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Anke Neuber, Der biographische Eigensinn von Gewalt – Hermeneutische Zugänge vs. Grounded Theory in:

Anke Neuber

Die Demonstration kein Opfer zu sein, page 61 - 70

Biographische Fallstudien zu Gewalt und Männlichkeitskonflikten

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8329-4056-0, ISBN online: 978-3-8452-1251-7 https://doi.org/10.5771/9783845212517

Series: Interdisziplinäre Beiträge zur Kriminologischen Forschung, vol. 35

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61 und verfeinert. Im Zentrum des Vergleichs stehen Übereinstimmungen und Unterschiede jeweils aus einer minimal und maximal kontrastierenden Perspektive. Beim abschließenden Ordnen der Zwischenergebnisse auf Grundlage der Memos werden die Kategorien in einem nächsten Schritt in Zusammenhang zu einander gestellt. Dieser Auswertungsschritt erfolgt in Anlehnung an das axiale Kodieren, das der Vertiefung der zentralen Kategorien, der Achsenkategorien, dient und die Relationen zwischen den Kategorien klären soll. Allerdings wird zu diesem Auswertungszeitpunkt nicht angestrebt, nur ein bis zwei Achsenkategorien oder wie im nächsten Auswertungsschritt des selektiven Kodierens eine Kernkategorie zu ermitteln, da eine empiriebegründete Theoriebildung zu diesem Zeitpunkt nicht beabsichtigt ist, sondern die Kategorien zur Bedeutung von Gewalt sind Grundlage für die Auswahl der Ankerfälle. Von daher ist es wenig hilfreich, so lange zu verdichten, bis nur eine Kern- oder Schlüsselkategorie übrig bleibt. Die Gruppierung76 der 30 Fälle erfolgt somit anhand der Bedeutung von Gewalt auf Grundlage der empirisch gesättigten Kategorien. In einem nächsten Schritt wird aus jeder der fünf Gruppierungen ein besonders aussagekräftiger Ankerfall für die biographische Analyse ausgesucht. 7.2 Der biographische Eigensinn von Gewalt – Hermeneutische Zugänge vs. Grounded Theory Im nächsten Auswertungsschritt wird der biographischen Bedeutung von Gewalt anhand der fünf ausgewählten Ankerfälle nachgegangen. Allerdings erfordert dieser Perspektivenwechsel auch einen Methodenwechsel, da die Methode des theoretischen Kodierens der Grounded Theory Grenzen aufzeigt, wenn die Konstruktionsprozesse biographischer Selbstdeutungen in den Blick genommen werden (vgl. Bereswill 2001b: 3f.). Die Grounded Theory erweist sich als nicht besonders gut geeignet, um einen Zugang zur latenten, tiefenstrukturellen Sinnebene zu finden, weil sie über keinen Begriff von Latenz verfügt, sondern die Kategorien aus dem manifesten Text entwickelt werden (vgl. Wolde 2007: 87). Um den latenten Sinn im Text aufzuspüren, eigenen sich die objektive Hermeneutik und die Tiefenhermeneutik, die jedoch ein sehr unterschiedliches Verständnis von Latenz besitzen: Der objektiven Hermeneutik liegt eine sprachtheoretische Lesart von Latenz zugrunde, die die Wirkungsweise eines unbewussten Regelverständnisses im Sinne von Sprachkompetenz impliziert. Dieses deskriptiv Unbewusste bezieht sich dabei auf die gewohnheitsmäßig bekannten und momentan nicht bewusst zugänglichen Strukturen, die das Handeln bestimmen. Latenz wird somit nicht in einem psychoanalytischen Sinn verstanden. Von daher bleiben „die nicht über Sprache vermittelten präsentativen Komponenten symbolischer Ausdrucks- und Darstellungsformen außer acht“ (Mül- 76 Die Bildung von Gruppierungen geschieht nicht im Sinne einer Typenbildung. Dies würde dem Anspruch nach Differenziertheit widersprechen und vor allem die Besonderheiten des Einzelfalls verdecken (vgl. Engelfried 1997:16). 62 ler-Dohm 1990: 213). Die objektive Hermeneutik ermittelt somit den latenten Sinngehalt aus der Sprache und nicht aus dem Nicht-Versprachlichten wie in der Tiefenhermeneutik, die von einem Latenzbegriff ausgeht, der sich auf die Psychoanalyse bezieht. Im Sinne dieses dynamisch Unbewussten rücken die konflikthaften Inhalte und Affekte, die aus dem Bewusstsein ferngehalten werden, ins Zentrum der Betrachtung. Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Methodologien werden bei der Analyse mit den beiden Methoden ganz unterschiedliche Aspekte fokussiert. Während die objektive Hermeneutik, wie bereits kritisiert, Phänomene strukturtheoretisch beleuchtet und sich nicht für subjektives Erleben interessiert und somit auch subjektive Konflikterfahrung unberücksichtigt bleiben, fokussiert die Tiefenhermeneutik auf die „Inwendigkeit subjektiver Lebensentwürfe“ (Belgrad et al. 1987: 17), die innerpsychischen Strukturen und den subjektive Sinn. Obwohl diese als Auswirkungen objektiver Widersprüche betrachtet werden, werden Struktureinflüsse in der Tiefenhermeneutik zu wenig systematisch beachtet. Der Latenzbegriff der vorliegenden Arbeit orientiert sich aufgrund der subjekt- und konfliktorientierten Perspektive an einem psychoanalytischen Latenzbegriff. Allerdings geht es bei der Auswertung des Materials nicht darum zu unterscheiden, was vor- und unbewusst ist, sondern Latenz wird allgemeiner gefasst, als das, was nicht versprachlicht ist, weil es konflikthaft ist. In der vorliegenden Arbeit wird Biographie als Schnittstelle von Subjekt und Gesellschaft begriffen und die Wechselbeziehungen zwischen subjektiven Handlungsmustern und gesellschaftlichen Strukturen werden ins Zentrum der Betrachtung gerückt. Zudem liegt der Arbeit ein psychoanalytisches Subjektverständnis zugrunde. Somit werden für die biographischen Fallanalysen beide Methoden mit Einschränkungen verwendet und der methodologische Hintergrund wird bewusst außer Acht gelassen.77 Zunächst wird die Eingangssequenz78 des biographischen Interviews sequenzanalytisch nach der objektiven Hermeneutik untersucht. Dieser Auswertungsschritt ermöglicht einen systematischen und strukturierten Einstieg in die Fülle des Materials einer qualitativen Längsschnittuntersuchung. Ferner lässt sich mit diesem sequenzanalytischen Verfahren schnell ein erster Überblick über zentrale Muster des Falls gewinnen. Im weiteren Verlauf der Interpretation der Interviews wird auf ausgewählte Analyseelemente der Tiefenhermeneutik zurückgegriffen. Im Folgenden werden das konkrete Vorgehen und die methodischen Abkürzungen beschrieben. Zentrales Verfahren bei der konkreten Anwendung der objektiven Hermeneutik in der vorliegenden Arbeit ist die Sequenzanalyse. Sie bedeutet, „den Bildungsprozess 77 Für ein ähnliches Vorgehen bezogen auf die objektive Hermeneutik vgl. Wolde (2007: 101). Zur Unvereinbarkeit beider Methoden aus der Perspektive Oevermanns vgl. Oevermann (1993). 78 Die Eingangssequenz des biographischen Interviews wird definiert als Passage, die auf die Auftaktfrage: „Wenn Sie in Gedanken die Zeit zurückdrehen in die Zeit, als Sie klein waren, was fällt Ihnen da ein?“, folgt. 63 der Textstruktur zu rekonstruieren“ (Wernet 2000: 90). Dazu wird in einem ersten Schritt die Eingangssequenz eines jeden Interviews (zunächst der biographischen Interviews, im weiteren Verlauf des Auswertungsprozesses auch der Längsschnittinterviews) sequenziell – Wort für Wort – in Interpretationsgruppen79 interpretiert. Den Interviewanfang in extensiver Weise zu analysieren, hat, so Eberhard Nölke, die Funktion, den Rahmen zu bestimmen, in dem die Befragung stattfand und der in seiner Struktur den weiteren Verlauf des biographischen Interviews mitprägt. Hier vermag eine Analyse oft erste Hinweise zu geben auf besondere Modi biographischer Beziehungs- und Konfliktgestaltung, die sich in der schwierigen Balancierung und Ausgestaltung der unhintergehbaren Gleichzeitigkeit von diffusen und spezifischen Beziehungsanteilen in der Forschungsinteraktion gleichsam reproduzieren. (Nölke 2001: 319; zur Bedeutung der Auftaktsequenz vgl. auch Oevermann 2000: 92) Die Interpretation in der Gruppe ist besonders wichtig, um unterschiedliche Lesarten der Sequenz und ihre sinnlogischen Anschlussmöglichkeiten zu entwickeln. Diese Unterscheidung zwischen sinnlogischen Möglichkeiten und individuell genutzter Optionen ist ein zentrales Element der objektiven Hermeneutik (vgl. Hummrich 2002: 32). Sie ermöglicht, über den manifesten Sinn hinaus, die latenten Sinnstrukturen zu analysieren. Das sequenzanalytische Vorgehen und die Entwicklung möglichst vieler und verschiedener Lesarten erfolgt anhand fünf grundlegender Prinzipien der objektivhermeneutischen Interpretation (vgl. Wernet 2000: 221ff.): der Kontextfreiheit, der Wörtlichkeit, der Sequenzialität, der Extensivität und der Sparsamkeit. Diese Prinzipien wurden nicht zwanghaft bei der Interpretation der Eingangssequenzen angewendet, sie bildeten jedoch den Orientierungsrahmen. So wurden die Mitglieder der Interpretationsgruppe vor Beginn der Sequenzanalyse gebeten, den Kontext des Interviewmaterials (Gefängnis, Gewalt, junge