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Anke Neuber, Siggi Tengel: „Sagt mir keen Inneres mehr ‚Hier hör off das reicht’“ – Gewalt als Ausdruck von Kontrollverlust im Kontext biographischer Trennungserfahrungen in:

Anke Neuber

Die Demonstration kein Opfer zu sein, page 71 - 93

Biographische Fallstudien zu Gewalt und Männlichkeitskonflikten

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8329-4056-0, ISBN online: 978-3-8452-1251-7 https://doi.org/10.5771/9783845212517

Series: Interdisziplinäre Beiträge zur Kriminologischen Forschung, vol. 35

Bibliographic information
71 III. Biographische Fallanalysen Der im Kapitel zuvor beschriebene „mehrfache Blick“ auf das Material spiegelt sich auch im Aufbau der Fallinterpretationen wider, indem die Darstellungslogik dem methodischen Vorgehen folgt: Als Einstieg erfolgt ein Überblick über ausgewählte biographische Daten. Danach wird die subjektive Bedeutung von Gewalt im Gefängnis beschrieben und es werden Fragen an die biographische Fallinterpretation formuliert. Diese künstliche Trennung zwischen der Bedeutung von Gewalt im Gefängnis – der Interpretation von Erfahrungen, die letztlich auch Teil der biographischen Erfahrungen sind – und den biographischen Konflikterfahrungen dient der Transparenz der Vorgehensweise und der besseren Überprüfbarkeit der These, dass die Bedeutung von Gewalt einem biographischen Eigensinn unterliegt. Die sich daran anschließende biographische Fallinterpretation ist in ihrer Darstellung weder chronologisch noch sequenziell, sondern nach zentralen biographischen Konflikterfahrungen gebündelt, die in ihrer Kontinuität und ihrem Wandel im Längsschnitt dargestellt sind. Diese Darstellungsweise ergibt sich aufgrund der methodischen Vorgehensweise, die nach dem sequenzanalytischen Einstieg eher zirkulär erfolgt und vermeidet somit potenzielle Wiederholungen immer wieder auftauchender biographischer Muster. Die ausführliche Interpretation der Eingangssequenz wird in den Fällen vorgestellt, in denen sie besonders aufschlussreich für das Fallverstehen unter der Fragestellung der vorliegenden Arbeit ist. 72 8. Siggi Tengel: „Sagt mir keen Inneres mehr ‚Hier hör off das reicht’“ – Gewalt als Ausdruck von Kontrollverlust im Kontext biographischer Trennungserfahrungen Siggi Tengel wird 1979 in einer ostdeutschen Großstadt geboren. Er lebt mit seinen Eltern, einem vier Jahre älteren und einem vier Jahre jüngeren Bruder zusammen. Als Siggi acht Jahre alt ist, zieht die Familie vom Stadtrand in eine große Wohnung in die Stadt. Der Vater arbeitet als Steinsetzer, die Mutter als Verkäuferin. Die Eltern trennen sich, als Siggi zehn Jahre alt ist. Siggi lebt beim Vater. Ebenso wohnt der ältere Bruder zunächst dort, bis er in eine eigene Wohnung zieht. Der jüngere Bruder lebt bei der Mutter. Zwei Jahre nach der Trennung der Eltern bricht der Kontakt zwischen Siggi und der Mutter ab. Nach der dritten Grundschulklasse wechselt Siggi zur Sonderschule, die er nach der neunten Klasse mit dem Sonderschulabschluss verlässt. Danach beginnt er eine Berufsvorbereitungsmaßnahme, die er abbricht. Im Anschluss daran nimmt er an einer weiteren Maßnahme teil, die ihm nach einem halben Jahr gekündigt wird. Eine dritte Maßnahme, die er im Anschluss beginnt, wird ihm ebenfalls nach einem halben Jahr gekündigt. Mit ungefähr 15 Jahren erhält Siggi eine Bewährungsstrafe wegen Diebstahls. 1997 wird er wegen Raub zu einer Jugendstrafe von ungefähr zwei Jahren verurteilt. Während dieser Inhaftierung finden 1999 das Interview über die Hafterfahrung (I) und das biographische Interview (II) statt. Im selben Jahr, Siggi ist 20 Jahre alt, wird er auf Bewährung entlassen. Ein halbes Jahr nach seiner Entlassung erfolgt der Bewährungswiderruf, weil Siggi erneut einen Raub begeht und er wird für neun Monate inhaftiert. Während dieser Zeit findet das erste Längsschnittinterview (III) statt. Nach dem neunmonatigen Bewährungswiderruf befindet sich Siggi zunächst für sechs Monate in Freiheit, bevor die Verurteilung für den zweiten Raub erfolgt. Siggi Tengel wird zu weiteren zwei Jahren Strafhaft verurteilt. In dieser Zeit wird das zweite Längsschnittinterview (IV) mit ihm geführt. „Es gibt keene Mitte“ – Polarisierung der Gefangenenhierarchie Gewalt im Gefängnis bleibt in Siggi Tengels Erzählung im ersten Interview vage, im Längsschnitt tritt es in den Hintergrund. In dem Interview über die Haftsituation (I) beschreibt er im Auftakt die Ankunftssituation im Gefängnis folgendermaßen: „n’bisschen Panik war schon bei weil ich nich wusste was off droff hier drin off mich droff zukommt weil man hört ja und da und das was aber s’jing weils’s is ja eh n’Kindergarten hier“ (I). Siggi spricht gleich zu Beginn des Interviews über die Angst („n’bisschen Panik“), was im Gefängnis auf ihn zukommt. Panik beschreibt einen Zustand äußerster Angst und verweist auf den drohenden Verlust der Selbstkontrolle. Er sagt nicht, dass er Panik hatte und somit die Angst ein Gefühl ist, das in ihm ist, sondern sie war „schon bei“ – sie gehört zur Ankunftssituation. Als Be- 73 gründung für die anfängliche Angst nennt er die Ungewissheit, was ihn im Gefängnis erwartet. Siggi scheint über die Angst vor Gewalt und Unterdrückung durch Mitinhaftierte zu sprechen, indem er auf kursierende Erzählungen über das Gefängnis im Vorfeld der Inhaftierung anspielt, die die Ungewissheit verstärken. Was er gehört hat, bleibt offen, seine Erzählung ist vage und er relativiert die Angst sofort. Er sagt „s’jing“ und führt als Begründung an, dass das Gefängnis ein „Kindergarten“ ist.87 „Aber s’jing“ lässt zwei Lesarten zu: Die Relativierung lässt sich einerseits als Erleichterung lesen, dass sich die Situation in Haft nicht so schlimm darstellt, wie vor der Inhaftierung befürchtet. Zugleich impliziert „s’jing“ im allgemeinen Sprachgebrauch ambivalente Gefühle – nicht richtig gut, aber auch nicht ganz schlecht. In der Relativierung wird darüber hinaus deutlich, dass Siggi durch die Betonung und gleichzeitige Zurücknahme der befürchteten Angst vor Gewalt durch Mitinhaftierte die eigene Angst und Schwäche herunterspielt. Das Hin- und Herpendeln zwischen kurzen Andeutungen über bedrohliche Situationen, die sehr vage bleiben, und das Herunterspielen der Bedrohung im nächsten Schritt, findet sich an mehreren Stellen im Interview. Als Siggi zu Beginn seiner Inhaftierung in eine Konfliktsituation verwickelt wird, wendet er sich an einen Bekannten außerhalb des Gefängnisses, der ihn unterstützt, indem er dafür sorgt, dass ein anderer Inhaftierter „off off mich offpassen sollte“ (I). Die konkrete Auseinandersetzung benennt Siggi nicht, sondern er verweist darauf, dass durch den Schutz des Mitinhaftierten die Situation in Haft für Siggi „ziemlich cool“ und „vom Feinsten“ (I) ist. Erneut spielt er die eigene Schwäche und Angst herunter. Siggi entwirft sich als jemand, der schutzbedürftig ist, aber einflussreiche Kontakte hat. An einer anderen Stelle, in der er über Unterdrückung spricht, und von der Interviewerin gebeten wird, den Ausdruck „jemand unterzubuttern“ zu präzisieren, antwortet Siggi: „Das ist vielseitig“ (I). Damit weist er einerseits auf die verschiedenen Formen von Gewalt und Unterdrückung im Gefängnis hin, zugleich umgeht er mit dieser allgemeinen Beschreibungen, Gewalt und Unterdrückung konkret zu benennen. Auffällig an seiner Erzählung ist jedoch die polarisierte Beschreibung der Gefangenenhierarchie, die aus einem Oben und einem Unten besteht: „Es gibt keene Mitte“ (I). Mit dieser ausschließlichen Polarisierung unterscheidet er sich von anderen interviewten Inhaftierten, die sich selbst meist der Mitte zuordnen. Während die Betonung der Mitte darauf hindeutet, dass es nicht nur starke und schwache Inhaftierte, nicht nur Täter und Opfer im Gefängnis gibt, sondern die Demonstration von Stärke und die ständige Bedrohung gleichzeitig präsent sind, blendet Siggi diese Ambivalenz offenbar aus. Für ihn existieren nur Extreme, es gibt kein Dazwischen. Die Polarisierung der Gefangenenhierarchie lässt in Siggis Erzählung eine klare Hierarchie der Inhaftiertengemeinschaft entstehen. Dies kann als Suche nach Orien- 87 Siggi Tengel greift mit „Kindergarten“ auf einen Begriff zurück, der sich in vielen Interviewerzählungen des Samples wieder findet, wenn die Institution Gefängnis beschrieben wird. Der Begriff „Kindergarten“ verweist damit einerseits auf ein typisiertes Deutungsmuster der Institution Gefängnis, zugleich erfährt der Begriff jedoch unterschiedliche kontext- und fallspezifische Bedeutungen (vgl. Bereswill 2001a: 261ff. und 269, Fußnote 16). 