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Anke Neuber, Ingo Jakob: „und da habe ich ihn habe ich eben zugeschlagen“ – Gewalt als Modus der Beziehungsaufnahme im Kontext biographischer Anerkennungskonflikte in:

Anke Neuber

Die Demonstration kein Opfer zu sein, page 93 - 112

Biographische Fallstudien zu Gewalt und Männlichkeitskonflikten

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8329-4056-0, ISBN online: 978-3-8452-1251-7 https://doi.org/10.5771/9783845212517

Series: Interdisziplinäre Beiträge zur Kriminologischen Forschung, vol. 35

Bibliographic information
93 9. Ingo Jakob: „und da habe ich ihn habe ich eben zugeschlagen“ – Gewalt als Modus der Beziehungsaufnahme im Kontext biographischer Anerkennungskonflikte91 Ingo Jakob wird 1980 in einer westdeutschen Großstadt geboren. Er wächst bis zur Trennung seiner Eltern in seinem dritten Lebensjahr bei den Eltern auf. Die Mutter verlässt den Haushalt mit seiner drei Jahre jüngeren Schwester. Ingo lebt von nun an bei seinen Großeltern väterlicherseits. Sein Vater hat eine neue Partnerin und mit ihr zwei weitere Kinder. Ingos Vater ist zunächst als Maurer, später in der Computerbranche tätig. Die Erwerbssituation der Mutter, die aus B-Land stammt, bleibt unklar. Kurz vor seinem siebten Geburtstag wird Ingo eingeschult und wiederholt die erste, später noch eine weitere Klasse. In der siebten Klasse wird Ingo mehrfach temporär von der Schule verwiesen und verlässt die Schule nach der siebten Klasse ohne Abschluss. Im Anschluss an die Schule absolviert er ein Berufsvorbereitungsjahr und beginnt im Anschluss ein Berufsgrundjahr, das er abbricht. Wegen Körperverletzungs- und Eigentumsdelikten wird Ingo zunächst zu einer Woche Jugendarrest, Arbeitsstunden sowie einer achtmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Nach einer erneuten Anzeige wegen Körperverletzung erfolgt der Bewährungswiderruf und Ingo wird 1998 zu einem Jahr Strafhaft verurteilt. Während er inhaftiert ist, hat Ingo eine Nachverhandlung wegen einer in Haft begangenen Körperverletzung an einem Mitinhaftierten und wird zu weiteren zwei Monaten Strafhaft verurteilt. Während dieser Inhaftierung werden 1999 mit Ingo das Interview über die Hafterfahrungen (I) und das biographische Interview (II) geführt. Ingo ist zeitweise auf der Station für besonders schutzbedürftige Insassen untergebracht. Er absolviert in Haft den Sonderschulabschluss. Seine damalige Freundin bringt während seiner Inhaftierung ein Kind zur Welt. Ingo bestreitet die Vaterschaft und hat nach der Entlassung keinen Kontakt zu dem Kind. Im Herbst 2000 wird Ingo entlassen. Aufgrund einer Auflage vom Gericht lebt er zunächst bei seinen Großeltern, kurz darauf zieht er mit seiner neuen Freundin in eine eigene Wohnung. Die Freundin arbeitet als Arzthelferin, Ingo ist arbeitslos und arbeitet gelegentlich im Innenausbau. Zum Zeitpunkt des ersten Längsschnittinterviews (III) im Jahr 2002 besteht die Beziehung zu seiner Freundin seit eineinhalb Jahren. 91 Die Interpretation und Auswertung der Fälle erfolgte in enger Zusammenarbeit mit Almut Koesling. Der Fall Ingo Jakob findet sich darüber hinaus in beiden Dissertationen, weil er für die jeweilige Fragestellung zentrale Phänomene repräsentiert (vgl. Koesling & Neuber 2005; Koesling 2008). 94 „Er war so war so mutig und an mir rumzuschütteln“ – respektvolle Anerkennung In Ingos Jakobs Erzählungen zu den Erfahrungen in der Haft ist Gewalt ein zentrales und facettenreiches Phänomen. Auffällig ist jedoch, dass er die Situationen eher beiläufig erzählt und in den Interviews selten ein konkretes Bild über die Auseinandersetzungen entsteht. Zu Beginn des Interviews über die Hafterfahrungen schildert er jedoch eindrücklich und unbefangen, wie er die Geschlossenheit am Anfang seiner Inhaftierung erlebt: Er fühlt sich wie „ein Tier im Zoo“ (I). Ingo zieht sich zurück, verweigert die Nahrung und tritt in einen Hungerstreik. Durch den Hungerstreik hofft er, aus der Haft entlassen zu werden. Wie schmerzhaft er die Geschlossenheit erlebt, wird deutlich, wenn er sagt: „Alles das, was mir was bedeutet hat, (I: Hmhm) war auf einmal nichts mehr. Ja.“(I) Ingo thematisiert den Verlust seiner damaligen Freundin, der Wohnung, die er mit einem „Kumpel“ zusammen bewohnt hat und seines Hundes, den er in Pflege geben musste. Mit der Nahrungsverweigerung wendet er das Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung zunächst gegen sich, um auf seine Situation aufmerksam zu machen. Die Institution reagiert, indem sie ihn in eine videoüberwachte Beruhigungszelle und dann auf die Absonderung verlegt. Ingo fühlt sich einsam, „als ob man der einzigste Mensch fast auf der Welt wär“ (I). Dass Ingo die Verzweiflung gegen sich zu richten scheint, wird noch in einer anderen Textpassage deutlich, in der er ebenfalls über die Zeit kurz nach seiner Inhaftierung spricht. Ingo verletzt sich nachts in seinem Haftraum an einem zerbrochenen Glas am Arm. Während er die Situation als Unfall schildert, deutet die Institution die Situation in seiner Perspektive als „Körperverstümmelung“ (I), als einen Suizidversuch. Ingo befürchtet, erneut in die Beruhigungszelle zu müssen und flieht auf das Anstaltsgelände. Er versteckt sich im Gebüsch und mehrere Beamte müssen ihn in der Dunkelheit suchen. In der Nahrungsverweigerung und der Verletzung wird Ingos verwundbare Seite sichtbar, die scheinbar auch von der Institution wahrgenommen wird, denn Ingo ist zeitweise auf der Station für besonders schutzbedürftige Inhaftierte untergebracht. Aber nicht nur gegen sich selbst ist Ingo aggressiv, sondern er beschreibt sehr technisch und unberührt, wie er den Inhaftierten, mit dem er den Haftraum teilt, unterdrückt, weil dieser schnarcht: I: Und dann haben Sie ihn auf die Toilette oder in den Schrank gesperrt? Ingo: Ja. Aber meistens habe ich ihn in den Schrank gesperrt. I: Was hat der dann gesagt? Ingo: Gar nichts, was soll er machen. Oder ich hab ihn oder ich hab ihn gefesselt am Bett. Hab ihm den Mund zu weiß ich, Stück Papier reingesteckt in den Mund, ja weiß ich, nen Band drum gemacht, so dass er das Papier nicht mehr ausspucken kann. Beine gefesselt, Füße gefe, Hände gefesselt, so dass er sich einfach nicht mehr bewegen kann. (I) Ingo erzählt ungewöhnlich offen, darüber, wie er einen Mitinhaftierten unterdrückt. Er sperrt ihn auf die Toilette oder in den Schrank oder er fesselt ihn ans Bett und knebelt ihn, so dass er sich nicht mehr bewegen kann. Ingo erzählt die Passage 95 sehr unbeteiligt und die Gewalt ist ein selbstverständliches und legitimes Mittel, damit er in Ruhe schlafen kann. Wie es dem fixierten Mitinhaftierten geht, schildert Ingo nicht. Die Institution reagiert, indem sie den Mitinhaftierten verlegt. Es lassen sich an der Unterdrückungssituation Parallelen zu Ingos autoaggressiven Tendenzen zu Beginn seiner Inhaftierung aufzeigen, die darauf hinweisen, dass Ingo mit dem Einsperren und Festbinden des Mitinhaftierten Erfahrungen der bedrohlichen Geschlossenheit auf die Spitze treibt.92 Es wird somit deutlich, dass Ingo die in Haft erlebte Ohnmacht, Fremdbestimmung und den Autonomieverlust als aggressive Handlung gegen sich oder andere richtet und er seine inneren Zustände nicht verbal kommuniziert, sondern über den Körper. Ingo scheint Angst und die Verlusterfahrungen in Haft durch Gewalt auszudrücken. Dies wird auch im Rückblick auf das Gefängnis deutlich, wenn Ingo ein Jahr später im ersten Längsschnittinterview (III) erzählt, dass er im Gefängnis betrübter und bedrückter war: „da drinne ist man auf jeden Fall aggressiver weil man alles in sich hineinfrisst“ (III). Er wendet scheinbar die eigenen Gefühle und Erfahrungen durch Gewalt nach außen. Indem er die ungeschriebenen Gesetze der Gefangenengemeinschaft zunächst negiert und betont, dass sein Handlungsspielraum uneingeschränkt ist – „ich darf alles tun“ – wird deutlich, dass er sich als nicht gefährdet durch die Inhaftiertengemeinschaft betrachtet. Er macht im Interview deutlich, dass er kein Opfer ist. Dies wird auch ein Jahr später im ersten Längsschnittinterview (III) sichtbar. Ingo erzählt rückblickend über eine Auseinandersetzung gleich zu Beginn seiner Inhaftierung. Als ein Mitinhaftierter Ingo Gegenstände aus dem Haftraum entwenden will, hat Ingo ihm daraufhin „ne Gabel ins Bein gesteckt“ (III). Ingo demonstriert, dass er sich nicht unterdrücken lässt. Er fühlt sich als Sieger der Auseinandersetzung. Dies wird durch die Strafe, die er erhält (Ingo wird zu weiteren zwei Monaten Strafhaft verurteilt), auch für die anderen Inhaftierten sichtbar. Im weiteren Verlauf des Interviews erzählt Ingo kontinuierlich und offen über gewalttätige Auseinandersetzungen, die von Massenschlägereien auf dem Freigelände der Anstalt bis zu Scheinhinrichtungen in der Dusche reichen und die er beobachtet hat oder an denen er beteiligt war, die er jedoch im Interview unbeteiligt schildert. Er beschreibt die Gewalt als Normalität: „Das ist eigentlich normal so. Weil irgendwann kommt’s immer zu ner Auseinandersetzung.