Männer) zu vergessen und sich „künstlich naiv“ (Wernet 2000: 23) zu stellen. Die Kontextfreiheit ermöglicht, gedankenexperimentelle Kontexte zu konstruieren, in denen die Äußerung vorkommen könnte und somit die Bedeutung einer Äußerung als solche zu explizieren. Die Kontextfreiheit oder durch künstliches Vergessen zum Gegenstand der Betrachtung auf Distanz zu gehen, hat sich als sehr fruchtbar herausgestellt. Laden doch die drei zentralen Begriffe der vorliegenden Arbeit – Gewalt, Geschlecht, Gefängnis – dazu ein, in Interpretationsgruppen alle assoziativen Schleusen zu öffnen, wenn es um die Reproduktion der Stereotype abweichenden Verhaltens geht. Allerdings gelang dies nicht immer und während des langen Interpretationsprozesses zeigte sich, dass besonders das Wechselspiel zwischen den Kontext nicht vergessen können und somit einen Raum zu eröffnen, für eigene stereotype Vorstellungen von Abweichung und 79 Bei der Interpretation der Sequenzen konnte auf die produktive Zusammenarbeit mit dem von Mechthild Bereswill organisierten Kolloquium sowie Promotionsstipendiatinnen und -stipendiaten der Hans-Böckler-Stiftung in zwei verschiedenen Arbeitszusammenhängen zurückgegriffen werden. Mein besonderer Dank gilt Andreas Drinkuth, Carolin Fuchs, Susanne Gerner, Almut Koesling, Thomas Markert, Dorothee Noeres, Angela Poppitz und Annette Probst. 64 Geschlecht und zugleich durch die Distanzierungsstrategie der Kontextfreiheit diese Lesarten zu überwinden als besonders fruchtbar. Der Vergleich zwischen den Interpretationsarten von Kontextwissen und Kontextfreiheit eröffnete auch neue Zugänge zum Material. Wernet weist darauf hin, dass der Kontext auch in der objektiven Hermeneutik eine Rolle spielt. Er ist jedoch der Kontextfreiheit nachgeordnet (vgl. Wernet 2000: 21f.). Das Prinzip der Wörtlichkeit wurde eingehalten, indem sich die Interpretationsgruppe genau am Text orientiert hat, auch wenn innertextliche Widersprüche aufgetreten sind, die zunächst nahe legen, dass die Intention und tatsächliche Äußerung des Interviewten differieren. Konkret bedeutet dies, dass der Interviewte etwas sagen wollte, dies aber so nicht gesagt hat. Egal wie offensichtlich dieser Versprecher ist, er wird wortwörtlich genommen. Die objektive Hermeneutik geht davon aus, dass sich dadurch die Differenz von manifesten Sinngehalten und den latenten Sinnstrukturen erschließen lässt.80 Die Sequenzialität wurde bei den Interpretationen aller Eingangssequenzen befolgt. Es wurden Wort-für-Wort-Sequenzen interpretiert und die Interpretierenden bekamen erst nach der Ermittlung von möglichen Anschlussstellen an die Sequenz und der Diskussion darüber, das nächste Wort vorgelesen. Somit haben die nachfolgenden Äußerungen die Interpretationen nicht beeinflusst. Durch die Sequenzanalyse kann der Bildungsprozess der Textstruktur rekonstruiert werden. Das Prinzip der Extensivität wurde nur in Teilen befolgt. Die objektive Hermeneutik geht davon aus, dass sich aus einem kleinen Ausschnitt sozialer Realität allgemein gültige Strukturen rekonstruieren lassen – und zwar an jeder Stelle eines Protokolls. Dies setzt eine ausführliche und vollständige Interpretation der Sequenz voraus, indem alle möglichen Lesarten benannt werden81. Das Prinzip der Extensivität wurde in der eigenen Arbeit so ausgelegt, dass kleine Textmengen sehr detailliert und ausführlich interpretiert wurden. Es wurden in der Interpretationsgruppe so lange verschiedene Lesarten gebildet und diskutiert, bis keine weiteren dazu kamen – ob es alle möglichen waren, bleibt dabei offen. Um durch die extensive Interpretation nicht im Material zu versinken, gilt das Prinzip der Sparsamkeit. Die Lesarten, die gebildet werden, dürfen sich ausschließlich auf den vorliegenden Text beziehen. „Fallmutmaßungen, die sich vom Text in assoziativer Beliebigkeit fortbewegen, gilt es zu unterbinden.