74 tierung und als Bewältigungsstrategie gelesen werden, die Dynamik in der Inhaftiertengemeinschaft auszuhalten. Siggi verdrängt Angst und Schwäche und demonstriert Stärke. Dies wird sichtbar, wenn er erzählt, dass er seinen Haftraum von einem Mitinhaftierten reinigen lässt. Die Demonstration der Hierarchie, wie sie im Gefängnis alltäglich verhandelt wird, indem unter den Inhaftierten darum gekämpft wird, wer die jeweiligen Hafträume reinigt, reproduziert sich in der folgenden Passage auch in der Interviewinteraktion: S: Na du musst deine Bude sauberhalten (I: Hm) na ich mach das ooch nich aber I: Sie machen das nicht? S: Ich hab dazu jemanden der das macht I: Hm Sie lassen sauber halten? S: Na ich hab keenen Bock morgens offzustehen wegen dem Mülleimer (...) hab ich keene Lust I: Wer macht das für Sie? S: Mein Nachbar hat ooch keen Bock droff I: Sie haben gemeinsam jemanden der für Sie arbeitet? Hm S: hab ich keene Zeit zu (I) Zu Beginn der Passage bezieht sich Siggi auf eine offizielle Regel der Institution, den Haftraum sauber zu halten. Er passt sich an die Regeln der Institution an, reinigt den Haftraum jedoch nicht selbst, sondern er hat „dazu jemanden“. Auffällig dabei ist, dass er sich zunächst als Unterdrücker entwirft, im weiteren Verlauf der Textpassage jedoch erneut den Nachfragen der Interviewerin ausweicht. Siggi antwortet mit Allgemeinplätzen („keinen Bock“, „keine Lust“, „keene Zeit“). Er delegiert die Aufgabe und kokettiert damit im Interview. Er knüpft mit dem Delegieren an Kompetenzen an, die er auch beim Handel mit Drogen vor der Inhaftierung benötigt hat und zugleich kann er das Bild der polarisierten Gefangenenhierarchie aufrecht erhalten. Siggi blendet die Position des Unterdrückten aus und lässt offen, ob er selbst unterdrückt oder ob er jemanden hat, der für ihn unterdrückt. Während die Dynamik in der Inhaftiertengemeinschaft in Siggis Erzählung blass bleibt, spricht er an einer anderen Stelle über seinen Umgang mit Aggressionen im Gefängnis: I: Gibt’s nochwas wo Sie sagen würden „Ja das Gefängnis das erzieht“ S: (...) anscheißen lassen (...) I: Hm man muß seine Aggressionen zurückhalten Wo bleiben die dann? S: Bei einem selbst kannste in den Sportraum jehen (I: Hm hm) aber sonst - I: Sonst nochwas? S: (...) kommste off die [Station] da hab ich keene Lust droff (I) 75 Die Textpassage erscheint zunächst völlig unklar. Siggi wird danach gefragt, wie das Gefängnis seiner Meinung nach erzieht. Er antwortet „anscheißen lassen“ und bezieht sich damit auf eine inoffizielle Regel der Inhaftiertengemeinschaft, Informationen nicht an Bedienstete weiter zu geben. Allerdings bleibt offen, in welchen Kontext er die Regel einbettet: Spricht er über die Erziehung durch diese inoffizielle Regel der Gefangenengemeinschaft oder über die Erziehung durch die Institution, wenn Regelverstöße durch Mitinhaftierte gemeldet werden? Der hohe Anteil unverständlicher Sprache an dieser Stelle macht deutlich, dass sich akustische Probleme im Interview in der Interaktion zuspitzen, wenn Siggi erzählt, wie er mit Aggressionen umgeht. Dass Siggi über Aggressionen spricht, wird nur deutlich, weil die Interviewerin zusammenfassend wiederholt und nachfragt. Dadurch lässt sich der Zusammenhang erahnen: Siggi scheint darauf zu verweisen, dass man sich nicht „anscheißen lassen“ darf und deshalb seine Aggressionen zurückhalten muss, wie die Interviewerin wiederholt, sonst drohen Sanktionen von Seiten der Institution. Es wird deutlich, dass Siggi im Gefängnis Aggressionen zurückhält oder sich im Sportraum abreagiert. Er thematisiert somit implizit das Verhältnis zwischen Selbstkontrolle und Sanktionen in den rigiden Strukturen der Institution, indem er am Ende der Sequenz als Sanktion die Verlegung auf eine andere Station beschreibt. Während Gewalt im Gefängnis in den beiden Längsschnittinterviews (III+IV), die ein und zwei Jahre nach dem Interview über die Hafterfahrungen ebenfalls im Gefängnis geführt werden, eine eher untergeordnete Rolle spielt, bleibt die Selbstkontrolle im Längsschnitt im Zusammenhang mit Aggressionen ein Thema. Siggi erzählt im letzten Interview (IV): I: Und is das hier im Alltag auch so dass Sie dann so schnell ähm ich sag mal in die Luft gehen? S: Nö - hier hält sich eigentlich jeder ruhig (I: Hm) naja jeder weiß was hier offm Spiel steht hier drinne (I: Hm) wegen juter Führung und alles sowas (I: Hm) also hier drinne hält mer sich schon in Grenzen sag ich mal so (IV) Siggi spricht zunächst nicht über sich, sondern über alle Inhaftierten („jeder“). In dem sich „jeder ruhig“ hält, entsteht erneut das Bild einer ruhigen und undynamischen Inhaftiertengruppe, in der alle rational mit ihren Aggressionen umgehen, weil sie die drohenden Konsequenzen antizipieren können. Erneut blendet Siggi die bedrohliche und gewaltförmige Seite der Gefangenengemeinschaft aus. Zugleich betont er, dass man sich durch die möglichen Sanktionen in den engen Grenzen der geschlossenen Institution „in Grenzen“ hält. Die rigide Struktur des Gefängnisses sorgt somit in Siggis Wahrnehmung für Selbstkontrolle. Er entwirft ein Ideal von Selbstkontrolle unter den Bedingungen des extremen Kontrollverlustes in der geschlossenen Institution Gefängnis. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Siggi das Zurückhalten von Aggressionen und die Selbstkontrolle in der rigiden Struktur der Institution durch mögliche Sanktionen betont. Die Bedrohung und Angst vor gewaltförmigen Auseinandersetzungen in der Inhaftiertengemeinschaft nimmt er im Interview zurück und spielt somit die eigene Angst und Schwäche herunter. Dies spiegelt sich besonders in dem 76 markanten Aspekt des Falles wider: der Polarisierung der Gefangenenhierarchie. Für Siggi existiert nur ein Oben und Unten und damit verbunden Täter- und Opferpositionen. Wie lässt sich diese extreme Polarisierung der Gefangenenhierarchie in eindeutige Täter-Opfer-Positionen biographisch verstehen? „Bombenkindheit“ – Idealisierung der Kindheit Siggi Tengel wächst gemeinsam mit seinen Eltern als mittlerer von drei Söhnen auf. Seine lebensgeschichtliche Erzählung ist zunächst geprägt von einer idealisierten Kindheit, die im Auftakt zum biographischen Interview sichtbar wird: I: [...] zum Anfang hätte ich die Bitte dass Sie einfach mal in Gedanken zurückwandern in die Zeit als Sie klein waren und mir mal erzählen was Ihnen einfällt. S: Was soll ich’n da erzählen? war jut (I: Hm) ich frag mich was ich da erzählen soll. I: Hm was war gut? S: Na die janze Kindheit war jut. I: Hm was erinnern Sie an guten Erfahrungen? S: Na dass die Familie immer zusammen war (I: Hm) komplett eigentlich (II) Siggi beginnt seine biographische Erzählung mit einer Rückfrage, die an die Interviewerin oder an sich selbstgerichtet sein kann. Hinter der Art und Weise, wie er sie stellt, steckt latente Aggression – Siggi klingt angriffslustig und trotzig. Zugleich scheint er ratlos und unsicher darüber, was die Interviewerin erwartet. Er beantwortet sich seine Frage im nächsten Schritt jedoch selbst, bezieht sich auf die Vergangenheit und bewertet („war jut“), obwohl die Interviewerin nach Erinnerungen und nicht nach Bewertungen fragt. Indem Siggi bewertet, erzählt er keine konkreten Erinnerungen. Offen bleibt somit, was gut war. Die Unkonkretheit seiner Antwort hat etwas Zurückweisendes. Dabei bleibt offen, ob er die Erzählaufforderung der Interviewerin zurück weist oder die mit der Erzählaufforderung verbundenen Erinnerungen an die Kindheit. Indem er zunächst zurück fragt, gewinnt Siggi Zeit und es wird sichtbar, dass er der Interviewerin aktiv etwas entgegensetzt. Er entwirft sich als handlungsfähiger und handelnder Interviewpartner in der Interviewsituation innerhalb einer geschlossenen Institution, in der er in einer eher ohnmächtigen Position ist. Siggi fragt sich selbst, was er erzählen soll und rückversichert sich nicht bei der Interviewerin. In der Interaktion des Auftaktes werden somit Kontrolle und Macht zwischen der Interviewerin und Siggi in der Interviewsituation verhandelt. Die Interviewerin bezieht sich auf Siggi und geht auf ihn ein. Sie bittet ihn, konkreter zu werden. Siggi antwortet pauschal: „die janze Kindheit“. Für ihn ist die Kindheit abgeschlossen, er hat sie geprüft, für gut befunden und macht im übertragenen Sinn den Deckel zu. Siggi scheint somit nicht nur in der Interviewsituation Kontrolle zu verhandeln, sondern er versucht, seine Erzählung unter Kontrolle zu 77 halten: Über welche Erinnerungen möchte er reden? Welche Erinnerungen kann er verbalisieren? Als die Interviewerin ihn durch das Fragen nach Erfahrungen vom Pauschalen zum Konkreten bringen will, nennt Siggi als gute Erfahrung, „dass die Familie immer zusammen war (I: Hm) komplett eigentlich“. Das „jut“ bezieht sich somit offenbar auf „komplett“. Wenn etwas „komplett“ ist, ist es vollständig, es fehlt nichts. Auffallend ist, dass Siggi hier keine Spannungen zulässt – es gibt kein Dazwischen: „janze Kindheit“, „immer“, „komplett“. Siggi beschreibt keine Konflikte. Seine Pauschalisierungen, verbunden mit einer durchweg positiven Bewertung dieser Zeit, weisen auf eine Idealisierung der Kindheit hin. Diese Idealisierung spiegelt sich auch in einem Sprachbild