Content

Anke Neuber, Kollektive Deutungsmuster von Gewalt im Gefängnis und subjektive Strategien im Umgang mit Gewalt – Grounded Theory vs. objektive Hermeneutik in:

Anke Neuber

Die Demonstration kein Opfer zu sein, page 54 - 61

Biographische Fallstudien zu Gewalt und Männlichkeitskonflikten

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8329-4056-0, ISBN online: 978-3-8452-1251-7 https://doi.org/10.5771/9783845212517

Series: Interdisziplinäre Beiträge zur Kriminologischen Forschung, vol. 35

Bibliographic information
54 7. Die Auswertungsmethoden – Methodologische Überlegungen zum Methodenmix und die methodische Umsetzung Im folgenden Abschnitt werden die für die Auswertung des Interviewmaterials angewendeten Methoden kritisch reflektiert und bezüglich ihrer Gegenstandsangemessenheit diskutiert. Ziel ist es, eine Transparenz über das methodische Vorgehen zu schaffen, die Auswahl der Methoden zu begründen und somit das eigene Forschungsverständnis deutlich zu machen. Die Verfahrensweisen werden legitimiert und die methodischen Abkürzungen offen gelegt. Entscheidend dabei ist, dass an den entsprechenden Stellen die relevanten methodischen und methodologischen Grundlagen exemplarisch vorgestellt und verglichen werden. Hingegen wird darauf verzichtet, die verwendeten empirischen Methoden und Methodologien, selbstzweckhaft und „in umfassender Weise zu referieren, bzw. deren Herleitungen in legitimatorischer Absicht zu reproduzieren“ (Kleemann 2005: 61). Grundlage der Interpretationen bilden die transkribierten Interviews. Ausgehend von der Annahme, dass Gewalt einem biographischen Eigensinn unterliegt, wird in der vorliegenden Arbeit die Bedeutung von Gewalt im Gefängnis vor dem Hintergrund biographischer Konflikterfahrungen untersucht. Um dieser Fragestellung mit ihren zwei Perspektiven (einmal auf die Bedeutung von Gewalt im Gefängnis und zum anderen auf die biographischen Konflikterfahrungen) gerecht zu werden, wird methodisch in mehreren Schritten vorgegangen. Dabei werden drei Methoden miteinander kombiniert: Die Analyse der kollektiven Deutungsmuster und subjektiven Strategien im Umgang mit Gewalt erfolgt in Anlehnung an die Grounded Theory. Die biographischen Fallinterpretationen werden in Anlehnung an die objektive Hermeneutik und die Tiefenhermeneutik ausgewertet. Im ersten Schritt werden die kollektiven Deutungsmuster der inhaftierten jungen Männer von Gewalt im Gefängnis und die subjektiven Strategien der Inhaftierten im Umgang mit Gewalt in den 30 Interviews zu den Hafterfahrungen erforscht. Diese Untersuchungsschritte dienen dazu, einerseits Einblicke in und einen Überblick über das Forschungsfeld Gefängnis zu gewinnen und die kollektive Bedeutung von Gewalt im Gefängnis zu verstehen. Andererseits dient dieser Auswertungsschritt dazu, relevante Ankerfälle für die biographischen Fallinterpretationen auszuwählen. Die am Anfang des Auswertungsprozesses stehende Analyse der kollektiven Deutungsmuster erfolgt in Anlehnung an das Kodieren der Grounded Theory (vgl. Böhm 1994: 125). Die in diesem Interpretationsprozess ermittelten kollektiven Deutungsmuster zur Bedeutung von Gewalt im Gefängnis und subjektiven Strategien der jungen Männer im Umgang mit Gewalt werden in einem nächsten Schritt in Beziehung gesetzt zu den biographischen Konflikterfahrungen, für deren Untersuchung eine hermeneutisch-rekonstruktive Herangehensweise gewählt wird. Eine biographische Analyse zum Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt trägt den theoretischen Annahmen