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Anke Neuber, Einleitung in:

Anke Neuber

Die Demonstration kein Opfer zu sein, page 9 - 17

Biographische Fallstudien zu Gewalt und Männlichkeitskonflikten

1. Edition 2008, ISBN print: 978-3-8329-4056-0, ISBN online: 978-3-8452-1251-7 https://doi.org/10.5771/9783845212517

Series: Interdisziplinäre Beiträge zur Kriminologischen Forschung, vol. 35

Bibliographic information
9 Einleitung Gewalt: Mhd. gewalt, ahd. [gi]walt, niederl. geweld, aengl. [ge]weald, schwed. våld gehören zu dem unter ?walten behandelten Verb. Von ‚Gewalt’ abgeleitet ist gewaltig „mächtig, außerordentlich groß oder stark“ (mhd. gewaltec, ahd. giwaltig), dazu gewältigen veraltet für „in seine Gewalt bringen; mit etwas fertig werden“ (mhd. geweltigen), das seit dem 15. Jh. allmählich durch bewältigen (eigentlich „sich einer Sache gewaltig zeigen“) und durch überwältigen verdrängt wurde. (aus: Duden Etymologie 1989, Herv. im Orig.) Der Blick auf die etymologische Abstammung von Gewalt macht zweierlei deutlich: Zum einen wird durch den Bezug zum Verb walten1 die ursprünglich neutrale bis positive Begriffsdefinition sichtbar, die sich in Begriffen wie gewaltige Anstrengung, aber auch Gewaltmonopol und Gewaltenteilung (des Staates) zeigt. Im heutigen Sprachgebrauch ist Gewalt mit Bezug zu Begriffen wie Gewalttat, Gewaltverbrechen oder Gewaltverherrlichung negativ konnotiert. Zum anderen ist für die vorliegende Arbeit jedoch die Ableitung „gewältigen“ eine inspirierende Perspektive, um die Bedeutung von Gewalt inhaftierter junger Männer zu erforschen. Sie verweist auf die Nähe zwischen „in seine Gewalt bringen“ und „mit etwas fertig werden“, zwischen überwältigen und bewältigen. Die Wortherkunft von Gewalt lässt sich somit in zwei Richtungen lesen: Jemanden in seine Gewalt bringen oder überwältigen, die nach außen gerichtete Perspektive und etwas bewältigen oder von etwas überwältigt sein, die nach innen gerichtete Perspektive. Diese doppelte Perspektive ist fruchtbar, wenn der Blick auf die subjektive Bedeutung von Gewalt gelenkt wird, weil sie nach der Konflikthaftigkeit von Gewalt fragen lässt. In der vorliegenden Arbeit steht somit nicht die Betrachtung von Gewalthandeln im Vordergrund, das in der öffentlichen Debatte mit klaren Vorstellungen von Tätern und Opfern einhergeht, sondern es wird nach der subjektiven Bedeutung von Gewalt vor dem Hintergrund biographischer Konflikterfahrungen gefragt. Der subjektiven Bedeutung von Gewalt wird in der vorliegenden Arbeit am Beispiel des Gefängnisses oder präziser des Jugendstrafvollzugs nachgegangen. Datengrundlage bilden 30 Längsschnittinterviews, die im Rahmen von zwei aufeinander 1 Walten = „stark sein, beherrschen“. Bildungen zum Verb walten sind die unter Anwalt und Gewalt behandelten Wörter. Präfixbildung: verwalten „ordnungsgemäß führen, betreuen, in Ordnung halten“ (vgl. Duden Etymologie 1989). 