“ (I) Auffällig in seiner Erzählung ist jedoch eine Passage, die eher ungewöhnlich ist, weil Ingo einen tätlichen Angriff gegen einen Bediensteten beschreibt. In dieser Textpassage erzählt er die Interaktion lebendig und es entsteht ein Bild über die Situation: Ja, ich kam von der Arbeit und hatte auf so’ner Flasche, auf so’ner Cola-Plastikflasche hatte ich Klebeband oben drauf. […] Ich habe das mit aufs Haus geholt, und er meinte, das ist verboten hier, er wollte mir wegnehmen. Habe ich ich wollte mir das nicht wegnehmen lassen. Da hat er an mir so rumgeschüttelt und da habe ich ihn habe ich eben zugeschlagen. […] Und er war so war so mutig und an mir rumzuschütteln, obwohl ich gesagt hab, ich soll äh er soll aufhören. Und er hat es nicht gemacht. (I) 92 Das tiefere Verständnis dieses Musters verdankt die Autorin Almut Koesling. 96 In der Interaktion spiegelt sich zunächst die institutionelle Hierarchie und verregelte Vollzugssituation: Es ist Ingo nicht gestattet, einen außerhalb des Gefängnisses ganz alltäglichen Gegenstand – Klebeband – in seinem Haftraum zu haben. Er beschreibt, dass er der Aufforderung des Bediensteten nicht nachkommt, diesen Gegenstand herauszugeben, woraufhin die Situation in einem körperlichen Übergriff eskaliert: der Beamte „schüttelt“ an Ingo, so dass dieser sich zur Wehr setzt und dem Schüttler einen Schlag versetzt. In der zitierten Passage ist darüber hinaus eine Bewegung auf der Machtebene zu erkennen, eine Veränderung in den Anerkennungsverhältnissen: Aus Ingos Perspektive begreifen er und der Bedienstete einander durch die körperliche Auseinandersetzung als mutige Männer („er war so mutig und an mir rumzuschütteln“). Dies setzt voraus, dass sie voreinander Angst haben, dieser Angst jedoch ins Auge blicken. Dass sie „so mutig“ sind, sich gegenseitig zu konfrontieren, lässt für Ingo ein gleichsam respektvolles Verhältnis aus der Situation entstehen. Ingo erzählt im weiteren Verlauf der Passage, dass auf diese Eskalation ein Moment der Überraschung für ihn folgt: Er erschrickt, als ihm klar wird, dass er einen Beamten geschlagen hat und dafür sanktioniert werden wird. Der Beamte reagiert hingegen aus Ingos Perspektive eher amüsiert über den Vorfall. Der Bedienstete sieht von einer Anzeige ab, aber Ingo erhält eine anstaltsinterne Sanktion. Das Verhältnis zwischen Ingo und dem Beamten normalisiert sich nach dem Konflikt nicht nur, sondern verbessert sich aus Ingos Sicht, indem eine Verbundenheit zwischen den beiden Männern entsteht. Ist Ingo zunächst ängstlich, den Beamten anzusprechen, trinkt dieser während eines Nachtdienstes mit Ingo Kaffee und Ingo entschuldigt sich in dieser Situation. Ingo schildert die Körperverletzung als ein Geheimnis zwischen ihnen, das eine Verbindung geschaffen hat. Er wird sanktioniert, aber der Bedienstete sucht danach das Gespräch mit ihm. Ingo macht somit die Erfahrung, dass die körperlich geführte Auseinandersetzung zu einer weiterführenden Kommunikation auf der Gesprächsebene führt. Er hat die Gelegenheit, sich zu entschuldigen, dem Beamten in weiteren Situationen zu begegnen und ihn näher kennen zu lernen. Zentral ist, dass Ingos Wut in dieser Konfliktsituation nicht auf Gegenwut trifft, sondern Ingo spricht von gegenseitigem Respekt. Es ist auffällig, dass Ingo in seiner Darstellung die Annäherung und das Miteinanderreden des Beamten erst akzeptiert, nachdem die beiden aneinander geraten sind und Ingo in einer ohnmächtigen Situation seine Wut demonstriert hat. Im Rückblick auf das Gefängnis beschreibt er das Verhältnis im ersten Längsschnittinterview (III) ein Jahr später ambivalenter. Einerseits gab es Vertrauen zwischen dem Beamten und Ingo, so dass er ihm „Sachen erzählt so was keener wissen durfte“ (III), zugleich hat dieses Wissen – auch über ihre Auseinandersetzung – Abhängigkeiten geschaffen, „weil da ma weil man immer Angst haben muss, dass der doch irgendwann mal was sagt so“ (III). Ingo beschreibt somit ein Anerkennungsverhältnis, das durch Abhängigkeiten geprägt ist und das er während seiner Inhaftierung dennoch als eine Vertrauens- und Unterstützungsbeziehung erlebt. Ingo erzählt unbefangen über Verlusterfahrungen, Angst und Gefühle der Ohnmacht zu Beginn seiner Inhaftierung. In der Nahrungsverweigerung und der Situati- 97 on, in der er sich verletzt, wird seine verwundbare Seite sichtbar. Zugleich wird deutlich, dass Ingo sich als ungefährdet in der Inhaftiertengemeinschaft erlebt. Er unterdrückt, wehrt Unterdrückungsversuche ab oder stellt sich ihnen, er beschützt Mitinhaftierte und macht im Interview deutlich, dass er kein Opfer ist. Gewalt ist für ihn selbstverständlich und normal. Die eigenen Verlust- und Ohnmachtserfahrungen wendet er durch Gewalt nach außen. Zentral in seiner Erzählung ist zudem seine wütende Auflehnung gegen die Institution, die in einer Auseinandersetzung mit einem Bediensteten mündet. In seiner Erzählung über den Konflikt wird deutlich, wie stark Respekt und Beziehungsaufnahme mit körperlichen Gewalterfahrungen verwoben sind. Dieser Spur wird nun aus der biographischen Perspektive nachgegangen. „Irgendwie andere, nur nur so schreckliche Dinge“ – Verletzungen der Kindheit Für Ingo Jakob spielt Gewalt nicht nur im Gefängnis eine große Rolle, auch in seiner biographischen Erzählung hat sie einen hohen Stellenwert. Er erzählt seine Biographie als Delinquenzbiographie, allerdings nicht im Sinne eines Kausalzusammenhangs, durch den er erklärt, warum er delinquent geworden ist. Es scheint vielmehr, dass Ingo durch die ausführliche Schilderung seines delinquenten Verhaltens seit frühster Kindheit andere biographische Themen umgeht oder zurückweist. Dies wird in der Auftaktsequenz des biographischen Interviews besonders deutlich. Ingo antwortet auf die Frage, was ihm einfällt, wenn er in Gedanken die Zeit zurückdreht, als er klein war: Ingo: Was mir da einfällt. Hu. Wie klein? I: (lacht) Ph, och so. (lacht) [I. zeigt eine Höhe] Was mhm woran Sie sich erinnern. Ingo: Früher? Weiß ich gar nichts mehr. Weiß ich nicht mehr so. (II) In der Auftaktsequenz des biographischen Interviews ist Ingo zunächst überrascht und wirkt fast erschrocken darüber, dass er etwas aus der Zeit, als er klein war, erzählen soll („Hu“). Die Rückfrage („wie klein?