der vorliegenden Arbeit Rechnung: Dem Subjektbegriff liegt ein psychoanalytisch orientiertes Subjektverständnis zu Grunde und Geschlecht wird als Konfliktkategorie gefasst (vgl. Kap. I.5). Gewalt wird nicht als ausschließlich rationales Han- 55 deln begriffen, sondern es wird davon ausgegangen, dass auch unbewusste Einflüsse auf das Handeln wirken. Für diese Analyse eignen sich daher Methoden, mit denen sich die Tiefenstruktur des Materials erschließen lässt, wie beispielsweise die objektive Hermeneutik und die Tiefenhermeneutik. Bei der Erstellung der fünf biographischen Fallinterpretationen63 wird auf ausgewählte Verfahrensweisen und Analyseelemente dieser beiden Methoden zurückgegriffen, ohne einer Methode in ihrer Gesamtheit zu folgen, da sich die theoretischen und methodischen Annahmen beider Methoden nicht bruchlos auf den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit anwenden lassen. Dies setzt eine sorgfältige Reflexion der Methoden voraus. 7.1 Kollektive Deutungsmuster von Gewalt im Gefängnis und subjektive Strategien im Umgang mit Gewalt – Grounded Theory vs. objektive Hermeneutik Der erste Auswertungsschritt der vorliegenden Untersuchung ist eine detaillierte Exploration des Feldes in Bezug auf die Bedeutung von Gewalt im Gefängnis. Hierfür eignet sich die Grounded Theory besonders, weil sich das Feld einer „Logik der Entdeckung“ (Kleemann 2005: 68) folgend, gründlich erschließen lässt. Mit dem Kodieren lässt sich der Untersuchungsgegenstand genau betrachten und durch die Analyse von vielen unterschiedlichen Einzelfällen, die innere Strukturierung des Feldes verallgemeinernd beleuchten. Im Zentrum stehen dabei die kollektiven Deutungsmuster und subjektiven Strategien der jungen Männer. Grundlage der Interpretation bilden die Interviewtranskripte der 30 Interviews über die Hafterfahrungen, die in Anlehnung an das Kodieren der Grounded Theory ausgewertet werden (vgl. Glaser & Strauss 1967; Mayring 1990; Böhm 1994). Die Methodenwahl der Grounded Theory bei der Analyse kollektiver Deutungsmuster mag zunächst verwundern, da das Konzept der Deutungsmuster meist mit den Überlegungen Ulrich Oevermanns verbunden ist und somit eine Auswertung nach der objektiven Hermeneutik nahe legt.64 Im Folgenden wird daher kurz dargelegt, welche Überlegungen zu einer Entscheidung für die Grounded Theory und gegen die objektive Hermeneutik geführt haben. Aus der strukturtheoretischen Perspektive der objektiven Hermeneutik nach Oevermann (2001a) sind Deutungsmuster Regelstrukturen65, die durch soziales Handeln entstehen und durch die die Akteure ihren Alltag deuten, ordnen und organisieren (vgl. Lüders & Meuser 1997: 60). 63 Empirische Grundlage für eine Fallinterpretation bilden zwischen drei bis sechs Interviews über einen Zeitraum von einem bis zu sieben Jahren. 64 Oevermann befasst sich in einem unveröffentlichtem Manuskript von 1973 ausführlich mit kollektiven Deutungsmustern, das 2001 erschienen ist (Oevermann 2001a) und von ihm aktualisiert wurde (Oevermann 2001b). In den dazwischen liegenden 30 Jahren hat es eine breite Rezeption und wissenschaftssoziologische Diskussion und Erweiterung erfahren (vgl. Lüders & Meuser 1997; Wolde 2007; zur Deutungsmusteranalyse in der kriminologischen Forschung vgl. Höffling, Plaß & Schetsche 2002). 