10 folgenden qualitativen Längsschnittuntersuchungen mit inhaftierten jungen Männern („Gefängnis und die Folgen“, gefördert durch die VolkswagenStiftung und „Labile Übergänge“, gefördert durch die Stiftung Deutsche Jugendmarke) des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V. (KFN) erhoben wurden (vgl. Kap. II.6 sowie Bereswill 1999, 2003b). Im Mittelpunkt des Projekts „Gefängnis und die Folgen“ stand die Frage nach der biographischen Verarbeitung einer Freiheitsstrafe. Gewalt im Gefängnis war nicht explizit Gegenstand der Interviewerhebungen, stellte sich jedoch schnell als ein zentrales Thema in den Interviewerzählungen der jungen Männer heraus. In der vorliegenden Arbeit wird der Fokus ausschließlich auf Gewalt zwischen Inhaftierten und nicht auf Gewalt zwischen Vollzugsbeamten und Inhaftierten gelegt.2 Die Bediensteten der Anstalt werden in der Analyse dann berücksichtigt, wenn sie aus Sicht der jungen Männer im Kontext von Gewalt eine Bedeutung haben. Darüber hinaus werden nicht explizit Gewalttäter untersucht, sondern der Fokus der vorliegenden Arbeit liegt auf der alltäglichen Gewalt im Strafvollzug. Die Interviewerzählungen ermöglichen „Innenansichten aus dem Knast“ (Kersten & von Wolffersdorff-Ehlert 1980), das heißt Einblicke aus Sicht junger Inhaftierter in die geschlossene Institution. Die Stimmen von Jugendlichen und Heranwachsenden in den Mittelpunkt einer Untersuchung zu rücken, macht die Vielschichtigkeit und Komplexität ihrer Erfahrungen sichtbar und erweitert die Perspektive auf Gewalt (vgl. Powell 2003: 198). Gewalt junger Männer wird in der vorliegenden Arbeit als Phänomen aufgefasst, das im geschlossenen und homosozialen Raum des Gefängnisses eine Zuspitzung erfährt und das aus einer grundlegend geschlechtsbezogenen Perspektive betrachtet wird. Darüber hinaus hat sich bei der theoretischen Beschäftigung mit Gewalt im Gefängnis aus einem soziologischen Blickwinkel eine weitere zentrale Frage entwickelt: Die Frage nach dem Verhältnis von Struktur und Handeln, von Institution und Subjekt, die beim Betrachten der geschlossenen Institution virulent wird, und die sich wie ein roter Faden durch die theoretischen Erklärungsmodelle zu Gewalt im Gefängnis zieht. Diese Theorieperspektive war in der vorliegenden Arbeit zunächst nicht intendiert, sie ist jedoch für die Beschäftigung mit den Themengebieten der Arbeit – Gefängnis, Geschlecht, Gewalt und methodische und methodologische Zugänge – ein erkenntnisbringender Blickwinkel. Dieser theoretische Blickwinkel ermöglicht über die spezialisierte Fragestellung der Arbeit hinaus, Impulse für allgemeine Überlegungen zum Verhältnis von Institution und Subjekt, von Struktur und Handeln zu ziehen. Auf das Thema der vorliegenden Arbeit zugespitzt lässt sich fragen, wie (Geschlechts)orientierungen mit institutionellen Vorgaben zusammen hängen. Die Bedeutung von Gewalt im Gefängnis wird im theoretischen Teil der Arbeit vor dem Hintergrund des Verhältnisses von Struktur und Handeln ausführlich diskutiert. Im empirischen Teil der Arbeit wird anhand 2 Viele Untersuchungen zu Gewalt im Strafvollzug legen den Fokus auf Gewalt der Insassen gegenüber den Aufsichtsbeamten. Eine Fragestellung, die der klassischen Täter-Opfer- Dichotomie entspricht. Allerdings besteht das eigentliche Gewaltproblem im Strafvollzug zwischen den Inhaftierten (vgl. Bottoms 1999; Kury & Brandenstein 2002: 23; Kury & Smartt 2002: 325). 