wider, dass Siggi auffällig häufig im Zusammenhang mit familialen Beziehungen nennt: das Bild der Bombe, das auch im allgemeinen Sprachgebrauch auf positiv besetzte Superlative verweist: So beschreibt er seine Kindheit als „Bombenkindheit“, die Beziehungen zwischen ihm und seiner Mutter als „Bombenverhältnis“ und das Verhältnis zu seinem Vater als „och bombastisch“ (II). Siggi beschreibt, dass die Familie in seiner Kindheit aus vielen Familienmitgliedern, wie zum Beispiel Großeltern, Tanten, Urgroßmutter bestand und der „Familienrat“ (II) Weihnachts- und Sylvesterfeiern geplant hat. Es wurde gemeinsam gefeiert und Siggi erinnert sich lebendig an verschneite Weihnachten und nächtliche Schlittenfahrten mit seinem Vater in der Weihnachtsnacht. Er entwirft diese Zeit als glückliche Zeit: „das war n’jeregeltes Leben man hatte Familie und alles“ (II). Siggi verbindet mit der Familie ein „jeregeltes Leben“, das offenbar Struktur und Halt bedeutet. Als er aufgrund von Schulproblemen im Alter zwischen acht und zehn Jahren dem Unterricht häufig fernbleibt, reagieren seine Eltern – vor allem die Mutter – darauf, indem sie ihn morgens zur Schule bringen und er ein Heft erhält, in dem die Lehrer seine Anwesenheit für jede Stunde eintragen. Siggi erlebt die enge Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule als Kontrolle – jedoch als Kontrolle, die wirkt: Er geht fortan regelmäßig zum Unterricht. Siggi empfindet die Intervention seiner Eltern nicht nur als Kontrolle, sondern auch als Unterstützung, denn sie reden mit ihm über die Schulprobleme, beaufsichtigen seine Hausaufgaben und lernen mit ihm. Er erlebt sich als eingebunden in eine kontrollierende und unterstützende familiäre Struktur. In seiner Wahrnehmung bricht diese Struktur zusammen, als er zehn Jahre alt ist und sich seine Eltern trennen. „Ja wer jeht der jeht“ – Verlust der Mutter Die Trennung, die sich in der Auftaktsequenz durch die Betonung der guten Kindheit in der „kompletten“ Familie als Gegensatz bereits andeutet, wird im weiteren Verlauf des Interviews zu einem zentralen Punkt in Siggis Erzählung. Im biographischen Rückblick erzählt er, dass die Mutter mit Siggis jüngerem Bruder die Familie verlässt. Siggi bleibt beim Vater. Der Aufenthaltsort des großen Bruders bleibt unklar, er scheint anfangs auch beim Vater, später alleine zu wohnen. 78 Ungefähr zwei Jahre nach der Trennung der Eltern bricht der Kontakt zwischen Siggi und der Mutter vollständig ab. Es gibt einen radikalen Bruch, den Siggi aus seiner rückblickenden Perspektive mit ihrem Weggang begründet. Mit dem Kontaktabbruch zur Mutter verliert Siggi auch andere wichtige Bezugspersonen wie seine Uroma, Großeltern und Tante, weil auch zu ihnen der Kontakt abbricht. Siggi beschreibt dies mit: „der Rest hat sich alles abgesondert“ (II). Die Gründe für die Trennung der Eltern kennt Siggi scheinbar nicht und sie interessieren ihn auch nicht, wie er betont. Sie bleiben eine Leerstelle im Interview, verweisen aber auch auf eine mögliche Leerstelle in seiner Biographie – ebenso wie der Beziehungsabbruch zwischen ihm und der Mutter. Wie sehr er den Weggang der Mutter als schwere Kränkung erlebt, wird deutlich, wenn er sagt: „Ja wer jeht der jeht“ (II). Die Sequenz impliziert durch Siggis Erzählstil zunächst Gleichgültigkeit. Er spricht über die Abwendung und den Weggang der Mutter und wehrt durch die pauschale und distanzierte Erzählung die schmerzvolle Seite der Erfahrung ab. Über seine Gefühle bezüglich des Weggangs der Mutter spricht er nicht. Durch die Art, wie Siggi erzählt, verschwindet die Trennung seiner Eltern im Interview. Auffällig ist schon im Interview über die Hafterfahrungen (I), dass Siggi während seiner ersten Inhaftierung kontinuierlich von seinen Eltern draußen spricht. Somit bleibt längere Zeit unklar, dass seine Eltern sich bereits vor zehn Jahren getrennt haben und er keinen Kontakt zu seiner Mutter hat. Besonders deutlich wird dies im Längsschnitt, zwei Jahre nach dem ersten Interview: Eigentlich weiß die Interviewerin, dass Siggis Eltern getrennt sind und er keinen Kontakt zu seiner Mutter hat, trotzdem erzählt Siggi im letzten Interview (IV) über die Zeit nach seiner ersten Entlassung: S: Na ich sach ich sach mal so ich hatte Unterstützung von meinen Eltern und so weil die wollten ja auch dass ich (...) da die Pfoten lasse und so (I: Hm) (und) wie jesagt ich hatte Unterstützung von der Familie und so und da kriegt man ja dann schon einiges hin [...] I: Ja also finanzielle Unterstützung (S: na) meinen Sie. Sie sagen von Ihren Eltern und Vater Mutter oder S: Mutter hab ich nicht mehr nur Vater. (IV) Siggi beschreibt zunächst eine Unterstützungssituation von seinen Eltern. Sie unterstützen ihn, weil sie wollen, dass er aus der Delinquenz aussteigt, und ihm fällt der Ausstieg mit familiärer Unterstützung leichter. Im Verlauf der Passage konkretisiert sich seine Erzählung durch die Nachfrage der Interviewerin: Es handelt sich um eine finanzielle Unterstützung des Vaters. Mit Siggis Antwort „Mutter hab ich nicht mehr“ wird im allgemeinen Sprachgebrauch assoziiert, dass die Mutter tot ist. Dies verdeutlicht einmal mehr die Radikalität des Beziehungsbruchs für Siggi. An dieser Passage wird die ambivalente Besetzung der Mutter deutlich: Er erzählt seine Lebensgeschichte, als wäre die Mutter als Teil der Eltern immer noch präsent. Zugleich verleugnet er sie. Die Mutter ist somit zugleich weg und da88. Sie scheint durch ihre 88 Seine Erzählweise erinnert an ein medizinisches Phänomen – den ‚Phantomschmerz’, der den Schmerz nach einer Amputation eines Körperteils beschreibt. Obwohl der Patient das betrof- 79 Abwesenheit schmerzhaft präsent zu sein. Um diesen schmerzhaften Verlust abzuwehren, hält Siggi an dem Bild der kompletten Familie fest. „Na das wird an der Scheidung liegen“ – gemeinsames Deutungsmuster von Vater und Sohn Über das für Siggi einschneidende und belastende Ereignis der Trennung spricht er noch an einer anderen Stelle im biographischen Interview: S: Naja weil meine Eltern weg warn meinem Vater hat das ja is das ja sehr an die Nieren jejangen und so den hab ich oft alleene jelassen was weeß ich nachdenken oder so (I: Hm) damit er seine Ruhe hat (I: Hm) ich bin ja dann immer mit Kumpels rumjezogen (I: Hm) na da kam dann die Zeit wo dann Disco kam weil ich bin ja sonst nie in Dis- noch nie in die Disco jejangen (I: Hm) naja und dann jehste in die erste Disco und dann in die zweite und dann kennt man den und dann kennt man den dann kennt kommt man immer höher automatisch (I: Hm) naja und da fängt das dann an was weeß ich kommt eener und fragt „Kannste mir mal das und das besorgen?“ naja und dann geht das immer so weiter immer höher (I: Hm) naja bis dann die Drogen eben kommen. (II) In der Textpassage wird deutlich, dass die Trennung der Eltern nicht nur zum Beziehungsabbruch zwischen Siggi und seiner Mutter führt, sondern er damit auch den Verlust des Vaters verbindet. In seiner Wahrnehmung sind mit der Trennung der Eltern beide Elternteile verloren gegangen („weil meine Eltern weg warn“). Siggi entwirft sich als Waisenkind. Die Mutter entfernt sich räumlich, der Vater emotional. Manifest spricht er darüber, wie stark der Vater unter der Trennung leidet. Über seine eigenen Gefühle oder wie es der Mutter mit der Trennung geht, spricht er nicht. Siggi ist zehn Jahre alt und er lässt den Vater allein. Unklar bleibt dabei, ob der Vater ihn weggeschickt hat, „damit er seine Ruhe hat“. Deutlich wird jedoch, dass der Vater alleine nachdenkt und Siggi mit sich alleine ist. Beide reden scheinbar nicht miteinander über die Trennung. In seiner Erzählung entsteht ein Bild, in dem sich Siggi offenbar verantwortlich für seinen Vater fühlt. Unter Berücksichtigung seines Alters dreht sich in seiner Erzählung die Eltern-Kind-Rolle um und es stellt sich die Frage, wer für wen Verantwortung übernimmt. Auffällig an der Passage ist der dynamische Verlauf: Siggi beginnt mit der Trennung der Eltern und beschreibt eine kausale Entwicklung, die ihn zu Drogen führt. Die Scheidung der Eltern ist somit der Einstieg in die Delinquenz. Dass er dabei keine Verantwortung für sein Handeln übernimmt, ist auffällig. Siggi wird in seiner Darstellung passiv in die Delinquenz involviert. Stolz erlebt er den Einstieg in die Delinquenz als Aufstieg („immer höher“) als ein Beziehungsnetz und als Ruhm, den er erlangt („kennt man den und dann kennt man den“). fene Körperteil nicht mehr besitzt, verspürt er dort dennoch Schmerzen. Der Begriff wird im übertragenen Sinn auch für den schmerzlichen Verlust einer Person verwendet. 