Problemen, seine Schulschwierigkeiten setzen in seiner Erzählung mit dem Schulwechsel nach der vierten Klasse ein. Manfred wiederholt die fünfte Klasse und führt als Begründung an: M: da äh da gi gab's E war Englisch und alles I: hm M: die Englischlehrerin die hat immer mal Englisch gesprochen meistens I: hm M: und da bin ich nich richtig mitjekommen (I: hm) aber da (räuspert sich) da hab ich auch schon mit mein' hier mit den ich kannte kenne Kumpel da I: hm M: bin ich meist mit auch rumherjezogen oder so. Ich bin hinjegangen aber dann ging's immer schlechter wurd's da. I: hm M: bin ich meisten jar nich mehr hinjegangen (II) Der Einstieg in die Erzählung ist zunächst holprig. Manfred schwankt zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit und verwendet mit „war“ ein zunächst ungewöhnliches Verb, um über ein Schulfach zu sprechen. In seiner Erzählung verweist „war Englisch“ somit eher auf eine Situation, die er vorgefunden hat – eine wortwörtlich fremde Situation. Der schwierige Einstieg in dieser Passage, der Verweis auf die fremde Situation sowie das „und alles“, das keine Differenzierung mehr zulässt und allumfassend zu sein scheint, weist erneut auf die Überforderung hin, die mit dem Gefühl des Scheiterns verbunden ist. Manfred springt in seiner Orientierung hin und her: Die Englischlehrerin hat „immer mal“ „meistens“ Englisch gesprochen. Er verliert den Anschluss an die Lehrinhalte („nich richtig mitjekommen“), betont jedoch, dass er Anschluss an eine Person gefunden hat („Kumpel“). Der weitere Verlauf der Textpassage ist unverständlich und ebenfalls sprunghaft: Manfred zieht mit seinem „Kumpel“ umher. Unklar ist zunächst, was immer schlechter wird, wenn er hingeht. Im Verlauf des Interviews wird jedoch deutlich, dass seine Schulschwierigkeiten zunehmen. Daraufhin bleibt er dem Unterricht immer häufiger fern. Manfred verliert die Lust an der Schule, weil er sich überfordert fühlt und reagiert mit 117 Flucht. Nach der Wiederholung der fünften Klasse wechselt er auf eine Sonderschule, in der er nach einer Woche ebenfalls dem Unterricht fern bleibt, woraufhin die Lehrer seine Eltern informieren. „aber ich wollte nich“ – trotzige Verweigerung Manfred erzählt zunächst wenig über Bezugspersonen in seinem lebensgeschichtlichen Rückblick. Es wird deutlich, dass seine beiden Großmütter wichtige Personen für ihn sind. Die Großmutter mütterlicherseits, die gemeinsam mit ihrem Mann, Manfred, seinen Eltern und seinem Bruder in einem Haus lebt, versorgt ihn und kocht ihm seine Lieblingsgerichte, wie beispielsweise Milchreis. Er hat kindliche und fürsorgliche Erinnerungen an sie. Seinen Großvater beschreibt er als großzügig und er beschenkt Manfred. Ein einschneidendes Erlebnis ist dessen Tod zu Hause. Manfred erinnert die Situation als Moment, in dem er besonders unglücklich ist und sagt: „Das war ganz schrecklich“ (II). Bei der Großmutter väterlicherseits, die in einer Großstadt lebt, verbringt er häufiger die Wochenenden und Ferien. Sie gehen gemeinsam in den Zoo und er genießt die Zeit bei ihr. Als glückliche Momente seiner Kindheit erinnert er Urlaube, Fahrradtouren und gemeinsame Spaziergänge mit seinen Eltern. Manfred erzählt wenig konkrete Situationen oder Interaktionen mit seinen Eltern. Häufig wechselt er in seiner Erzählung von den Eltern zu den Großmüttern. Nach einer Beschreibung seines Vaters gefragt, antwortet Manfred: M: mein Vater is eigentlich nett I: hmm M: aber wenn wenn's hart kommt wird er auch böse. I: wi wie is das wenn er böse wird? M: na wird stinkig. (II) Er beschreibt den Vater als „nett“, ein Adjektiv, das er im biographischen Interview häufig verwendet, um Bezugspersonen zu beschreiben. In der Passage entsteht kein konkretes Bild des Vaters, allerdings ist auffällig, dass Manfred seinen Vater aus einer kindlichen Perspektive beschreibt: es gibt den guten Vater und den bösen Vater. Im Verlauf des Interviews beschreibt Manfred „stinkig“ näher: Der Vater erteilt ihm Hausarrest, wird laut und manchmal auch „handgreiflich“ (II), als Manfred beispielsweise von der Polizei nach Hause gebracht wird. Manfred zieht sich daraufhin in sein Zimmer zurück, wobei er sich in das Schlafzimmer der Eltern flüchtet, das er bis zu seinem zwölften Lebensjahr mit ihnen teilt. Seine Mutter beschreibt er ebenfalls als „nett“, ansonsten bleibt sie konturlos in seiner