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Anke Neuber, Sykes Landkartenmodell der society of captives – ein einseitiges Modell von Struktur und Handeln in:

Anke Neuber

Die Demonstration kein Opfer zu sein, page 18 - 25

Biographische Fallstudien zu Gewalt und Männlichkeitskonflikten

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8329-4056-0, ISBN online: 978-3-8452-1251-7 https://doi.org/10.5771/9783845212517

Series: Interdisziplinäre Beiträge zur Kriminologischen Forschung, vol. 35

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18 I. Die Bedeutung von Gewalt im Gefängnis – Sykes meets Bourdieu im homosozialen Raum Bin ich im Knast drauf gekommen. Weißt Du, Du hängst da in Deiner Zelle und bis ganz allein. Die sagen Dir, wann Du aufzustehen hast, wann Du zu gehen hast, wann Du zu essen hast, alles. Das einzige, was sie Dir nicht wegnehmen können, sind Deine Träume. (aus: „kurz und schmerzlos“ von Fatih Akin) Einer der Hauptprotagonisten in Fatih Akins Film „kurz und schmerzlos“ erzählt einer Freundin nach der Haftentlassung über seine Zukunftspläne, die er im Gefängnis geschmiedet hat. Er beschreibt in dem kurzen Monolog eindrucksvoll zentrale Charakteristika der geschlossenen Institution: Die Einsamkeit, das „Hängen“ im Haftraum, das als verkürzte Form von herum- oder abhängen auf die Langeweile und das Zeit tot schlagen verweist, sowie die Autonomiebeschränkung. Der Gefängnisalltag – das Aufstehen, die Essenszeiten und die Freistunde – ist fremdbestimmt und verregelt. Die Regeln sind vorgeschrieben und die Gefangenen müssen sich daran anpassen. Neben dem mit der Anpassungsleistung verbundenen Autonomieverlust spricht der Hauptdarsteller jedoch auch darüber, dass die Vertreter der Institution ihm die Träume nicht wegnehmen können. Für ihn existiert ein innerer Rückzugsraum und er spielt somit darauf an, dass unterschiedliche Verarbeitungsweisen des Freiheitsentzugs existieren. Mit dem widerständigen Potenzial, sich nicht gänzlich von der Institution bestimmen zu lassen, verweist der Monolog auf das Verhältnis von Institution und Subjekt, von Struktur und Handlung, das in dem folgenden Kapitel näher beleuchtet wird; allerdings unter einer spezifischen Fragestellung: der Bedeutung von Gewalt im Gefängnis. Wird sich der Frage nach der Bedeutung von Gewalt in der geschlossenen Institution Gefängnis aus einer soziologischen Perspektive zugewandt, dann lässt sich eine erstaunliche Kontinuität von zunächst zwei, später drei Theoriemodellen konstatieren: Das deprivation model, das importation model und das integration model.10 Die Vertreter des deprivation models (McKorkle & Korn 1954; Sykes 1958/1999) betonen den starken Einfluss der Institution auf das Handeln ihrer Insassen. Das Gefängnis wird als geschlossenes soziales System betrachtet: „influences from the ‚outside’ world or pre-prison socialization are virtually ignored.“ (Grapendaal 1990: 342) In 10 Für einen ausführlichen Überblick über die drei Modelle vgl. Bosworth 1999, Grapendaal 1990. 19 dieser Lesart des Gefängnisses ist die Entstehung von Gewalt in der Inhaftiertengemeinschaft den strukturellen Bedingungen geschuldet und somit die Antwort auf die Erfahrungen der Deprivation. Zu dieser strukturfunktionalistischen Perspektive auf das Gefängnis entwerfen Irwin und Cresey (1962) ein Gegenmodell, das importation model.11 Sie gehen nicht davon aus, dass das Gefängnis als soziales System sich auf gemeinsame Werte und Normen stützt, sondern aus vielfältigen, zum Teil konkurrierenden Gruppen besteht. Sie betonen, dass Gewalthandeln im Gefängnis sich überwiegend durch die Charaktereigenschaften der Inhaftierten und deren Erfahrungen vor der Inhaftierung ableitet, die in die Institution Gefängnis importiert werden. Beide Ansätze weisen eine Ausschließlichkeit auf. Diese Ausschließlichkeit wird im sogenannten integration