80 Die Frage, wer Verantwortung übernimmt, setzt sich in dem gemeinsamen Deutungsmuster von Siggi und seinem Vater – dem direkten Zusammenhang zwischen der Trennung der Eltern und seiner Delinquenz – fort: S: Nö ich hab ooch nie Schläge gekricht und nie (I: Hm hm) alles eigentlich normal (I: Hm) bloß eben seit der Scheidung mein Vater hat zu mir ooch jesagt „Das is eins der Einzigste der die Scheidung eigentlich nich richtig mitgekriecht hat“ weil dadurch fing das janze an mit dem was weeß ich mit dem mit dem Klauen und dem allem seitdem fing’s an hat mein Vater jesagt na und mein Vater sagt „Na das wird an der Scheidung liegen“ dass was weeß ich dass wenn ich das einmal drin hab eben das sag mer mal so verarbeitet dann (I: Hm) dass ich das eben anders umwandle was weeß ich in Scheiße baun I: Sehn Sie das auch so? S: Ja. (II) Die Passage verweist abermals auf die starke Konstruktion einer Vorher-Nachher- Situation: Vor der Scheidung war „alles eigentlich normal“, seit der Scheidung „fing das janze an“. Zugleich wird die Kausalität deutlich („weil“). Die Textstelle wirft jedoch offene Fragen auf: Was hat er „drin“? Was wird verarbeitet und umgewandelt? Das Bild des Verarbeitens und Umwandelns weckt Assoziationen an einen Verdauungs- oder Stoffwechselvorgang. Dieses Sprachbild legt somit eine Spur zu somatischen Aspekten des Leids, die mit der Trennungserfahrung verbunden sind. Zudem steckt in der Beschreibung „anders umwandle“ ein unklarer Bezug: anders als wer – als sein Vater oder sein älterer Bruder? Es existiert jedoch eine Parallele zu der vorherigen Passage. Leidet dort der Vater unter der Trennung, wird hier eine Opferkonstruktion Siggis sichtbar: Die Scheidung ist schuld an seiner Delinquenz und er somit Opfer der Umstände. Diese Deutungsmuster schreibt er zunächst dem Vater zu und übernimmt es von ihm, was auf eine Identifizierung mit dem Vater verweist. Weder Siggi noch der Vater müssen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, noch erfolgt eine explizite Schuldzuweisung an Mutter oder Vater. Da aus Siggis Sicht jedoch die Mutter die Familie verlassen hat und nicht der Vater, verweist die Textpassage offenbar auf ein Opferbündnis von Vater und Sohn – beide einigen sich implizit darauf, dass die Mutter schuld ist. Auch in dieser Passage erfährt man nichts über sie. Wie es ihr mit der Trennung ergeht, scheint Siggi nicht zu wissen. Dadurch, dass er nur die schmerzhafte Seite der Trennung für den Vater wahrnimmt, kann er die Opfer- bzw. Schuld-Konstruktion des Vaters übernehmen. Die Scheidung wird so zum Container für alles Konflikthafte. Die indirekte Schuldzuweisung an die Mutter geht mit einer Idealisierung des Vaters einher. Siggi beschreibt die Beziehung zu seinem Vater durchweg positiv. Sie haben eine funktionierende Arbeitsteilung und Versorgung im Alltag. Siggi betont häufig, dass er bei seinem Vater „alles hatte“ – materiell und vor allem viel Freiraum. Diesen Freiraum scheint Siggi jedoch zwiespältig zu erleben. Er gewährt ihm Autonomie, zugleich verändert sich in seiner Wahrnehmung die kontrollierende, sanktionierende und haltende Struktur, die Siggi in der Kindheit positiv erlebt. Wenn er abends spät nach Hause kommt, sagt ihm der Vater, dass er sich „tierische Sorgen“ macht, „aber das war’s dann aber och schon wieder“ (II). In dieser Sequenz 81 klingt Enttäuschung über die Reaktion des Vaters an. Siggi scheint sich als nicht so eingebunden zu erleben wie in der Kindheit. In seiner Erzählung wird somit eine Spannung zwischen Autonomie bei gleichzeitigem Verlust von Struktur und Halt deutlich. „unterwegs hat’s dann jerumst“ – Gewalt als Kontrollverlust Diese Spannung spiegelt sich auch in der Erzählung über seine Delinquenz wider, die er als sich steigernde Entwicklung beschreibt. Siggi stellt eine Dynamik dar, die von Autoradiodiebstählen über Einbruchdiebstähle zum Dealen und später zu zwei Raubüberfällen führt. Er selbst sagt mit Stolz: „das wurde dann immer größer höher mehr“ (II). Delinquenz ist für ihn zunächst positiv besetzt, und seine Schilderung liest sich wie die Stufen einer Karriereleiter. Dealt Siggi anfangs, um seinen eigenen Drogenkonsum zu finanzieren (er ist ungefähr 15 Jahre alt), entwirft er sich kurze Zeit später als etablierter Dealer, der für sich arbeiten lässt und ein hohes Einkommen erzielt. Neben dem Geld spielt Anerkennung für ihn beim Dealen eine große Rolle. Er macht im weiteren Verlauf der Passage deutlich, dass er durch seine machtvolle und einflussreiche Position Unterstützung bei Konflikten erfährt – „man steht halt nie alleine da“ (II). In seinem Selbstentwurf als erfolgreicher Dealer wird somit das Gefühl des Eingebundenseins, des Halts und der Anerkennung deutlich. Zugleich sagt Siggi: „Na man konnte – machen was man wollte eigentlich“ (II) Er entwirft in dieser Sequenz ein Bild vom Dealen als unbegrenztem Möglichkeitsraum mit allen Freiheiten. Dies spiegelt seine Größenphantasien und eine Idealisierung des Dealens wider, zugleich wird die betonte Autonomie zusammen mit dem Gefühl des Eingebundenseins in die peer-group sichtbar. In seiner Erzählung wird ein Unterschied erkennbar: Konnte er sowohl als Dealer als auch bei seinem Vater „machen was man wollte“, beschreibt er das Gefühl des Eingebundenseins in dieser Zeit nur für die peer-group. Mit 18 Jahren beginnt Siggi zunehmend Alkohol zu konsumieren. Der Konsum von Alkohol und weiterhin illegalen Drogen ist für ihn im Längsschnitt eng verwoben mit seiner Delinquenz. Dies wird besonders deutlich, als er ein Jahr nach dem biographischen Interview im ersten Längsschnittinterview (III), das ebenfalls in Haft geführt wird, über seine Tat spricht, die zu seiner Reinhaftierung führt: Ein halbes Jahr nach seiner ersten Entlassung, Siggi ist 21 Jahre alt, begeht er einen Raub mit schwerer Körperverletzung unter Alkohol- und Cannabiseinfluss, an den er sich danach nicht erinnern kann. Er verbringt den Tag trinkend mit seinen Kumpels. Als Siggi abends wieder zu Hause angekommen ist, raucht er einen Joint und beschließt doch noch mal loszuziehen. Er kehrt zu den Kumpels zurück und trinkt weiter. Siggi nimmt die letzte Straßenbahn nach Hause und „unterwegs hat’s dann jerumst“ (III). Er verprügelt einen Fahrgast und nimmt dessen Rucksack mit. Auffällig bleibt sowohl die vage Schilderung der Situation, deren Ursache und Verlauf unklar bleiben, als auch die Distanzierung von der Tat, indem nicht Siggi zuschlägt, sondern „’s jerumst“ hat, was auf sprachlicher Ebene an einen Unfall erinnert. Die Kombination 82 von Cannabis und Alkohol erlebt er in dieser Zeit nicht mehr als „lustig“, sondern: „dann macht’s oben in mir irgendwo klick und dann war’s das und dann sagt mir och keen sagt mir keen Inneres mehr ‚Hier hör off das das das reicht’“ (III). Siggi erlebt den Rausch als starken Kontrollverlust. Ihm fehlt dann eine innere Instanz, die ihm sagt, wann er aufhören muss, und eine äußere, die ihn abhält, scheint es ebenfalls nicht zu geben. Auffällig an der Sequenz ist, dass Siggi eine Idee davon hat, dass es ein „Inneres“ geben muss, das für eine Strukturierung sorgt. Das fehlende „Innere“ ist für Siggi eine Erklärung für seine Aggression. Dies spiegelt sich auch in seinem Vorhaben wider, nach der zweiten Inhaftierung an einem Anti- Gewalttraining teilzunehmen, damit er „das endlich unter Kontrolle“ kriegt. Der Kontrollverlust kann jedoch auch als Entlastungsargumentation gelesen werden. Siggi muss einerseits sein Handeln nicht verantworten, weil die Drogen schuld sind, zugleich muss er im Interview den Schmerz nicht benennen, den er mit Alkohol und illegalen Drogen betäubt. Diese Spur ist besonders vor dem Hintergrund interessant ist, da der Zusammenhang zwischen dem Gefühl des Kontrollverlustes und Gewalt in mehrfacher Hinsicht zu existieren scheint: Einerseits übt Siggi Gewalt aus, wenn er im Rausch das Gefühl hat, er verliert die Kontrolle über sich, zugleich gerät das Gewalthandeln in seiner Wahrnehmung im Rausch außer Kontrolle. Vielleicht ist der Kontrollverlust aber auch erst im Rausch möglich und dient somit als Entlastung für ihn. Wie ambivalent diese Verknüpfung ist, wird in der folgenden Sequenz deutlich: I: Ah mit Gewalt (S: Na) Alkohol ist mit Gewalt S: Das is das Beste daran I: Das ist das Beste? S: Ja kannste n’paar off die Fresse kriegen und merkst es nich I: Ach so für für Sie selbst auch hm und austeilen können Sie das auch besser wenn Sie betrunken sind? S: Ja I: Hm. S: Da werd ich immer aggressiv von (I: Hm) sowieso I: Wie kommt das? S: Weeß ich nich (...) das is immer so. (II) Lässt sich hinter Siggis Behauptung, „das Beste“ am Alkohol sei die Verbindung zur Gewalt zunächst die coole Selbstdarstellung eines toughen jungen Mannes vermuten, irritiert der weitere Verlauf der Passage. Es geht in Siggis Erzählung nicht um das lustvolle Schlagen im Rausch, sondern um die Empfindungslosigkeit nach dem Alkoholkonsum: Er selbst kann „n’paar off die Fresse kriegen“ und merkt es nicht. Er betäubt sich somit gegen die eigene Verletzbarkeit. Erst am Ende der Passage spricht Siggi – ausgelöst durch die Nachfrage der Interviewerin – über seine 83 eigenen Aggressionen, wenn er betrunken ist. Eine Erklärung dafür hat er nicht, und erneut