65 Für eine ausführliche Beschreibung des Regelbegriffs vgl. Wernet 2000: 13ff.; für eine kritische Diskussion vgl. Wolde 2007: 91 ff. 56 Deutungsmuster stellen für Oevermann eine Form des impliziten Wissens („tacit knowledge“) dar – sie sind nicht „ein abfragbares, bewusst verfügbares oder archiviertes Wissen, sondern ein implizites oder eben ‚schweigendes’ bzw. ‚stummes’ Wissen“ (Oevermann 2001b: 51). Damit lenkt er den Blick auf die Unbewusstheit von Deutungsmustern.66 Allerdings geht Oevermann davon aus, dass universale, eigenmächtige Strukturen existieren, die dem Handeln der Subjekte vorausgehen. Diese lassen sich nach Oevermann mit dem sequenzanalytischen Verfahren der objektiven Hermeneutik erschließen, in dem die latenten Sinnstrukturen des Textes rekonstruiert werden. Die Annahme universaler anthropologischer Regeln ist jedoch kritikwürdig: Zum einen bleibt unklar, wie die Vermittlung zwischen Struktur und Subjekt gedacht wird (vgl. Flick 1998: 37) und zum anderen tritt das handelnde Subjekt in den Hintergrund. Ferner kritisiert Anja Wolde die Verengung des Blicks der Forschenden auf den Forschungsgegenstand: „Sie wissen letztlich immer schon, was die (universellen) Gesetzmäßigkeiten sind, denen das Handeln der Subjekte folgt“ (2007: 73). Eine Erweiterung der strukturtheoretischen Perspektive findet sich in dem stärker interaktionistisch orientierten Ansatz nach Höffling, Plaß und Schetsche (2002). Sie definieren Deutungsmuster als sozial geltende, mit Anleitungen zum Handeln verbundene Interpretationen der Umwelt und des Selbst. Deutungsmuster strukturieren das kollektive Alltagshandeln, indem sie Modelle von (ideal-) typischen Situationen bereitstellen, unter die Sachverhalte, Ereignisse und Erfahrungen anhand bestimmter Merkmale subsumiert werden. (2002: [4]) Diese Reduktion von Komplexität dient der kognitiven Bewältigung von Situationen. Die Autorin und Autoren beziehen sich explizit auf kollektive Deutungsmuster und grenzen sich von individuellen Deutungsmustern als Gegenstand der Deutungsmusteranalyse ab: „Deutungsmuster funktionieren gleichermaßen als kollektive Programme, die Reaktionen von Menschen auf Ereignisse steuern, wie als gemeinsame Protokolle, welche die Interaktionen zwischen den Subjekten regeln“ (Höffling, Plaß & Schetsche 2002: [5]). Die Autorin und Autoren schränken zwar diese deterministische und rationale Sicht auf Handeln selbst ein, indem sie auf den Einfluss lebensgeschichtlicher Erfahrungen verweisen, halten dennoch an ihrer Argumentation fest. Sie benennen drei Situationen, in denen kollektive Deutungsmuster erforscht werden können: in ihrer alltäglichen Anwendung durch die Subjekte, bei der Weitergabe an neue Mitglieder der betreffenden sozialen Gruppen und in den medialen Darstellungen. Auf Gewalt im Gefängnis bezogen, lassen sich kollektive Deutungsmuster zu Gewalt in allen drei Situationen ermitteln: Die medial vermittelten Bilder von Ge- 66 Während Oevermann in Bezug auf die Sinnstrukturen „latent“ verwendet und damit explizit darauf verweist, dass die Sinnstrukturen unabhängig einer Bindung an psychischen Repräsentanzen existieren, verwendet er mit dem Ausdruck „tacit“ einen stärker am Unbewussten der Psychoanalyse angelehnten Begriff. Trotz allem weist Oevermanns Ansatz eine starke Nähe zum deskriptiven oder habituellen Unbewussten auf, das sich auf das gewohnheitsmäßig Bekannte und momentan nicht Bewusste bezieht. (vgl. Kap. II.7.2) 57 walt im Gefängnis in Filmen, Büchern, Zeitungen etc.; die Bedeutung von Gewalt – die alltägliche Gewalt – in den Interviewerzählungen der jungen Männer über ihre Hafterfahrungen; und im übertragenen Sinn lässt sich die Ankunftssituation im Gefängnis, die auch als Initiationsritual gedeutet werden kann, als Weitergabe