Erzählung. Erst im Kontext seines Fernbleibens vom Unterricht gewinnt sie an Bedeutung. Manfred erzählt über die Reaktion seiner Eltern auf sein Schuleschwänzen: „dann hat’s Ju ’s Jugendamt mit ei einjeschalten und alles. Meine Eltern äh Dings jestellt die hier Antrag auf Erziehung, aber ich wollte nich“ (II). In der zitierten Textstelle 118 bleibt zunächst offen, wer das Jugendamt einschaltet. Der Verlauf der Sequenz legt jedoch nahe, dass sich seine Eltern an das Jugendamt wenden. Sie scheinen sich überfordert zu fühlen und suchen Hilfe bei einer Institution. Die Überforderung der Eltern spiegelt sich in Manfreds Wortwahl wider, dass seine Eltern einen „Antrag auf Erziehung“ (eigentlich: Antrag auf Hilfen zur Erziehung) gestellt haben. In Manfreds Erzählung geben die Eltern somit die Verantwortung für die Erziehung ihres Sohnes an die Institution ab. Hier zeigt sich eine deutliche Strukturparallele zu Manfreds Erzählung über seine Strategie im Umgang mit Gewalt im Gefängnis. Auch er wendet sich hilfesuchend an die Institution als er bedroht wird. Die kurze Sequenz gibt darüber hinaus einen ersten Hinweis auf die Dynamik: Die Eltern stellen einen Antrag, die Institution schaltet sich ein und Manfred scheint sich diesen Interventionen ohnmächtig ausgesetzt zu fühlen. Er reagiert mit trotziger Verweigerung („ich wollt nicht“). Die Eltern schalten das Jugendamt ein, nachdem Manfred nicht mehr zur Schule geht und immer später nach Hause kommt: „äh, weil die nich mehr klarjekommen mit mir sind“ (II). Manfred hingegen ist „eigentlich immer klarjekommen mit denen“ (II). Um so verwunderter ist er über die Intervention des Jugendamtes, über die ihn seine Eltern zunächst nicht informieren. Erst in einem Gespräch beim Jugendamt zu dem er mit seiner Mutter geht, erfährt er von dem Antrag: „Musst ich mit meinen Eltern hoch (I: Ja.) zum Jugendamt und dadurch hab ich das alles bestimmt hier glaube raus, da hab ich das alles rausgefunden.“ (II) Manfred ringt in der Textpassage um Aktivität. Die Antragstellung der Eltern ist in dem Gespräch nicht herausgekommen, sondern auf sprachlicher Ebene ist Manfred der Aktive, indem er betont, dass er „alles rausgefunden“ hat. Damit verweist die Sequenz auf eine strukturelle Ähnlichkeit zum Beginn des Interviews über die Hafterfahrungen, als Manfred erzählt, er habe sich mit Mitinhaftierten „zusammenjelegt“. Er scheint sich in den institutionellen Situationen ohnmächtig ausgeliefert zu fühlen und ringt um Aktivität und auf sprachlicher Ebene um das Wiedererlangen von Handlungsorientierung. Er verhält sich der Mitarbeiterin des Jugendamtes in dem Gespräch gegenüber strategisch, indem er verspricht, regelmäßig zur Schule zu gehen, um einem Heimaufenthalt zu entgehen: „äh (pustet) weil, weil die hätten mich auch ins Heim stecken können“ (II). In dieser Sequenz wird nicht deutlich, ob mit „die“ die Mitarbeitenden des Jugendamtes oder seine Eltern gemeint sind. Diese Unklarheit spitzt sich in seiner Erzählung sprachlich zu, indem er seine Eltern und Institutionen mischt. So spricht er sowohl von „mein Vati“ als auch von „mein Jugendamt“ und „meine Jugendgerichtshilfe“, die ihn im Gefängnis besuchen (I). Für ihn scheinen die Grenzen zwischen seinen Eltern und den Institutionen zu verschwimmen. Als Konsequenz des Antrags der Eltern wird Manfred jeden Morgen zur Schule abgeholt und nach der Schule in eine Tagesgruppe gefahren, in der er bei den Hausaufgaben unterstützt und bis zum Abend betreut wird. Es entsteht ein engmaschiges Netz zwischen verschiedenen Institutionen und den Eltern. Manfred gelingt es dennoch, sich den Interventionen zu entziehen, indem er beispielsweise die Schule während des Unterrichts verlässt oder sich zu Hause einschließt. Es wird deutlich, dass er zu dieser Zeit Vorschläge und Maßnahmen, die ihn von seinen „Kumpels“ 119 lösen sollen, ablehnt. Das Jugendamt reagiert mit einer zunehmenden Sanktionsspirale und Manfred wird im Betreuten Wohnen untergebracht, weil nach seinem Empfinden selbst das Jugendamt irgendwann von ihm „die Schnauze voll jehabt“ (II) hat. Er fühlt sich von der Institution abgelehnt, zugleich spiegelt sich in der Sequenz wider, dass Manfred glaubt, eine Institution an ihre Grenzen zu bringen. Vielleicht hat er aber auch das Gefühl, es wiederholt sich etwas, das er zuvor mit seinen Eltern erlebt hat. Als er an den