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Anke Neuber, Oben, unten oder in der Mitte? Positionszuweisungen und Selbstpositionierungen in der Gefangenenhierarchie – der Vorgriff auf das empirische Material in:

Anke Neuber

Die Demonstration kein Opfer zu sein, page 40 - 46

Biographische Fallstudien zu Gewalt und Männlichkeitskonflikten

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8329-4056-0, ISBN online: 978-3-8452-1251-7 https://doi.org/10.5771/9783845212517

Series: Interdisziplinäre Beiträge zur Kriminologischen Forschung, vol. 35

Bibliographic information
40 im Gefängnis? Wie findet Distinktion statt? Welche Rolle spielt Gewalt im sozialen Raum der Inhaftiertengemeinschaft? Wie wird Geschlecht in diesem spezifischen Kontext interaktiv ausgehandelt und hergestellt? Dient Gewalt dabei als Struktur- übung oder Ressource der Wiederherstellung und Verteidigung bedrohter Männlichkeit? An dieser Stelle erfolgt nun ein kurzer Vorgriff auf das empirische Material. In aller Kürze werden ausgewählte Ergebnisse der kollektiven Deutungsmuster von Gewalt im Gefängnis dargestellt und zu der theoretischen Diskussion in Beziehung gesetzt. Im Anschluss daran, wird der eigene Forschungszugang für die biographische Perspektive entwickelt. Die Analyse der kollektiven Deutungsmuster basiert auf Interviews über die Hafterfahrungen, die mit 30 jungen Männern in zwei verschiedenen Jugendhaftanstalten und einer Jungtäteranstalt geführt wurden.44 4. Oben, unten oder in der Mitte? Positionszuweisungen und Selbstpositionierungen in der Gefangenenhierarchie – der Vorgriff auf das empirische Material Die Interviewerzählungen verdeutlichen den hohen Stellenwert von Gewalt im Gefängnis.45 Alltägliche Gewalt und ihre Androhung strukturiert die Interaktionen der Inhaftierten untereinander und durch Gewalt werden die Positionen der Gefangenenhierarchie verhandelt. Gewalt im Gefängnis spielt schon vor der Inhaftierung eine Rolle in Form von Gerüchten und Diskursen. Diese prägen auch die jungen Männer und lösen Ängste bei ihnen aus.46 Diese Angst und Unsicherheit bestimmen die Aufnahme- und Ankunftssituation im Gefängnis, die einem Initiationsritual ähnelt (vgl. Grapendaal 1990), durch das die Werte der Gefangenengemeinschaft weitergegeben werden. Die Neuinhaftierten werden durch Provokationen, Drohungen und Unterdrückungsversuche sogenannten „Anfangstests“ unterzogen. Ein Inhaftierter beschreibt dies folgendermaßen: „Nach dem Motto ‚Wie ist er, ist er dumm, ist er schlau, ist er klug, ist er stark, ist er schwach, ist er gewaltbereit, kann er was?’“47 Das Zitat zeigt anschaulich, dass vor allem Grenzen, aber auch Verhalten getestet werden. Zugleich wird sichtbar, dass es Verhaltens- und Handlungsspielräume für die Inhaftierten gibt: Verhandelt wird mit und über Stärke, Klugheit, Dummheit und Gewaltbereitschaft. Unverrückbar erscheint somit die Tatsache, dass sich alle Inhaf- 44 Für eine ausführliche Beschreibung der Erhebung und des methodischen Vorgehens vgl. Kap. II. 45 Dass Gewalt und ihre Androhung Bestandteil des Alltags im Jugendstrafvollzug ist, findet sich auch in klassischen wie aktuellen Studien zum Gefängnis (Sykes 1958/1999; Kersten & von Wolffersdorff-Ehlert 1980; Sim 1994; Bereswill 1999, 2001a & 2002; Kury & Smartt 2002; Edgar et al. 2003). 46 Zur Bedeutung von Gerüchten (rumors) über die Institution vgl. Bartollas et al. (1976: 224f.). 