an neu inhaftierte junge Männer lesen. Allerdings werden in den unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Deutungsmuster virulent: So ist die medial vermittelte Gewalt häufig eine extreme Form von Gewalt, die im Haftalltag der jungen Männer keine große Rolle spielt und nicht alle jungen Männer greifen in der gewaltförmig strukturierten Institution auf gewalttätige Strategien zurück. Dies zeigt einerseits, dass die „kollektiven Programme“ nicht deckungsgleich sind mit dem Verhalten der Subjekte und wirft zum anderen die Frage auf, wie sich Widersprüche mit diesem Ansatz erklären lassen. Für Widersprüche scheint in der Deutungsmusteranalyse kein Platz, denn Oevermann benennt als ein Kriterium für kollektive Deutungsmuster die „Widerspruchsfreiheit nach der Logik des besseren Argumentes“ (2001b: 38). Diese stärker interaktionistisch orientierte Perspektive von Höffling, Plaß und Schetsche (2002) lädt dazu ein, sich offen auf das Material einzulassen und nicht von vorneherein universale Strukturen zu setzen, denn die Kategorie des Deutungsmusters soll, wie Lüders und Meuser betonen, „sowohl einen Determinismus der Erklärung sozialen Handelns aus sozialstrukturellen Zwängen als auch einen radikalen Situationalismus vermeiden, der Situationsdefinitionen einer subjektiven Beliebigkeit einheimstellt“ (1997: 59). In der vorliegenden Arbeit werden die kollektiven Deutungsmuster und subjektiven Strategien von daher in Anlehnung an die Grounded Theory ausgewertet.67 Im Unterschied zur objektiven Hermeneutik geht sie mit Bezug auf den symbolischen Interaktionismus davon aus, dass sich soziale Sinnstrukturen als Produkte menschlichen Handelns objektivieren und den Individuen als Bedingungsrahmen menschlichen Handelns gegenüber treten, der aber wieder einem Interpretationsprozess zugänglich und damit veränderbar ist. Demnach wird das Bestehen struktureller Bedingungen des Handelns anerkannt, aber das Handeln der Individuen nicht als dadurch vollkommen determiniert betrachtet. (Wolde 2007: 76f.) Bei der Analyse der Bedeutung von Gewalt im Gefängnis rücken ebenfalls die Handlungen ins Zentrum der Betrachtung, und es werden folgende Fragen an das Material gestellt: Welche Handlungen beschreiben die jungen Männer und wie interpretieren sie die Handlungen? Die Bedeutung von Gewalt im Gefängnis und die subjektiven Strategien im Umgang mit Gewalt – die Handlungsmöglichkeiten der Subjekte – lassen sich mit der Grounded Theory besser erfassen, da das Subjekt nicht nur als Strukturträger betrachtet wird, wie in der objektiven Hermeneutik angenommen (vgl. Wolde 2007: 81).68 67 Auch Lüders und Meuser betonen, dass die objektive Hermeneutik nicht als das „allein gültige Verfahren zur empirischen Rekonstruktion von Deutungsmustern gelten“ kann (Lüders & Meuser 1997: 67). 68 An dieser Stelle lässt sich die Frage aufwerfen, welche Konsequenz diese methodologische Annahme der Strukturautonomie Oevermanns für die Ergebnisse einer Untersuchung in einer geschlossenen Institution hat. Was passiert, wenn Interviews, die in einer geschlossenen Institution geführt werden, strukturtheoretisch untersucht werden? Wenn Strukturen so determi- 58 Die von den US-amerikanischen Soziologen Barney G. Glaser und Anselm L. Strauss in den 1960er Jahren entwickelte Grounded Theory verfolgt das Ziel, Theorie auf Grundlage von Daten zu entdecken (vgl. Glaser & Strauss 1998: 11). Dies bedeutet, dass Konzepte und Hypothesen aus dem Interviewmaterial entwickelt werden, ohne vorab formulierte Hypothesen an das