11 von 30 Längsschnittinterviews nach der subjektiven und biographischen Bedeutung von Gewalt gefragt. Beide Perspektiven, die theoretische und die empirische, greifen einerseits existierende Erkenntnisse der Gefängnis- und Männlichkeitsforschung auf, gehen aber andererseits darüber hinaus, indem eine subjektorientierte und biographische Perspektive eingenommen wird. Zur Einführung in das Thema Gewalt im Gefängnis und den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt wird im Folgenden ein kurzer Überblick über beide Forschungsfelder gegeben. Im Anschluss daran werden die eigene Untersuchungsperspektive und der Aufbau der Arbeit vorgestellt. Empirische Studien zu Gewalt im Gefängnis Auf die hohe Bedeutung von Gewalt in der geschlossenen Institution Gefängnis weisen Gefängnisstudien aus verschiedenen Zeiträumen hin (vgl. Sykes 1958/1999; Harbordt 1972; Goffman 1973; Kersten & von Wolffersdorff-Ehlert 1980). Die wenigen Studien, die sich auf Inhaftierte im Jugendstrafvollzug beziehen, betonen, dass besonders in Jugendhaftanstalten körperliche Gewalt, psychologische Einschüchterung und permanente Unterdrückung zwischen Gefangenen den Rahmen bilden, in dem tägliche Entscheidungen getroffen werden und Kontrolle über andere ausgeübt wird (vgl. Bowker 1980; Sim 1994:103; Kury & Smartt 2002; Bereswill 2002, 2003a+b, 2006; KrimD NRW 2006; Neuber 2007a, 2008). Gewalthandeln in einer „totalen Institution“ (Goffman 1973) wie dem Gefängnis ist besonders wirksam, da ein Ausweichen kaum möglich ist, und die inhaftierten jungen Männer sich schwer zurück ziehen können. Auffällig ist, dass in der wissenschaftlichen Diskussion, aber auch durch die Akteure selbst, eine eindeutige Täter-Opfer-Dichotomie konstruiert wird. In der geschlossenen Institution werden jedoch die Überschneidungen der Täter-Opfer-Positionen deutlich sichtbar und es zeigt sich, dass für die Betrachtung der Bedeutung von Gewalt im Gefängnis eine eindeutige Täter-Opfer- Dichotomie zu kurz greift. Darüber hinaus wird durch die gewaltförmige Dynamik im Jugendstrafvollzug die Spannung zwischen der Lebensphase Adoleszenz und der Geschlossenheit der Institution besonders deutlich. Im Jugendstrafvollzug prallen zwei gänzlich entgegengesetzte Dynamiken aufeinander: Einerseits die Adoleszenz als eine Phase, die durch Auseinandersetzungen mit sich selbst und anderen, mit Ablösungs- und Autonomiekonflikten verbunden ist, andererseits die Geschlossenheit der Institution mit ihren rigiden Strukturen, die die Entscheidungsfreiheit und Autonomie der Inhaftierten sowie den Kontakt zu Bezugspersonen fast gänzlich einschränkt (vgl. Koesling 2008). Diese gegenläufige Dynamik kann innere Konflikte hervorrufen und Adoleszenzkonflikte zuspitzen (Bereswill 2004a). Eine der ersten qualitativen Untersuchungen zum bundesdeutschen Jugendstrafvollzug, die sich mit der Inhaftiertengemeinschaft beschäftigt, stellt die Studie „Innenansichten aus dem Knast“ von Joachim Kersten und Christian von Wolffersdorff-Ehlert aus dem Jahr 1980 dar. Sie gewähren durch ihre Gruppengespräche mit Jugendlichen in bayerischen Jugendhaftanstalten umfangreiche und detaillierte Ein- 12 blicke in das Erleben des Haftalltags Jugendlicher. Die Autoren weisen darauf hin, dass Gewalthandeln inhaftierter junger Männer keine Abbildung psychischer Dispositionen darstellt und somit eine Psychologisierung von Gewalt zu kurz greife. Kersten und Wolffersdorff-Ehlert betrachten Gewalthandeln im Kontext der Ökonomie in der Gefangenengemeinschaft. Durch die künstliche Verknappung werden Abhängigkeiten und Konkurrenzen unter den Gefangenen geschaffen. Dies sei der „Boden für die Ritualisierung der Gewalt“ (1980: 193). Die Tauschgeschäfte der Inhaftiertengemeinschaft betrachten die Autoren von verschiedenen Seiten – als „Regelung ihrer materiellen und ihrer sozialen Austauschverhältnisse“ (1980: 193, Herv. im Orig.). Darüber hinaus weisen sie auf einen