“ (Wernet 2000: 37) Ähnlich wie beim Prinzip der Kontextfreiheit bereits angeführt, lassen sich Assoziationen im Interpretations- 80 Hier zeigt sich auf den ersten Blick ein Unterschied zwischen der objektiven Hermeneutik und der Tiefenhermeneutik, latente Bedeutungen aufzuspüren: In der objektiven Hermeneutik lässt sich der latente Sinn erschließen, indem „innertextliche Verweisungszusammenhänge“ berücksichtigt werden und der Text selbst die Differenz markiert (Wernet 2000: 24). In der Tiefenhermeneutik wird ein unbewusster Konflikt sichtbar, indem es einen Bruch zwischen den Erwartungen der Forscherin und der Erzählung gibt. 81 Das Prinzip der Extensivität erinnert an das Prinzip der theoretischen Sättigung der Grounded Theory. Beide Prinzipien werfen die Frage auf, wie man wissen kann, wann es genug ist – wann alle möglichen Kodes und Lesarten gefunden sind. Wernet verweist für die objektive Hermeneutik darauf, dass erst retrospektiv festgestellt werden kann, ob alle Lesarten benannt wurden (2000: 34). 65 prozess vor allem in der Gruppe nie gänzlich vermeiden. Diese wurden in Memos festgehalten und die Gruppe wieder auf die Sequenz zurück geführt. Die protokollierten Assoziationen haben sich häufig als hilf- und aufschlussreich für die weitere Interpretation des Falls erwiesen. Es wurden nicht nur die Assoziationen in Memos festgehalten, sondern die Interpretation und Diskussion in der Gruppe wurde sehr ausführlich und genau protokolliert. Am Ende jeder Interpretationssitzung wurde ein Memo geschrieben, in dem erste zentrale Ergebnisse zum Fall festgehalten wurden. An dieser Stelle erfolgt nun eine grundlegende Abweichung zum methodischen Vorgehen der objektiven Hermeneutik: In der Vorgehensweise der objektiven Hermeneutik würde als Abschluss dieser Interpretationsschritte die Formulierung einer Fallstrukturhypothese stehen. Dies ist nicht Ziel der Sequenzanalyse der vorliegenden Arbeit, da aufgrund der bereits angeführten Kritik am Strukturbegriff der Methode die strukturtheoretische Annahme, jedem Fall liege eine Strukturhypothese zugrunde, nicht geteilt wird. Es wird im Gegenteil davon ausgegangen, dass es nicht nur eine Spur zur biographischen Konflikterfahrung gibt und es für die Interpretation der Fälle sehr fruchtbar ist, verschiedene Lesarten zuzulassen (vgl. Schulze 1997: 332). Die objektive Hermeneutik selbst erhebt das Prinzip der Extensivität, in dem alle konkurrierenden Lesarten benannt werden, zum ertragreichen Vorgehen der Methode, um dann jedoch im fortschreitenden Analyseprozess von der Fülle möglicher Lesarten sukzessive Abstand zu nehmen, um eine Fallstrukturhypothese zu formulieren. Verschiedene Lesarten zuzulassen und diese lange beizubehalten, ermöglicht jedoch die Reflexion der Annahmen und des Vorwissens der Forscherin (vgl. auch Wolde 2007: 101).82 Die Annahme einer Fallstrukturhypothese beruht zum einen auf dem Strukturbegriff der objektiven Hermeneutik, der nicht geteilt wird, zum anderen beruht sie auf der Vorstellung vom Verhältnis von Interviewtext und sozialer Wirklichkeit: Die objektive Hermeneutik geht davon aus, dass das Interviewmaterial die soziale Wirklichkeit deckungsgleich abbildet – eine „naive Gleichsetzung von Text und Welt“, wie Flick (1998: 37) es bezeichnet. Diese Vorstellung wird ebenfalls nicht geteilt, sondern Schulzes Verständnis gefolgt: Das biographische Subjekt interpretiert seine Erinnerungen, indem es sie sprachlich zu formulieren sucht, und der Forscher oder die Forscherin, die sich mit diesen Formulierungen beschäftigen, setzen die Interpretation des Autors oder der Autorin unter veränderten Bedingungen und Zielsetzungen fort. (Schulze 1997: 326) In dem Zitat wird deutlich, dass soziale Wirklichkeit immer schon interpretierte Wirklichkeit ist. Das Zulassen von konkurrierenden Lesarten führt nicht zu einer wahllosen Beliebigkeit der Interpretation. Oder anders herum: Vor diesem Hintergrund wird nicht davon ausgegangen, dass durch die Interpretation die soziale Wirklichkeit erfasst werden kann, die auf nur einer Lesart gründet. In den für die vorliegende Arbeit angefertigten Fallinterpretationen sind an einzelnen Textpassagen verschiedenen Lesarten auch explizit als konkurrierende Lesarten transparent gemacht. 