47 Für eine ausführliche Interpretation des Zitates vgl. Bereswill 2004a: 101; 2006a: 245 und Campe et al. 2001: 35. 41 tierten zu Gewalt in Beziehung setzen müssen – egal ob durch Stärke, Schwäche, Klugheit oder Gewaltbereitschaft. Allerdings wird ebenfalls deutlich, dass im Gefängnis vielfältige Handlungsstrategien im Umgang mit Gewalt existieren, denn obwohl sich die Inhaftierten zu Gewalt verhalten müssen, stellt diese nicht für alle eine Handlungsressource dar: Gewalt ist für einige Inhaftierte legitime, für andere zwangsläufige, für wiederum andere keine Handlungsressource im Gefängnis (vgl. Bereswill 2002). In den Erzählungen der inhaftierten jungen Männer wird deutlich, dass der Haftalltag häufig durch Gewaltandrohung bestimmt ist und nicht durch Gewaltausübung. Somit sind die Übergänge zwischen Unterdrückung, Schikane, Beleidigung und körperlicher Gewalt fließend. Aus Sicht der Inhaftierten hat Gewalt im Gefängnis viele Facetten: Sie kann angedroht oder ausgeübt, physisch oder psychisch sein. Die für alle sichtbarste Form, das Zuschlagen, also offene physische Gewalt, ist damit nur eine Form von Gewalt im Gefängnis. Die realen Gewalterfahrungen sind vielmehr geprägt durch Unterdrückung, die alltägliche Gewalt zwischen den Inhaftierten. Unterdrückung findet meist über den Versuch statt, Inhaftierte bestimmte Dienste durch Gewaltandrohung verrichten zu lassen, die häufig mit Hausarbeit verknüpft sind („koch mal Kaffee“, „putz mal meine Zelle“), und die ebenso wie die Benennung der Opfer von Unterdrückung als „Fotzen“ oder „Muschis“ (sexualisierte) Zuschreibungen von Weiblichkeit beinhalten. Aber auch Beleidigungen und Schikane werden als Beispiele genannt. Zentrale Motive, der Sinn, den die jungen Männer Gewalt verleihen, sind hierbei das Erlangen von Respekt, Anerkennung und Ansehen, die Verteidigung der Ehre sowie das Demonstrieren von Härte und damit verbunden das Erreichen oder Absichern einer Position in der Gefangenenhierarchie. Die Gefangenenhierarchie im Kontext der zentralen Charakteristika der geschlossenen Institution beschreibt ein junger Mann im folgenden Zitat anschaulich: 48 man kann nicht hier weglaufen, man ist nicht draußen, wo man vor die eh vor den anderen Menschen da eh von laufen kann, wo man sagen kann „Hör zu, Junge alles klar, du hast gewonnen, ich verzieh mich jetzt“. Das geht hier nicht. (...) Weil entweder man wird als Schlappi eingestuft oder eh man ist nen man ist nen Junge, der sich nichts gefallen lassen tut und der der mehr oder weniger auch in Ruhe gelassen wird. An diesem Zitat wird die Geschlossenheit der Institution („man kann nicht hier weglaufen“) sehr gut sichtbar.49 Der junge Mann verweist auf die damit einhergehende Unmöglichkeit, Gewalt in der Institution auszuweichen („‚du hast gewonnen, ich verzieh mich jetzt’. Das geht hier nicht.“). Ferner wird die in dem Zitat beschriebene Zwangsläufigkeit einer klaren Positionszuweisung in der Gefangenenhierarchie deutlich: man ist entweder der „Schlappi“ oder der „Junge, der sich nichts gefallen lässt“, unten oder oben in der Hierarchie – zumindest auf den ersten Blick. 48 Vgl. auch die Interpretation bei Bereswill 2006a: 246f. 49 Eine ausführliche Darstellung der Wirkung von Geschlossenheit findet sich bei Bereswill 2001a & 2006a: 243. 