model aufgehoben, das Ende der 1970er Jahre entsteht und dafür plädiert, die dichotomen Vorstellungen miteinander in Beziehung zu setzen (vgl. beispielsweise Thomas & Petersen 1977; Thomas, Petersen & Zingraff 1978).12 Werden das deprivation und importation model betrachtet, zeigt sich, dass beiden Ansätzen die Frage zugrunde liegt, warum Gewalthandeln im Gefängnis existiert. Entsteht es aufgrund der Strukturen der geschlossenen Institution oder wird die Gewaltbereitschaft in das Gefängnis mitgebracht und ist somit eine von institutionellen Einflüssen individuelle Eigenschaft? Schnell wird jedoch deutlich, dass in der Forschung die Ursachen für Gewalt im Gefängnis weder ausschließlich auf der Seite der Institution noch ausschließlich auf Seiten des Subjekts gesehen werden. Diese Perspektive, die Subjekte weder als durch Strukturen determinierte Handelnde betrachtet, noch als Subjekte, deren Handeln durch die strukturellen Bedingungen unbeeinflusst bleibt, scheint auf den ersten Blick sehr fruchtbar. Auffällig ist jedoch, dass bei einer genaueren Betrachtung des integration models offen bleibt, wie die Integration theoretisch gedacht wird.13 Wie lassen sich die Struktur des Gefängnisses und das Handeln der Insassen theoretisch zueinander in Beziehung setzen? Diese grundlegende Frage geht über die Bedeutung von Gewalt im Gefängnis hinaus, denn sie beinhaltet gesellschaftstheoretische Implikationen. Das Verhältnis zwischen individuellen Eigenschaften und sozial-strukturellen Bedingungen ist ein grundsätzliches Problem der Sozialwissenschaften (vgl. Hummrich 2002). Regine Gildemeister und Angelika Wetterer beschreiben das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft sowie Handlung und Struktur als „eine Reihe offener Grundfragen der Soziologie“ (1992/1995: 237). Die Suche nach einer theoretischen Rahmung der 11 Weitere bekannte Vertreter des importation models sind beispielsweise Ward und Kassenbaum 1965 und Giallombardo 1966. 12 Ellis et al. (1974) kritisieren am deprivation und importation model, dass sie die youth-adult und black-white Differenzierung nicht berücksichtigen. Für alle drei Modelle lässt sich konstatieren, dass sie keine Geschlechterperspektive einnehmen. 13 Werden die ausschließlich quantitativen empirischen Studien analysiert, die mit diesem Modell operieren oder es prüfen, dann findet sich meist eine Verknüpfung statistischer Variablen, die auf ihre Signifikanz geprüft werden und die sich letztendlich in folgender Formel darstellen lassen: importation (Variablen zur Persönlichkeit, Herkunft etc.) + deprivation (Variablen zur Institution) = integration. Eine theoretische Rückbindung dieses Ergebnisses scheint nicht zu existieren. 20 Integration oder Vermittlung von Struktur und Handeln erfordert eine Öffnung des Blicks und ein Gedankenspiel, dass in der Gefängnisforschung eine lange Tradition hat: die Gefangenengemeinschaft als Gesellschaft zu begreifen. Die Kriminologin Mary Bosworth fasst dies mit Bezug auf Cressey folgendermaßen zusammen: In such work, the prison was perceived to be both a micro society, in which all elements had a function, and a microcosmos of the world outside the prison walls „in which the conditions and processes in the broader society are observable“ (Cressey, in Clemmer 1940: vii) (Bosworth 1999: 20).14 Diese doppelte Perspektive, zum einen die Gefangenengemeinschaft als Gesellschaft zu begreifen und zugleich durch die Betrachtung der Gefangenengemeinschaft Denkanstöße für gesellschaftstheoretische Überlegungen zu erlangen, wird auch in der vorliegenden Arbeit eingenommen. Zunächst wird kurz Gresham M. Sykes ethnographische Studie The Society of Captives (1958/1999) der 1950er Jahre in einem Hochsicherheitsgefängnis in den USA genauer betrachtet, die grundlegend ist für die soziologische Gefängnisforschung. Sykes hat seine Studie im