“) verweist darauf, dass Ingo unsicher ist, was die Interviewerin erwartet, sich zugleich aber bemüht, die Frage zu beantworten. Sie zeigt jedoch darüber hinaus, dass der Bezug zum Kleinsein für Ingo schwierig zu sein scheint. Die Interviewerin bezieht sich lachend und scherzend auf seine Rückfrage und zeigt ihm gestisch, dass sie nach der Zeit fragt, als er klein war. Zunächst wehrt Ingo ab, über seine Kindheit zu reden („weiß ich gar nichts mehr“). Wobei das „nichts mehr“ darauf hindeutet, dass er mal etwas gewusst hat oder etwas wissen könnte. Ist aus der Zeit „früher“ in seiner Erinnerung etwas verschwunden oder verdrängt? Er signalisiert der Interviewerin, dass sie über seine Kindheit nicht mehr weiterfragen soll, weil er „nichts mehr“ weiß. Ingo wehrt sich dagegen, klein zu sein. Um das Verhältnis Erwachsensein-Kindsein kreist Ingo noch in weiteren Textstellen. So erzählt er, dass er sich in seiner Kindheit sehr wohl gefühlt hat, als sein 98 Großvater ihn Weihnachten das erste Mal einen Schluck Feuerzangenbowle trinken lässt, obwohl er noch nicht so alt war: „Weiß nicht, danach habe ich mich recht wohl gefühlt, da habe ich mich wie nen Erwachsener gefühlt so.“ (II) Der Großvater gibt Ingo einen Schluck Feuerzangenbowle und Ingo beschreibt das Trinken des Alkohols als Initiation in die Erwachsenenwelt. Er fühlt sich vom Großvater ernst genommen und sein Wunsch, erwachsen sein zu wollen, wird sichtbar. In seinem lebensgeschichtlichen Entwurf zeigt sich, dass Ingo als adoleszenter junger Mann in der geschlossenen Institution Gefängnis mit der Auseinandersetzung, Kind oder Erwachsener zu sein, beschäftigt ist. Nachdem Ingo zu Beginn des biographischen Interviews über seine Kindheit sagt: „weiß ich gar nichts mehr“, erinnert er sich im weiteren Verlauf des Interviews „nur noch“ an die Zeit, als er im Kindergarten war und beginnt seine Erzählung mit einer Institution öffentlicher Erziehung. Auf die Frage, an was er sich aus dem Kindergarten erinnert, antwortet Ingo: „Irgendwie andere, nur nur so schreckliche Dinge“. Kleinsein – in seiner Erzählung verknüpft mit Erlebnissen im Kindergarten – scheint bei Ingo mit „schrecklichen Dingen“ assoziiert. Die „schrecklichen Dinge“ beziehen sich in seiner Erzählung auf eine Platzwunde an seinem Kopf und Kleber in seinem Auge – also physische Verletzungen und Verwundungen – und er nutzt sie zunächst als Einstieg in seine Erzählung. An dieser Stelle wird deutlich, warum Ingo in der Einstiegssequenz des biographischen Interviews zunächst erschrocken und überrascht wirkt: Die Erfahrungen an die frühe Kindheit sind mit „schrecklichen“ Erinnerungen verknüpft, die wieder aufsteigen, als er danach gefragt wird. Zu Beginn seiner lebensgeschichtlichen Erzählung zeigen sich somit erste Spuren biographischer Konflikterfahrungen: Es ist für ihn schwer, sich in Gedanken in seine Kindheit zurück zu begeben. Fällt ihm zunächst „gar nichts“ ein, erinnert er sich im nächsten Schritt nur an „schreckliche Dinge“, die ihn als Kind verletzt haben. Er erzählt somit über intensive körperliche Erfahrungen als er klein war. Hier zeigt sich eine strukturelle Ähnlichkeit zu seiner Erzählung über die Anfangszeit in Haft: Ingo drückt seine Angst sowie die Gefühle des Verlusts und des drohenden Autonomieverlusts in Haft zunächst ebenfalls über körperliche Erfahrungen, wie die Nahrungsverweigerung und die Verletzung durch die Glasscherbe, aus. Diese Perspektive legt nahe, dass Ingo im biographischen Interview durch die körperlichen Verletzungen in der Kindheit implizit über Ängste und Ohnmachtserfahrungen spricht, die zunächst unklar bleiben. Nachdem er kurz, aber lebendig und bildhaft über den Kindergarten erzählt, fragt er: „Soll ich von der Schule anfangen?“ Er wartet förmlich darauf, seine Geschichte erzählen zu können und beginnt, eine Delinquenzbiographie zu schildern: Ingo: Ja ich weiß noch, da wurde ich eingeschult und und ja die ersten paar Wochen ging´s gut mit der Schule. (I: Hmhm) Weiß nicht, im habe ich da angefangen, weiß ich, die Lehrerin zu verhauen. Da wollte ich I: Die Lehrerin zu verhauen? Ingo: Ja immer getreten und so. I: Oh. 99 Ingo: Dann da muss ich die erste Klasse noch mal wiederholen. Ja dann war ich einigermaßen vernünftig in der Schule, also mitgemacht, also das was ich sollte. In der zweiten Klasse weiß ich nicht mehr so genau. Dritte Klasse, weiß ich eigentlich auch nicht mehr so viel. Vierte Klasse, weiß ich, sind wir mit der Klasse mal nach Blattlausdorf gefahren. (I: Hmhm) So so zwei zwei zwei Klassen waren das. Ja n sind wir mit der Fähre rüber gefahren. Habe ich ein Mädchen ins Wasser geschmissen von der Fähre. (II) Ingo steckt den Rahmen seiner Erzählung chronologisch ab („erste Klasse“, „zweite Klasse“ etc.) und füllt diesen Rahmen mit Devianz- und Delinquenzgeschichten, an die er sich erinnert. Auffällig ist, dass er die Interviewerin zu irritieren scheint („Die Lehrerin zu verhauen?“, „Oh“), indem er sich in Beziehung zu seinem Alter als extrem abweichend inszeniert. Zugleich bleibt er in der Beschreibung des Ereignisses in der kindlichen Sprache („verhauen“) verhaftet. Wenn ihm keine Erlebnisse, in denen er auffällig ist, einfallen, dann überspringt er die Zeit und sagt: „weiß ich nicht mehr so genau“. Ingo erzählt somit zunächst nur über Ereignisse, in denen er „schlimme“ Dinge anstellt. Ingo antwortet auf die Frage, was ihm Spaß gemacht hat, als er klein war: „Leute ärgern. Ich hab ältere Leute immer geärgert“ (II). Wichtig ist seine Betonung, dass ihm das „Leute ärgern“ schon von klein an Spaß gemacht hat und dass es „ältere Leute“ – womit er in seiner weiteren Ausführung SchülerInnen höherer Klassen und LehrerInnen meint – und nicht Gleichaltrige waren. Die beiden Textstellen stehen damit exemplarisch für den Großteil seiner biographischen Erzählung. Ingo orientiert seine Lebensgeschichte an institutionellen Stationen – meist Klassenstufen – und Ereignissen, in denen er deviant war. Der Entwurf einer Delinquenzbiographie spiegelt sich auch auf der sprachlichen Ebene. Wirkt Ingo im Auftakt des biographischen Interviews (II), wenn er über seine Kindheit erzählen soll, erschrocken und wortkarg („Hu“ oder „weiß ich nicht“), so ist er, wenn er über Devianz und Delinquenz reden kann, ganz eloquent: Nach einer Störung des Interviews durch einen Bediensteten fragt Ingo: „Wo waren wir stehen geblieben? Ach so, mit dem Verkaufen das ja.“ (II) Ingo nimmt aktiv und souverän den Gesprächsfaden selbst auf und erzählt eine weitere Delinquenzgeschichte. Die Aktivität und Souveränität, die Ingo beim Erzählen von Delinquenzgeschichten hat, steht im starken Kontrast zu Passagen, in denen er von der Interviewerin aufgefordert wird, über andere Ereignisse zu erzählen. Es fällt ihm schwer über emotionale Erinnerungen zu sprechen. Dies wird auch daran sichtbar, dass Ingo die immer wiederkehrende Formulierung „ich weiß nicht“ häufig verwendet, wenn er Gefühle oder Beziehungsqualitäten beschreiben soll. Das immer wiederkehrende „ich weiß nicht“ wirft die Frage auf, was ihm die Gewissheit raubt. Wird sein Selbstentwurf, von klein auf delinquent zu sein, mit der Eingangssequenz und den Erinnerungen an Verletzungen in der Kindheit verknüpft, wird sichtbar, dass Ingo andere biographische Themen zurückweist: Erzählt Ingo anstatt über wirklich „schreckliche Dinge“ – also das, was schrecklich war, als er klein war – darüber, dass er schrecklich war? Ingo ist in der chronologischen Erzählung seiner Delinquenz in der sechsten Klasse angekommen und hat nur kurz in einem Nebensatz erwähnt, dass er bei seinen Großeltern aufgewachsen ist. Über Bezugspersonen seiner Kindheit redet Ingo 100 zunächst nicht von selbst. Erst als die Interviewerin einhakt und nachfragt, ob er sich – als er klein war – an eine Situation erinnern könnte, in der er glücklich war, antwortet er: „Nee, wo ich klein war, weiß ich nicht.