42 Aus Sykes Perspektive ließe sich der „Junge, der sich nichts gefallen lässt“ als „tough“ oder vielleicht als „real man“ beschreiben. Der „Schlappi“, der auch im deutschen Sprachgebrauch durch die Assoziationen zu Schlappschwanz sexuell konnotiert ist, wäre vielleicht der „punk“ oder „fag“. In diesem Zusammenhang fällt eine entscheidende Leerstelle in Sykes Modell der argot roles auf: Es gibt keine Bezeichnung für Inhaftierte, die von physischer Gewalt und Unterdrückung betroffen sind jenseits sexueller Gewaltformen. Warum fallen diese Inhaftierten durch sein sonst so genaues Raster? Dies könnte ein Hinweis sein, dass die Opfer von Gewalt nicht so einfach zu identifizieren sind, weil sie sich nicht so leicht zu erkennen geben. Eine weitere Lesart wäre, dass die Täter- und Opferrollen nicht so eindeutig verteilt sind. Sykes implizite Beschreibung einer klaren Hierarchie wird in den Interviewerzählungen der inhaftierten jungen Männer explizit zur Sprache gebracht. Die Erzählungen über Gewalt und Unterdrückung im Gefängnis lassen auf den ersten Blick ein klares Bild der Gefangenenhierarchie entstehen: Es gibt die Inhaftierten, die unterdrücken, und die Inhaftierten, die sich unterdrücken lassen. Ein Inhaftierter beschreibt dies als „Hackordnung“. Diese Hack- oder Rangordnung betont die Hierarchie, bestehend aus einem Oben (die Unterdrücker) und einem Unten (die Unterdrückten). In der eigenen Studie zeigt sich darüber hinaus jedoch ein sehr widersprüchliches Ergebnis: Obwohl das Oben und Unten der Gefangenenhierarchie sehr präzise beschrieben wird, verortet sich aber kaum ein junger Mann in den Interviews dort. Die Inhaftierten verorten sich meist in der Mitte, die sie jedoch nicht näher beschreiben. Im manifesten Text existiert somit zunächst eine „Hackordnung“, die klar erscheint und statisch ist. Wenn die jungen Männer jedoch ins Erzählen geraten, wird die „Hackordnung“ dynamisch und verliert ihre vertikale Eindeutigkeit. Somit weist die Gefangenenhierarchie keine eindeutig vertikale Struktur auf. Es gibt mehr als ein Oben und Unten. Die Landkarte der Inhaftiertengemeinschaft wird zum sozialen Raum, indem es eine Dynamik gibt und die Inhaftierten in einen fortwährenden Kampf untereinander verwickelt sind.50 Aus Bourdieus Perspektive lassen sich die Inhaftierten auf den ersten Blick im sozialen Raum der Inhaftiertengemeinschaft verorten. Es gibt ein Oben, ein Unten und die Mitte. Wie bereits erwähnt, verweist er auf die Mitte als neutralen Punkt im Raum, von dem aus die Akteure zwischen den beiden Extrempositionen hin- und herschwanken. Dieses potenzielle Hin- und Herpendeln zwischen Oben und Unten ist im Gefängnis jedoch mit permanenter Wachsamkeit und Bedrohung verbunden. Dies wird deutlich, wenn die Frage gestellt wird, warum die Inhaftierten in ihren Erzählungen trotz ihrer Selbstverortung in der Mitte dennoch am Bild der starren Hierarchie festhalten? Eine klare Hierarchie dient zunächst der Orientierung und stellt eine Bewältigungsstrategie dar, den Stress auszuhalten, zwischen anderen Adoleszenten in einer geschlossenen Institution zu sein. Gleichzeitig müssen die 50 Obwohl er die Dynamik nicht explizit benennt, verweist auch Sykes auf den Kampf der Inhaftierten, den er als „war of all against all“ (1958/1999: 82) beschreibt. 