82 An dieser Stelle wird darauf verwiesen, dass Selbstreflexion oder selbstreflexive Anteile nicht Bestandteil der objektiven Hermeneutik sind. 66 Neben der Nicht-Formulierung der Fallstrukturhypothese erfolgt nach der sequenziellen und ausführlichen Interpretation der Eingangssequenz noch eine weitere Abweichung vom methodischen Vorgehen der objektiven Hermeneutik: Die Sequenzialität der Analyse wird verlassen. Trotz des sequenziell erfolgten Einstiegs in das Interviewmaterial wird der Sequenzialität einer Erzählung keine so große Bedeutung eingeräumt, wie sie sie in der objektiven Hermeneutik oder der Biographieanalyse nach Schütze (1983) erfährt. Es wird in der vorliegenden Arbeit weder der Prämisse der Aufschichtung von Erfahrung (Biographieforschung) gefolgt, noch der Prämisse, dass sich Sinn nur sequenziell erschließen lässt (objektive Hermeneutik). Vielmehr wird von einer Ungleichzeitigkeit von Erfahrung ausgegangen. Ein weiterer, forschungspraktischer Schritt unterstreicht das Vorgehen: Die gezielte Betrachtung des Phänomens Gewalt erfolgt nicht in der strengen Logik der Sequenzialität, sondern wird als Phänomen durch das gesamte Material verfolgt und die zeitliche Reihenfolge der Erzählung wird verlassen. Zudem findet eine methodische Öffnung statt, die sich während der Arbeit am Material ergeben hat und sich folgendermaßen begründet: In den sequenzanalytischen Interpretationen der Auftakte der biographischen Interviews spiegeln sich bei der Betrachtung, wie Interviewerin und Interviewter interagieren, häufig die Dynamiken der Adoleszenz und der geschlossenen Institution Gefängnis wider. Wird betrachtet, was erzählt wird, werden in den Auftaktsequenzen starke Bezüge zu gesellschaftlichen Konstruktionen von abweichendem Verhalten und den damit korrespondierenden Vorstellungen von Normalität (Bereswill 1999; Neuber 2007b) sichtbar. Die jungen Männer fühlen sich implizit aufgefordert, ihre Lebensgeschichte im Hinblick auf Deutungen ihrer Delinquenz zu erzählen. Hier zeigt sich eine Spur aus einer strukturtheoretischen Perspektive, wie sie auch Oevermann vertritt: In den Erzählungen bildet sich der Einfluss von Institutionen und von gesellschaftlichen Normen auf das Subjekt ab. In der sequenzanalytischen Interpretation wird somit der Kontext, in dem die Erzählung entstanden ist, sichtbar und dieser ist bei der Interpretation als wichtiger Einfluss zu berücksichtigen. Allerdings wird an dieser Stelle mit der strukturtheoretischen Perspektive gebrochen, denn das Handeln der Subjekte wird nicht als determiniert von Strukturen begriffen. Die einzelnen Auftakte öffnen nämlich über die Gemeinsamkeiten hinaus den Weg in die subjektive Lebenskonstruktion: Wie sieht es mit dem biographischen Eigensinn aus? Diese Frage erfordert eine Interpretationsperspektive, die nicht nur nach dem, wie interagiert und was erzählt wird, fragt, sondern auch nach dem Warum: Warum erzählt jemand seine Lebensgeschichte so und nicht anders? Welcher Eigensinn zeigt sich trotz übereinstimmender Muster in den verschiedenen Fällen? Diese Perspektive führt weg von den strukturtheoretischen Annahmen der objektiven Hermeneutik, hin zum Subjekt und den subjektiven Verarbeitungsweisen, ohne sich alleinig auf die subjektive Perspektive zu beschränken.83 83 Darauf verweisen auch Regina Becker-Schmidt und Helga Bilden: „Dabei entsteht jedoch das methodische Problem, die Einmaligkeit jeder einzelnen Biographie zu bewahren und doch über das Individuelle hinaus das gesellschaftlich Exemplarische zu erkennen“ (1995: 25). 67 Wie jedoch lässt sich der Eigensinn methodisch untersuchen? In der objektiven Hermeneutik bleiben die intensivsten Emotionen unangetastet, da die Nöte der Subjekte häufig nicht manifest zur Sprache gebracht werden. Aus der Perspektive der objektiven Hermeneutik interessiert subjektives Erleben nicht, sondern die latente Struktur steht im Vordergrund (vgl. Oevermann 1993: 147f.). Es geht nicht darum, sich in eine Person hineinzuversetzen und subjektive Konflikterfahrung sind nicht von Interesse, sondern das Subjekt wird als Strukturträger gedacht. Um jedoch der Forschungsfrage der vorliegenden Arbeit nach den biographischen Konflikterfahrungen nachgehen zu können, werden für das weitere Vorgehen methodische Anregungen des szenischen Verstehens aus der Tiefenhermeneutik angewendet.84 Wie sieht nun das methodische Vorgehen nach der sequenzanalytischen Interpretation der Eingangssequenz konkret aus? Das gesamte Interview wird mehrfach gelesen, dabei wird sich unmittelbar und mit Offenheit auf den Text eingelassen. Das bedeutet, dass die Interviews sowohl auf Inhalt aber auch auf Wirkung hin gelesen werden.85 Die Subjektivität der Forscherin wird nicht ausgeklammert, sondern explizit zugelassen. Aus jedem Interview werden wenige zentrale Textpassagen für eine vertiefende Auswertung ausgewählt. Die intensive und detailgenaue Interpretation ausgewählter Interviewpassagen dient dazu, sich darauf zu konzentrieren, subjektive