Interviewmaterial heranzutragen. Dies ermöglicht einen weitestgehend offenen Zugang zum Interviewmaterial und die Gewinnung von Erkenntnissen zur Bedeutung von Gewalt im Gefängnis. Die Grounded Theory erlaubt einen guten Zugriff auf das Interviewmaterial, da sie mit einer sinnvollen Vorstellung über die Rolle deduktiver (tautologischer) und induktiver (kreativer, ordnungsstiftender) Anteile im Forschungsprozeß [operiert]: reflektiertes und selbst-/kritisches Benutzen der Vorkenntnisse und des im Forschungsverlauf erworbenen Wissens über ein Problemthema und die überdauernde Bereitschaft zu seiner Revision einerseits – Offenheit, Sensibilität, Gründlichkeit und Detailliertheit bei der Analyse der fokussierten empirischen Phänomene und ihrer Strukturen andererseits. (Breuer 1996: 23, Herv. im Orig.) Dabei ist es nicht Ziel der Grounded Theory, die subjektive Sichtweise darzustellen, sondern die ihnen unterliegenden Phänomene sichtbar zu machen. Dies geht weit über den manifesten Interviewtext hinaus und benötigt einen aktiven Deutungsprozess der Forschenden (vgl. Mey 1999: 188). Der Analyseprozess der Grounded Theory lässt sich im Gegensatz zum sequenzanalytischen Verfahren der objektiven Hermeneutik idealtypisch als zirkulärer Prozess beschreiben. Während die objektive Hermeneutik nicht zulässt, im Material zu springen, werden mit dem Verfahren der Grounded Theory Kategorien durch das gesamte Material gebildet. Dies weist auf die unterschiedlichen Zeitperspektiven der Methoden hin. Bei der Auswertung nach der Grounded Theory werden Daten erhoben, die Daten kodiert und dazu Memos69 geschrieben. Diese Schritte erfolgen in einem ständigen Wechsel an dessen Ende die Verdichtung des Materials steht. Im Folgenden wird nun erläutert, in welcher Weise sich in der vorliegenden Arbeit auf die Auswertungsschritte der Grounded Theory bezogen wird. Die Interpretation nach der Grounded Theory umfasst das offene Kodieren, das axiale Kodieren und das selektive Kodieren. Das Kodieren bezeichnet „(...) den analytischen Prozeß, in dem erst das System der Verschlüsselung systematisch und kreativ aufgebaut wird.“ (Böhm 1994:126) Böhm weist darauf hin, dass Strauss und Glaser mit Kodieren mehr meinen als eine Verschlüsselung oder Übertragung in ein anderes Zeichensystem: Die Daten werden auseinandergebrochen und neu zusammengesetzt. Die drei Kodierformen haben teilweise den Charakter von Phasen im Auswertungsprozess. Der Auswertungsprozess beginnt mit dem offenen Kodieren, bei dem das Interviewmaterial aufgebrochen, geprüft und vorläufig kategorisiert nierend wären, wie von Oevermann angenommen, würden sich dann in einer Gefängnisstudie überhaupt unterschiedliche Ergebnisse finden lassen? 69 In Memos (Notizen) werden die Interpretationsergebnisse festgehalten, die sich sowohl auf die Kodes als auch auf übergreifende Zusammenhänge beziehen können. Das Schreiben von Memos fördert somit eine Distanzierung vom Material und erleichtert die spätere Strukturierung der Auswertung (vgl. Böhm 1994: 126+129). Darüber hinaus werden Gedanken, Ideen, Gefühle im Auswertungsprozess festgehalten. 