“ Und weiter: Ich weiß nicht, ich weiß so gute Dinge, ich weiß nicht, ich hab mir nur diese schlechten Dinge, weiß ich, wo ich kleiner war, weiß ich auch nur eine Sache. (...) Und das war das, wo mein Vater meine Mutter mal geschlagen hat. (II) Durch die Hartnäckigkeit der Interviewerin wird aus dem „weiß ich gar nichts mehr“ als ich klein war, ein „weiß ich auch nur eine Sache“. Ingo erzählt über die scheinbar wahren „schrecklichen Dinge“ – die „schlechten Dinge“. Auffällig an der Textstelle – und kennzeichnend für das gesamte Interview – ist Ingos Hin- und Herpendeln zwischen „ich weiß nicht“ und „ich weiß“. Dies wird auch deutlich, wenn Ingo die gewalttätige Auseinandersetzung zwischen den Eltern näher beschreibt. Auf die Frage der Interviewerin nach einem Ereignis aus der Kindheit, wo er „besonders unglücklich“ war, antwortet Ingo erneut mit der Gewalt des Vaters gegen die Mutter: Ja, wo mein Vater meine Mutter mal geschlagen hat. Das weiß ich noch. Aber ich wusste nie, wieso oder so, weil er, weiß ich, das war im Schlafzimmer und da hat er mich rausgeschmissen oder so aus dem Schlafzimmer, und dann hat er sie immer geschlagen. Das weiß ich noch. (II) Ingo kann sich an die Situation erinnern, kann sie sich jedoch nicht erklären. Die Gründe und Ursachen für die Auseinandersetzungen zwischen den Eltern bleiben ihm verborgen. Wie verwirrend die Unklarheit für Ingo zu sein scheint, wird deutlich, indem Ingo von „weiß ich noch“ zu „wusste nie“, „weiß ich“ und zurück zu „weiß ich noch“ springt. Das hin- und herpendeln zwischen „ich weiß“ und „ich weiß nicht“ ist in seiner Erzählung eng mit Sprachlosigkeit verbunden. Beschreibt Ingo zunächst ein einmaliges Ereignis („mal“), verweist er am Ende der Textpassage darauf, dass es scheinbar öfter körperliche Auseinandersetzungen zwischen den Eltern gibt („immer“). Ingo holt in der beschriebenen Situation den Großvater, der im Nachbarhaus lebt, zur Hilfe. Ingo erinnert sich, dass er ungefähr zwei Jahre alt ist, als er die Auseinandersetzung zwischen seinen Eltern erlebt. Während der Auseinandersetzungen ist er bei seinen Großeltern, „solange bis das dann vorbei war“ (II). Als er drei Jahre alt ist, trennen sich die Eltern und seine Mutter verlässt den Haushalt. Ingo und sein Vater ziehen zunächst gemeinsam zu Ingos Großeltern, der Vater zieht jedoch kurze Zeit später wieder aus und Ingo wächst bei seinen Großeltern auf. Zu seinem Vater und seiner neuen Familie hat er weiterhin Kontakt. Der Kontakt zur Mutter scheint weitgehend abzubrechen. Über das Aufwachsen mit den Großeltern erzählt Ingo wenig, er erinnert sich jedoch an wenige, aber lebendige Situationen über gemeinsame Feste, Urlaube und Aktivitäten. An Weihnachten geht die Familie gemeinsam spazieren, um dann das von der Großmutter zubereitete Kaninchen zu essen. An den Familienaktivitäten sind über die Großeltern hinaus auch Ingos Onkel und Tanten sowie Cousins beteiligt. Er hat regelmäßigen Kontakt zu seinen Tanten und seine beiden Onkel unterstützen ihn bei seinen sportlichen Ambitionen. Es scheint somit ein familiales Netz zu existieren, in das Ingo eingebunden ist. Seine Großmutter beschreibt er im Ge- 101 gensatz zum Großvater als „großherzig“, weil sie ihn bereitwillig materiell versorgt. Interessant ist, dass er ihre Großzügigkeit mit Großherzigkeit beschreibt und somit materielle und emotionale Versorgung verschwimmen. Mit dem Großvater erinnert Ingo ein Ereignis, als sie im Wald Pilze sammeln waren und vor einem Wildschwein auf die Bäume flüchten mussten. Darüber hinaus tischlert er gemeinsam mit dem Großvater im Keller. Obwohl Ingo bei seinen Großeltern aufwächst, bleiben sie in seiner biographischen Erzählung zunächst eher blass und konturlos. Erst durch seine Inhaftierung gewinnen sie in seiner Erzählung an Bedeutung – als „beste Großeltern der Welt“ (II). Sie unterstützen ihn während der Situation in Haft, kümmern sich um ihn und besuchen ihn regelmäßig. Am Entlassungstag holen sie ihn gemeinsam mit seinem Vater ab. Und auch nach seiner Entlassung ist vor allem die Großmutter im ersten Längsschnittinterview (III) präsenter in seiner Erzählung. Zugleich lockert sich der Kontakt. Ingo zieht aus und lebt sein eigenes Leben. Er betont seine Ablösung und Unabhängigkeit von den Großeltern und entwirft das Ideal einer Autonomie ohne Bindung, indem er sagt, er brauche keine Unterstützung. Zu seinem Vater hat Ingo während seiner Kindheit und Jugend scheinbar nur sporadisch Kontakt. Er gründet eine neue Familie, zu der Ingo sich nicht zugehörig fühlt und auch seine beiden Halbgeschwister haben für ihn keine Bedeutung. Ingo erzählt nicht über gemeinsame Aktivitäten, sondern über Konflikte. Als er die Familie des Vaters besucht, tritt ihn die Partnerin des Vaters mit Füßen, als er auf dem Fußboden sitzt. Ingos Vater ignoriert ihr Verhalten zunächst, verprügelt sie jedoch als Ingo sich an ihn wendet und ihm von den Tritten in die Rippen erzählt. Im biographischen Interview beschreibt er seinen Vater rückblickend als „schlechten Umgang“ (II) für sich und distanziert sich zunehmend. Am Entlassungstag holt der Vater ihn gemeinsam mit den Großeltern von der Haftanstalt ab. Im ersten Längsschnittinterview (III) ein Jahr später zeigt sich, dass beide weiterhin wenig Kontakt haben, allerdings sind ihre Begegnungen nicht mehr so konflikthaft in Ingos Erzählung. An dieser kurzen Darstellung wird deutlich, dass die Großeltern, obwohl Ingo bei ihnen aufwächst, keine so große Bedeutung in seiner Erzählung haben. Von allen Personen, über die Ingo erzählt, sind sein Vater, aber vor allem die Mutter am stärksten mit Emotionen – allerdings konflikthaften – verbunden, obwohl sie zeitlich und räumlich am wenigsten für ihn präsent waren. Alles, was konflikthaft ist, scheint für Ingo greifbar – allerdings nicht in der Konflikthaftigkeit. Wie grundlegend der Konflikt mit der Mutter ist, deutet sich in der folgenden Textpassage aus dem biographischen Interview an, in der Ingo über die Situation nach der Trennung der Eltern spricht: Mein Vater hat das Saufen angefangen. Also meine Mutter wollte mich nicht haben oder so. Also weiß ich bis heute immer noch nicht so genau. Ja und dann weiß ich weiß ich, bevor ich ins Heim kam, weiß ich, meinte meine Oma, sie nimmt mich auf. Das war’s dann so. (II) In dieser Textstelle fasst Ingo zum ersten Mal im Interview sein familiäres Aufwachsen nach der Trennung seiner Eltern kurz zusammen: Der Vater trinkt, die Mutter lässt ihn zurück und die Großmutter nimmt ihn (notgedrungen) auf. Ingo deutet somit an, dass er sich von seinem Vater, seiner Mutter und seiner Großmutter 102 abgelehnt oder zumindest nicht erwünscht gefühlt hat. Zugleich signalisiert er auch hier abermals, dass die Interviewerin nicht nachfragen muss („Das war’s dann so“) und wehrt damit eine weitere Auseinandersetzung mit seiner familiären Situation ab. Es deutet sich an, dass er diese schmerzvolle Erfahrung mit der Erzählung der Delinquenzbiographie zu umgehen versucht. Ein entscheidender Aspekt dieser Textpassage ist, dass er die Gründe für das Verhalten seiner Mutter bis heute nicht kennt („Also weiß ich bis heute immer noch nicht so genau“). Die Unsicherheit über die Ursache der Trennung von seiner Mutter hat einen hohen Stellenwert in Ingos Erzählung. Hier scheint die Ungewissheit zu liegen, die sich in seiner Erzählung auf der sprachlichen Ebene widerspiegelt („ich weiß nicht“). Obwohl Ingo nicht viel über sie erzählt, wird in den kurzen, aber verdichteten Textstellen ein ungelöster biographischer Konflikt sichtbar. „Eigentlich über meine Mutter weiß ich sowieso nicht viel“ – verweigerte Anerkennung Obwohl Ingo aktiv versucht, mit ihr in Beziehung zu treten, scheint sie sich nicht mit ihm auseinander zu setzen und ihn nicht anzuerkennen. Die mangelnde Nähe zwischen ihm und seiner Mutter unterstreicht er, indem er sagt: „Eigentlich über meine Mutter weiß ich sowieso nicht viel. Ich weiß nicht, was die macht, ich weiß nicht, wo sie wohnt“ (II). Ingo verdeutlicht, dass er sie weder als Person kennt, noch weiß, wo sie sich aufhält. Allerdings wird im weiteren Interviewverlauf deutlich, dass Ingo von Zeit zu Zeit seine Schwester besucht, die bei der Mutter lebt, so dass er dort auch auf seine Mutter trifft. Es geht Ingo – wie das folgende Zitat deutlich macht – nicht nur darum, dass er über seine Mutter nichts weiß, sondern auch darum, dass er von ihr nicht erfährt, warum er nicht bei ihr aufgewachsen ist: Was weiß ich, aber weiß ich, sie hat eigentlich nie