Kontext der Zeit, unter Einfluss des Strukturfunktionalismus, durchgeführt. Er betrachtet das Gefängnis als „operating social system which can clarify our ideas about man and his behavior“ (Sykes 1958/1999: vii) und versucht auf dieser Grundlage eine soziologische Rahmentheorie zu entwickeln. Die Grenzen von Sykes’ Ansatz, das Verhältnis von Struktur und Handeln theoretisch zu rahmen, werden in einem nächsten Schritt mit Bezug zu Pierre Bourdieus Konzepten des sozialen Raums und Habitus überwunden. Geht Sykes von einem strukturfunktionalistischen Gesellschaftsbegriff und deterministischen Machtbeziehungen aus, lenkt Bourdieu den Blick auf die Differenzierung der Gesellschaft und geht von relationalen Machtbeziehungen aus. Mit dem Konzept des Habitus bietet Bourdieu eine theoretische Möglichkeit, das Verhältnis von Struktur und Handeln als ein vermitteltes zu denken. Abschließend werden die beiden Konzepte zu Geschlecht in Beziehung gesetzt und mit den eigenen empirischen Ergebnissen zur Bedeutung von Gewalt im Gefängnis verknüpft. 1. Sykes Landkartenmodell der society of captives – ein einseitiges Modell von Struktur und Handeln Die zentralen Fragestellungen von Sykes’ Studie sind: Wie formen Gefängnisse das Verhalten der Inhaftierten? Wie entsteht eine Gefängnissubkultur? Wie passen sich die Gefangenen an die Gefängnisstruktur an?15 In Sykes’ Sinn sind Gefängnisse in 14 In der vorliegenden Arbeit wird der Fokus auf die Inhaftiertengemeinschaft gerichtet und nicht auf die Machtbeziehungen und Interaktionen zwischen Bediensteten und Inhaftierten. 15 Sykes Forschungsinteresse, im Gefängnis Erkenntnisse zu gewinnen, die sich als gesellschaftstheoretische Überlegungen übertragen lassen, ist in den historischen Kontext seiner Arbeit eingebunden: Geprägt von den Erfahrungen des zweiten Weltkriegs und des Holocaust ist Sykes mit der Frage nach Theorie und Praxis von totalitären Formen der Macht beschäftigt. 21 sich geschlossene Systeme: eine eigene Welt innerhalb der Gefängnismauern und eine Insassengemeinschaft, die ihr eigenes Tempo und ihre eigene Dynamik hat. Er lenkt damit den Blick auf die innere Logik der Gefangenengesellschaft und zeigt, dass sich die soziale Ordnung im Gefängnis durch die Auseinandersetzungen zwischen den Inhaftierten herstellt. Sykes beschreibt in seiner Studie die Gefangenengesellschaft mit ihren Interaktionsmustern und damit einhergehend die rollenförmigen Verhaltensmuster der Gefangenen.16 Zentral für die mächtige interne Dynamik sind für Sykes die unterschiedlichen strukturellen Entbehrungen (deprivations), die die Inhaftierten aushalten müssen. „Die sagen Dir, wann Du aufzustehen hast“, ein Autonomie- und Individualitätsverlust, wie er im Monolog des Eingangszitats zum Ausdruck gebracht wird, betont auch Sykes im Kontext des kontrollierten Ablaufs in der Institution. Er beschreibt fünf Dimensionen der Deprivation: (1) Loss of liberty (Entzug der Freiheit), der mit Gefangenschaft, Getrenntsein von Familie und Freunden, Ausschluss aus der gesellschaftlichen Gemeinschaft sowie dem Verlust der Bürgerrechte einhergeht. (2) Deprivation of goods and services (Entzug von Gütern und Dienstleistungen), der den Verlust von Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten, von Annehmlichkeiten und materiellem Besitz bedeutet. (3) Deprivation of heterosexual relationships (Entzug von heterosexuellen Beziehungen), der sexuelle Frustration aufgrund eines unfreiwilligen Zölibats zur Folge hat. (4) Deprivation of autonomy (Entzug der (Entscheidungs)Autonomie), der institutionelle Routinen, Arbeit, Aktivitäten, alltägliche und offenbar sinnlose Beschränkungen umfasst. (5) Deprivation of security (Einschränkung der persönlichen Sicherheit), die durch die Zwangsgemeinschaften mit Inhaftierten, deren Verhalten nicht einschätzbar ist, ausgelöst wird. Diese Situation wird als bedrohlich