Wochenenden länger als erlaubt aus dem betreuten Wohnen wegbleibt, kündigt das Jugendamt den Platz und er zieht zurück in sein Elternhaus. Trotz der gerichtlichen Auflage zur Schule zu gehen, verbringt er die Zeit mit seinen „Kumpels“ und begeht Autodiebstähle. Es wird deutlich, dass Manfred in Situationen, in denen er sich überfordert fühlt, mit Flucht reagiert. Er weicht somit Konflikten aus. Hier zeigt sich eine strukturelle Ähnlichkeit zum Verhalten seiner Eltern: Auch sie wenden sich in Situationen der Überforderung an Institutionen und geben die Verantwortung für ihr Handeln ab. Den institutionellen Interventionen verweigert sich Manfred trotzig und er kehrt immer wieder zu seinen „Kumpels“ zurück, die eine große Bedeutung haben und die eng verbunden sind, mit Manfreds Wunsch Auto zu fahren. „Und ich wollte wieder Auto fahren“ – Flucht und Zuflucht Manfred reagiert auf Über- und Anforderungen mit Flucht und entzieht sich somit konflikthaften Situationen. In der Adoleszenz ist Flucht in seiner Erzählung eng verbunden mit Autodiebstahl und Autofahren ohne Fahrerlaubnis – ein Thema, das in seiner Erzählung über den gesamten Längsschnitt einen hohen Stellenwert hat. Manfred begeht Autodiebstähle und fährt ohne Fahrerlaubnis, seit er dreizehn Jahre alt ist. Die Aktivitäten sind eingebunden in eine peergroup, in der Manfred einige Jahre jünger ist als die anderen Gruppenmitglieder. Statt zur Schule zu gehen, verbringt er seine Freizeit im Kreis seiner „Kumpels“. Zunächst scheint es so, als ob Manfred nicht selbst gefahren, sondern bei seinen „Kumpels“ mitgefahren ist. Obwohl das Autofahren eine große Bedeutung in seiner Erzählung hat, fällt es ihm schwer, zu beschreiben, was ihm daran gefällt. Für Manfred scheint es nicht um den Rausch der Geschwindigkeit und das Auto als Statussymbol zu gehen, sondern mit dem Autofahren sind für ihn andere Aspekte verbunden, die er in der folgenden Textstelle beschreibt: M: na dass ich Auto fahren konnte hier. I: hm M: da durch die Landschaft und alles. I: hm M: Gegend sehen. (II) 120 Die Textstelle „dass ich Auto fahren konnte“ ist doppeldeutig, weil sie die doppelte Bedeutung von „können“ widerspiegelt: Zum einen gefällt Manfred das Autofahren an sich als Möglichkeit und Option, die ihm zur Verfügung steht. Zum anderen betont er durch das Autofahrenkönnen seine Kompetenz und Fähigkeit – dass er in der Lage dazu ist. Diese zweite Lesart gewinnt besonders vor dem Hintergrund, dass Manfred sonst wenig über eigene Fähigkeiten, sondern häufiger über Überforderungssituationen erzählt, an Bedeutung. Damit deutet sich an, dass Manfreds Delinquenz (das Autofahren) ein Moment ist, in dem er Kontrolle über sein Leben hat und er sich als handlungsmächtig erlebt. Zugleich verbirgt sich in seiner Formulierung „durch die Landschaft“, „Gegend sehen“ eine Parallele zu Unternehmungen mit den Eltern, an die sich Manfred als schöne Erlebnisse seiner Kindheit erinnert: Die Wanderungen bei ihm im Ort, die er ebenfalls mit „mal ’n bisschen Landschaft sehen“ (II) beschreibt. Hier deutet sich an, dass das Autofahren mit den „Kumpels“ nicht nur der Flucht vor Situationen dient, in denen er sich überfordert fühlt, sondern zugleich an einen Familienausflug erinnert und somit einen positiv familialen Bezug aufweist. Ferner weckt die Passage ein Roadmoviefeeling mit Assoziationen an Freiheit und Mobilität. Sie verdeutlicht auch die Aktivität von Manfred. Er verfügt über Bewegungsfreiheit, erweitert seinen Raum und ist unabhängig. Die Sequenz steht darüber hinaus exemplarisch für die Spannungslosigkeit in seiner Erzählung. Es wird nicht deutlich, was die Anziehungskraft am Autofahren für ihn ist. Jedoch lässt sich das Autofahren als Bedürfnis interpretieren, Spannung zu erleben. Im Gegensatz dazu steht, dass er sonst spannungsgeladene Situationen meidet. Indem er sich mit dem Auto entfernt, entzieht er sich den Interventionen von au- ßen und der Fremdbestimmung. Auffällig in diesem Zusammenhang ist, dass sein Vater kein Auto besitzt und alle Strecken, beispielsweise zur Arbeit, mit Bus und Bahn fährt. Manfred hingegen lehnt die Benutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln ab. Nach dieser Lesart kann das Fahren mit gestohlenen Autos auch als Ablösung und Abgrenzung von seinem Vater verstanden werden. Besitzt sein Vater einen Führerschein? Die Ablösung vom