59 wird. Im nächsten Schritt werden dann beim axialen Kodieren auf Grundlage eines Kodierparadigmas70 Zusammenhänge zwischen den Kategorien hergestellt, die im letzten Schritt – dem selektiven Kodieren – weiter verdichtet werden, so dass sich eine oder mehrere Kernkategorien71 herausbilden, die zentrale Phänomene erfassen und eine vergleichende Analyse ermöglichen (vgl. Mey 1999: 168). Zentral bei den Kodiervorgängen ist, dass es sich um einen wiederholenden Prozess handelt, der spiralförmig verläuft: von sehr textnah und Kategorien entdecken (offenes Kodieren) bis hin zu nur noch auf die entwickelten Kategorien bezogen und auf hohem Abstraktionsniveau (selektives Kodieren). Außerdem werden Einfälle und Ergebnisse während des gesamten Forschungsprozesses in Memos festgehalten. Dadurch können Kodierergebnisse aktualisiert und weitere Kodiervorgänge angeregt werden. Wesentlich für diesen Analyseprozess ist der permanente Vergleich, der auf zwei Ebenen stattfindet: Zum einen werden im Prozess des offenen Kodierens die vorläufigen empirischen Ergebnisse (Ereignisse, Strategien) miteinander verglichen, um dadurch verdichtetere Kategorien zu ermitteln, die im weiteren Vorgehen durch den Vergleich mit neuen empirischen Ergebnissen verfeinert werden. Zum anderen werden die durch das theoretical sampling72 erhobenen Fälle mit den in der Interpretation gewonnenen Kodes verglichen. Das Vergleichen dient der zunehmenden Abstraktion der Kodes im Forschungsprozess, die am Ende in einer aus dem Material begründeten Theorie münden soll. Bei der Auswertung der 30 Interviews zu den Hafterfahrungen in Anlehnung an die Grounded Theory sind das Kodieren und der permanente Vergleich ebenfalls zentrale Analyseschritte. Konkret werden die kollektiven Deutungsmuster der jungen Männer zu Gewalt im Gefängnis und die subjektiven Strategien im Umgang mit Gewalt in der vorliegenden Arbeit folgendermaßen ermittelt: Jedes Interview wird bei der Interpretation vom Anfang bis zum Ende bearbeitet. Der Text wird gelesen, in Sinnabschnitte eingeteilt und interpretiert. Dabei orientiert sich der erste Auswertungsschritt am offenen Kodieren. Das Interviewmaterial und Phänomene, die hinter den Daten liegen, werden nach und nach in Begriffen verdichtet. Dabei geht es nicht darum, den Inhalt deskriptiv zusammenzufassen, sondern den Text durch Fragen73 70 Das Kodierparadigma dient der Ermittlung der Relationen zwischen den Kategorien und ermöglicht somit, systematisch über die Daten nachzudenken. In Anlehnung an das Kodierparadigma nach Strauss wird nach den ursächlichen Bedingungen, den Konsequenzen, den Handlungen zum Umgang und den dabei vorliegenden Kontextbedingungen einer Kategorie oder eines Phänomens gefragt (vgl. hierzu Böhm 1994: 131f.). 71 Als Kernkategorie wird das zentrale Phänomen des Auswertungsprozesses bezeichnet, dass sich aus der Analyse der Achsenkategorien und ihrer Relationen zueinander ergibt. Für eine ausführliche Beschreibung vgl. Böhm 1994: 135. 72 Das theoretical sampling beschreibt die Strategie der Datenerhebung der Grounded Theory, die von entstehenden Konzepten aus dem Material geleitet ist und nicht von vorneherein festgelegt ist. 73 Während Andreas Böhm neun Fragen mit zahlreichen Unterfragen herausgearbeitet hat, die er an das Material stellt (vgl. Böhm 1994:127), wird in der vorliegenden Arbeit gefragt: Was passiert im Material? Dabei wird die Ebene des Inhalts und der Interaktion in den Blick genommen. 