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Anke Neuber, Subjekt, Geschlecht, Biographie – ein konflikthaftes Modell von Struktur und Handeln in:

Anke Neuber

Die Demonstration kein Opfer zu sein, page 46 - 50

Biographische Fallstudien zu Gewalt und Männlichkeitskonflikten

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8329-4056-0, ISBN online: 978-3-8452-1251-7 https://doi.org/10.5771/9783845212517

Series: Interdisziplinäre Beiträge zur Kriminologischen Forschung, vol. 35

Bibliographic information
46 Die Überschneidungen der Täter-Opfer-Positionen lassen sich mit dem Habituskonzept ebenfalls nicht angemessen erfassen. Es ist im Sinne einer Vermittlungsinstanz zwischen Struktur und Handeln ein sehr hilfreiches Konzept, es weist jedoch bei der konflikthaften Aneignung der Welt eine Leerstelle auf. An dieser Leerstelle setzt die vorliegende Arbeit an, indem versucht wird, eine andere Perspektive als Vermittlung von Struktur und Handlung, Gesellschaft und Subjekt zu denken, um den Zusammenhang von Gewalt und Männlichkeit zu erforschen: eine biographische Perspektive, die die Widersprüche und Ambivalenzen im Subjekt berücksichtigt. Bourdieu selbst betont in seinem späten Werk immer stärker die Brüchigkeit des Habitus. Wendet er sich 1990 in einem Aufsatz polemisch gegen die Biographieforschung (Bourdieu 1990), macht Bourdieu wenige Jahre später56 implizit eine biographische Perspektive stark, wenn er sagt, „dass in der Erzählung von höchst „persönlichen“ Problemen, von scheinbar eindeutig subjektiven Spannungen und Widersprüchen, häufig grundlegende Strukturen der sozialen Welt und ihre Widersprüche zum Ausdruck kommen“ (Bourdieu 2000: 89). An diese Überlegungen wird in der vorliegenden Arbeit angeknüpft, wenn eine biographische und subjektorientierte Perspektive auf die Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen eingenommen wird, denn wie Mechthild Bereswill betont: „Die Strategien der Aushandlungen verstehen zu wollen, erfordert aber eine Überschreitung der kollektiven und institutionell geprägten Dimensionen von Gewalt im Gefängnis.“ (Bereswill 2002: 185f.) 5. Subjekt, Geschlecht, Biographie – ein konflikthaftes Modell von Struktur und Handeln Der Verweis auf die Überschneidungen der Täter-Opfer-Positionen lenkt den Blick darauf, dass das Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt ein komplexes und konflikthaftes ist, das erst aus einer biographischen Perspektive seinen Sinn erfährt. Selbst in der geschlossenen Institution Gefängnis, in der Gewalt eine Norm darstellt, unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn, und die Bedeutung von Gewalt ist verknüpft mit biographischen Konflikterfahrungen. Einen produktiven Ansatzpunkt hierfür bietet die Untersuchung der Opfer-Täter-Ambivalenzen in den Lebensentwürfen und Biographien von Männern (vgl. Bereswill 2003). Hier stellt sich die Frage, ob die kollektiven Deutungsmuster der jungen Männer von Anerkennung, Ehre und Respekt, brüchig werden, wenn die subjektive Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen in den Blick genommen und beides zueinander ins Verhältnis gesetzt wird. Der subjektive Sinn von Gewalt ist mit den kollektiven Deutungsmustern verwoben, jedoch nicht gleichbedeutend. Dies wird mit Blick auf die Täter-Opfer-Positionen besonders deutlich: In den kollektiven 56 Der Text (Bourdieu 2000) auf den sich bezogen wird, ist ein Nachdruck von einem Text, der 1997 in dem Werk „Das Elend der Welt“ erschienen ist, das in Frankreich bereits 1993 veröffentlicht wurde. 