wichtigen Punkt für die Gefängnisforschung hin, indem sie an die banalen Alltäglichkeiten und basalen Bedürfnisse der Gefangenen erinnern, die oftmals in sozialwissenschaftlichen Beschreibungen der geschlossenen Institution verloren gehen. Es wird meist eine „Marionettenwelt“ in Form von Handlungstypen mit faszinierenden und komplizierten Spielregeln (Kersten & Wolffersdorff-Ehlert 1980: 205) beschrieben, hinter denen die konkreten Erfahrungen der Subjekte verschwinden. Helmut Kury und Ursula Smartt (2002) untersuchen den Jugendstrafvollzug aus einer viktimologischen Perspektive und plädieren dafür, Männer und männliche Strafgefangene auch als Opfer zu sehen. Sie betrachten neben körperlicher und psychischer Gewalt vor allem sexuelle Gewalt und belegen die hohe Viktimisierungsrate im Gefängnis. Die Perspektive auf Männer als Opfer lenkt den Blick auf Geschlecht: Mit Bezug auf Vergewaltigungen im Gefängnis gehen Helmut Kury und Martin Brandenstein (2002) davon aus, dass im Gefängnis aufgrund der herrschenden Gewaltverhältnisse „die gewalttätige Schlagseite herrschender Männeridentität offen und krass zu Tage“ (2002: 23) tritt. Diese Annahme impliziert jedoch eine unmittelbare Verschränkung von Gewalt und Geschlecht. Einen gruppentheoretischen Blick auf die Inhaftiertengemeinschaft und ihre Dynamik nehmen Wolfgang Kühnel, Kathy Hiebe und Julia Tölke (2005) ein. Sie gehen davon aus, dass für die Inhaftierten die sozialen Beziehungen zu Mitinhaftierten am bedeutendsten sind. Bei der Inhaftiertengemeinschaft handelt es sich um eine Zwangsgemeinschaft und das soziale System Gefängnis wird durch die institutionellen Regeln geformt, entsteht aber vor allem durch die informelle soziale Ordnung der Inhaftiertengemeinschaft. In der Längsschnittuntersuchung „Gefängnis und die Folgen“, deren qualitativer Teil den Rahmen der vorliegenden Arbeit bildet, wird ebenfalls auf die hohe Bedeutung von Gewalt in Jugendhaftanstalten hingewiesen. Innerhalb der Inhaftiertengruppe werden durch Gewalt Positionen in der Gefangenenhierarchie erkämpft. Gewalt dient im Gefängnis als Mittel zu positionieren und positioniert zu werden (vgl. Bereswill 1999, 2002, 2003a+b, 2006a; Neuber 2003, 2007a, 2008; Hosser & Raddatz 2005). Allerdings wird zum Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt eine Perspektive eingenommen, die die Beziehung zwischen Gewalt und Geschlecht nicht unmittelbar voraussetzt. Mit Blick auf die biographischen Dimensionen von Gewalt argumentiert Mechthild Bereswill: 13 Auch wenn Gewalt im Gefängnis eine enge und kontextabhängige Verbindung zu den Männlichkeitsidealen des Einzelnen aufweist, ist ihre subjektive, biographische Bedeutung vielschichtiger und geht nicht in Bildern von Mann-Sein, Mann-Werden oder in Zuschreibungen von Geschlechterdifferenz auf. Die biographische Bedeutung von Gewalt überschreitet somit diejenige von Geschlecht und umgekehrt. (Bereswill 2003b: 209) Eine ebenfalls biographische Perspektive auf den Zusammenhang zwischen Männlichkeit, Rassismus und Kriminalisierung bei inhaftierten jugendlichen Migranten nimmt Susanne Spindler (2006) ein. Sie leistet einen wertvollen Beitrag, die Verschränkung von Ungleichheitslagen wie Geschlecht und Ethnizität am Beispiel des Gefängnisses zu untersuchen. Spindler geht davon aus, dass sich im Gefängnis spezifische Problemlagen und Abhängigkeiten verdichten und Gewalt sich mehrdimensional zeigt (vgl. Spindler 2006: 310). Das Gefängnis stelle als System durch verschiedene Formen der Gewalt Ordnung her und die Inhaftierten produzieren auf der untersten Ebene Hierarchien. „Diese Hierarchisierung wird oft mit Hilfe überkommener männlicher Mittel ausgetragen, z.B. in gewalttätigen Auseinandersetzungen.