Vater in Verbindung mit dem Autofahren ist auch im Längsschnitt Thema. Ein Jahr später erzählt Manfred während seiner Reinhaftierung, dass sein Vater ihn am Entlassungstag abholen kam und sich dafür von einem Bekannten mit dem Auto fahren ließ. In Manfreds Erzählung wird an dieser Stelle eine Nicht-Autonomie des Vaters in Bezug auf Mobilität sichtbar. Gleichzeitig verweist die Textstelle auf die Beziehungsleistung des Vaters: Er organisiert sich Mobilität, um seinen Sohn von der Haftanstalt abzuholen. Ein weiteres Jahr später, im zweiten Längsschnittinterview (IV), das kurz vor Manfreds erneuter Entlassung geführt wird, wird deutlich, dass Manfreds Autonomiebestrebungen mit seinem Vater und Verkehrsmitteln verwickelt sind. Manfred hat während der Reinhaftierung die Volljährigkeit erreicht und betont als positives Ergebnis: „wenn ich entlassen werde, dass mich keiner mehr abholen brauch, das ich dann alleine rausgehen kann“ (IV). Er plant, am Entlassungstag alleine von der Haftanstalt zum Einkaufen in die Stadt zu fahren und dort, wenn er es zeitlich schafft, seinen Vater von seiner Arbeitsstelle abzuholen. Hier dreht Manfred die Beziehung um: Nun ist er es, der den 121 Vater abholt. Er schreibt sich somit die Definitionsmacht in der Beziehung zum Vater zu und sein Wunsch, den Weg alleine zu bewältigen und somit unabhängig vom Vater zu sein, wird sichtbar. Im biographischen Interview zwei Jahre zuvor ist neben den Motiven der Kontrolle und Ablösung das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit durch das Autofahren und das Flüchten zunächst vor, später aus Institutionen in eine familial anmutende Bezugsgruppe bedeutsam. Auf die Frage der Interviewerin, warum er vermutet, weitere Autodiebstähle begangen zu haben, wenn er nicht inhaftiert worden wäre, antwortet Manfred: M: na durch Kumpels. I: hm M: rumherfahren und so. I: weil das Umherfahren so wichtig is? M: na eigentlich nich. I: hm. oder weil die Kumpels so wichtig sind. M: die Kumpels (?weil) die ham mich immer wieder überredet. (II) Manfred antwortet in der Textpassage sehr knapp und die Interviewerin versucht in der Interaktion herauszufinden, was für Manfred eine höhere Bedeutung hat: Das „Umherfahren“ oder die „Kumpels“. Manfred betont, dass die „Kumpels“ wichtig sind – allerdings auch, indem er ihnen die Schuld zuweist, ihn „immer wieder überredet“ zu haben. Hier zeigt sich ein Muster, das über den gesamten Längsschnitt zentral ist: Manfred weist den „Kumpels“ die Verantwortung für sein Handeln zu. Sie sind letztlich schuld an seiner Delinquenz und er erscheint im Interview als Mitläufer. Manfred wird wegen Autodiebstahls und Fahren ohne Fahrerlaubnis zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren verurteilt und in einer Jugendhaftanstalt inhaftiert. Nach seiner Entlassung aus der Haft im Jahr 2000 gewinnt die Gruppenzugehörigkeit durch das Autofahren zunehmend an Bedeutung. Manfred beschreibt ein Jahr später im ersten Längsschnittinterview (III), was für ihn das Schönste am Fahren ist: „überall rumherfahren hier zu anderen von Kumpel zu Kumpel“ (III). Manfred kehrt nach seiner Entlassung ins Betreute Wohnen zurück. Er beginnt ein Berufsvorbereitungsjahr und obwohl ihm die Arbeit dort eigentlich Spaß macht, hat er schnell „keinen Bock“ mehr. Als er seinen Wohnsitz beim Einwohnermeldeamt ummeldet, trifft er seinen Freund in der Stadt wieder. Gemeinsam begehen sie erneut Autodiebstähle und Manfred verbringt seine Zeit mit ihm und den anderen Kumpels, statt die schulische Maßnahme zu besuchen. In seiner Erzählung über das Autofahren ist nun nicht mehr das durch „die Gegend“ fahren, um die „Landschaft anzugucken“ zentral, sondern Manfred fährt täglich mit einem gestohlenen Auto zielgerichtet vom Betreuten Wohnen in die nahe gelegene Großstadt. Dort verbringt er die Zeit mit seinen „Kumpels“ und mit seiner Freundin, die er in dieser Zeit kennen lernt. Als sein Fehlen im Berufsvorbereitungsjahr durch Betreuer im Betreuten Wohnen entdeckt wird, 122 fürchtet er die daraus entstehenden Konflikte und kehrt nicht mehr dorthin zurück. Manfred bleibt mit dem gestohlenen Auto in der Stadt. Die daraus resultierenden Konsequenzen schildert er als Spirale aus Flucht, drohenden Konflikten und Sanktionen: Ja naja ich hab da über Nacht im Auto geschlafen und so da konnte ich nich mehr zurück, weil ich ja schon hoch