43 Inhaftierten unentwegt die Balance halten oder, wie Mechthild Bereswill es beschrieben hat: Die fließende Grenze zwischen realer und befürchteter Unterdrückung trägt erheblich zur Stabilisierung des ‚symbolischen Kapitals Gewalt’ bei – Gerüchte und Mythen über Gefährdungen führen zur ständigen Wachsamkeit, zum Bluff mit der eigenen Stärke, der Verdrängung von Angst und Schwäche und der Notwendigkeit, mit Dauerstress zurecht zu kommen. (Bereswill 2003: 194) Diese psychodynamische Lesart des neutralen Punkts im sozialen Raum wird noch deutlicher, wenn eine Unterscheidung zu der Dynamik, die Bourdieu für den sozialen Raum beschreibt, in den Blick genommen wird: Wenn der soziale Raum durch ein fortwährenden Kampf um Positionen, der einen Kampf nach oben bedeutet, charakterisiert ist, warum verorten sich die inhaftierten jungen Männer nicht dort, sondern in der Mitte? In dem es keine klare Hierarchie gibt, wird in den Interviewerzählungen sichtbar, dass auch mehr als eindeutige Opfer- oder Täterpositionen existieren. Dies wird in der folgenden Passage deutlich, in der ein inhaftierter junger Mann über einen Konflikt mit einem Mitinhaftierten erzählt. In dessen Verlauf kommt es zu einer körperlichen Auseinandersetzung, der interviewte junge Mann wird von der Institution als Täter identifiziert und angezeigt. Für ihn sind die klaren Zuschreibungen, die die Institution vornimmt, nicht nachvollziehbar51: D: Bloß weil ich denn halt uffjesprung bin und bisschen härter jemacht hab, bin ich halt zum Täter jewordn I: Hm Sie findn er is auch Täter D: Hm? I: Sie findn er is auch Täter? D: Naja klar I: Hm D: Er hat doch im Endeffekt anjefang er wollt doch mein Zirkel haben und hat anjefang (I: Hm) mir n paar in de Rippn zu schlagn naja dann bin ich aufjesprung. Der junge Mann bezieht sich in diesem Zitat auf eine körperliche Auseinandersetzung zwischen ihm und einem Mitinhaftierten während des Unterrichts. Auslöser des Konflikts ist aus Sicht des Erzählers der Versuch des Mitinhaftierten, ihm den Zirkel weg zu nehmen. Die Auseinandersetzung wird von einem Lehrer bemerkt und der Interviewte als Täter identifiziert und angezeigt. Er widerspricht dieser Auffassung und kreist um die Frage, wer Täter und wer Opfer ist. Er veranschaulicht den Zuschreibungsprozess, in dem er sagt: „bin ich halt zum Täter jeworden“. Auffällig an der Passage ist, dass es in der Erzählung des jungen Mannes zwei Täter gibt, aber 51 Aus Perspektive der Institution ist jedoch eine eindeutige Zuschreibung für eine strafrechtliche Verfolgung notwendig. 44 kein Opfer. Aus seiner Sicht ist der Mitinhaftierte der Täter, aber das kann er im Interview nicht benennen, ohne selbst Opfer zu sein. Er wird angegriffen und darf nicht zum Opfer werden. Er wehrt den Angriff gegen den Körper ab und zugleich die Erfahrung von Schwäche. In dem Zitat wird darüber hinaus sichtbar, dass im Gefängnis häufig Formen reziproker Gewalt existieren, die eine eindeutige Zuordnung von Opfer- oder Täterschaft unmöglich machen. Die Interaktion zwischen jungen Männern im geschlossenen Kontext Gefängnis ist dynamisch, Anerkennungs- und Unterdrückungs-Szenarien überlagern sich. Eine systematische Unterscheidung zwischen reziproker und einseitiger Gewalt, wie sie Meuser für eine differenzierte Betrachtung der „mann-männlicher Gewalt“ vorschlägt, ist nicht sinnvoll (vgl. Bereswill 2004a). Mit Bezug auf das Gefängnis als homosozialen Raum, der jedoch im Gegensatz zu den anderen homosozialen Gemeinschaften eine Zwangsgemeinschaft darstellt, beschreibt Meuser, Gewalt im Gefängnis als einseitig. Dieser Annahme liegt eine implizite Vorstellung von klaren Täter-Opfer-Positionen zugrunde, die sich in der vorliegenden Arbeit so nicht bestätigt hat. Die Perspektive des jungen Mannes