60 aufzubrechen und Phänomene zu kodieren. Da bei dem offenen Kodieren auch das eigene Kontextwissen mit einfließt, werden die Fragen meist doppelt beantwortet: einmal aus dem Interviewmaterial durch die Interpretation des Interviewten und zum anderen durch die vermuteten oder erschlossenen Sinnzusammenhänge des Interpretierenden. Der Text und das Hintergrundwissen des Interpreten erlauben unterschiedliche Aspekte oder Eigenschaften des jeweils untersuchten Phänomens zu benennen. Durch gedankliche Vergleiche (auch abwegige und extreme!) ergeben sich Hinweise auf die mögliche Variation der Aspekte bzw. ihrer Ausprägung. (Böhm 1994:129) Dieser Auswertungsschritt ist durch eine große Offenheit für unterschiedliche Ideen geprägt und erste Konzepte werden nicht vorschnell festgelegt. Für jeden Fall74 werden wenige Ankerstellen gesucht, die genau interpretiert werden. Die Interpretationsergebnisse werden in Memos festgehalten, die der Reflexion der Ergebnisse, aber auch der Selbstreflexivität der Forscherin dienen, indem Gefühle, Bilder und Ideen notiert werden. Während dieses Interpretationsprozesses werden Kategorien zur Bedeutung von Gewalt im Gefängnis herausgebildet. Die anfängliche Fülle von Kategorien, Begriffen und Ideen, wird im Verlauf des Auswertungsprozesses immer wieder überprüft und dann bestätigt oder verworfen. Die Analyse der subjektiven Strategien der jungen Männer im Umgang mit Gewalt basiert auf den im ersten Auswertungsschritt verfassten Memos und ermittelten Textpassagen zu Gewalt im Gefängnis. Es erfolgt eine Kontrastierung der Ergebnisse zu den subjektiven Strategien der jungen Männer im Umgang mit Gewalt mit den Ergebnissen zu den kollektiven Deutungsmustern von Gewalt. Somit findet ein ständiger Wechsel zwischen einer themen- und fallzentrierten Perspektive statt. Bei beiden Auswertungsschritten wird viel verglichen – beim Kodieren innerhalb eines Falls sowie zwischen den 30 Fällen als auch zwischen der themen- und fallspezifischen Perspektive (vgl. Bohnsack 2003: 137f.). Allerdings findet der Vergleich innerhalb eines festgelegten Samples statt und weicht an diesem Punkt vom Vorgehen der Grounded Theory ab: Das Prinzip des theoretical samplings und der damit verbundenen theoretischen Sättigung75 bei der Datenerhebung wird nicht befolgt, da auf bereits erhobenes Interviewmaterial zurückgegriffen wird und von der Autorin aus forschungspraktischen Gründen im Auswertungsprozess keine neuen Interviews erhoben werden. Durch den permanenten Vergleich der Kodes und der themen- und fallzentrierten Perspektive werden die vorläufigen Kategorien überprüft 74 An dieser Stelle soll kurz auf die unterschiedliche Verwendung von „Fall“ verwiesen werden: Bei der Auswertung der 30 Interviews zu den Hafterfahrungen in Anlehnung an die Grounded Theory meint „Fall“ ein Interview. Dadurch lässt sich sprachlich einfacher zwischen der themen- und der fallbezogenen Perspektive unterscheiden. Im nächsten Auswertungsschritt, der biographischen Fallinterpretation, besteht ein Fall aus drei bis vier Längsschnittinterviews. 75 Als theoretisch gesättigt gilt die Analyse, wenn sich in dem Interviewmaterial keine neuen Konzepte mehr finden lassen und sich die Daten zu wiederholen scheinen. Zu den Schwierigkeiten des Prinzips der theoretischen Sättigung im Forschungsfeld Gefängnis vgl. Bereswill 1999. 61 und verfeinert. Im Zentrum des Vergleichs stehen Übereinstimmungen und Unterschiede jeweils aus einer minimal und maximal kontrastierenden Perspektive. Beim abschließenden Ordnen der Zwischenergebnisse auf Grundlage der Memos werden die Kategorien in einem nächsten Schritt in Zusammenhang zu einander gestellt. Dieser Auswertungsschritt erfolgt in Anlehnung an das axiale Kodieren, das der Vertiefung der zentralen Kategorien, der Achsenkategorien, dient und die Relationen zwischen den Kategorien klären soll. Allerdings wird zu diesem Auswertungszeitpunkt nicht angestrebt, nur ein bis zwei Achsenkategorien oder wie im nächsten Auswertungsschritt des selektiven