konnte weil ich abgehauen bin schon. Und Bewährungshelfer hat schon wieder an mich gedroht, dass ich äh äh wenn ich nochmal abhaue, dass ich wieder hier reinfliege. Und dann bin ich einfach nich mehr hoch gegangen, weil ich dann Angst hatte vor Bewährungshelfer. (III) Die Passage ist zunächst undurchsichtig. Manfred verbringt die Nacht im Auto und kann nicht mehr zurück. Er scheint „schon“ mal „abgehauen“ zu sein, woraufhin ihm der Bewährungshelfer97 mit dem Bewährungswiderruf droht. Erneut bleibt Manfred dem Betreuten Wohnen länger fern, als es ihm erlaubt ist und hat Angst vor dem Bewährungshelfer. Seine Angst bezieht sich jedoch nicht auf den Bewährungshelfer, sondern auf den Bewährungswiderruf: Er hat Angst vor einer Reinhaftierung und somit vor dem Gefängnis. Manfred entzieht sich den Auseinandersetzungen und Konflikten mit den Betreuern und Betreuerinnen im Betreuten Wohnen und dem Bewährungshelfer. Er kehrt nicht ins Betreute Wohnen zurück, sondern schläft in einem gestohlenen Auto. Das Auto ist somit im ersten Längsschnittinterview (III) nicht nur Fluchtmittel, sondern wird zur Fluchtstätte. Er übernachtet daraufhin über einen längeren Zeitraum im Auto, bis es nachts kühler wird und die Mutter seiner Freundin ihm erlaubt, in der Wohnung zu schlafen. Auch in der Vergangenheit hat Manfred schon häufig mit seinen „Kumpels“ die Nacht im Auto verbracht, wenn sie auf Ausflugstouren mit gestohlenen Fahrzeugen sind. Es wird sichtbar, dass für Manfred durch das Auto(fahren) ein Gefühl von Zuflucht und Zuhause entsteht. Er sucht eine Zuflucht, die er selbst bestimmt, und findet sie im gemeinschaftlichen Autofahren mit seinen Kumpels. Zugleich wird deutlich, dass er keine Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Seine „Kumpels“ sind schuld an seiner Delinquenz. Manfred wird fünf Monate nach seiner Entlassung von einer Radarfalle geblitzt und es erfolgt der Bewährungswiderruf. Er wird vor dem Haus, in dem seine Freundin mit ihrer Mutter lebt, festgenommen. „Na ’s Jugendamt hätt ich angerufen, dann gefragt, was mit mir ist“ – Abgabe von Verantwortung Auf die Frage der Interviewerin, wen er gerne angerufen hätte, nachdem er dem Betreuten Wohnen fernbleibt und und im Auto übernachtet, antwortet Manfred: „Na ’s Jugendamt hätt ich angerufen, dann gefragt, was mit mir ist“ (III). Hier zeigt sich abermals seine Strategie, sich in schwierigen Situationen an die Institution zu wen- 97 Manfred spricht in der Textpassage von „Bewährungshelfer“. Im Interview wird jedoch deutlich, dass es sich um eine Bewährungshelferin handelt. 123 den. Dabei weist die Passage auf ein Moment von eigener Fremdheit hin („dann gefragt, was mit mir ist“). Manfred würde die Verantwortung in die Hände der Institution geben und weist somit ein Stück Autonomie und Selbstverantwortung, aber auch Selbstbestimmung zurück. Die Orientierung an anderen – Institutionen, wie Personen – die sich hier andeutet, spitzt sich im Verlauf des ersten Längsschnittinterviews zu. Manfred hat zunächst Angst, dass ihn während seiner Reinhaftierung niemand besucht. Die Angst zerstreut sich jedoch, weil sowohl sein Vater als auch seine Freundin ihn regelmäßig besuchen. Erzählt er im Interview nicht viel darüber, was ihm seine Freundin bedeutet, wird deutlich, dass ihm ihre Besuche sehr wichtig sind. Er betont im ersten Längsschnittinterview mehrfach: „sie kommt mich immer besuchen“ (III) und „sie hält jedenfalls zu mir und alles“(III). Ihre Besuche sind für ihn ein Zeichen von Zusammenhalt und zugleich wird deutlich, dass die Beziehung zu ihr Halt für ihn bedeutet. In der Situation in Haft scheint er jedoch auch mit der Angst beschäftigt zu sein, ob er sie halten kann. Für die Zeit nach seiner Entlassung plant er zunächst, in eine eigene Wohnung in der Nähe seiner Freundin zu ziehen und dann mit ihr in einer gemeinsamen Wohnung zu leben. Er schreibt ihr ein wichtige Funktion zu, keine Straftaten mehr zu begehen: M: Weil mein Freundin will mich dann abhalten davon, von Scheiße bauen. I: Mhm. M: Und ich soll dann Sozialhilfe und alles beantragen, dass ich Wohnung krieg und alles. I: Mhm. M: Und ich soll mich um Arbeit kümmern. I: Mhm. M: Oder jedenfalls Lehre machen, wenn ich´s BVJ fertig hab. (III) In der Textpassage wird exemplarisch Manfreds Orientierung an anderen sichtbar. Es wird deutlich, was die Freundin „will“ und er „soll“. Sie hält ihn von Straftaten ab und er soll sich um Transferleistungen, Wohnung und Arbeit kümmern. Manfred beschreibt die Anforderungen, die an ihn von außen gestellt werden. Die Frage, was er will, stellt sich nicht und eine Idee, was er möchte, scheint ihm zu fehlen. Dies verweist darauf, dass Manfred nicht autonomieorientiert ist. Er vermeidet jegliche Form von Selbstbehauptung und bezieht keine Stellung. Mögliche Konflikte, die mit dem Anpassungsprozess nach der Entlassung verbunden sind, thematisiert er nicht. In der Passage zeigt sich eine Spur, dass Manfred Konflikte umgeht, indem er keinen Anspruch auf Selbstbestimmung einfordert. Die Orientierung an anderen zeigt sich auch ein Jahr später im zweiten Längsschnittinterview (IV). Seine Entlassung steht kurz bevor und seine Freundin hat sich wenige Wochen vor dem Interview in einem Brief von ihm getrennt. Wie er die Trennung empfindet, kann er schwer verbalisieren und bezieht sich abermals darauf, was andere zu ihm sagen: 124 I: Also das war sehr schwer für Sie. M: Ja. I: Mhm. M: Aber ich komm drüber weg. I: Ja was hat Ihnen geholfen drüber weg zu kommen? M: Naja phf ´s haben auch viele gesagt, dass es gut war, dass sie Schluss gemacht hat. Dass sie nich zu mir gepasst hat, dass ich mich ´ne neue suchen soll. (IV) Dass seine Gefühle über den Verlust der Freundin undeutlich bleiben, zeigt sich in der Interviewinteraktion: Die Interviewerin spricht für ihn aus, wie er die Trennung empfindet und er stimmt ihr zu. Manfred nimmt den Trennungsschmerz im Verlauf der Passage jedoch gleich zurück, indem er sich abermals daran orientiert, was „viele gesagt haben“. Aus der Quantität an Personen, die ihm zugeredet haben, werden im Interviewkontext, wenn er konkret Personen benennt, seine Eltern. In der Passage aus dem letzten Interview wird somit etwas sichtbar, was sich in allen Interviews finden lässt: Manfred ist in den Interviews schwer zu greifen und auch innere Konflikte werden nicht sichtbar. Er orientiert sich in Krisensituationen an anderen und lässt sich versorgen. In seiner Erzählung wird deutlich, dass er sich sieht, wie ihn die anderen sehen. Indem er sich an anderen orientiert und keine Selbstbestimmung einfordert, trägt er keine Autonomiekonflikte aus. Der Halt, den Manfred in der Beziehung zu seiner Freundin scheinbar erlebt hat, wird abgelöst von der Botschaft seiner Eltern, sich erneut auf die Suche zu begeben („dass ich mich ´ne neue suchen soll“). Wie schwer es ihm fällt Gefühlsqualitäten zu benennen wird auch deutlich, wenn er im letzten Interview über den Tod seiner Großmutter mütterlicherseits erzählt, die während seiner Inhaftierung stirbt und die eine wichtige Bezugsperson für ihn war. Er beschreibt, dass er „sehr traurig“ über ihren Tod war, mehr sagt er nicht. Es zeigt sich, dass Manfred Gefühle anspricht, ihm dann jedoch die Worte fehlen, sie zu beschreiben. Dass der Ausstieg aus der Delinquenz auch konflikthafte Seiten haben kann, scheint nur an einer Stelle im letzten Interview durch, wenn er über seine Angst spricht, dass ihm sein alter Freund (sein Mittäter) über den Weg läuft und „dass ich wieder mit dem mitziehe“ (IV). Die Versuchung, die von Autos ausgeht, wird noch in einer weiteren Textpassage ein Jahr zuvor sichtbar, in der Manfred auf die Frage, woran er sich nach der Entlassung gewöhnen musste, antwortet: „Ja das das draußen aufpassen muss auf Autos und so“ (III). Auffällig ist, dass in der Sequenz das Subjekt fehlt und unklar bleibt, wer aufpassen muss. Er bezieht seine Aussage darauf, dass er vorsichtig sein muss im Straßenverkehr, weil er daran durch die Inhaftierung nicht mehr gewöhnt ist. Die eigentliche Gefahr geht für ihn jedoch von den Autos aus, die zum Fahren locken. Die Orientierung an Institutionen und Personen und die Abgabe von Verantwortung, die im Längsschnitt Kontinuität hat, scheint zunächst durch die Inhaftierung 125 verstärkt zu werden. Manfred ist im Gefängnis auf der Suche nach Versorgung und Schutz und wendet sich in Krisensituationen an die Institution. In der geschlossenen Institution ist er von der Anforderung entlastet, Autonomie zu entwickeln. Im Längsschnitt wird jedoch auch eine schrittweise Veränderung in seiner Selbstwahrnehmung als kompetent erkennbar. Manfred wird während seiner ersten Inhaftierung nicht in einer schulischen Maßnahme aufgenommen, um