erlebt und löst Angst aus. Inhaftierte müssen um ihre persönliche Sicherheit und ihren Besitz kämpfen. (vgl. Sykes 1958/1999: 63-78; Liebling & Maruna 2005: 5f.) Sykes beschreibt die Erfahrungen der Inhaftierten von Deprivation und ihre Bewältigungsstrategien als „pains of imprisonment“.17 Die pains of imprisonment fungieren für ihn wie ein unebenes Fundament, auf das sich die soziale Ordnung des Gefängnisses aufbaut. Der Deprivation wird somit eine starke Wirkmacht zugeschrieben. Die pains of imprisonment gehen für Sykes weit über individuelles Unbehagen hinaus und er begreift sie als Attacke auf das psychische Wohlbefinden und Selbstwertgefühl (1958/1999: 131). Mildern kann dieses Gefühl nur die soziale Interaktion. 16 Für eine kritische Würdigung seines Ansatzes vgl. Bereswill 2004a. 17 Sykes macht mit dem Begriff der Schmerzen („pains“) deutlich, dass eine Inhaftierung in modernen Zeiten ebenfalls schmerzhaft ist, auch wenn sie gesellschaftlich oft als humane Alternative zu den häufig physisch brutalen Strafformen der Vergangenheit betrachtet wird (vgl. Sykes 1958/1999: 64). 22 Um diese zu beleuchten wendet sich Sykes den sozialen Rollen der Inhaftierten zu, die sich für ihn im „prison argot“ (1958/1999: 82) widerspiegeln.18 Dieser Annahme liegt ein Verständnis des Zusammenhangs von Sprache und Handeln zugrunde, das Sykes wie folgt beschreibt: „Words in the prison argot, no less than words in ordinary usage, carry a penumbra of admiration and disapproval, of attitude and belief, which channels and controls the behavior of the individual who uses them or to whom they are applied.“ (Sykes 1958/1999: 86) In dem Zitat wird deutlich, dass Sykes davon ausgeht, dass die Sprache (argots) die soziale Wirklichkeit abbildet, das Handeln sich direkt in Sprache niederschlägt und von Sprache auf Handeln geschlossen werden kann.19 Die unterschiedlichen Rollen in der Inhaftiertengemeinschaft werden im Folgenden kurz vorgestellt: Sykes beschreibt den „merchant“ oder „pedlar“, der den Warenaustausch in der Subkultur dominiert, eigennützig Geschäfte betreibt und somit Mitinhaftierte ausnutzt. „Gorillas and toughs“ nennt er Insassen, die Gewaltbereitschaft signalisieren. Während der „gorilla“, der schwächere Inhaftierte physisch bedroht, ausraubt und eher Angst als Respekt bei den Mitinhaftierten hervorruft, werden die „toughs“ nicht als unterdrückende, sondern als aggressive und machtvolle Inhaftierte wahrgenommen. Der „ball buster“ ist für Sykes der Krawallmacher. Er lehnt sich gegen die institutionellen Regeln auf und legt sich mit den Bediensteten an. Er ist ungehorsam, aggressiv und wird als unkontrolliert und provozierend wahrgenommen. Inhaftierte, die Informationen über Mitinhaftierte an die Vollzugsbeamten weiter geben, werden „rats and squealers“ genannt. Sie versprechen sich entweder eine bevorzugte Behandlung oder, falls sie anonym Informationen weitergeben, manipulieren sie Beamte oder Mitinhaftierte. Der „center man“ kooperiert ebenfalls freiwillig, aber servil mit den Bediensteten, deren Ansichten er übernommen und sich der Institution angepasst hat. Mit „wolves“, „punks“ and „fags“ bezeichnet Sykes Inhaftierte, die er als sexuell abweichend wahrnimmt. Der „wolf“ entlädt in der Haft mangels Alternativen im gleichgeschlechtlichen Sexualakt seine sexuellen Energien. Er wird von den Inhaftierten als aggressiv und männlich wahrgenommen. Im Gegensatz dazu stehen die „fags“, die als unterwürfig und feminin sowie auch als außerhalb der Haftanstalt homosexuell beschrieben werden und die „punks“, die sich aus Angst zu homosexuellen Handlungen zwingen lassen. Der „hipster“ (Schleimer) passt sich nicht wie der „center man“ an die institutionellen Regeln an, sondern an die der Insassengemeinschaft. Er täuscht Härte und Mut vor und versucht so, den Mächtigen nachzueifern und ihre Position zu erreichen. Der „real man“ geht augenscheinlich souverän mit der Haftsituation um. Er begegnet den Bediensteten weder mit Unterwürfigkeit noch mit Aggression. Der „real man“ kooperiert mit den Beamten im notwendigen Maß. Er fällt nicht durch Regelverstöße auf, verhält sich somit institutionell angepasst, zugleich zeigt er aber deutlich, dass er die Bedienste- 18 Auch in aktuellen Studien zu Gewalt im Gefängnis wird mit den verschiedenen sozialen Rollen der Inhaftierten argumentiert. Vgl. beispielsweise Smaus 1999; Edgar et al. 2003: 72. 