so viel mit mir geredet so, weiß ich, ich hab immer ich hab immer gesagt, so ich meinte so „Wieso hast Du mich früher nie genommen und so“, weißt du, da meinte sie so „Fang doch damit nicht schon wieder an und so“. Da meinte ich so „Sag mal hast Du Angst oder wie oder traust Du Dir das nicht mir das zu sagen oder was“? „Ja“ sagt sie, hat es auch nie gesagt oder so. (II) Ingo versucht, zu seiner Mutter Kontakt aufzunehmen und eine Erklärung zu erhalten, aber sie geht nicht auf ihn ein. Der manifeste Text bezieht sich auf das Erfahren von Gründen („sie hat eigentlich nie so viel mit mir geredet so“), zugleich wird aber in dieser Textstelle sehr gut deutlich, dass es Ingo um das Erfahren von Anerkennung geht („Wieso hast Du mich früher nie genommen und so“). Er möchte sich von seiner Mutter anerkannt fühlen, sie verweigert ihm diese Anerkennung jedoch und lässt ihn in einer ohnmächtigen Position zurück. Dass es Ingo nicht nur um ein einmaliges Ereignis geht, drückt sich deutlich in dem „nie“ aus. Ingo scheint von dem ständigen Wunsch nach einer Beziehung zu seiner Mutter begleitet. Versucht Ingo, seinen Wunsch nach mütterlicher Anerkennung und Bindung zu verdecken, indem er seine Biographie mit Delinquenz erzählt? 103 Unklar bleibt der Aspekt der Angst in dem angeführten Zitat. Fühlt sich seine Mutter durch Ingo bedroht? Oder wünscht er sich, dass er ihr gegenüber so mächtig ist, dass er sie einschüchtern kann? Ingo scheint so wütend auf seine Mutter zu sein, dass er davon ausgeht, dass sie Angst vor ihm hat. Sein kindlicher Wunsch nach Bindung und Anerkennung, den die Mutter verweigert, schlägt in Wut und Frustration um, als Ingo älter ist. Ingo hat eine ohnmächtige Wut seiner Mutter gegenüber, die sich in dem Wunsch äußert, sie umzubringen: Ingo: Ich wollte sie nie lange sehen, weil sonst weiß nicht, irgendwann hätte ich sie bestimmt auch geschlagen. I: Warum? Ingo: Weiß nicht, weil sie mir nie erzählt hat, wieso sie mich nie genommen hat. (I: Ja) Weiß nicht. Deswegen und irgendwann wollte ich sie gar nicht mehr sehen. Weiß nicht, hätte ich sie auch noch kaputt geschlagen. Einmal einmal wollte ich sie umbringen. (II) Ingo kreist darum, warum seine Mutter ihn nicht nur nicht „genommen“ hat, sondern warum sie ihm die Anerkennung ausdrücklich verweigert und damit seine Bedürfnisse missachtet. Ingo fühlt sich um eine Erklärung betrogen, da die Mutter ihm die Erklärung trotz ihrer räumlichen Nähe und expliziten Aufforderung, zu ihm in Beziehung zu treten, vorenthält. Das kann Ingo nur schwer aushalten, was sich darin ausdrückt, dass er sie „nie lange sehen“ und später „gar nicht mehr sehen“ wollte. Ingo dreht die Beziehung im Interview um, indem er nun die Mutter nicht mehr sehen will, und sich somit die Definitionsmacht in der Beziehung zu seiner Mutter zuschreibt.93 Die immer größer werdende ohnmächtige Wut (resultierend aus der Frustration) drückt sich in der Steigerung seiner Gewaltphantasien ihr gegenüber aus, die er beschreibt: von „geschlagen“ über „kaputt geschlagen“ bis zu „umbringen“. Wobei das „einmal“ darauf verweist, dass Ingo sich auf eine konkrete Situation bezieht. Ingo kämpft im wahrsten Sinn des Wortes um Anerkennung. Seine Gewaltphantasie der Mutter gegenüber macht sein Bedürfnis deutlich, eine Erklärung von ihr zu erhalten, warum er nicht bei ihr aufwachsen durfte – notfalls mit Gewalt. Es wird somit Ingos Wunsch, von ihr angenommen zu werden, deutlich und zugleich seine Hassgefühle ihr gegenüber, die sich in seinem Wunsch, sie umbringen zu wollen, äußern. Auffällig ist das „auch“ am Ende der Textpassage: „hätte ich sie auch noch kaputt geschlagen“. Die Irritation durch das „auch“ wirft die Frage auf: wen noch? Schlägt Ingo Dinge oder Personen „kaputt“ und verwandelt somit das Gefühl der Ohnmacht in Handlungsfähigkeit? Oder bezieht sich das „auch“ darauf, dass Ingo sie „kaputt geschlagen“ hätte, wie der Vater die Mutter geschlagen hat als er ein kleines Kind war? Deutlich wird in der Passage jedoch, wie hilflos er sich der Ablehnung durch die Mutter auch noch nach Jahren fühlt. Die Aggressionen ihr gegenüber sind Ausdruck seines Wunsches nach einer Beziehung zu ihr. In der Situation, in der Ingo seine Mutter umbringen will, fährt er jedoch unverrichteter Dinge wieder weg, weil er sich „nicht traut“. Zurück bleiben seine Ohn- 93 Diese Lesart verdankt die Autorin Almut Koesling. 104 macht und Wut, verbunden mit dem Wunsch, von seiner Mutter anerkannt zu werden. Diesen Wunsch wehrt er jedoch ab und demonstriert nach außen Gleichgültigkeit, wenn er erzählt, dass er sich seiner Schwester gegenüber verhält, „als ob mir das alles scheißegal wär“ und ihr über seine Mutter sagt: „Die interessiert mich gar nicht mehr und so“ (II). Ingo beschreibt in den beiden Sequenzen eine Strategie, seine inneren Konflikte mit der Mutter zu verbergen. Zugleich versucht er die Bedeutung der Mutter nach außen zu negieren. Das Zurückweisen von Ohnmachtserfahrungen durch die Demonstration von Gleichgültigkeit beschreibt Ingo auch in Bezug auf die Inhaftierung ein Jahr später im ersten Längsschnittinterview (III), wenn er sagt: „ich war vom Vollzug nicht beeindruckt sagen wir's so. (...) Ja das ist so ich hab's denen so gezeigt also innerlich war ich schon beeindruckt (...) aber ich hab's den Beamten nicht so gezeigt“ (III). Die Textstelle verdeutlicht Ingos Bemühungen, das, was ihn „innerlich“ also emotional berührt, beschäftigt oder bedroht, nicht nach außen dringen zu lassen. Ingo wehrt sich demonstrativ gegen die Ohnmachtserfahrungen in der Institution, indem er sich beispielsweise den Anweisungen der Bediensteten widersetzt. Dafür nimmt er in Kauf, dass er keine Vollzugslockerungen erhält. Die Ohnmachtserfahrungen in der geschlossenen Institution Gefängnis wehrt er nach außen ebenso ab, wie den ungelösten Konflikt mit seiner Mutter. Dieser ungelöste Konflikt verbunden mit dem Wunsch, mit ihr in Beziehung zu treten – und sei es mit Gewalt – verweist auf einen Anerkennungskonflikt. Rückblickend stellt er auf das Gefängnis bezogen einen Zusammenhang her, zwischen dem Schutz des inneren Erlebens und Aggressionen: „da drinne ist man auf jeden Fall aggressiver, weil man alles in sich hineinfrisst“ (III).94 In diesem Zusammenhang ist auffällig, dass Ingo zu Beginn der Haft nicht essen will – er verweigert die Nahrung. Er reagiert auf die massive Ohnmachtserfahrung mit Aggression gegen sich und andere und kommuniziert das Gefühl der Ohnmacht und des (Autonomie)Verlusts über den Körper. Hier zeigt sich auch eine Parallele zu Gewalt außerhalb der Institution. „Wo ich mich dann wehren muss“ – zwanghafte Verteidigung Wie zu Beginn der Fallinterpretation bereits angeführt, beginnt Ingo seine biographische Erzählung aus der Schulzeit mit Delinquenzgeschichten, an denen er sich chronologisch entlang hangelt. Dabei werden mit Ingos Heranwachsen auch die Delikte größer. In seiner Kindheit bereitet ihm „Leute ärgern“, Stinkbomben werfen, die Lehrerin treten und im Vergnügungspark einen Eiswagen ausräumen Spaß. Er beschreibt in einer Passage, wie er die „Leute“ geärgert hat: Ja genau, einmal hatten wir mal so nen Furzkissen, haben wir auch mehrere der Lehrerin unter´n Stuhl gelegt so. Die hat immer so nen so Kissen da drauf liegen, (I: Ja) haben wir unter 94 Spannend in dem Zusammenhang ist, dass Ingo zu Beginn der Haft nicht „fressen“ will – er tritt in einen Hungerstreik. Er kann die erneute massive Ohnmachtserfahrung nicht aushalten, ohne sich zu wehren. 105 unter dem Kissen so hingepackt und die hat sich dann da drauf, haben wir auch ah so. Oder so Drogen, in genau war ich auch vierte Klasse, so Ende der vierten Klasse so. Sind wir auch hinge irgendwo hingefahren. Wo war denn das? Im [Vergnügungspark] (I: Hmhm) glaube ich. [Vergnügungspark]? Ja. Da habe ich das erste Mal Drogen genommen gehabt.