verdeutlicht somit, dass für die Untersuchung von Gewalt im Gefängnis eine eindeutige Täter-Opfer-Dichotomie zu eng ist.52 In den kollektiven Deutungsmustern von Gewalt im Gefängnis zeigt sich auf den ersten Blick die hohe Aktualität von Sykes Ergebnissen, die auf die Wirkmacht der Strukturen der geschlossenen Institution verweist.53 Gewalt ist strukturgebend für die soziale Ordnung des Gefängnisses und die Deprivation, verbunden mit den schmerz- und konflikthaften Erfahrungen des Freiheitsentzugs fördert Gewalt. Es zeigt sich allerdings deutlich, dass trotz der gewaltförmigen Struktur der Institution Gewalt nicht für alle Inhaftierten eine Handlungsressource darstellt und dass die Gefangenenhierarchie viel dynamischer ist, als sie aus Sykes strukturfunktionalistischer und rollentheoretischer Perspektive erscheint. Die Dynamik wird sichtbar, wenn die Austauschprozesse der Inhaftierten in den Blick genommen werden. Die Positionsrangeleien im sozialen Raum der Inhaftiertengemeinschaft werden deutlich, aber auch der eigenwillige Umgang der jungen Männer mit den Strukturen der Insti- 52 Auch andere Studien betonen die Wechselseitigkeit von Gewalt im Gefängnis und die Überlappung von Täter-Opfer-Positionen: „But it would be inaccurate to think of threats as predominantly used by stronger inmates to coerce weaker ones. Threatening behaviour was often mutual, and there was a substantial overlap between the perpetrators and the victims of threat” (Edgar et al. 2003: 41; vgl. auch Bereswill 2001a; Kury & Smartt 2002). 53 Vor dem Hintergrund der weltweit zunehmenden Inhaftierungszahlen erfährt Sykes Society of Captives noch eine weitere aktuelle Bedeutung: Nicht nur als Studie über den Alltag im Gefängnis, sondern auch als Beschreibung einer Gesellschaft, in der Repression eine offizielle Strategie darstellt, die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten. Die Institution Gefängnis existiert nicht unabhängig von der Gesellschaft, sondern ist bedeutender Teil ihrer institutionellen Landschaft geworden. Der Gefängnisboom geht mit einer Politik der Disziplin einher, die Ordnung als legitimierte Gewalt denkt und nicht mehr in Sykes Sinn als informelle Grundlage sozialen Zusammenhalts (vgl. Simon 2000; Western 2007). An diese Gedanken wäre die diskurstheoretische Perspektive Michel Foucaults (1976) anschlussfähig, der ebenfalls einen wichtigen soziologischen Beitrag zur Gefängnisforschung geleistet hat, in der vorliegenden Arbeit jedoch keine Berücksichtigung findet. 45 tution und ihre Handlungsspielräume rücken ins Zentrum. Bourdieu beschreibt die Abgrenzungsversuche und gleichzeitige Suche nach gegenseitiger Akzeptanz als Entstehung für die Bewegung im sozialen Raum. Er nennt dies die Gegenläufigkeit von Vergemeinschaftung und Konkurrenzkampf, eine Dynamik, die auch schon Sykes beschrieben hat, wenn er betont, dass die Inhaftiertengemeinschaft eine Solidargemeinschaft gegenüber den Vertretern der Institution darstellt und zugleich innerhalb der Inhaftiertengruppe ein „war of all against all“ (1958/1999: 82) herrscht. Dies wird in den Interviewerzählungen deutlich, wenn die ungeschriebenen Gesetze der Inhaftierten in den Blick genommen werden. Informationen aus der Inhaftiertengemeinschaft an Bedienstete der Institution weiterzugeben (das sogenannte „anscheißen“) ist ein Vergehen, das massive Sanktionen durch Mitinhaftierte nach sich zieht.54 Darüber hinaus wird die hohe