19 Zum Verhältnis von Sprache und sozialer Wirklichkeit der vorliegenden Arbeit vgl. Kap. II.7.2. 23 ten ablehnt. Er genießt Ansehen und Bewunderung in der Inhaftiertengemeinschaft (vgl. Sykes 1958/1999: 84-108; Koesling 2001 & 2003). Die beschriebenen Rollen stehen alle in unterschiedlicher Ausprägung in Abhängigkeitsbeziehungen zueinander, allerdings beschreibt Sykes die Hierarchie in der Gefangenengemeinschaft eher implizit. Durch die rollenförmigen Verhaltensmuster der Inhaftierten besteht die Gefangenengemeinschaft jedoch aus einem starren Gefüge und einer klaren Hierarchie. Sykes entwirft mit der „map of the inmate social system“ (1958/1999: 84) ein detailliertes Bild der Inhaftiertengemeinschaft. Er betont, dass die Darstellung der Verhaltensmuster im Vergleich zur Realität stark vereinfacht ist, geht aber dennoch von folgendem Verständnis aus: Argot roles are in fact generalized behavioral tendencies and the playing of a particular role by a particular prisoner is often a matter of degree. Furthermore, some inmates may play one role in the industrial shops, let us say, and another role in the Wing. A prisoner may quickly assume one role on first entering the institution and then shift to another role at a later point in time. But this is simply to reaffirm that the patterns of behavior which I have described are social roles rather than personality traits and that we are interested in the behavior of inmates as a system of action rather than as a collection of individual characteristics. (Sykes 1958/1999: 106) In dem Zitat wird deutlich, dass Sykes das Verhalten der Inhaftierten mit der Übernahme von Rollen beschreibt, die je nach Ort und Zeit beliebig variieren können. Diese rollentheoretischen Überlegungen Sykes’ fallen deutlich hinter die Differenziertheit und Tiefe zurück, die bei der Beschreibung der „pains of imprisonment“ deutlich werden. Mechthild Bereswill verweist darauf, dass für Sykes auch die Erfahrung des Freiheitsentzugs mit dem Abstreifen vertrauter Rollen und der Übernahme einer neuen Rolle als Inhaftierter einhergeht (vgl. Bereswill 2004a: 93). Es wird deutlich, dass Sykes theoretisches Konzept keine biographischen Bezüge aufweist. Sykes leistet einen sehr fruchtbaren Beitrag für die Analyse der Gefangenengemeinschaft mit einer auffälligen Aktualität seiner Ergebnisse. Für die eigene Untersuchung ist jedoch die Diskrepanz zwischen seinen theoretischen Vorannahmen und empirischen Ergebnissen entscheidend: Sykes theoretischer Blick ist eindeutig strukturfunktionalistisch geprägt, in seiner empirischen Arbeit lässt er sich hingegen offen auf die widersprüchlichen, schmerz- und konflikthaften Erfahrungen der Inhaftierten ein.20 Für diese Widersprüche und Konflikte ist in seinem Theoriegebäude kein Platz, und er baut es auch nicht empiriegeleitet um. Sykes selbst betont in seinen kurzen Ausführungen zur Methode jedoch, wie fruchtbar die Analyse der Widersprüche ist: „One learns not to look for the one, true version; instead, one becomes attuned to contradiction.“ (1958/1999: 136) Allerdings bezieht er sich auf Widersprüche zwischen verschiedenen Perspektiven, beispielsweise der Beamten und Inhaftierten, und nicht auf die Widersprüche, die sich in einer Erzählung zeigen und die in der vorliegenden Arbeit in den Blick genommen werden. 