Verarbeitungsweisen biographischer Konflikte in die Tiefe zu verfolgen (zu den subjektiven Verarbeitungsweisen objektiver Widersprüche vgl. Bereswill & Ehlert 1996: 82). Die Kriterien für die Auswahl der Textpassagen erfolgte in Anlehnung an Bereswill und Ehlert (1996: 85f.; vgl. auch Leithäuser & Volmerg 1988: 240). Ausgewählt werden Passagen: (a) in denen zentrale biographische Themen oder Erfahrungen, die für den interviewten jungen Mann von besonderer Bedeutung sind und wiederholt zur Sprache gebracht werden. Als Spur für zentrale biographische Themen dienen die Ergebnisse der Sequenzanalyse der Auftaktsequenz. (b) in denen sich emotionale Betroffenheit und Beteiligung durch einen bild- und erlebnishaften Sprachgebrauch zeigt oder das genaue Gegenteil – Passagen, die durch einen rationalen, argumentativen oder geliehenen Sprachgebrauch irritieren oder in denen sich Brüche zeigen. 84 Für einen Überblick über den Erkenntnisgegenstand der Tiefenhermeneutik mit den symbolischen Interaktionsformen und dem Erkenntnisgang des szenischen Verstehens vgl. Leithäuser & Volmerg 1988; Lorenzer 1986; Klein 2004. 85 Die Wirkung des Textes bezieht sich auf Passagen, die Irritationen auslösen – die inhaltlich unverständlich sind oder z.B. Wut auslösen, die besonders dicht sind oder die Assoziationen oder Bilder freisetzen. Ein wesentlicher Teil des tiefenhermeneutischen Vorgehens, der die eigenen affektiven Anteile – was der Text mit der Forscherin macht – systematisch mit einbezieht sowie die Szenen der Gruppeninterpretation als Gegenübertragungen analysiert, bleibt in der vorliegenden Arbeit weitgehend unberücksichtigt. Gleichwohl die in den Gruppeninterpretationen entstandene Dynamik nicht systematisch nach der Tiefenhermeneutik analysiert wird, fließt sie in die Interpretationen mit ein. Ziel der Interpretation ist, den subjektiven Sinn zu erfassen und nicht Pathologien oder Störungen in den Blick zu nehmen. 68 (c) aufgrund ihrer thematischen Relevanz, das durch das Forschungsinteresse der Autorin festgelegt ist (z.B. wurden alle Passagen, in denen das Thema Gewalt von Bedeutung ist, näher analysiert). Um die Passagen, die unter b) benannt sind, identifizieren zu können, wird sich an folgenden „Wegweisern des Erkenntnisgangs“ (Klein 2004: 627) orientiert: Irritationen, Assoziationen und Wortbilder, die im Folgenden kurz erläutert werden:86 Wegweiser Irritation: Das Interview wird gelesen, bis einzelne Textpassagen sich besonders hervorheben, da sie zum Beispiel besonders unpassend oder wenig plausibel erscheinen. Klein charakterisiert die Textstellen als „langweilig, anrührend, missverständlich oder rätselhaft“ (2004: 628). Sie irritieren beim Lesen, wobei Irritationen als vom Text ausgelöste Erwartungsbrüche verstanden werden. Indem die Interpretationsarbeit nach der Tiefenhermeneutik darin besteht, die irritierenden Dimensionen, die sich aus eigenen Vorannahmen ergeben, zu klären, verweist sie an dieser Stelle auf selbstreflexive Anteile im Forschungsprozess. Wegweiser Assoziationen: Bei der Beschäftigungen mit dem Interviewmaterial „drängen sich frei assoziative Gedanken, Fragen, Erinnerungen, Phantasien, Einfälle und Bilder zu dem Interpretationsmaterial auf“ (Klein 2004: 629). Durch die Assoziationen, die sich bereits während der sequenzanalytischen Interpretation der Eingangssequenz in der Gruppe trotz dem Prinzip der Sparsamkeit ihren Weg gebahnt haben (vgl. Kap. 7.2), erschließen sich Bedeutungszugänge und -erweiterungen sowie auf den ersten Blick nicht sichtbare Perspektiven. Wegweiser Wortbilder: In Wortbildern verknüpft sich der manifeste Textsinn mit dem verborgenen Sinn zu einem Bild. Wortbilder führen als „Vertikale“ (Klein 2004: 631) aus dem offenliegenden Textsinn hinaus zu hintergründigen Bedeutungsebenen. Die Irritationen unterstützen die Auswahl der Textstellen, indem sich die Aufmerksamkeit beim Lesen des Interviews auf diese Stellen richtet und die Forscherin dort haften bleibt. Alle drei „Wegweiser“ weisen den Weg zum latenten Sinngehalt des Textes, zu dem, was nicht in Worte zu fassen ist, den biographischen Konflikterfahrungen. Die Interpretation der ausgewählten Textstellen erfolgt mehrheitlich ohne Interpretationsgruppe durch die Forscherin. Nur vereinzelt werden ausgewählte Passagen in der Gruppe interpretiert. Als Orientierung für die Interpretation dient die Erschließung von Sinnebenen in Anlehnung an die Tiefenhermeneutik: worüber, wie wird miteinander, wie wird worüber und warum wird worüber gesprochen (vgl. Leithäuser & Volmerg 1988: 258ff.). In diesem Auswertungsschritt werden die Brüche und Widersprüche im Text mit berücksichtigt und transparent gemacht. Die Interpretationen der einzelnen Passagen werden rückgebunden an die biographische Gesamterzählung. Diese Auswertungsschritte erfolgen zunächst für das biographische Interview und im weiteren Verlauf für jedes Längsschnittinterview, um die Kontinuität und Transformation biographischer Muster zu analysieren. 