entwirft er sich als den Umständen ausgeliefert („das is immer so“). Die Spannung zwischen verletzt werden und verletzen spielt in seiner Erzählung nicht nur im Kontext des Kontrollverlusts durch Alkohol- und Cannabiskonsum eine Rolle, sondern gewinnt eine tieferliegende Bedeutung im Kontext erneuter Trennungserfahrungen. „weil da hat die Hälfte meines Lebens gefehlt“ – (Kontroll-)Verlust durch Trennung Als Siggi 17 Jahre alt ist, lernt er seine Freundin kennen. Es entwickelt sich eine längere Beziehung, das „erste Mal die große Liebe“ (I). Neben der Freundin spielen ihre Eltern in seiner Erzählung ebenfalls eine große Rolle für ihn. Sie sind ebenfalls geschieden und obwohl Siggi die Trennung der eigenen Eltern so schwer aushalten kann, erlebt er bei ihrer Familie etwas anderes: Die Familie der Freundin fällt trotz Scheidung nicht auseinander, sondern sowohl sie als auch Siggi haben zu beiden Elternteilen guten Kontakt. In seiner Erzählung setzt sich einerseits das Festhalten an der Komplettheit (er spricht von ihren Eltern und der Familie) sowie die Idealisierung der Familie (er bezeichnet sie als „Top-Familie“) fort. Zugleich hat er aber trotz Trennung Kontakt zu beiden Elternteilen seiner Freundin. Siggi und sie fahren entweder mit dem Vater oder der Mutter gemeinsam in den Urlaub, und am Wochenende hilft er dem Vater der Freundin beim Mauern oder im Garten. Siggi erlebt sich als Teil ihrer Familie: Naja schon mit achtzehn achtzehn ja siebzehn Anfang siebzehn hat’s ja offjehört (I: Hm) und alles weil da hab ich och eben meine Kleene kennengelernt da warn mer dann ewig zusammen da kam ich da mit den Eltern zusammen und da hat ich dann in dem Moment so so ne Art wie Muttergefühl ne Bezugsperson (I: Hm) da hat alles offjehört und dann war Schluss und dann fing’s wieder an. (II) Siggi beschreibt in der Sequenz eine zunächst unklare Veränderung („hat’s ja offjehört“). Erst im Kontext des Interviews wird deutlich, dass er einen veränderten Umgang mit Delinquenz beschreibt und er keine Diebstähle mehr begeht89. Auf den ersten Blick ist die Beziehung zu seiner Freundin das auslösende Moment für den Ausstieg aus der Delinquenz. Bei einer genauen Betrachtung fällt jedoch auf, dass er zwar über das Zusammensein mit seiner Freundin („meine Kleene“) spricht, zugleich jedoch die Integration in eine Familie thematisiert: Er „kam“ mit den Eltern seiner Freundin „zusammen“. Zusammen kommen impliziert im allgemeinen Sprachgebrauch ein Treffen, eine Zusammenkunft. In der Jugendsprache verweist mit jemandem zusammen kommen, auf den Anfang einer Beziehung. Entscheidend 89 Siggi beschreibt einen Ausstieg aus der Delinquenz, weil er keine Delikte mehr begeht, die in der Vergangenheit zu sanktionierenden Maßnahmen geführt haben. Den Drogenhandel setzt er fort. Hierfür ist er jedoch nie angezeigt und verurteilt worden. Wenn im folgenden vom Ausstieg seiner Delinquenz die Rede ist, folgt dies seinem Entwurf, denn Drogenhandel ist zu diesem Zeitpunkt für ihn stärker eine Arbeit als ein Delikt. 84 ist in Siggis Erzählung das „zusammen“ – gemeinsam mit einer Familie. Wie stark er sich offenbar in die Familie eingebunden erlebt, wird deutlich, wenn er seine Gefühle beschreibt – „so ne Art wie Muttergefühl“. Die Verwendung des Begriffs „Muttergefühl“ ist irritierend. Normalerweise wird er verwendet, um die Gefühle einer Mutter ihrem Kind gegenüber zu benennen; meist mit Betonung auf die exklusive Intensität der Beziehung, die ihr zugeschrieben wird. Dies wirft offene Fragen auf: Beschreibt Siggi mit „Muttergefühl“ die Beziehung zu seiner „Kleenen“? Oder beschreibt er, dass er das Gefühl hatte, eine Mutter zu haben? Unklar ist jedoch, worauf sich die Bezugsperson bezieht – auf seine Freundin oder ihre Mutter. Ferner bleibt offen, ob die Mutter der Freundin ihm Muttergefühle entgegenbringt. Das Ende der Passage zeichnet sich erneut durch eine Unkonkretheit aus, die sich nur im Kontext der Sequenz erschließt. Durch das intensive Gefühl des Eingebundenseins beendet Siggi seine Delinquenz. „Dann war Schluss“ bezieht sich jedoch nicht auf diesen Ausstieg, sondern darauf, dass die Freundin die Beziehung verlässt. Das ist der Zeitpunkt an dem Siggi in seiner Erzählung erneut straffällig wird („dann fing’s wieder an“). Die Sequenz verweist mit ihrer Kausalität – Siggi steigt aus der Delinquenz aus, „weil“ er seine Freundin kennen lernt – auf eine auffällige Parallele zu der Passage über die Trennung seiner Eltern als Ursache für seine Delinquenz. Siggi folgt hier dem Deutungsmuster, dass er aufgrund der Trennung der Eltern straffällig wird, indem er nicht mehr delinquent ist, wenn er sich wieder in eine Familie eingebunden erlebt. Delinquenz ist in seinem Selbstentwurf somit stark mit dem Verlust des Gefühls des Eingebundenseins verbunden. Durch die Trennung der Freundin reinszeniert sich die Verlusterfahrung mit der Mutter. Die Beziehung bricht auseinander als die Freundin fremdgeht. Siggi unternimmt daraufhin einen Suizidversuch. Als er sich die Pulsadern aufschneidet, findet ihn sein Vater und er wird in eine (geschlossene) Psychiatrie eingewiesen, aus der er flieht. Seine Freundin und Siggi nehmen die Beziehung wieder auf. Als sie sich endgültig von ihm trennt, hat Siggi das Gefühl, den Halt zu verlieren: „Ich hatte irgendwie nichts mehr wo ich mich dran festhalten kann“ (II). Erneut hat er Suizidgedanken, begeht jedoch stattdessen nach drei Tagen einen Raubüberfall: S: Na ob ich n’Bau jeh oder nich war mir alles ejal I: Da war Ihnen das egal hm ja haben Sie denn wieder in ner Situation wo ähm auch noch mal so an Ihren Vater oder andere die wichtig sind gedacht oder war das alles weg? S: Das war in dem Moment alles weg (I: Hm) weil da hat die Hälfte meines Lebens jefehlt (II). Siggi nimmt eine Inhaftierung gleichgültig in Kauf. „Alles ejal“ verweist jedoch nicht nur auf Gleichgültigkeit, sondern auch auf den hohen Grad seiner Verzweiflung. Im Moment des Verlassenwerdens weiß Siggi nicht, an wen er sich wenden kann; ihm fällt keine Bezugsperson ein. Auffällig an der Sequenz ist seine Beschreibung, dass ein Teil von ihm verloren geht, als die Freundin sich trennt („weil da hat die Hälfte meines Lebens jefehlt“). Erlebt er sich nur als „komplett“, wenn er gebunden ist? In dieser Textpassage entwirft er sich nach dem Verlust der Freundin als unvollständig, nicht mehr „komplett“ – das Adjektiv, das er in der Eingangssequenz für seine Familie benutzt. „Komplett“ scheint in Siggis Erzählung für frei von Tren- 85 nung und Verlust zu stehen. Mit der Verlusterfahrung geht in Siggis Wahrnehmung das Gefühl von Halt und Eingebundensein verloren, was ihn stark erschüttert. Siggi beschreibt für einen adoleszenten jungen Mann eindrucksvoll, wie sich eine Trennung anfühlt. Er lässt nicht los. Ähnlich der Sequenz über den Zusammenhang von Alkohol, Kontrollverlust und Gewalt, in der verletzt werden und verletzen dicht beieinander liegen, beschreibt er erneut diese Ambivalenz: Entweder er ist aggressiv gegen sich selbst (Suizid) oder gegen andere (Raub). Jedoch kann auch der Suizid als Aggression gegen außen gedeutet werden: Er kann Hilferuf und zugleich Druckmittel, die Freundin zurück zu gewinnen, sein. Siggi beschreibt einmal einen Kontrollverlust durch Alkohol- und Drogenkonsum. Zugleich greift er auf dieses Bild zurück, wenn er im ersten Längsschnittinterview (III) die Intensität der Beziehung zu seiner Freundin rückblickend beschreibt: „[ich] so verschossen bin dass es dann widder bei mir oben aushakt“ (III). Siggi weist mit „oben aushakt“ auf das Gefühl hin, den Verstand zu verlieren, verrückt zu werden. Er scheint sich bedrohlich abhängig gefühlt zu haben und die schmerzhafte Erfahrung des Verlassenwerdens veranlasst ihn zu Gewalthandeln gegen sich oder andere. Siggi verknüpft schon im ersten Interview (I) das mit dem Verlassen werden verbundene Gefühl des Kontrollverlustes direkt mit Gewalt, wenn er über seine ehemalige Freundin und ihren neuen Freund erzählt. Siggi stellt sich während seiner Inhaftierung seine Reaktion vor, wenn er die beiden nach der Entlassung sieht und sie sich küssen: Er „rammt“ ihrem neuen Freund ein Messer in die Seite. Diese übertriebe Selbstinszenierung als gewalttätiger junger Mann verweist zum einen auf Siggis ohnmächtige Situation der Inhaftierung, die das Gefühl des Kontrollverlustes verstärkt. Zugleich verweist sie auf die schmerzhafte Erfahrung von Verlust, die sich ebenfalls in der Textpassage widerspiegelt, die er als Begründung für seine Reaktion anführt: „ich kann das Teil was mir da fehlt nich einfach so loseinfach so loslassen“ (I). Die Sequenz macht deutlich, dass das Loslassen für Siggi nicht einfach ist. Er will an etwas festhalten, worüber er keine Kontrolle mehr hat, denn es fehlt bereits. Auffällig ist, dass ihm nicht eine bestimmte Person fehlt, sondern ein Teil von ihm verloren geht. Damit verweist Siggi auf der sprachlichen Ebene