(II) Die Textpassage lässt sich exemplarisch für eine Vielzahl von Passagen anführen, in denen Ingo über sein auffälliges Verhalten am Ende der vierten Klasse erzählt95. Die Textstelle ist durch eine bemerkenswerte Diskrepanz charakterisiert: Ingo beschreibt zu Beginn einen harmlosen Streich. Durch die detaillierte Erzählung einerseits und die verkürzte Darstellung der Situation als es um den lustigen, aber auch mit Scham verbundenen Moment des Geräusches aus dem „Furzkissen“ geht, wirkt Ingo kindlich. Diese kindliche Perspektive kippt jedoch im nächsten Moment, wenn er über den Konsum von Drogen im Rahmen eines Klassenausflugs zur selben Zeit spricht. Diese Diffusität und das Moment von Unverständlichkeit bleibt fast durchgängig in allen seinen Erzählungen über Delinquenz und Gewalt. Es scheint, als wenn ihm sein Verhalten selbst nicht immer verständlich erscheint. Dies wird in einer Passage deutlich, in der Ingo über die Auseinandersetzung erzählt, die zu seinem Bewährungswiderruf führt. Ingo wird aus seiner Perspektive von einem jungen Mann vor seiner Haustür beleidigt und mit einem Fahrradschloss beworfen. Daraufhin schlägt Ingo zu: Aber ich habe auch nicht oft zugehauen. Ich habe einmal zugehauen und dann habe ich sogar noch nen Krankenwagen gerufen. (I: Hmhm) Aus Mitleid. Ja ich weiß nicht, ja weiß nicht, irgendwie tat´s mir leid, weil er hat ziemlich doll geblutet (I: Hmhm) weil die Nase, ich hab ich hab ihm auf die Nase gehauen, war Nase gleich zweimal gebrochen. (I: Hmhm) Die war so krumm war die. (I: Ja) Weiß nicht. (II) Diesen Einsatz von Gewalt empfindet Ingo als legitim. Er hat „einmal“ zugehauen und scheint fast ein wenig erschrocken über das Ausmaß seiner Tat („hat ziemlich doll geblutet“, „Die war so krumm war die“). Auffällig ist, dass Ingo seine Reaktion selbst sehr schnell als unangemessen einzuschätzen scheint: „weiß nicht“. Weiß er nicht, was in ihm vorging? Er holt selbst einen Krankenwagen beim Anblick dessen, was er angerichtet hat. Es scheint, als wenn er die blutende krumme Nase kaum ansehen konnte. Offen bleibt, ob ihm die Situation rückblickend peinlich ist oder ob es ihm auch für sich selbst leid tut, da er aufgrund dieser Situation inhaftiert wird. Auffällig ist, dass Ingo sowohl im Haftinterview als auch im biographischen Interview um diese Situation kreist. Er distanziert sich rückblickend von einigen seiner Taten, die er aus „Jux und Dollerei“ (I) begangen hat, betont jedoch, dass er seine Reaktion in der zitierten Passage nicht bereut: „Aber das das sehe ich auch immer noch nicht ein, dass dass ich das falsch gemacht habe. Er hat mich angegriffen. Die die stellen mich so dahin, als ob ich mich verprügeln lassen soll.“ (I) Ingo fühlt sich angegriffen und durch die Strafe ungerecht behandelt. Es ist für ihn unverständlich, dass er sich nicht wehren und sich „verprügeln lassen“ soll. Damit stellt er im Inter- 95 Dadurch, dass Ingo in der Grundschule zweimal eine Klasse wiederholt, ist er am Ende der vierten Klasse zwölf Jahre alt. 106 view deutlich klar, dass er sich nicht zum Opfer machen lässt. Hier zeigt sich eine Parallele zur Bedeutung von Gewalt im Gefängnis. Auch in Haft hebt Ingo hervor, dass er kein Opfer ist. Mit Blick auf die Zeit nach seiner Entlassung betont er im Interview über die Hafterfahrungen, dass er vermeiden möchte, Streit zu suchen oder Auseinandersetzungen zu beginnen. Allerdings stellt er fest, dass sich Auseinandersetzungen nie ganz vermeiden lassen werden: Ja es gibt bestimmt Leute, weiß ich, die mich mal die mich versuchen mal anzugreifen oder so, wo ich mich dann wehren muss, deswegen (I: Hmhm) lässt sich glaube ich nie vermeiden. Also ehe ich mich da schlagen lassen sollte oder so, wehre ich mich natürlich auch. (I: Hmhm) Deswegen. (I) Erneut wird deutlich, dass Ingo im Falle eines Angriffs nur den Weg der körperlichen Verteidigung kennt. Er „muss“ sich wehren. Hier wird sichtbar, dass Gewalt als Mittel der zwanghaften Verteidigung für ihn legitim und unumgänglich ist. Er darf sich auf keinen Fall wehrlos angreifen lassen und vermeidet somit im Interview, sich als Opfer darzustellen. In der Selbstverständlichkeit und Normalität, die Gewalt für Ingo auch außerhalb des Gefängnisses zu haben scheint, wird eine weitere Parallele sichtbar. Gewalt bleibt in weiten Teilen seiner Erzählung diffus, zugleich ist sie omnipräsent. Er erzählt über bizarre Situationen wie eine Schießerei im Park, das Anzünden von Asylbewerberheimen und eine Schlägerei in der Disko. Gewalt ist für Ingo dabei legitim, selbstverständlich und häufig auch grundlos. Darüber hinaus ist sie eng verwoben mit der Zugehörigkeit zu verschiedenen Gleichaltrigengruppen wie der rechten Szene und im Anschluss einer weiteren peergroup. Ingo betont für beide Zusammenhänge die Loyalität in der Gruppe. Verbindendes Element der Gleichaltrigengruppe, der sich Ingo nach den „Kameraden“ der rechten Szene anschließt, sind in seiner Erzählung Drogenhandel und -konsum sowie gemeinsame Devianz („Blödsinn“). Auffällig ist, dass Ingos chronologische Delinquenzgeschichte zu Beginn seiner lebensgeschichtlichen Erzählung durch Berichte über Mädchen und junge Frauen, die er entweder küsst oder ärgert, unterbrochen, aber auch verbunden und gerahmt ist. Auch zwischen ihm und seinen Freunden spielen junge Frauen eine wichtige Rolle. Es werden die Freundinnen „geteilt“ und Ingo schätzt, seine Freunde würden ihn als „schlimm“ charakterisieren, weil: „Ich sag mal, ich bin ein schlimmer Junge. Ja weil ich hab früher immer draußen immer die Mädchen verarscht.“ Der häufige Wechsel der Freundinnen, manchmal innerhalb eines Abends, auf den Ingo anspielt, macht deutlich, dass Ingo die jungen Frauen als beliebig und wertlos begreift. In seiner Erzählung steigert sich diese Objektivierung von Frauen in einer Textpassage, in der er beschreibt, wie er mit seinen Freunden eine Freundin an einen Zuhälter verkauft. Diese betont abwertende Haltung jungen Frauen gegenüber steht im Gegensatz zu einer Sequenz, in der er über die kurzzeitige Trennung von seiner Freundin spricht. Ingo versucht trotz neuer Beziehung nach der Trennung wieder Kontakt zu seiner Ex-Freundin aufzunehmen. Diese will ihn (ähnlich der Mutter) jedoch weder sehen, noch mit ihm sprechen. Als Ingo sie mit ihrem neuen Freund trifft und sieht, wie sie sich küssen, gibt es eine Auseinandersetzung: „Ich weiß nicht. Ich war sauer. Ich 107 weiß nicht, ich wollte sie, ich weiß nicht, ich wollte sie umbringen“ (II). Und etwas später erzählt er: „Weiß nicht, konnte ich nicht ansehen. Weiß nicht, wollte ich ihn umbringen, wollte ich habe ich ihn zusammengeschlagen.“ (II) Ingo fällt es schwer, seine Gedanken und Gefühle zu ordnen: „ich weiß nicht“ – rahmt jeden seiner Gedanken. Er bringt seine Wut zum Ausdruck und zögert, den Tötungswunsch auszusprechen. Durch den zweiten Anlauf, den er nimmt, um zu sagen, dass er „sie umbringen“ wollte, wird deutlich, wie verwoben der Wunsch nach Bindung („ich wollte sie“) und der Wunsch sie zu töten („ich wollte sie umbringen“) sind. Dabei bleibt zunächst unklar, ob sich das „sie“ auf seine Freundin oder das Paar bezieht. Im Verlauf der Passage verschiebt sich sein Tötungswunsch auf ihren Freund, den er nicht umbringt, aber zusammenschlägt. Offen bleibt, was ihn kränkt und wütend macht: Ist es der Verlust oder Verrat? Der Wunsch, seine Freundin und ihren Freund umzubringen, weist eine Parallele zu dem Tötungswunsch gegen seine Mutter auf. Ingo benutzt fast die selben Worte. Fühlt er in dieser Situation ebenfalls eine ohnmächtige Wut, ausgelöst durch die Angst vor einem erneuten Verlust, der ihm in dieser Situation im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen geführt wird („konnte ich nicht ansehen“)? Im Gegensatz zu der Situation mit seiner Mutter, als er unverrichteter Dinge wieder nach Hause fährt, wählt er diesmal einen anderen Weg. Er richtet seine Wut gegen den neuen Freund. Im Anschluss an die Auseinandersetzung nimmt Ingo seine Ex-Freundin mit zu sich nach Hause