20 Für eine ausführliche Herleitung dieses Arguments vgl. Bereswill 2004a. 24 Die Diskrepanz zwischen Sykes’ theoretischen Annahmen und seinen empirischen Ergebnissen beeinflussen auch seinen Blick auf die Bedeutung von Gewalt: Er betont ihre hohe Bedeutung für die Stabilisierung der sozialen Ordnung im Gefängnis.21 Alle Inhaftierten müssen sich zu Gewalt verhalten und die Inhaftierten können sich nie sicher fühlen. Gewalt ist Bestandteil der sozialen Rolle, die die Inhaftierten annehmen, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Laut Sykes hängt die Herausbildung einer gewaltförmigen Subkultur mit den pains of imprisonment zusammen. Die Inhaftiertengemeinschaft mit ihren gewalttätigen Verhaltensmustern ist die Antwort der Inhaftierten auf die Deprivation. Damit liegt die Entstehung von Gewalt im Gefängnis für ihn in der Struktur der Institution begründet, zugleich ist sie eng verknüpft mit dem, was Sykes als Konsequenz der Deprivation beschreibt: „a threat or an attack at a deep psychological level“ (1958/1999: 131). Was heißt das für die Überlegungen zu Gewalt im Gefängnis? Sykes lenkt den Blick „auf die psychosozialen Verarbeitungsmuster des Freiheitsentzugs, ohne dass er diese Muster einseitig psychologisiert oder individualisiert“ (Bereswill 2004a: 94). Er formuliert somit inspirierende Gedanken für die eigene Forschung, die er jedoch nicht theoretisch rückbindet. Mit dem Rollenkonzept, auf das sich Sykes bezieht und das auf Parsons (1951/1964) zurück geht, lassen sich die widersprüchlichen und konflikthaften Erfahrungen des Freiheitsentzugs nicht erfassen. Parsons (1951/1964) bezieht sich nicht auf das tatsächliche Handeln der Akteure, sondern auf die Erwartungen, die die Akteure an das Handeln der anderen haben. Wird der einzelne Akteur betrachtet, so ist festzuhalten, dass eine soziale Rolle immer nur einen Ausschnitt des gesamten Orientierungs- und Handlungssystems eines Akteurs bezeichnet, einen Ausschnitt, der sich auf einen spezifischen Interaktionskontext bezieht. Die Individuen spielen immer viele soziale Rollen, die in unterschiedlichen Kontexten abgerufen werden. Das bedeutet, dass ein Akteur als ein Bündel von Rollen beschrieben werden kann, die jeweils in unterschiedlichen Situationen realisiert werden. Die Rollen und Rollenbündel dürfen nach Parsons nicht als Eigenschaften des Akteurs gesehen werden, sondern sie sind Einheiten des sozialen Systems zu dessen Aufrechterhaltung sie dienen (vgl. Krais & Gebauer 2002: 68). Mit dem Rollenverhalten ist somit implizit ein bestimmtes Verständnis von sozialem Handeln verbunden: es reduziert das Handeln der Subjekte auf ein am Zweck- Mittel-Schema orientiertes Modell von Rationalität: „Die Rolle unterstellt bewusstes >Wissen< der Interaktionspartner um die Erwartungen der jeweils anderen ebenso wie Rationalität des Rollenhandelns in Bezug auf die jeweiligen funktionalen Erfordernisse.“ (Krais & Gebauer 2002: 79)22 Das folgende Zitat Sykes zu Gewalt im Gefängnis steht im Kontext dieser kurzen theoretischen Ausführungen zum Rollenkonzept: 21 Bottoms (1999) stellt drei Beziehungszusammenhänge zwischen Gewalt und sozialer Ordnung dar: violence as a disruption, violence as a regulator, violence as a convention. Bosworth (1999) erweitert diesen Gedanken um einen vierten Zusammenhang: Gewalt als Rebellion gegen eine auferlegte Ordnung. 22 Für eine ausführliche Kritik an der Rollentheorie vgl. Krais & Gebauer 2002: 65-81. 