auf die existenzielle Bedrohung, die von der Trennung ausgeht – er wird beschädigt – und zugleich auf die zuvor scheinbar enge, fast symbiotische Beziehung, innerhalb derer er und seine Freundin sich als Einheit erlebt. „Das hat sich bei mir unter Kontrolle gesetzt“ – Kontrolle durch Strukturübersetzungen Bei der Betrachtung des Zusammenhangs zwischen Gewalt und Kontrollverlust lässt sich in Siggis Erzählung im Längsschnitt eine langsame Veränderung erkennen. Das Gefängnis erlebt er im Veränderungsprozess ambivalent: Einerseits verstärkt die Inhaftierung das Gefühl des Kontrollverlustes, zugleich erlebt er die kontrollierende Struktur als Unterstützung. So erfährt Arbeit in der Situation der Geschlossenheit 86 eine neue Bedeutung. Er nimmt an einem Berufsvorbereitungsjahr teil und vermeidet so, auf die Nichtarbeiterstation mit härteren Vollzugsregeln verlegt zu werden. Zugleich stellt die Arbeit eine willkommene Abwechslung in der Monotonie und Langeweile des Gefängnisalltags dar. Siggi gewöhnt sich so sehr an die Arbeitszeiten, dass er sogar am Wochenende ohne Weckerklingeln früh aufsteht und den Tagesablauf beibehält. Er kann sich nun vorstellen, auch nach der Entlassung einer geregelten Erwerbsarbeit nachzugehen. Trotz der positiven Arbeitserfahrungen und der guten Vorsätze beschreibt Siggi für die Zeit nach der Entlassung: „bin ich widder in jenau das alte Loch ringefallen wo ich rausjekommen bin“ (III). Siggi gelingt die Anpassung an den Arbeitsalltag nicht. Er nimmt an zwei weiteren Maßnahmen teil, aber das frühe Aufstehen nach durchgefeierten Nächten fällt ihm schwer. Au- ßerdem gibt es Konflikte mit den Meistern, und er wird aus beiden Maßnahmen entlassen. Mit dem Verlust der Arbeit bricht erneut eine Struktur weg. Das Bild des Lochs weckt Assoziationen zu Absturz aber auch Traurigkeit. Siggi erlebt, dass sich die äußere Struktur des Gefängnisses nicht einfach mit nach draußen nehmen lässt. Ohne Druck und den Zwangscharakter von Arbeit im Gefängnis dominieren in seiner Erzählung im Alltag die „Kumpels“ und der positive Bezug zu Arbeit ist „janz schön schnell eigentlich schon widder weg“ (III). Während der zweiten Inhaftierung, dem neunmonatigen Bewährungswiderruf, während dessen das erste Längsschnittinterview (III) stattfindet, ist Siggi in Gedanken erneut mit Anpassung durch Erwerbsarbeit außerhalb der Haft und Ausstieg aus der Delinquenz beschäftigt. Er schwankt dabei in seiner Erzählung zwischen Anpassung und einem lustvollen, ausschweifenden Leben mit Drogen hin und her. Seinen Wunsch nach Anpassung und Ausstieg aus der Delinquenz begründet er mit seinem Alter und dass es so nicht ewig weitergehen kann. Dieser Wunsch bleibt auch im Längsschnitt ein Jahr später bestehen. Siggi wird nach dem neunmonatigen Bewährungswiderruf entlassen und befindet sich danach für sechs Monate in Freiheit, in der er auf seine Verhandlung wartet. Er wird aufgrund des Raubes zu weiteren zwei Jahren Strafhaft verurteilt. Während dieser Inhaftierung erzählt Siggi im zweiten Längsschnittinterview (IV), dass er sich während der sechs Monate in Freiheit intensiv um eine Arbeitsstelle kümmert und seinen Führerschein beginnt. Er sagt, dass er aus dem Drogenhandel ausgestiegen ist. Dabei ist besonders auffällig, dass er den Ausstieg aus dem Drogenhandel konfliktfrei beschreibt. Die schwierigen Seiten des Ausstiegs thematisiert er nicht und negiert sie auch auf Nachfrage der Interviewerin. Der von Siggi geäußerte Wunsch nach Anpassung spiegelt jedoch nicht nur die soziale Erwünschtheit im Interview wider. Im Gegensatz zu der Erzählung über die erste Entlassung beschreibt Siggi ein Gefühl des Eingebundenseins, in dessen Rahmen sich der schrittweise Anpassungsprozess vollzieht. Er erlebt sich als Teil eines tragenden Netzwerkes, das vor allem aus der Bewährungshelferin, seinem Vater und seinem älteren Bruder besteht. Er hat ein gutes Verhältnis zu seiner Bewährungshelferin, die ihn über einen langen Zeitraum begleitet, unabhängig davon, ob sie offiziell für ihn zuständig ist oder nicht. Sie hilft ihm bei Ämtergängen und holt ihn dafür auch von zu Hause ab. Aber „och in Familiensachen“ fühlt Siggi sich unterstützt – sie hört ihm zu, versteht ihn und geht auf ihn ein. Deutlich wird, dass sie die 87 Übergänge von außerhalb der Haft ins Gefängnis und wieder zurück begleitet und dabei Siggis umwegigen Prozess der Reinhaftierungen ebenso aushält wie seinen prozesshaften und langsamen Ausstieg aus dem Drogenhandel. Außerdem steht sie in engem Kontakt zu Siggis Vater und älteren Bruder. In Siggis Erzählung zeigt sich die Verbindung von Bewährungshelferin und Vater auch auf sprachlicher Ebene. Die Reaktion der Bewährungshelferin und seines Vater auf seine Entlassung aus der zweiten beruflichen Maßnahme beschreibt Siggi auf den ersten Blick als fast identisch und erzählt auffällig erlebnishaft. Die Bewährungshelferin reagiert mit: „Na warum musste denn das schon widder sein?“ (III) und sein Vater sagt zu ihm: „Muss es denn schon widder sein?“ (III). Bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass die Bewährungshelferin ihn im Gegensatz zum Vater nach dem „Warum“ fragt. Sie bietet ihm einen Raum über Gründe nachzudenken und darüber zu reden und scheint auch eine Entlastungsfunktion für den Vater zu haben, indem sie ihm entscheidende Betreuungsaufgaben abnimmt. Im Zusammenhang mit diesem tragenden Netzwerk fällt in Siggis Erzählung auf, dass er im Längsschnitt stärker über Gefühle und Beziehungsqualitäten spricht. In den vorherigen Interviews entsteht durch seine Erzählung über die Trennung der Eltern, seine Gefühle und die des Vaters nur ein vages Bild von der Trauer, weil Siggi Gefühle nicht beschreibt. Im ersten Längsschnittinterview (III) beschreibt er nun die Traurigkeit des Vaters, der seine Tränen unterdrücken muss, als er Siggi bei der Reinhaftierung im Gefängnis besucht. In dieser Passage thematisiert er jedoch auch sein eigenes Leid, in dem er darüber spricht, dass es ihm leid tut, seinen Vater enttäuscht zu haben. Siggi sagt, dass er diese Gefühle im Gefängnis verdrängen muss, damit er sich nicht „dauernd fertig macht“ – aber er verbalisert sie im Längsschnitt im Interview. Eine weitere Spur, die darauf verweist, dass Siggi sich als emotional eingebunden erlebt, ist die Erzählung über seine neue Freundin, die er nach der zweiten Entlassung kennen lernt. Er beschreibt ihr „liebliches Wesen“ (III) – sie versteht ihn, geht auf ihn ein, er kann sich bei ihr „ausheulen“, und sie unterstützt ihn bei praktischorganisatorischen Dingen. Zentral ist jedoch, dass Siggi im Längsschnitt das Verhalten seines Vaters als stark verändert wahrnimmt. In der Vergangenheit reagiert sein Vater in Siggis Darstellung eher locker auf seinen Drogenkonsum. Im biographischen Interview (II) während seiner ersten Inhaftierung beschreibt Siggi die Reaktion folgendermaßen: „ich soll bloß vorsichtig sein (I: Hm) und wenn ich wirklich Probleme hab soll ich zu ihm kommen“ (II). Der Konsum illegaler Drogen ruft in Siggis Wahrnehmung somit eine Reaktion des Vaters hervor, die Siggi nicht erwartet. Ähnlich wie in der weiter oben bereits beschriebenen Textpassage über sein spätes nach Hause kommen, wünscht sich Siggi offenbar eine strengere Reaktion des Vaters. Erst wenn er „wirklich Probleme“ hat, soll er sich an ihn wenden. Im Längsschnitt erlebt Siggi, dass sein Vater stark insistiert: Als Siggi sich nach der ersten Entlassung im Rahmen seiner Arbeitssuche einer Drückerkolonne anschließen will, beschreibt er die Reaktion seines Vaters folgendermaßen: „und da hat er jesagt ‚Nee gibt’s nich du bleibst hier’ und dann durfte ich da nich hin“ (III). An der Passage wird deutlich, dass Siggi 88 das Verhalten seines Vaters als verändert wahrnimmt. Der Vater spricht ein Verbot aus und setzt ihm eine klare Grenze. „Dann durfte ich da nich hin“, gewinnt vor allem vor dem Hintergrund an Bedeutung, dass Siggi zu diesem Zeitpunkt ungefähr 21 Jahre alt und kein Kind mehr ist. Er widersetzt sich dem Verbot nicht, sondern scheint das Verhalten des Vaters – an die Erfahrungen in der Kindheit anknüpfend – mit Fürsorge und Halt zu verbinden. Das Gefühl des Eingebundenseins in ein haltendes und kontrollierendes Netzwerk führt dazu, dass Siggi sich zwischen der zweiten Inhaftierung aufgrund des Bewährungswiderrufs und der dritten Inhaftierung mit seinem Verhalten auseinandersetzt und sich mit einem Problem an seinen Vater wendet: S: Naja aber das hat sich aber wieder das hat sich bei mir unter Kontrolle gesetzt (sag ich mal so) (I: aha aha) ich weeß wie’s funktioniert und ich weeß wie‘s was ich lassen muss um das um das es och unterbleibt sag ich mal (I: Ja) I: Und was müssen Sie lassen? S: Na ich lass das Rochen dann und und das und und und das und das Bierchen zum Wochenende (I: Hm) das lass ich weg (...) und ich geh lieber gleich zum ersten Mal nach Hause als zum zweiten Mal (I: Hm) weil sonst saß