Kodierens eine Kernkategorie zu ermitteln, da eine empiriebegründete Theoriebildung zu diesem Zeitpunkt nicht beabsichtigt ist, sondern die Kategorien zur Bedeutung von Gewalt sind Grundlage für die Auswahl der Ankerfälle. Von daher ist es wenig hilfreich, so lange zu verdichten, bis nur eine Kern- oder Schlüsselkategorie übrig bleibt. Die Gruppierung76 der 30 Fälle erfolgt somit anhand der Bedeutung von Gewalt auf Grundlage der empirisch gesättigten Kategorien. In einem nächsten Schritt wird aus jeder der fünf Gruppierungen ein besonders aussagekräftiger Ankerfall für die biographische Analyse ausgesucht. 7.2 Der biographische Eigensinn von Gewalt – Hermeneutische Zugänge vs. Grounded Theory Im nächsten Auswertungsschritt wird der biographischen Bedeutung von Gewalt anhand der fünf ausgewählten Ankerfälle nachgegangen. Allerdings erfordert dieser Perspektivenwechsel auch einen Methodenwechsel, da die Methode des theoretischen Kodierens der Grounded Theory Grenzen aufzeigt, wenn die Konstruktionsprozesse biographischer Selbstdeutungen in den Blick genommen werden (vgl. Bereswill 2001b: 3f.). Die Grounded Theory erweist sich als nicht besonders gut geeignet, um einen Zugang zur latenten, tiefenstrukturellen Sinnebene zu finden, weil sie über keinen Begriff von Latenz verfügt, sondern die Kategorien aus dem manifesten Text entwickelt werden (vgl. Wolde 2007: 87). Um den latenten Sinn im Text aufzuspüren, eigenen sich die objektive Hermeneutik und die Tiefenhermeneutik, die jedoch ein sehr unterschiedliches Verständnis von Latenz besitzen: Der objektiven Hermeneutik liegt eine sprachtheoretische Lesart von Latenz zugrunde, die die Wirkungsweise eines unbewussten Regelverständnisses im Sinne von Sprachkompetenz impliziert. Dieses deskriptiv Unbewusste bezieht sich dabei auf die gewohnheitsmäßig bekannten und momentan nicht bewusst zugänglichen Strukturen, die das Handeln bestimmen. Latenz wird somit nicht in einem psychoanalytischen Sinn verstanden. Von daher bleiben „die nicht über Sprache vermittelten präsentativen Komponenten symbolischer Ausdrucks- und Darstellungsformen außer acht“ (Mül- 76 Die Bildung von Gruppierungen geschieht nicht im Sinne einer Typenbildung. Dies würde dem Anspruch nach Differenziertheit widersprechen und vor allem die Besonderheiten des Einzelfalls verdecken (vgl. Engelfried 1997:16).

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Zwischen Männlichkeit und Gewalt wird sowohl in den kollektiven Deutungsmustern junger Männer als auch in vielen wissenschaftlichen Ansätzen der Jugendgewalt- und Männlichkeitsforschung ein direkter Zusammenhang vorausgesetzt.

In der vorliegenden Studie werden kollektive Deutungsmuster von Gewalt in Beziehung gesetzt zu der subjektiven Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen. Unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn? Dieser Frage wird anhand fünf biographischer Fallinterpretationen auf Basis qualitativer Längsschnittinterviews mit inhaftierten jungen Männern nachgegegangen.

Das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht wird aus einer soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive untersucht. Dabei rücken die Opfer-Täter-Ambivalenzen von Gewalthandeln in den Blick. Es zeigt sich eine enge Verbindung zwischen der Bedeutung von Gewalt und den biographischen Konflikterfahrungen junger Männer: Gewalt steht in enger Beziehung zu ihren Autonomiekonflikten und ein komplexes und vielschichtiges Verhältnis zwischen Autonomie, Geschlecht und Gewalt wird sichtbar.