und sie nehmen an diesem Abend ihre Beziehung wieder auf. An der Passage wird sichtbar, dass die Trennung von engen Bezugspersonen häufig mit körperlichen (Gewalt-)Erfahrungen verknüpft ist. Ingo thematisiert jedoch nicht nur den Verlust, sondern auch die Nähe zu wichtigen Personen über körperliche Erfahrungen. „War einfach unbeschreiblich“ – kommunizierender Körper Die Sprach- und verbale Kommunikationslosigkeit bezüglich der Beschreibung von Gefühlen und Beziehungsqualitäten in Ingos lebensgeschichtlicher Erzählung, die sich bereits angedeutet hat und im Interview kontinuierlich durchzieht („weiß nicht“), steht in einem Spannungsverhältnis zur Kommunikation mit dem (männlichen) Körper. Körperliche Aspekte sind in Ingos biographischer Erzählung von Bedeutung. Er beginnt seine Lebensgeschichte mit physischen Verletzungen, darüber hinaus spielt Sport eine wichtige Rolle in seinem biographischem Rückblick. Ingo scheint vor allem im Langstreckenlauf und Fußball ein talentierter und erfolgreicher Sportler zu sein. Später macht er Bodybuilding und im Anschluss daran spielt er Football. Seine beiden Onkel fördern je nach Sportart abwechselnd sein sportliches Talent. Trotz des Erfolgs und der Anerkennung, die Ingo durch den Sport erfährt, beendet er die Langstreckenläufe nach der Stadtmeisterschaft, wird wegen „unbeherrschtem“ Verhalten gegenüber dem Schiedsrichter aus der Nachwuchsfußballmannschaft ausgeschlossen und bricht das Bodybuilding wegen seines Anabolikakonsums ab. 108 Der Körper als Kommunikationsmittel (der Gefühle) wird am deutlichsten in einer Textstelle, in der Ingo über die Beziehung zu seiner damaligen Freundin spricht. Zunächst kann er nicht beschreiben, was er an ihr mag: Sie ist „nicht die Schönste“, aber ihm gefällt sie und sie „passen einfach zusammen“. Wie bereits aufgezeigt, fällt es Ingo schwer, über Beziehungsqualitäten oder Gefühle zu sprechen. Aber das „erste Mal“ – den ersten Geschlechtsverkehr mit seiner Freundin – schildert er im biographischen Interview detailliert und emotional. Mit Blick auf das gesamte Sample ist Ingo der Einzige, der über sexuelle Erlebnisse ausführlich erzählt: Ingo: Besonders schön? Das erste Mal Sex mit ihr. (I: Hmhm) War weiß nicht, war für uns beide so das erste Mal eigentlich. [...] War alles ungewohnt, ich weiß nicht, das erste Mal. Es war schön, aber ich weiß nicht, es war auch wieder komisch. War ungewohnt. Ich weiß nicht. (I: Ja) Ich kannte sowas nicht. Weiß nicht. I: Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, Sie kannten sowas nicht? Ingo: Überhaupt so das Gefühl, wie so was ist sowas, ich weiß nicht. (I: Ja) War einfach unbeschreiblich. Ich weiß nicht. War ungewohnt. Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Hm. I: Also Sie klingen so, als wären Sie ganz schön hin und weg gewesen. Ingo: Ja. I: Hmhm. Ingo: Ich weiß nicht, habe ich mir niemals so vorgestellt so wie es war. I: So schön wie es war? Ingo: Ja, ich dachte so, (I: Hmhm) es wär einfach so ein bisschen, weiß ich, bisschen Spaß und (I: Ja) war´s dann. (II) Ingo antwortet auf die Frage nach einer besonders schönen Situation mit Sex. Was sich zunächst als Inszenierung von Männlichkeit eines Adoleszenten gegenüber der Interviewerin lesen lässt, wird durch die Unsicherheit und Fremdheitserfahrungen („ungewohnt“), die Ingo beschreibt, brüchig. Es war „schön“ und zugleich „komisch“. Ingo versucht Gefühlsqualitäten („das Gefühl, wie so was ist“) zu beschreiben, es ist aber „unbeschreiblich“. Er sucht nach Worten und die Interviewerin bringt in der Interaktion die Gefühle für Ingo zur Sprache („hin und weg“; „schön“). Ingo scheint erneut sprachlos zu sein. Gleichzeitig scheint es ihm möglich, über Sexualität mit seiner Freundin eine bisher ungekannte Nähe und Bindung zu erfahren, die sich körperlich ausdrückt, aber nicht in Worte fassen lässt. In dem in der oben angeführten Textpassage ausgelassenen Teil thematisiert Ingo seine Ängste: „dass ich ihr weh tue“ (II). Ungewöhnlich ist, dass er von sich aus über Ängste erzählt, allerdings spricht er nicht über Versagensängste, die das „erste Mal“ auch begleiten können, sondern er erzählt über seine Angst, seiner Freundin Schmerzen zuzufügen. Das „erste Mal“ symbolisiert außerdem die Initiation in die Erwachse- 109 nen- oder Männerwelt. Körperliche Nähe entsteht und Ingo erlebt eine intensive (körperliche) Beziehung und Bindung, die im Kontrast zu dem „bisschen Spaß“ steht, den er sich vorgestellt hat. Ingo beschreibt sich in dieser Textstelle als ängstlichen, vorsichtigen und einfühlsamen Mann, der intensive Gefühle über die körperliche Ebene erlebt und kommuniziert. Auch in einer anderen Textstelle wird die Betonung von Körperlichkeit deutlich. Nach einem Vorbild gefragt, antwortet Ingo: „Ja, ich wollte früher immer wie Arnold Schwarzenegger aussehen“ (III) – wegen der Muskeln. Ingo hat eine Zeit lang intensiv trainiert und Anabolika genommen. Spannend in diesem Zusammenhang ist die Frage, was Ingo über den Körper kommuniziert, wenn er aussehen will wie Arnold Schwarzenegger. Ein solch durchtrainierter Körper verkörpert Stärke sowie unter Umständen Gewaltbereitschaft und verdeckt Gefühle der Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst. Denn so wie Ingo Nähe über den Körper kommuniziert, kann sein Gewalthandeln ebenfalls als Kommunikation von Gefühlen über den Körper (bei emotionaler Sprachlosigkeit) verstanden werden. Die Nahrungsverweigerung zu Beginn der Inhaftierung kann ebenfalls in diese Richtung gedeutet werden, allerdings beraubt sich Ingo eines Kommunikationsmittels, wenn er durch den Hungerstreik seinen Körper verschwinden lässt. Die Bedeutung des Körpers oder die Kommunikation über den Körper wandelt sich im Längsschnitt. Nach seiner Entlassung vermittelt Ingo einen wenig aktiven und ruhigen Eindruck. Sport tritt für ihn in den Hintergrund: „Ach so nee, ich sag mal, ich bin zu faul dafür geworden“ (III). Auch bezüglich Gewalt beschreibt er Veränderungen. Schon während seiner Inhaftierung erzählt Ingo, dass er sich „nicht mehr so provozieren lassen“ und „gleich zuschlagen“ will, sondern dass er den Herausforderer „auslachen“ und zu ihm sagen würde, „Du kannst mich mal“ (II). Diese im Kontext des Gefängnisses zunächst stark nach sozialer Erwünschtheit klingende Veränderung der Handlungsstrategie beschreibt Ingo zum Teil auch ein Jahr nach seiner Entlassung: „weil – ich mach ja nichts mehr“ (III). Bei genauerer Betrachtung wird jedoch sichtbar, dass Ingo zwar „keine Lust mehr so auf diese Randale“ (III) hat, aber „ich sag mal so, wenn's sein muss, dann muss es sein“ (III). Die zitierte Textstelle verdeutlicht noch einmal, dass sich die Zwangsläufigkeit und Legitimation von Gewalt für Ingo in bestimmten Situationen nicht gewandelt hat, sondern kontinuierlich fortbesteht. Gewalt tritt bei Ingo an die Stelle der Sprache in sprachlos machenden Situationen und mit ihr drückt Ingo unvermittelt die eruptive Seite seiner emotionalen Zustände aus. Fazit Gewalt im Gefängnis hat für Ingo Jakob Normalität und stellt eine selbstverständliche Ressource dar. Er erzählt unbefangen über verschiedene Auseinandersetzungen, an denen er beteiligt ist: Ingo unterdrückt, beschützt und wehrt Unterdrückungsversuche ab. Er betrachtet sich als nicht gefährdet durch die Inhaftiertengemeinschaft und macht deutlich, dass er kein Opfer ist. Zugleich spricht er freimütig über seine 110 schmerzhaften Erfahrungen zu Beginn der Inhaftierung, als er aufgrund von Verlustund Ohnmachtserfahrungen die Nahrung verweigert. Hier wird Ingos verletzliche Seite sichtbar. Es wird somit deutlich, dass Ingo die mit der Inhaftierung verbundene Ohnmacht und den Autonomieverlust als körperliche (Gewalt-)Erfahrung sowohl gegen sich selbst als auch gegen andere richtet. Sich in der Inhaftiertengemeinschaft als nicht gefährdet zu erleben, geht in seiner Erzählung mit einer wütenden Auflehnung gegen die Institution einher, die