86 Die beiden anderen Wegweiser, die Klein vorschlägt, die Affekte und die Szenen der Gruppeninterpretation, bleiben unberücksichtigt (vgl. Fußnote 85). 69 Abschließend werden nun entlang des konkreten methodischen Vorgehens die jeweiligen methodologischen Implikationen auf die Kategorie Geschlecht und den Zusammenhang von Gewalt und Männlichkeit genauer entfaltet: Aus Perspektive der Grounded Theory mit ihrem Bezug zum symbolischen Interaktionismus lassen sich die Konstruktionsprozesse von Geschlecht erfassen. Die Stärke der Methode besteht in ihrer Offenheit gegenüber dem Untersuchungsgegenstand. Das bedeutet, sich auf das Material einlassen zu können, ohne von vorne herein geschlechtlich konnotierte Zuschreibungen vorzunehmen. In der vorliegenden Arbeit zeigt sich eine große Übereinstimmung der Ergebnisse dieses Auswertungsschrittes mit Ergebnissen zahlreicher quantitativer und qualitativer Studien zu Gewalt im Gefängnis, aber auch zum Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt. Der Analyseschritt bietet eine gute Kontrastfolie, um festzustellen, wie die biographische Bedeutung von Gewalt aus einer geschlechtbezogenen Perspektive damit übereinstimmt oder davon abweicht. Die Grounded Theory weist Grenzen auf, wenn der Blick über die handlungs- und interaktionstheoretischen Zugänge zu Geschlecht und Gewalt hinaus gerichtet wird. Um die biographischen Aneignungsprozesse von Geschlecht methodisch zu erfassen, bedarf es einem Konzept von Latenz, das in den beiden folgenden methodischen Auswertungsschritten vorhanden ist, jedoch wie bereits beschrieben auf sehr unterschiedliche Weise. Der strukturtheoretische Zugang der objektiven Hermeneutik hat für die Betrachtung der Kategorie Geschlecht weitreichende Folgen: Indem objektive Strukturen als ontologisch vorausgesetzt werden, lässt sich Geschlecht mit dieser Methode in Gesellschaften, die sich auf dem Prinzip der Zweigeschlechtlichkeit gründen, ausschließlich vor dieser dichotomen Matrix untersuchen und die Geschlechterdifferenz wird fortlaufend reproduziert. Ein ähnlicher Gedanke findet sich bei Wolde, die mit Bezug zu Oevermanns Blick auf Geschlechterdifferenzen argumentiert: Oevermann setzt die Geschlechterdifferenz als gegeben voraus und würde in dieser Perspektive danach fragen, wo Probleme im Umgang mit der Geschlechterdifferenz historisch, kulturoder milieuspezifisch mit Hilfe handlungsleitender Deutungsmuster aufgelöst werden. (Wolde 2007: 73) In der vorliegenden Arbeit geht es jedoch nicht um die Auflösung der Widersprüche und die ontologische Annahme einer Geschlechterdifferenz wird kritisiert. Im methodischen Vorgehen in Anlehnung an die objektive Hermeneutik zeigt sich ein aufschlussreiches Ergebnis, das hier nur angerissen werden kann: In der sequenzanalytischen Interpretation der Auftakte tritt deutlich der Kontext der Interviews, wie beispielsweise in den Eingangssequenzen der biographischen Interviews das Gefängnis als Institution und die Adoleszenz als Lebensphase, zu Tage (vgl. Neuber 2007b). Dies verweist darauf, dass der Zusammenhang von Gewalt und Geschlecht kontextabhängig betrachtet werden muss. Der biographische Eigensinn von Gewalt und der biographische Aneignungsprozess von Geschlecht lässt sich jedoch aus der strukturtheoretischen Perspektive der objektiven Hermeneutik, die mit einem Latenzbegriff operiert, der losgelöst von Subjektivität gedacht wird und auf verborgene oder objektive Strukturen verweist, nicht erschließen. 