Bedeutung von Gewalt als symbolisches Kapital deutlich. Den Sinn, den die inhaftierten jungen Männer Gewalt verleihen, ist der Kampf um Ehre, Ansehen, Anerkennung und Respekt. Symbolisches Kapital sorgt für eine hohe Position in der Gefangenenhierarchie.55 Dieses Ergebnis weist zunächst eine große Anschlussmöglichkeit an zentrale Ergebnisse der Männlichkeitsforschung zum Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt auf, der in der Verteidigung der Ehre sowie dem Erlangen von Respekt und Anerkennung gesehen wird (Kersten 1997a+b; Messerschmidt 2000; kritisch hierzu Bereswill 2003a+b, 2006a; Neuber 2008). Gewalt erscheint somit als Ressource bedrohter Männlichkeit. Ein zentrales Ergebnis der kollektiven Deutungsmuster von Gewalt im Gefängnis, die Überschneidung der Täter-Opfer-Positionen, lässt sich mit den bisherigen Ansätzen nicht erklären. Meuser (1999: 53) betont als positive Entwicklung, dass die Zunahme von handlungstheoretischen und konstruktivistischen Ansätzen der Geschlechterforschung (doing gender) gegenüber gesellschaftstheoretischen Ansätzen weg führt von einer eindimensionalen Opferzuschreibung an Frauen. Auffällig ist, dass dies umgekehrt scheinbar nicht zutrifft: Wenn Gewalt doing masculinity ist, trägt die handlungstheoretische Perspektive nicht dazu bei, die eindimensionale Täterzuschreibung an Männer aufzuheben, sondern im Gegenteil sie verfestigt sie, in dem sie Gewalt mit Geschlecht erklärt. 54 Diese Regel der Inhaftiertengemeinschaft zeigt sich vielen Untersuchungen über Gewalt im Gefängnis als konstant über die Jahre (vgl. beispielsweise Bartollas et al. 1976: 230; Grapendaal 1990: 345; Edgar et al. 2003: 155). 55 In den Austauschprozessen der Inhaftierten spielen alle Kapitalsorten eine Rolle: ökonomisches Kapital (z.B. Tabak, Kaffee, Drogen, Markenkleidung aber auch Bargeld) als Grundlage für die Tauschgeschäfte und den Handel in der Inhaftiertengemeinschaft. Soziales Kapital spielt eine bedeutende Rolle bei der Frage nach Zugehörigkeiten. Wer kennt wen? Wer beschützt wen? Die geringste Bedeutung hat das kulturelle Kapital zumindest in objektivierter und institutionalisierter Form. Aber auch hier lassen sich Spuren in den Interviewerzählungen finden, wenn z.B. Inhaftierte Briefe und Anträge für Mitinhaftierte schreiben oder sich durch verbale Überlegenheit gegen Unterdrückungsversuche wehren. Ferner ließe sich das inkorporierte kulturelle Kapital als Wissen oder Fähigkeit übersetzen, die Regeln der Inhaftiertengemeinschaft zu durchschauen und sich an sie anpassen zu können. Gewalt und ihre Androhung dient meist, jedoch nicht immer und ausschließlich, der Vermehrung des Kapitalvolumens. 46 Die Überschneidungen der Täter-Opfer-Positionen lassen sich mit dem Habituskonzept ebenfalls nicht angemessen erfassen. Es ist im Sinne einer Vermittlungsinstanz zwischen Struktur und Handeln ein sehr hilfreiches Konzept, es weist jedoch bei der konflikthaften Aneignung der Welt eine Leerstelle auf. An dieser Leerstelle setzt die vorliegende Arbeit an, indem versucht wird, eine andere Perspektive als Vermittlung von Struktur und Handlung, Gesellschaft und Subjekt zu denken, um den Zusammenhang von Gewalt und Männlichkeit zu erforschen: eine biographische Perspektive, die die Widersprüche und Ambivalenzen im Subjekt berücksichtigt. Bourdieu selbst betont in seinem späten Werk immer stärker die Brüchigkeit des Habitus. Wendet er sich 1990 in einem Aufsatz polemisch