die neunte Klasse zu absolvieren. Es bleibt unklar, warum er trotz zweijähriger Jugendstrafe nur an einem Motivationskurs teilnimmt, sonst aber keine schulische oder berufliche Ausbildung absolviert. Zum Zeitpunkt des ersten Längsschnittinterviews (III), während des Bewährungswiderrufs, ist Manfred ohne Beschäftigung in der Haftanstalt. Er verbringt die Tage meist schlafend in seinem Haftraum. Er hat jedoch einen Antrag gestellt, indem er sich um einen Platz im Berufsvorbereitungsjahr bewirbt. Dies absolviert er ein Jahr später während des zweiten Längsschnittinterviews (IV). Während er zuvor Erfahrungen des Scheiterns und des Versagens in der Schule gemacht hat, zieht er nun Erfolgserlebnisse aus seinen schulischen Leistungen. Stolz berichtet er der Interviewerin im Auftakt des letzten Interviews von seiner Teilnahme am Berufsvorbereitungsjahr und seinem guten Halbjahreszeugnis. Er hat dabei an einem Modellprojekt teilgenommen, in dem das Berufsvorbereitungsjahr in einer kleinen Gruppe absolviert wird. Er kann in dieser Situation an positive Lernerfahrungen aus der Grundschulzeit anknüpfen, als sich seine Lehrerin intensiv um ihn gekümmert hat. Zugleich wird deutlich, dass das Gefängnis Manfred durch die rigide und autonomieeinschränkende Struktur ein intensives Bindungsangebot macht. Ob er an die positiven Lernerfahrungen nach der Entlassung anknüpfen kann, bleibt eine offene Frage. Fazit Gewalt stellt für Manfred Neumann im Gefängnis keine Handlungsressource dar. In Situationen, in denen er bedroht wird, scheint er überfordert und wendet sich an die Institution. Er reagiert mit Rückzug in den Haftraum und gibt die Verantwortung für sich an die Institution ab. Zugleich macht er durch die Orientierung an der Institution deutlich, dass er kein Opfer ist. Die Abgabe von Verantwortung und die Orientierung an der Institution weisen daraufhin, dass Manfred in der Haft wenig autonomieorientiert ist. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass er zu Beginn des ersten Interviews häufig um die Mahlzeiten in der Institution kreist. Neben der strukturierenden Funktion der Essenszeiten drückt sich hierin sein Wunsch aus, versorgt zu werden. Die Spur der Überforderung zeigt sich auch in seiner biographischen Erzählung. Allerdings reagiert er außerhalb des Gefängnisses auf diese Situationen mit Flucht. An dieser Stelle lässt sich die Frage aufwerfen, was es für Manfred, dessen Handlungsmuster Flucht ist, bedeutet, im Gefängnis zu sein. Gemein ist den unterschiedlichen Strategien in überfordernden Situationen – der Flucht, dem Rückzug und der Abgabe von Verantwortung – das Ausweichen vor Konflikten. In dem Muster, sich 126 bei Überforderung an die Institution zu wenden, zeigt sich in Manfreds Erzählung eine Strukturparallele zu dem Verhalten seiner Eltern. Diese wenden sich ebenfalls an eine Institution (das Jugendamt), als sie sich mit Manfreds Schulverweigerung und zunehmender Delinquenz überfordert fühlen. Aus seiner Sicht geben seine Eltern die Verantwortung für seine Erziehung ab. Die daraufhin einsetzenden institutionellen Interventionen sollen Manfred aus der Gruppe seiner „Kumpels“ lösen. Er reagiert mit trotziger Verweigerung und erneuter Flucht, die in der Adoleszenz mit dem Fahren von Autos ohne Fahrerlaubnis verknüpft ist. Entsteht zunächst der Eindruck, dass er in der Gleichaltrigengruppe nur Mitläufer ist, zeigen sich im Längsschnitt jedoch auch Momente der Kontrolle und Selbstbestimmung durch das Autofahren. Das Autofahren wird für Manfred zum Symbol der Gruppenzugehörigkeit und er erlebt ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit bei gleichzeitig hoher Mobilität (vgl. Allert 1997). Die hohe Mobilität stellt auch einen Moment der Ablösung von seinem Vater dar, der kein Auto besitzt und öffentliche Verkehrsmittel benutzt. Bemerkenswert ist, dass Manfred in Krisensituationen andere die Entscheidungen treffen lässt und sich daran orientiert. In der Abgabe der Entscheidungen zeigt sich einerseits das fehlende Moment der Selbstbehauptung, andererseits muss er keine Konflikte austragen. Dies spiegelt sich auch darin wider, dass über den gesamten Längsschnitt keine inneren Konflikte greifbar werden. Er scheint Konflikte generell zu umgehen. In der hohen Bedeutung des Fahrens mit gestohlenen Fahrzeugen zeigt sich sein Bedürfnis, Spannungen zu erleben, aber zugleich vermeidet er darüber hinaus Situationen, die spannungsgeladen sind und in denen er ein Risiko eingehen muss. Durch die Inhaftierung wird das Muster verstärkt: Manfred gibt die Verantwortung an die Institution ab und ist zugleich durch die geschlossene Institution mit ihrer autonomieeinschränkenden Struktur von den Anforderungen der Autonomieentwicklung entlastet. 