ihre Zuspitzung in einer Auseinandersetzung mit einem Bediensteten der Anstalt erfährt. In diesem Konflikt zeigt sich ein markantes Muster des Falls: die Verwobenheit von Beziehungsaufnahme, Anerkennung und körperlichen Gewalterfahrungen. Diese Verwobenheit erfährt ihre tieferliegende Bedeutung im Kontext eines biographischen Anerkennungskonflikts mit seiner Mutter. Nach der Trennung der Eltern als Ingo drei Jahre alt ist, verlässt die Mutter die Familie und Ingo wächst bei seinen Großeltern auf. In seiner lebensgeschichtlichen Erzählung wird deutlich, dass er auch Jahre später noch darum kreist, warum er nicht bei seiner Mutter aufwachsen durfte. Es ist jedoch nicht nur die Verlusterfahrung, die ihn ohnmächtig zurück lässt, sondern auch ihre Weigerung, zu ihm in Beziehung zu treten und sich zu erklären. Ingo fühlt sich nicht nur verlassen, sondern auch verraten. Die Sehnsucht, eine Erklärung von seiner Mutter zu erhalten, verweist jedoch auf den dahinter liegenden Wunsch, von ihr angenommen zu werden. Ihre Weigerung ihn anzunehmen, lässt ihn in ohnmächtiger Wut zurück, was in dem Tötungswunsch gegen die Mutter deutlich wird. Auf der sprachlichen Ebene spiegeln sich diese biographischen Missachtungserfahrungen in der geraubten Gewissheit („ich weiß nicht“) wider, die auch auf seine Sprachlosigkeit in bestimmten Momenten verweist. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch Ingos Entwurf einer Delinquenzbiographie eine tieferliegende Bedeutung: Er bestätig mit seiner Selbstinszenierung als männlicher Beschützer und Besitzer (vgl. Kersten 1997a), aber auch mit der Bedeutung von Gewalt als Mittel zwanghafter Verteidigung auf den ersten Blick zentrale Annahmen aus der Männlichkeitsforschung zum Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt auf der Ebene oberflächlicher, kultureller Stereotype. Es zeigt sich eine Strukturparallele zwischen dem Interviewauftakt des biographischen Interviews und der Bedeutung von Gewalt im Gefängnis: Ingo beginnt den Einstieg in seine lebensgeschichtliche Erzählung mit körperlichen Verletzungen in der Kindheit. Er umgeht damit, im manifesten Text über schmerzhafte Kindheitserfahrungen zu sprechen, latent werden sie jedoch sichtbar. Dadurch zeigt sich die verletzliche Seite seines Selbstentwurfs. Auch im Interview über die Hafterfahrungen spricht er zunächst über körperliche Erfahrungen – die Nahrungsverweigerung. In dieser Parallele wird deutlich, dass Ingo Ängsten und Verletzungen durch Gewalt gegen sich und andere Ausdruck verleiht. Im Gefängnis werden Ingos biographische Verlust- und Ohnmachtserfahrungen reaktiviert, und der Anerkennungskonflikt mit seiner Mutter hat in den Interviews, die in Haft mit ihm geführt werden (I und II), einen zentralen Stellenwert. Durch die Auseinandersetzung mit dem Beamten scheint jedoch etwas in Bewegung zu geraten: Ingo erschrickt sich über seine Reaktion (einen Bediensteten zu schlagen) und ist zugleich irritiert über die Reaktion des Beamten, der ihn nicht anzeigt, sondern zu 111 ihm in Beziehung tritt. Durch den Konflikt entsteht ein aus Ingos Sicht respekt- und vertrauensvolles Verhältnis, das zugleich durch Abhängigkeit geprägt ist. Ingo erlebt den Beamten als unterstützend und fürsorglich. Hier zeigt sich ein bedeutender Unterschied zu Ingos Konflikt mit seiner Mutter: Während der Bedienstete die Gewaltsituation dadurch entschärft, dass er durch ein Gespräch eine Beziehung zu Ingo herstellt, kulminiert die sprachlose Weigerung der Mutter, Ingo zu antworten, geschweige denn ihn anzunehmen, in ohnmächtigen Gewaltphantasien. In der Gesamtsicht des Falls wird somit deutlich, dass Gewalt für Ingo einen Schlüssel im Zusammenhang mit Beziehungen und Anerkennung darstellt: Gewalt tritt an die Stelle der Sprache in sprachlos machenden Situationen. Hier wird sichtbar, dass Ingo emotionale Zustände über den Körper kommuniziert. Der selbstverständliche und der zugleich zwanghafte und somit zwanglose Umgang mit Gewalt verweist in seiner tieferen Bedeutung somit auf Ingos Wunsch nach Bindung und Anerkennung sowie Missachtungserfahrungen, die ihn ohnmächtig zurücklassen. 112 10. Manfred Neumann: „Hab ich immer „Nein“ jesagt“ – Gewalt als Überforderung im Kontext biographischer Autonomiekonflikte Manfred Neumann wird 1982 in einer ostdeutschen Kleinstadt geboren. Er wächst gemeinsam mit seinen Eltern, seinem sieben Jahre älteren Bruder sowie den Großeltern mütterlicherseits in einem Zweifamilienhaus auf. Sein Vater arbeitet als Schlosser, seine Mutter ist vor der politischen Wende in der DDR im Werkzeugbau erwerbstätig. Nach der Wende absolviert sie eine Weiterbildung zur Krankenschwester, findet jedoch keine Arbeit. Mit sieben Jahren wird Manfred eingeschult und wiederholt die erste Klasse. Nachdem er nach der vierten Klasse auf eine weiterführende Schule wechselt, wiederholt er die fünfte Klasse. Daraufhin wechselt er in die siebte Klasse einer Sonderschule. Zu dieser Zeit beginnt Manfred gemeinsam mit anderen Jugendlichen Autodiebstähle zu begehen und mit den gestohlenen Fahrzeugen ohne Fahrerlaubnis zu fahren. Er wird daraufhin mit 14 Jahren für fünf Wochen in Untersuchungshaft genommen. Seine Eltern stellen beim Jugendamt einen Antrag auf Hilfen zur Erziehung, woraufhin Manfred nach der Schule in einer Tagesgruppe untergebracht und wenig später ins Betreute Wohnen verlegt wird. 1998 wird er mit 16 Jahren zu insgesamt zwei Jahren Strafhaft verurteilt und inhaftiert. Während dieser Inhaftierung werden das Interview über die Hafterfahrungen (I) und das biographische Interview (II) mit ihm geführt. Die Entlassung erfolgt 1999 auf Bewährung. Manfred zieht zurück ins Betreute Wohnen und beginnt ein Berufsvorbereitungsjahr. Fünf Monate nach der Entlassung erfolgt der Bewährungswiderruf wegen gemeinschaftlichen Autodiebstahls. Während des siebenmonatigen Bewährungswiderrufs wird das erste Längsschnittinterview (III) in derselben Jugendhaftanstalt wie bei seiner Erstinhaftierung geführt. In dieser Zeit findet die Verhandlung statt und Manfred wird zu weiteren acht Monaten Strafhaft verurteilt. Kurz vor seiner Entlassung findet das zweite Längsschnittinterview (IV) statt. „und dann hab ich Antrag jestellt, dass ich von die Station runter will“ – institutionelle Hinwendung Manfred Neumann antwortet zu Beginn des Haftinterviews auf die Frage, wie er die Situation der Ankunft im Gefängnis erinnert, dass die Inhaftierung verbunden mit dem Eingesperrtsein ein „ganz komisches Gefühl“ (I) war. Im Anschluss daran erzählt er über die Verlegung auf eine Station und beschreibt: M: und da hab ich nach einem Monat dann e Fernseher jekriegt, ’n da hab ich mich auch da mit so anderen zusammenjelegt. I: hm M: so Jefangenen

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References

Zusammenfassung

Zwischen Männlichkeit und Gewalt wird sowohl in den kollektiven Deutungsmustern junger Männer als auch in vielen wissenschaftlichen Ansätzen der Jugendgewalt- und Männlichkeitsforschung ein direkter Zusammenhang vorausgesetzt.

In der vorliegenden Studie werden kollektive Deutungsmuster von Gewalt in Beziehung gesetzt zu der subjektiven Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen. Unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn? Dieser Frage wird anhand fünf biographischer Fallinterpretationen auf Basis qualitativer Längsschnittinterviews mit inhaftierten jungen Männern nachgegegangen.

Das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht wird aus einer soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive untersucht. Dabei rücken die Opfer-Täter-Ambivalenzen von Gewalthandeln in den Blick. Es zeigt sich eine enge Verbindung zwischen der Bedeutung von Gewalt und den biographischen Konflikterfahrungen junger Männer: Gewalt steht in enger Beziehung zu ihren Autonomiekonflikten und ein komplexes und vielschichtiges Verhältnis zwischen Autonomie, Geschlecht und Gewalt wird sichtbar.