gegen die Biographieforschung (Bourdieu 1990), macht Bourdieu wenige Jahre später56 implizit eine biographische Perspektive stark, wenn er sagt, „dass in der Erzählung von höchst „persönlichen“ Problemen, von scheinbar eindeutig subjektiven Spannungen und Widersprüchen, häufig grundlegende Strukturen der sozialen Welt und ihre Widersprüche zum Ausdruck kommen“ (Bourdieu 2000: 89). An diese Überlegungen wird in der vorliegenden Arbeit angeknüpft, wenn eine biographische und subjektorientierte Perspektive auf die Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen eingenommen wird, denn wie Mechthild Bereswill betont: „Die Strategien der Aushandlungen verstehen zu wollen, erfordert aber eine Überschreitung der kollektiven und institutionell geprägten Dimensionen von Gewalt im Gefängnis.“ (Bereswill 2002: 185f.) 5. Subjekt, Geschlecht, Biographie – ein konflikthaftes Modell von Struktur und Handeln Der Verweis auf die Überschneidungen der Täter-Opfer-Positionen lenkt den Blick darauf, dass das Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt ein komplexes und konflikthaftes ist, das erst aus einer biographischen Perspektive seinen Sinn erfährt. Selbst in der geschlossenen Institution Gefängnis, in der Gewalt eine Norm darstellt, unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn, und die Bedeutung von Gewalt ist verknüpft mit biographischen Konflikterfahrungen. Einen produktiven Ansatzpunkt hierfür bietet die Untersuchung der Opfer-Täter-Ambivalenzen in den Lebensentwürfen und Biographien von Männern (vgl. Bereswill 2003). Hier stellt sich die Frage, ob die kollektiven Deutungsmuster der jungen Männer von Anerkennung, Ehre und Respekt, brüchig werden, wenn die subjektive Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen in den Blick genommen und beides zueinander ins Verhältnis gesetzt wird. Der subjektive Sinn von Gewalt ist mit den kollektiven Deutungsmustern verwoben, jedoch nicht gleichbedeutend. Dies wird mit Blick auf die Täter-Opfer-Positionen besonders deutlich: In den kollektiven 56 Der Text (Bourdieu 2000) auf den sich bezogen wird, ist ein Nachdruck von einem Text, der 1997 in dem Werk „Das Elend der Welt“ erschienen ist, das in Frankreich bereits 1993 veröffentlicht wurde.

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Zusammenfassung

Zwischen Männlichkeit und Gewalt wird sowohl in den kollektiven Deutungsmustern junger Männer als auch in vielen wissenschaftlichen Ansätzen der Jugendgewalt- und Männlichkeitsforschung ein direkter Zusammenhang vorausgesetzt.

In der vorliegenden Studie werden kollektive Deutungsmuster von Gewalt in Beziehung gesetzt zu der subjektiven Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen. Unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn? Dieser Frage wird anhand fünf biographischer Fallinterpretationen auf Basis qualitativer Längsschnittinterviews mit inhaftierten jungen Männern nachgegegangen.

Das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht wird aus einer soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive untersucht. Dabei rücken die Opfer-Täter-Ambivalenzen von Gewalthandeln in den Blick. Es zeigt sich eine enge Verbindung zwischen der Bedeutung von Gewalt und den biographischen Konflikterfahrungen junger Männer: Gewalt steht in enger Beziehung zu ihren Autonomiekonflikten und ein komplexes und vielschichtiges Verhältnis zwischen Autonomie, Geschlecht und Gewalt wird sichtbar.