47 Deutungsmustern von Gewalt im Gefängnis wird Stärke demonstriert und Schwäche abgewehrt. Nur wenige inhaftierte junge Männer sprechen in den Interviews manifest über Ängste oder das Gefühl der eigenen Schwäche. In den Interpretationen zeigen sich jedoch latente Bedeutungsgehalte, die auf die Konflikthaftigkeit von Gewalt verweisen. Vor dem Hintergrund des symbolischen Systems der Zweigeschlechtlichkeit ist die soziale Ordnung zwischen den Geschlechtern an die fortlaufende Reproduktion von Geschlechterdifferenz gebunden (vgl. Bereswill 2006b). Bei der Betrachtung des Phänomens Gewalt aus einer grundlegenden Geschlechterperspektive wird besonders deutlich, was Carmen Gransee folgendermaßen beschreibt: Nicht nur die als homogen vorgestellten Geschlechtsidentitäten, sondern die Codierung der Geschlechterdifferenz überhaupt, lebt von Abspaltungen, unbewussten Phantasien, tabuierten Wünschen und projizierten Vorstellungen, die verschoben, wie verzerrt und entstellt auch immer – ihren Ausdruck in der klaren Dichotomisierung von Geschlechtlichkeit und den damit einhergehenden normativen Erwartungshaltungen finden bzw. in dieser ihr Resultat haben. (Gransee 1997: 11) Der Blick auf Männer als Opfer deckt Tabuisierungen auf und stellt stereotype Geschlechtszuschreibungen in Frage. Die schlichte Gleichsetzung von Männlichkeit und Täterschaft muss in Frage gestellt werden, aber auch eine ausschließliche Fokussierung der Opfererfahrungen von Männern greift zu kurz. Es wird offensichtlich, dass die Spannung zwischen beiden Qualitäten zusammengehalten werden muss (vgl. Bereswill 2006a). Diese Perspektive erfordert eine Konzeption von Geschlecht als Konfliktkategorie, die sich zunächst an Überlegungen von Regina Becker-Schmidt und Gudrun- Axeli Knapp (1987) anlehnt. Sie beziehen sich kritisch auf einen Identitätsbegriff, der von einer einheitlichen und autonomen Identität ausgeht und der sich historisch betrachtet, auf die Selbstentwürfe bürgerlicher Männer bezieht. Für die Identitätsentwürfe von Frauen passe diese Vorstellung auf Grund der widersprüchlichen und heterogenen Bezüge im weiblichen Lebenszusammenhang nicht. Vor diesem Hintergrund verstehen sie den Begriff der Identität als Konfliktkategorie folgenderma- ßen: „als von innen und außen gefährdete Einheit von Identischem und Nicht- Identischem, die immer wieder aufs neue ausbalanciert werden muß“ (Becker- Schmidt & Knapp 1989:142). Das Potenzial einer konfliktorientierten Perspektive, mit der Becker-Schmidt und Knapp die Ungleichheit im Geschlechterverhältnis am Beispiel von Frauen analysiert haben, lässt sich auch auf Männlichkeit übersetzen. Dieser Blickwinkel der vorliegenden Arbeit lehnt sich an die Überlegungen von Mechthild Bereswill an, die „die subjektive Aneignung von Geschlecht“ als „lebenslange Konfliktdynamik“ begreift (Bereswill 2006b: 53).57 Sie bezieht die Perspektive der Konfliktkategorie Geschlecht explizit auch auf Männlichkeit. Männlichkeit wird nicht als einheitliche Identität oder als Rolle verstanden, sondern ist „vielmehr der Ausdruck einer Vielzahl sich überschneidender und durchaus gegenläufiger 57 Konflikt wird allgemein formuliert als Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität verstanden (vgl. Bereswill 2000). 48 Identifikationen und Abgrenzungen mit anderen Menschen, Kontexten und symbolischen Bedeutungen, was sowohl bewusste und unbewusste Vorgänge umschließt“ (Bereswill 2006b: 53). Es wird somit den inneren Konflikten, Brüchen und Widersprüchen in den Selbstentwürfen der Interviewten nachgespürt, um auf diesem Weg Erkenntnisse über die subjektiven Sichtweisen und Strategien der jungen Männer bezüglich Gewalt zu gewinnen. Die Frage nach der subjektiven Bedeutung von Gewalt für inhaftierte junge Männer lenkt die Perspektive auf das Subjekt. Dieser Perspektive liegt ein psychodynamisch orientiertes Verständnis des Subjekts als komplexem und konflikthaftem Gefüge zugrunde, „in dem sich unbewusste und bewusste Identifizierungen und Introjekte mit außerpersonalen Erfahrungen der Weltaneignung überschneiden“ (vgl. Bereswill & Ehlert 1996: 24). Die von Becker-Schmidt und Knapp (1989) kritisierte Vorstellung eines autonom handelnden und sich selbst identischen Subjekts war auch lange Zeit die mit dem Biographiebegriff verknüpfte dominierende Vorstellung (vgl. Dausien 2004a: 29). Durch die Kritik der Frauenforschung an diesem Konzept und der umfangreichen empirischen Forschung zu Biographien von Frauen konnte die Geschlechtsgebundenheit von theoretischen Konzepten herausgearbeitet werden: Es wurde deutlich, dass biografische Darstellungs- und Reflexionsmuster nicht frei über gesellschaftlichen Strukturen schweben, sondern in die historischen, sozialen und kulturellen Geschlechterkonstruktionen einer Gesellschaft eingebunden sind und durch diese gewissermaßen „eingefärbt“ werden. (Dausien 2004a: 30) Darüber hinaus hat die feministische Forschung jedoch sichtbar gemacht, dass es keine trennscharfen Unterschiede zwischen Biographien von Männern und Frauen gibt und dass somit die Kategorie Geschlecht nicht durchgängig die einzige Differenz- und Ungleichheitskategorie darstellt (vgl. Dausien 2004a: 30f.). Für Dausien ergibt sich daraus die theoretische Herausforderung, „den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen (Geschlechter-)Strukturen und biographischer Erfahrung anders zu denken als im Muster eines Determinations-Reaktions-Verhältnisses“ (2004a: 31). Sie fasst dazu Biographie (analog zu Geschlecht) als soziale Konstruktion und betont den Herstellungscharakter. Dausien geht dabei von einem „Spannungsverhältnisses von (gesellschaftlicher) Struktur und (subjektgebundenem) Handeln“ (2004a: 35, Herv. im Orig.) aus, einer Perspektive, die auch in der vorliegenden Arbeit eingenommen wird. Entgegen dem Antagonismus von Individuum und Gesellschaft in Sykes Rollentheorie wird dieses Spannungsverhältnis aus einer biographischen Perspektive nicht als Dualismus gefasst, „sondern aus der „Binnenperspektive“ heraus thematisiert, in der konkrete Subjekte ihre Welt erfahren und deuten, in der sie handelnd ihre Welt und sich selbst verändern“ (Dausien 2004a: 35). Biographie wird somit als Schnittstelle von Individuum und Gesellschaft betrachtet (Alheit & Dausien 1991).58 58 Aus einer sozialkonstruktivistischen Perspektive auf Biographie beschreibt Dausien diese Schnittstelle in Anlehnung an Bourdieus Habituskonzept „als Erfahrungsstrukturen des Subjekts, die sich in je spezifischen sozialen Räumen herausbilden und in Relation zu diesen 49 Allerdings wird im Gegensatz zu der weitverbreiteten Annahme der Biographieforschung nicht davon ausgegangen, dass Biographie eine lineare und chronologische Entwicklung beschreibt sowie das Ergebnis aufgeschichteter Erfahrungen ist (Schütze 1984; vgl. kritisch Koesling & Neuber 2007). Aus einer psychodynamischen Perspektive wird Biographie als vielschichtige Überlagerung von bewussten und unbewussten Impulsen sowie vergangenen und gegenwärtigen Erfahrungen verstanden (vgl. Bereswill 2004b: 14). Aus einer dialektischen Perspektive steht die psychodynamische Struktur des Subjekts in einer komplexen Wechselbeziehung zu institutionellen und gesellschaftlichen Strukturen. Diese Beziehung ist durch Brüche, Widersprüche und Überlagerungen gekennzeichnet. Daraus ergibt sich für die vorliegende Arbeit, das Konzept der Biographie als Vermittlungsinstanz zwischen Struktur und Handeln, zwischen Individuum und Gesellschaft zu denken und dabei aber im Gegensatz zum Habituskonzept der konflikthaften Aneignung der Welt der Subjekte Rechnung zu tragen. Aus einer biographischen Perspektive rückt die biographische Aneignung von Geschlecht, die ein komplexer und oft widersprüchlicher Vorgang ist, der den Subjekten nicht immer bewusst ist, in den Vordergrund der Betrachtung (Bereswill & Ehlert 2008; Bereswill 2006c). Auf einen ähnlichen Gedanken verweist auch Bettina Dausien: Das biografische „Material“ ist mehrdeutig, widersprüchlich, komplex und es verhält sich gegenüber Typisierungsversuchen außerordentlich sperrig. Es fördert zuallererst „individuelle Geschichten“ zu Tage, die sich der binären Zuordnung nach dem Muster „männlich – weiblich“ entziehen. (Dausien 2004b: 318) Allerdings wird