70 Die Perspektive auf Geschlecht als Konfliktkategorie, in der die Widersprüche, Brüche und Ambivalenzen zum Ausgangspunkt der Betrachtung gemacht werden, erfordert ein Konzept von Latenz, das auf das Konflikthafte der Subjekte verweist. Dem wird sich in der vorliegenden Arbeit mit ausgewählten Verfahrensweisen der Tiefenhermeneutik angenähert. Die Stärke des Zugangs zu Geschlecht (aber auch Gewalt) über Ambivalenzen und Brüche liegt darin, binär ausgedeutete Denkfiguren aufzuheben: Nicht die polarisierende Gegenüberstellung von Begriffspaaren wie: Natur-/ Kulturkörper; männlich/weiblich; öffentlich/privat; Gefühl/Verstand und unbewusst/bewusst, sondern die Bestimmung der Relation des szenisch angelegten Gestaltungsraumes dazwischen und dahinter machen [das] Erkenntnisinteresse (...) aus. (Klein 2004: 634; Herv. im Orig.) In Anlehnung an Bereswill und Ehlert (1996), die in ihrer tiefenhermeneutischen Studie subjektive Verarbeitungsweisen objektiver Widersprüche in die Tiefe verfolgen, lässt sich ein darüber hinausgehender, für die Fragestellung dieser Arbeit interessanter Gedanke aufgreifen: Die Autorinnen beziehen sich auf die Korrespondenz von psychoanalytischem Erkenntnisinteresse und feministischer Wissenschaft bezüglich ihres Interesses für das Unbeachtete, Unterdrückte. Mit Bezug zu Maya Nadig (1985) argumentieren sie, dass beide Denkrichtungen ähnliche methodologische Postulate verfolgen, indem sie darauf abzielen, „Diskriminierung, Verzerrung und Ideologie in existierenden Lebenszusammenhängen und in Theorien zu erkennen. Damit ist die Frage nach dem Einfluß der hegemonialen Kultur auf Werte und Gefühle verbunden“ (Nadig 1985: 105, zitiert nach Bereswill & Ehlert 1994: 83). Um dieser Frage nachzugehen, muss, so Bereswill und Ehlert, der Interpretationsprozess offen sein, „für die vielfältigen subjektiven Ausdrucksformen, die sich den angesprochenen hegemonialen Einflüssen widersetzen, sie umdeuten, karikieren oder mit ihnen spielen“ (Bereswill & Ehlert 1994: 83). Dieser Gedanke lässt sich behutsam auf Überlegungen aus der Männlichkeitsforschung übertragen: Wird nicht ausschließlich das Ungleichheitsverhältnis zwischen den Genusgruppen – also die Ungleichheit im Geschlechterverhältnis – zum Ausgangspunkt der Überlegungen genommen, sondern auch die Unterordnungsverhältnisse innerhalb der sozialen Gruppe der Männer, wie Connell dies in dem Konzept der hegemonialen Männlichkeit vorschlägt (vgl. Kap. I.3), dann öffnet die feministisch und psychoanalytisch inspirierte Perspektive von Bereswill und Ehlert den Blick für die subjektiven Ausdrucksformen in den Interviewerzählungen der jungen Männer, die sich den Einflüssen hegemonialer Männlichkeit widersetzen oder die diese brüchig erscheinen lassen. Auf den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt übertragen bedeutet dies, die Konstruktionen hegemonialer Männlichkeit und Männlichkeitsinszenierungen in den Blick zu nehmen und zugleich die Ambivalenzen der jungen Männer im Umgang mit diesen Anforderungen und die Abweichungen davon zu betrachten. Dadurch werden die tieferliegende Bedeutung von Gewalt und die Ambivalenzen von Gewalt sichtbar. Um einerseits den Kontext und zugleich den Einzelfall – den biographischen Eigensinn – in den Blick zu nehmen, wird somit „die Notwendigkeit eines mehrfachen Blicks auf das zu interpretierende Material“ deutlich – wie sie die Forschungsgruppe um Regina Becker-Schmidt (1994) gefordert hat.

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References

Zusammenfassung

Zwischen Männlichkeit und Gewalt wird sowohl in den kollektiven Deutungsmustern junger Männer als auch in vielen wissenschaftlichen Ansätzen der Jugendgewalt- und Männlichkeitsforschung ein direkter Zusammenhang vorausgesetzt.

In der vorliegenden Studie werden kollektive Deutungsmuster von Gewalt in Beziehung gesetzt zu der subjektiven Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen. Unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn? Dieser Frage wird anhand fünf biographischer Fallinterpretationen auf Basis qualitativer Längsschnittinterviews mit inhaftierten jungen Männern nachgegegangen.

Das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht wird aus einer soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive untersucht. Dabei rücken die Opfer-Täter-Ambivalenzen von Gewalthandeln in den Blick. Es zeigt sich eine enge Verbindung zwischen der Bedeutung von Gewalt und den biographischen Konflikterfahrungen junger Männer: Gewalt steht in enger Beziehung zu ihren Autonomiekonflikten und ein komplexes und vielschichtiges Verhältnis zwischen Autonomie, Geschlecht und Gewalt wird sichtbar.