“ (Spindler 2006: 273) Spindler nimmt somit einen vergeschlechtlichen Blick auf Gewalt ein und betont darüber hinaus, dass die Institution Gefängnis selbst geschlechtlicht verfasst ist. Das Gefängnis mache enge Vorgaben für das alltägliche doing gender der Beteiligten (vgl. Spindler 2006: 311). Spindler weist somit darauf hin, bei einer geschlechtsbezogenen Analyse sowohl die institutionelle als auch die subjektive Ebene mit einzubeziehen. Einen systematischen Überblick über Gewalt im Gefängnis bietet die quantitative Untersuchung des Kriminologischen Dienstes Nordrhein-Westfalen (NRW) zum Thema „Gewalt unter Gefangenen im Strafvollzug des Landes NRW“. Grundlage der Hellfeldstudie sind Personalakten von Inhaftierten, die im Strafvollzug NRW mit Gewaltakten gegen Mitgefangene auffällig geworden sind.3 Diese täterorientierte Zugangsweise beschreibt Gewalttaten im Vollzug und erklärt sie nicht. In der Studie werden Parallelen zu Gewalttaten außerhalb der Haftanstalten aufgezeigt: Die registrierten Gewalttaten unter Gefangenen sind mehrheitlich Tätlichkeiten und Körperverletzungsdelikte, die Ähnlichkeiten zu Gewaltdelikten an Schulen aufweisen (vgl. KrimD NRW 2006: 10). Insofern sei Gewalthandeln im Gefängnis kein isoliertes und spezielles Problem des Strafvollzugs. Gewalt unter Gefangenen ist überwiegend ein situatives Phänomen, das meist nicht geplant ist (vgl. KrimD NRW 2006: 11). Die Untersuchung bezieht sich ausschließlich auf den Strafvollzug für Männer und männliche Jugendliche, ohne dies explizit zu benennen. Eine vergleichbare Studie im Frauenvollzug wäre sehr interessant und aufschlussreich, besonders im Vergleich zu der Gruppe der Männer. Im englischsprachigen Raum stellt die Studie „Prison violence“ von Kimmett Edgar, Ian O'Donnell & Carol Martin (2003) eine umfangreiche und detaillierte Untersuchung dar, die Gewalt im Gefängnis aus einer vergleichenden Perspektive zwischen einer Frauenhaftanstalt und Männerhaftanstalten sowie zwischen dem Er- 3 Allerdings werden nicht nur strafrechtlich verfolgte Delikte, sondern auch Delikte, die disziplinarisch geahndet wurden, untersucht (vgl. KrimD NRW 2006: 8). 14 wachsenenvollzug und Jugendhaftanstalten betrachtet. Geschlecht stellt allerdings keine systematische Kategorie der Untersuchung dar. Die deskriptiven Ergebnisse, die mit einer Mischung aus quantitativen und qualitativen Methoden erhoben sind, leisten einen differenzierten Beitrag für die Beschäftigung mit Gewalt im Gefängnis und weisen Überschneidungen zu anderen Untersuchungen auf. Der kurze Überblick über die empirische Forschung zu Gewalt im Gefängnis zeigt, dass die subjektive Bedeutung von Gewalt aus einer biographischen Perspektive nicht in den Blick genommen wird.4 Mehrheitlich liegt den Analysen keine geschlechtsbezogene Perspektive zugrunde und der Zusammenhang von Gewalt und Geschlecht bleibt meist offen. Wird der Blick über die Gefängnismauern hinaus gerichtet, ist eine Annäherung an den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt aus zwei soziologischen Theorieperspektiven möglich: aus Perspektive der Gewaltforschung und aus der der