ich ja meistens zu Hause und bin gleich nochmal losgegangen anstatt dass ich zu Hause bleiben sollte (I: Ja Aha) weil sonst hab wie gesagt sonst hab sonst hab ich mir immer ein anjetrunken und so und bin dann widder losjegangen bin wieder losjegangen wie gesagt dann weil es zu Hause langweilig war draußen wenn ich draußen war hab ich mein Bierchen jetrunken und so och wenn ich besoffen war ich hab einfach meinem Vater den Schlüssel jejeben und dann hab ich mich zu Hause hinjelegt und (...) jejessen I: Sie haben Ihrem Vater den Schlüssel gegeben (S: Na) damit Sie nicht wieder rein und rausgehen (S: Na) aha wie sind Sie denn auf die Idee gekommen? [...] S: [...] ich hab da mit meinem Vater jeredet und so dass wenn es bei mir wie jesagt mal aushakt dass ich dann die Sachen konsumiere und so na und da hab ich mit meinem Vater ne Lösung jefunden da hab ich ihm dann jesagt dass ich dann immer wenn ich dann komme dir den Schlüssel reinschmeiße und so und du den mir auch nich gibst und so (I: Hm) (...) und so. (IV) Siggi beschreibt in der Textpassage ein langsames und prozesshaftes Wiedererlangen von Kontrolle. Er hört nicht abrupt auf, illegale Drogen und Alkohol zu konsumieren, sondern er erlaubt sich einen Veränderungsprozess, der einen kontrollierten Konsum beinhaltet. Problematisch erlebt er jedoch die Kombination aus Alkohol und Drogen, die mit mehrmaligem Weggehen verbunden ist. Die wiederholte Betonung von „widder losjegangen“ verweist auf Maßlosigkeit und unkontrollierten Konsum. Dem setzt er eine Struktur entgegen, indem er seinem Vater den Schlüssel gibt. Der Schlüssel bewahrt ihn davor, dass er unkontrolliert Rauschmittel konsumiert, es bei ihm „mal aushakt“ und er gewalttätig wird. Interessanterweise greift er damit auf eine Struktur zurück, die ihm aus dem Gefängnis vertraut ist – er lässt sich einschließen. Er transformiert diese Struktur jedoch in sein eigenes Umfeld außerhalb des Gefängnisses: Einen Teil der äußeren Struktur des Gefängnisses nach der Entlassung für sich zu übersetzen, ermöglicht Siggi, dem bedrohendem Gefühl des Kontrollverlustes eine eigene Struktur entgegen zu setzen. Hierfür ist entscheidend, dass Siggi sich offenbar mit seinem eigenen Verhalten und daraus ergebenden Pro- 89 blemen auseinandersetzt. Um diese zu verändern, kann er an Erfahrungen elterlicher unterstützender Kontrolle aus der Kindheit anknüpfen. Zentral dabei ist, dass er bei diesem schrittweisen Prozess von der Bewährungshelferin und vor allem von seinem Vater unterstützt wird. Vor dem Hintergrund des tragenden Netzwerkes, in dem er seinen Vater als intervenierendes, kontrollierendes, aber auch unterstützendes Gegenüber erlebt, verhandelt Siggi mit ihm Kontrolle und ist somit dem Gefühl des Kontrollverlustes nicht mehr ohnmächtig ausgeliefert. Dies spiegelt sich auch in seinem veränderten Umgang mit Trennungserfahrungen wieder. Die Thematisierung der Trennung der Eltern ist für Siggi über den gesamten Längsschnitt nach wie vor schwierig. Dies zeigt sich besonders, wenn Siggi auch im zweiten Längsschnittinterview (IV) noch über seine Eltern spricht und seinen Vater meint. Aber auch hier lässt sich eine leichte Transformation erkennen, wenn er an anderer Stelle im selben Interview erzählt, wer ihn im Gefängnis besuchen soll: „da lass ich meinen Familienvater kommen is mir schon wichtiger“ (IV). Die Sequenz irritiert zunächst durch die ungewöhnliche Verwendung des Begriffs „Familienvater“ mit einem Possessivpronomen („mein“). Im allgemeinen Sprachgebrauch wird damit meist auf die Vaterschaft eines Mannes und seine Verantwortung als Familienoberhaupt oder Familienernährer verwiesen. Siggi hält mit dem Begriff Familienvater somit auch im letzten Interview an dem Bild der Familie fest, indem erneut der Anschein erweckt wird, die Familie sei komplett. Zugleich macht er jedoch durch den Begriff deutlich, dass der Vater seine Familie ist. Der Komparativ („wichtiger“) erschließt sich aus dem Kontext der Textpassage. Der Besuch des Vaters ist Siggi wichtiger als der Besuch seiner Freundin, von der er sich vor der Inhaftierung getrennt hat. Die Entscheidung, sich zu trennen, lässt ebenfalls eine Veränderung im Umgang mit Trennungserfahrungen im Längsschnitt sichtbar werden. Als klar ist, dass Siggi erneut für zwei Jahre inhaftiert wird, trennt er sich von seiner neuen Freundin, nachdem er sich „damit auseinandergesetzt“ (IV) hat. Siggi erzählt: Das bringt nichts bringt gar nichts ich hab schon andere Leute gesehn die hatten ne Freundin und dann hat die Schluss jemacht und so und dann ham die sich hat er sich hier drinne fertiggemacht das bringt nichts und darum so (deswegen find ich das schon gut so wie es is) (nuschelt sehr schnell) (IV) Siggi bezieht sich mit seiner Einschätzung, eine Beziehung während einer langen Inhaftierung „bringt nichts“, erst auf mehrere, dann auf einen Mitinhaftierten, der sich, nachdem seine Freundin ihn verlassen hat, „fertiggemacht“ hat. Vor dem Hintergrund, wie schmerzhaft die Trennungserfahrung für Siggi mit seiner vorherigen Freundin war, wird die Bedrohung einer möglichen Trennung in der geschlossenen Institution spürbar. Er setzt damit der unkontrollierbaren Situation, von ihr während seiner Inhaftierung verlassen zu werden, aktiv etwas entgegen, indem er sich von ihr trennt. „Das bringt nichts“ und „find ich schon gut so wie es ist“ verweist auf die Rationalität seiner Entscheidung, mit der er die Angst und den Schmerz, der mit einer möglichen Trennung verbunden ist, kontrolliert. Zugleich vermeidet er das 90 Gefühl, keine Kontrolle über seine Freundin zu haben90. Dass die Trennung dennoch schmerzhaft ist, wird in dem Schluss der Sequenz deutlich, indem Siggis Sprache undeutlich und schnell wird. Er scheint die schmerzhafte Erfahrung verdrängen zu wollen. Dies lenkt noch einen anderen Blick auf seine Entscheidung, dass er lieber Besuch von seinem Vater als von seiner Freundin erhalten möchte. Vermeidet er die scheinbar schmerzhafte Begegnung mit ihr? Siggi versucht durch die Trennung, die eigene Verletzlichkeit im Gefängnis zu vermeiden. Entscheidend ist jedoch, dass er den Kontakt zu ihr mit der Trennung nicht radikal abbricht, sondern sie haben weiterhin Kontakt und er lässt offen, ob sie nach der Entlassung an die Beziehung anknüpfen. Er setzt somit dem Gefühl des Kontrollverlusts durch Trennungserfahrungen eine eigene Strategie entgegen und er kann die Trennung aushalten. Diese Ver- änderung im Umgang mit Trennung im letzten Längsschnittinterview (IV) wird als prozesshafte Entwicklung auch schon ein Jahr zuvor im ersten Längsschnittinterview (III) erkennbar, wenn Siggi sich rückblickend von seinen Suizidversuchen nach der Trennung von seiner damaligen Freundin distanziert. Er bewertet sein Verhalten als „dummniefig“ und „kinderhaft“ und er wollte sie dadurch zurück gewinnen. Es wird darüber hinaus eine prozesshafte Ablösung von seinem Vater sichtbar, die Siggi aushalten kann und die im Gegensatz zu dem Bruch mit seiner Mutter steht. Im letzten Interview (IV) plant Siggi seinen Auszug aus der gemeinsamen Wohnung, wenn er entlassen ist und er eine finanzielle Grundlage hat. Er erzählt: Na ich könnt da bleiben bis ich schwarz werde aber wie jesagt ich will meinen Vater auch mal alleine lassen und so (I: Hm) wie jesagt sobald ich meine Grundlage hab dann zieh ich aus dann (I: Hm) vorbeikommen kann ich ja immer noch (I: Hm) das is ja nich das Thema (IV). Zu Beginn der Passage verweist Siggi mit Nachdruck darauf, dass er sein Leben lang beim Vater bleiben könnte, denn „bis ich schwarz werde“ beschreibt im eigentlichen Wortsinn den Zeitraum bis zum Tod. Auffällig ist, dass Siggi nicht erzählt, dass er ausziehen möchte, sondern dass er seinen Vater „auch mal alleine lassen“ will. Hier wiederholt sich die Situation nach der Trennung der Eltern, als er den Vater in seiner Erzählung oft alleine gelassen hat, damit er seine Ruhe hat und nachdenken kann. Darüber hinaus ist der Vater vor dem Hintergrund Siggis mehrfacher und mehrjähriger Inhaftierung schon länger alleine. Siggi plant seinen Schritt in die Selbständigkeit, wenn er eine Grundlage hat. Entscheidend ist jedoch die Gewissheit, dass er „immer noch“ „vorbeikommen“ kann. Das Thema ist für Siggi somit nicht mehr, dass er Angst hat, keinen Kontakt mehr zum Vater zu haben, wenn er auszieht. Er sieht für sich somit einen Trennungs- oder Ablösungsprozess vom Vater, der in Beziehung stattfindet und keinen Beziehungsabbruch zur Folge hat. 90 Dieses Handlungsmuster, dass es besser sei, sich von seiner Partnerin zu trennen, wird von vielen Inhaftierten geteilt. Für eine ausführliche Interpretation dieser Rationalisierung von Trennungsschmerz vgl. das Fallbeispiel „Hannes Imker“ in Bereswill 2008b. 91 Fazit Für Siggi Tengel stellt Gewalthandeln eine legitime Handlungsressource dar. Folgt man seinem Selbstentwurf, dann erhält er durch einflussreiche Kontakte Schutz im Gefängnis