25 For the inmates of the NewJersey State Prison, however, violence is a familiar companion rather than a rare breach in social relationships and they are keenly aware of its different meanings. The prisoners draw a firm line between violence which stems from ‚real’ courage and violence which is part of a pattern of braggadocio. (Sykes 1958/1999: 104) Neben der Allgegenwärtigkeit von Gewalt im Gefängnis zeigt sich in diesem Zitat folgendes interessante Argument: Sykes betont, dass den Inhaftierten die unterschiedliche Bedeutung von Gewalt bewusst ist, und sie genau differenzieren zwischen Gewalt aus Mut oder Prahlerei. Aus dieser Perspektive erscheint das Verhalten der Inhaftierten genau einschätzbar, was Gewalt im Gefängnis einen Teil der Bedrohlichkeit nehmen würde. Die Übernahme der Rollen scheint nach Sykes glatt und reibungslos zu funktionieren. Die Dynamik der Inhaftiertengemeinschaft und die Uneindeutigkeiten gehen darin verloren. Die Struktur der Inhaftiertengemeinschaft wirkt klar hierarchisch und starr und die „Widersprüche innerhalb der Inhaftiertenrolle bleiben daher in seinem Landkartenmodell unbesehen“ (Koesling 2003: 113). Diese Lücke steht im Widerspruch zu seiner sonst sehr detaillierten Beschreibung. Für die vorliegende Arbeit bedeutet dies, den Kontext von Gewalt, die geschlossene Institution, die gewaltförmig strukturiert ist, und in der sich alle Inhaftierten zu Gewalt verhalten müssen, in den Blick zu nehmen. Zugleich werden die konflikthaften und oftmals widersprüchlichen Erfahrungen von Gewalt im Gefängnis betrachtet, die Sykes in seiner empirischen Arbeit zu den Erfahrungen und der Bewältigung einer Inhaftierung aufspürt. Durch diesen Zugang gerät die strukturtheoretische Perspektive ins Wanken und die Frage wie das Verhältnis von Struktur und Handlung sowie Institution und Subjekt zueinander vermittelt gedacht werden kann, stellt sich. Um die Dynamik in der Inhaftiertengemeinschaft zu erfassen, erscheint es fruchtbarer, im übertragenen Sinn auf ein Gesellschaftsmodell zurückzugreifen, das stärker, vor allem auch horizontal, differenziert ist. 2. Bourdieus Konzept des sozialen Raums und des Habitus – ein vermitteltes Modell von Struktur und Handeln Bourdieu knüpft in seiner Theorie an die Vorstellung der Soziologie als Sozialtopologie an und beschreibt den sozialen Raum zunächst analog einer Landkarte (vgl. Bourdieu 1982: 277), ähnlich wie Sykes die Gefangenengemeinschaft als „map of the inmate social system“ (1958/1999: 84) beschreibt. Der soziale Raum besitzt, wie der geographische, eine Struktur – eine gesellschaftliche Topologie (vgl. Bourdieu 1992: 35). Während Sykes jedoch die Hierarchien starr und eher implizit beschreibt, existiert für Bourdieu ein entscheidender Unterschied zwischen dem gesellschaftlichen und dem geographischen Raum und somit im übertragenen Sinn auch zwischen seiner und Sykes’ Vorstellung von Gesellschaft: Es existiert ein Raum, der starke Zwänge ausübt, der allerdings nicht statisch ist. Die Menschen sind, ausgehend von ihrer Stellung im sozialen Raum, in einen fortwährenden Kampf untereinander um

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Zusammenfassung

Zwischen Männlichkeit und Gewalt wird sowohl in den kollektiven Deutungsmustern junger Männer als auch in vielen wissenschaftlichen Ansätzen der Jugendgewalt- und Männlichkeitsforschung ein direkter Zusammenhang vorausgesetzt.

In der vorliegenden Studie werden kollektive Deutungsmuster von Gewalt in Beziehung gesetzt zu der subjektiven Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen. Unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn? Dieser Frage wird anhand fünf biographischer Fallinterpretationen auf Basis qualitativer Längsschnittinterviews mit inhaftierten jungen Männern nachgegegangen.

Das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht wird aus einer soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive untersucht. Dabei rücken die Opfer-Täter-Ambivalenzen von Gewalthandeln in den Blick. Es zeigt sich eine enge Verbindung zwischen der Bedeutung von Gewalt und den biographischen Konflikterfahrungen junger Männer: Gewalt steht in enger Beziehung zu ihren Autonomiekonflikten und ein komplexes und vielschichtiges Verhältnis zwischen Autonomie, Geschlecht und Gewalt wird sichtbar.