durch eine biographische Analyse zugleich deutlich, dass und wie Biographien durch gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse geprägt sind. Somit setzt eine biographische Perspektive auf Geschlecht einen doppelten Blick voraus: Die gesellschaftlichen Strukturen müssen in den Blick genommen werden, in denen die Subjekte handeln, zugleich müssen die Handlungsspielräume der Subjekte angemessen berücksichtigt werden (Bereswill 2007). Was bedeutet das für methodologische und methodische Überlegungen? Wie lässt sich die Vermittlung zwischen diesen beiden Ebenen untersuchen? Den „doppelten Blick“ hat Carol Hagemann-White schon 1993 in ihrem Aufsatz „Die Konstrukteure des Geschlechts auf frischer Tat ertappen?“ gefordert. Sie lenkt den Blick vor dem Hintergrund des „symbolischen Systems der Zweigeschlechtlichkeit“ (Hagemann- White 1984) auf die interaktive Konstruktion von Geschlecht. Als methodische Konsequenz fordert sie dazu auf, den Blickwinkel zu verlagern, um nicht weiterhin in Differenzen zu denken und zugleich den Blick auf gelebte Zweigeschlechtlichkeit beizubehalten, weil nur so Erkenntnisse zur Konstruktion von Geschlecht gewonnen werden können. Sie schlägt vor, Differenz und Gleichheit als dynamisches Gleichgewicht aufzufassen und daraus eine Forschungsstrategie zu entwickeln, die die Kontexten die Grenzen individueller Handlungsmöglichkeiten festlegen“ (Dausien 2004a: 38). Sie betrachtet Biographien somit als generative Strukturen (vgl. Dausien 2004a: 37f.). 50 Differenzperspektive abwechselnd ernst nimmt und außer Kraft setzt (vgl. Hagemann-White 1993:75). In der vorliegenden Arbeit wird der Perspektive des „doppelten Blicks“ gefolgt, allerdings wird ein wenig anders geschaut: Stehen bei Hagemann White die Konstruktionsprozesse von Geschlecht – das doing gender – im Zentrum der Betrachtung, fasst die vorliegende Arbeit Geschlecht als Konfliktkategorie und als Aneignungsprozess, dessen soziale Konstruktion besonders über die Überschüsse und Brüche deutlich wird (vgl. Morgenroth 1996: 47). Das bedeutet, neben der Reflexion der Zweigeschlechtlichkeit liegt der Schwerpunkt der Betrachtung auf den widersprüchlichen Lebensentwürfen und Handlungsmustern der Subjekte. Dieser Blick auf die widersprüchliche, zum Teil unbewusste und nicht reibungslose Aneignung von Geschlecht leitet über zu den methodologischen und methodischen Überlegungen: Um die biographischen Aneignungsprozesse von Geschlecht methodisch zu erfassen, bedarf es eines Konzeptes von Latenz. Diese Argumentation wird nun entlang des konkreten methodischen Vorgehens und den jeweiligen methodologischen Implikationen auf die Kategorie Geschlecht und den Zusammenhang von Gewalt und Männlichkeit genauer entfaltet.

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Zusammenfassung

Zwischen Männlichkeit und Gewalt wird sowohl in den kollektiven Deutungsmustern junger Männer als auch in vielen wissenschaftlichen Ansätzen der Jugendgewalt- und Männlichkeitsforschung ein direkter Zusammenhang vorausgesetzt.

In der vorliegenden Studie werden kollektive Deutungsmuster von Gewalt in Beziehung gesetzt zu der subjektiven Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen. Unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn? Dieser Frage wird anhand fünf biographischer Fallinterpretationen auf Basis qualitativer Längsschnittinterviews mit inhaftierten jungen Männern nachgegegangen.

Das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht wird aus einer soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive untersucht. Dabei rücken die Opfer-Täter-Ambivalenzen von Gewalthandeln in den Blick. Es zeigt sich eine enge Verbindung zwischen der Bedeutung von Gewalt und den biographischen Konflikterfahrungen junger Männer: Gewalt steht in enger Beziehung zu ihren Autonomiekonflikten und ein komplexes und vielschichtiges Verhältnis zwischen Autonomie, Geschlecht und Gewalt wird sichtbar.