und lässt seinen Haftraum durch einen Mitinhaftierten reinigen. Das für die Fragestellung der vorliegenden Arbeit jedoch interessanteste Muster ist, dass Siggi Tengel die Täter-Opfer-Ambivalenz negiert, was sich in seiner starken Polarisierung der Gefangenenhierarchie widerspiegelt. Diese Polarisierung der Täter-Opfer-Ambivalenz erfährt eine tiefergehende Bedeutung vor dem Hintergrund eines ungelösten biographischen Trennungskonflikts. Die Eltern trennen sich, als er acht Jahre alt ist, und die Trennung führt zum Kontaktabbruch zwischen Siggi und der Mutter sowie zu einem Opferbündnis mit dem Vater. Es scheint keinen Trennungsprozess zu geben, der von einer Bezugsperson begleitet wird. Der Verlust der Mutter wird nicht betrauert, sondern abgetrennt. Er kann die Trennung nur schwer aushalten und hält an der verlorenen Mutter fest. Hier zeigt sich eine aufschlussreiche Strukturparallele zur Bedeutung von Gewalt im Gefängnis, indem Siggi sein Familienideal polarisiert: Es gibt die komplette Familie oder die zerstörte Familie. Im Interview hält er am Bild der kompletten Familie fest, indem er fast durchgängig von seinen Eltern spricht. Die schmerzvollen Trennungserfahrungen gehen mit einem Verlust von Halt und Struktur einher, den Siggi als Kontrollverlust erlebt. Diese Erfahrung reaktualisiert sich in der Adoleszenz, als seine damalige Freundin sich von ihm trennt. Siggi beschreibt die Trennung eindrucksvoll und bildhaft. Erneut lässt er nicht los, sondern hält an der Freundin fest. Diese eindrucksvolle Beschreibung der Trennungserfahrung und das Festhalten an dem verlorenen Objekt sind eher ungewöhnlich für die Phase der Adoleszenz, in der die Gestaltung der Liebesbeziehungen erprobt wird. Es werden neue Bindungen außerhalb der Familie gesucht und eine zunehmende Abgrenzung von den Eltern findet statt. Die Adoleszenten suchen in der Phase des Ausprobierens mit neuen realen Objekten nach einer eigenen Form der sexuellen Beziehung. (vgl. Günther 2008: 66f.) Im Ausprobieren des unsteten und oft abrupten „Verlieben und Sich-Trennen wird auch der Umgang mit den eigenen Affekten der Depression und der Trauer erprobt“ (Mertens 1994: 135). Siggi erlebt sich in der Situation, als seine Freundin ihn verlässt, als ohnmächtig, hilflos und verletzbar. In diesem Moment wiederholt sich für ihn eine Situation aus der Kindheit (als seine Eltern sich trennen), der er sich ebenfalls hilflos ausgeliefert fühlt. Die mit den Trennungen verbundenen Erfahrungen von Ohnmacht und Schmerz sind bei Siggi explizit sichtbar, wenn er über seinen Suizidversuch erzählt. Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verletzlichkeit und den damit verbundenen schmerzhaften Erfahrungen ist erschwert. Sie werden „‚mit Gewalt’ aus dem eigenen Selbstempfinden ausgegrenzt“ (Bereswill 2006a: 253). Seine „Verletzungsoffenheit“ wehrt er ab, indem er einen Raub begeht. Den zweiten Raub rechtfertigt er durch übermäßigen Drogen- und Alkoholkonsum. Er übernimmt für sein Gewalthandeln keine Verantwortung und lässt wenig Opferempathie erkennen. Gewalt ist im manifesten Text mit Kontrollverlust im Rausch verbunden. Die Bedeutung von 92 Gewalthandeln als Kontrollverlust erfährt jedoch über das unkontrollierte Zuschlagen im Rausch hinaus eine Bedeutungserweiterung, wenn sie auf ihren latenten Sinn befragt wird: Der Kontrollverlust lässt sich als Ausdruck einer schmerzhaften biographischen Erfahrung von Trennungsschmerz, Ohnmacht und Hilflosigkeit deuten. Die Wucht dieser Erfahrung richtet Siggi zunächst gegen sich, dann gegen andere. In diese Konfliktdynamik interveniert der Freiheitsentzug. Darüber hinaus wird im Längsschnitt jedoch eine weitere Bedeutung der Erfahrung von Geschlossenheit sichtbar. Indem Siggi Tengel einen Teil der institutionellen Struktur in sein Leben nach der Entlassung übersetzt, setzt er dem nach der Entlassung wieder drohenden Kontrollverlust eine eigene Struktur entgegen. Der entscheidende Aspekt dabei ist, dass sich hier ein innerer Veränderungsprozess vollzieht. Dieser entwickelt sich in Interaktion mit der Bewährungshelferin und besonders mit dem Vater sowie „am Konflikt mit sich und anderen“ (Bereswill 2006b: 66). Innerhalb dieses „intersubjektiven Beziehungsgeflechts“ (ebd.) gibt es einen Raum, der es Siggi erlaubt, die äußere Struktur der Institution in sein Inneres zu übersetzen. Dabei kann er ebenfalls an die unterstützenden und zugleich kontrollierenden Strukturen anknüpfen, die er als Kind erlebt hat. Es wird deutlich, dass äußere Strukturen – selbst die rigide Struktur des Gefängnisses – in denen Siggi einerseits mit Kontrollverlust konfrontiert ist, zugleich jedoch ein hohes Maß an Selbstkontrolle erlebt, nicht einfach übernommen werden können. Soziales Lernen ist eingebettet in eine unterstützende und strukturierende Umgebung. Das bedeutet vor allem: in Beziehungen, die den Prozess mit all seinen Reibungen und Schwierigkeiten begleiten. Dies gilt auch für die Veränderung im Umgang mit eigenem Gewalthandeln. 93 9. Ingo Jakob: „und da habe ich ihn habe ich eben zugeschlagen“ – Gewalt als Modus der Beziehungsaufnahme im Kontext biographischer Anerkennungskonflikte91 Ingo Jakob wird 1980 in einer westdeutschen Großstadt geboren. Er wächst bis zur Trennung seiner Eltern in seinem dritten Lebensjahr bei den Eltern auf. Die Mutter verlässt den Haushalt mit seiner drei Jahre jüngeren Schwester. Ingo lebt von nun an bei seinen Großeltern väterlicherseits. Sein Vater hat eine neue Partnerin und mit ihr zwei weitere Kinder. Ingos Vater ist zunächst als Maurer, später in der Computerbranche tätig. Die Erwerbssituation der Mutter, die aus B-Land stammt, bleibt unklar. Kurz vor seinem siebten Geburtstag wird Ingo eingeschult und wiederholt die erste, später noch eine weitere Klasse. In der siebten Klasse wird Ingo mehrfach temporär von der Schule verwiesen und verlässt die Schule nach der siebten Klasse ohne Abschluss. Im Anschluss an die Schule absolviert er ein Berufsvorbereitungsjahr und beginnt im Anschluss ein Berufsgrundjahr, das er abbricht. Wegen Körperverletzungs- und Eigentumsdelikten wird Ingo zunächst zu einer Woche Jugendarrest, Arbeitsstunden sowie einer achtmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Nach einer erneuten Anzeige wegen Körperverletzung erfolgt der Bewährungswiderruf und Ingo wird 1998 zu einem Jahr Strafhaft verurteilt. Während er inhaftiert ist, hat Ingo eine Nachverhandlung wegen einer in Haft begangenen Körperverletzung an einem Mitinhaftierten und wird zu weiteren zwei Monaten Strafhaft verurteilt. Während dieser Inhaftierung werden 1999 mit Ingo das Interview über die Hafterfahrungen (I) und das biographische Interview (II) geführt. Ingo ist zeitweise auf der Station für besonders schutzbedürftige Insassen untergebracht. Er absolviert in Haft den Sonderschulabschluss. Seine damalige Freundin bringt während seiner Inhaftierung ein Kind zur Welt. Ingo bestreitet die Vaterschaft und hat nach der Entlassung keinen Kontakt zu dem Kind. Im Herbst 2000 wird Ingo entlassen. Aufgrund einer Auflage vom Gericht lebt er zunächst bei seinen Großeltern, kurz darauf zieht er mit seiner neuen Freundin in eine eigene Wohnung. Die Freundin arbeitet als Arzthelferin, Ingo ist arbeitslos und arbeitet gelegentlich im Innenausbau. Zum Zeitpunkt des ersten Längsschnittinterviews (III) im Jahr 2002 besteht die Beziehung zu seiner Freundin seit eineinhalb Jahren. 91 Die Interpretation und Auswertung der Fälle erfolgte in enger Zusammenarbeit mit Almut Koesling. Der Fall Ingo Jakob findet sich darüber hinaus in beiden Dissertationen, weil er für die jeweilige Fragestellung zentrale Phänomene repräsentiert (vgl. Koesling & Neuber 2005; Koesling 2008).

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References

Zusammenfassung

Zwischen Männlichkeit und Gewalt wird sowohl in den kollektiven Deutungsmustern junger Männer als auch in vielen wissenschaftlichen Ansätzen der Jugendgewalt- und Männlichkeitsforschung ein direkter Zusammenhang vorausgesetzt.

In der vorliegenden Studie werden kollektive Deutungsmuster von Gewalt in Beziehung gesetzt zu der subjektiven Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen. Unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn? Dieser Frage wird anhand fünf biographischer Fallinterpretationen auf Basis qualitativer Längsschnittinterviews mit inhaftierten jungen Männern nachgegegangen.

Das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht wird aus einer soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive untersucht. Dabei rücken die Opfer-Täter-Ambivalenzen von Gewalthandeln in den Blick. Es zeigt sich eine enge Verbindung zwischen der Bedeutung von Gewalt und den biographischen Konflikterfahrungen junger Männer: Gewalt steht in enger Beziehung zu ihren Autonomiekonflikten und ein komplexes und vielschichtiges Verhältnis zwischen Autonomie, Geschlecht und Gewalt wird sichtbar.