127 11. Jürgen Kemper: „dass die Gefangenen hier das alles sag ich mal sehr gut unter Kontrolle haben“ – der rationale Blick auf Gewalt im Kontext biographischer Ohnmachtserfahrungen Jürgen Kemper wird 1976 in einer westdeutschen Kleinstadt geboren. Er lebt mit seinen Eltern sowie zwei drei und sechs Jahre älteren Schwestern zusammen. Der Vater hat als Krankenpfleger gearbeitet und ist zum Zeitpunkt des ersten Interviews aus gesundheitlichen Gründen Frührentner. Die Mutter hat ihre Berufstätigkeit zugunsten der Familie zunächst aufgegeben und beginnt, als Jürgen ungefähr elf Jahre alt ist, im Garten- und Landschaftsbau zu arbeiten. Jürgen ist vier Jahre alt, als die Familie in ein eigenes Haus mit großem Grundstück zieht. Der Vater verlässt die Familie als Jürgen ungefähr sieben Jahre alt ist und lebt mit einer anderen Frau zusammen. Nach drei Jahren trennt sich der Vater und kehrt zu seiner Familie zurück. Jürgen besucht zunächst die Grundschule und anschließend die Hauptschule. In der sechsten oder siebten Klasse hat er erstmals Lernprobleme und er verlässt die Hauptschule nach der achten Klasse ohne Abschluss. Mit 17 Jahren besucht er die Kreisvolkshochschule und absolviert den erweiterten Hauptschulabschluss. Im Anschluss daran beginnt er eine Tischlerlehre, die er 1995 nach zweieinhalb Jahren abbricht, als er mit seiner damaligen Freundin zusammen zieht. Kurz darauf wird der erste Sohn geboren. Mit 16 Jahren begeht Jürgen seinen ersten Autodiebstahl und erhält kurz darauf für eine Serie von Autodiebstählen zwei Wochen Jugendarrest. Mit 19 Jahren wird er wegen Autodiebstählen und Fahren ohne Fahrerlaubnis zu einer einjährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Acht Monate später wird er bei einem Autodiebstahl verhaftet und in Untersuchungshaft genommen. Während dieser Zeit wird sein zweiter Sohn geboren und kurz nach der Geburt trennt sich seine Freundin von ihm. Jürgen wird zu einer Jugendstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt. Während dieser Inhaftierung findet 1999 das Interview über die Hafterfahrungen (I) und das biographische Interview (II) statt. Jürgen ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt. Anfang 2000 wird er auf Bewährung aus der Haft entlassen und lebt bei seinen Eltern. Nach acht Monaten zieht er mit seiner damaligen Freundin zusammen. Aufgrund eines Unfalls unter Alkoholeinfluss und Fahren ohne Fahrerlaubnis verstößt Jürgen gegen die Bewährungsauflagen. Zur selben Zeit begeht er gemeinsam mit einem Freund Einbruchdiebstähle. Jürgen wird erneut in Untersuchungshaft genommen und zu einer weiteren Jugendstrafe von vier Jahren verurteilt. Während dieser Zeit finden 2001 das erste Längsschnittinterview (III) und ein Jahr später das zweite Längsschnittinterview (IV) statt.

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Zusammenfassung

Zwischen Männlichkeit und Gewalt wird sowohl in den kollektiven Deutungsmustern junger Männer als auch in vielen wissenschaftlichen Ansätzen der Jugendgewalt- und Männlichkeitsforschung ein direkter Zusammenhang vorausgesetzt.

In der vorliegenden Studie werden kollektive Deutungsmuster von Gewalt in Beziehung gesetzt zu der subjektiven Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen. Unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn? Dieser Frage wird anhand fünf biographischer Fallinterpretationen auf Basis qualitativer Längsschnittinterviews mit inhaftierten jungen Männern nachgegegangen.

Das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht wird aus einer soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive untersucht. Dabei rücken die Opfer-Täter-Ambivalenzen von Gewalthandeln in den Blick. Es zeigt sich eine enge Verbindung zwischen der Bedeutung von Gewalt und den biographischen Konflikterfahrungen junger Männer: Gewalt steht in enger Beziehung zu ihren Autonomiekonflikten und ein komplexes und vielschichtiges Verhältnis zwischen Autonomie, Geschlecht und Gewalt wird sichtbar.