Männlichkeitsforschung. Soziologische Perspektiven auf den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt In der Gewaltforschung5 werden mehrheitlich die Ursachen von Gewalt in den Blick genommen (Sutterlüty 2004). Gewalt wird als Mittel begriffen, einen bestimmten Zweck zu erreichen, wobei die Handlungssituation dabei unberücksichtigt bleibt. Ist Gewalt rational? Diese Frage stellt sich Ferdinand Sutterlüty und diskutiert die „rationalistisch verengten Handlungstheorien“ (2004: 102), die vielen Gewaltansätzen der Soziologie zugrunde liegen, kritisch.6 In den Theorien rationalen Handelns wird Subjekten ausschließlich rationales Verhalten zugeschrieben. Dies stellt Sutterlüty in Frage und fordert eine Analyse von Gewalt, die über die gängige Vorstellung hinausgeht, „dass Täter Gewalt immer zur Erreichung eines bestimmten – utilitaristischen oder normativ motivierten – Zieles einsetzen“ (2004: 102). Dies bestätigt auch die Studie des Kriminologischen Dienstes NRW, die darauf verweist, dass Gewalt im Gefängnis meist situativ entsteht und nicht geplant ist. Jenseits des engen Blicks auf die Rationalität von Gewalthandeln weisen die soziologischen Gewalttheorien jedoch eine Leerstelle auf: In der Gewaltforschung wird selten eine Geschlechterperspektive auf das Phänomen Gewalt eingenommen oder es wird sich lediglich deskriptiv auf Geschlecht bezogen. Joe Sim, der über Männlichkeit und Gewalt im Gefängnis forscht, fasst dies pointiert zusammen: „they [the studies; A.N.] have concentrated on men as prisoners rather than prisoners as men“ (1994: 101, Herv. im Orig.). Meist wird Gewalt mit jungen Männern assozi- 4 Ausnahmen bilden die Untersuchungen von Ferdinand Sutterlüty (2002), der Gewalthandeln aus einer biographischen Perspektive betrachtet sowie die Studie von Detlef Pech (2002), der ebenfalls mit einem biographischen Zugang den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt außerhalb des Gefängnisses beleuchtet. 5 Für einen Überblick über den Forschungsstand der soziologischen Gewaltforschung vgl. von Trotha 1997. 6 Zu einer ebenfalls kritischen Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen, die auch den Anti- Gewalttrainings zugrunde liegen, vgl. Neuber 2007a. 15 iert, ohne dies explizit zu benennen. Auf die Analyse von Gewalt bezogen zeigt sich einerseits eine erstaunliche Präsenz von Ansätzen, die die Geschlechtsunterschiede zwischen Männern und Frauen bezüglich Gewalthandeln betonen und andererseits eine bemerkenswerte Abwesenheit einer systematischen geschlechtsbezogenen Perspektive. Eine grundlegend geschlechtsbezogene Perspektive findet sich meist in Ansätzen zum Zusammenhang von Gewalthandeln von Männern gegen Frauen. Die Tatsache, dass Männer bei Gewaltdelikten als Täter und Opfer involviert sind, blieb lange Zeit unberücksichtigt (vgl. Kersten 1997b). Schon der Blick auf die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) macht jedoch deutlich, dass männliche Jugendliche und Heranwachsende nicht nur auf Seiten der Tatverdächtigen in der Überzahl sind, sondern auch auf Seiten der Opfer7. In der vorliegenden Arbeit hingegen wird die homosoziale Dimension von Gewalt in den Blick gerückt und Männergewalt gegen Männer aus einer geschlechtsbezogenen Perspektive betrachtet. Dies ist eine weitgehende Leerstelle in der soziologischen und kriminologischen Diskussion und das Verhältnis von Devianz und Geschlecht ist bisher ein wenig erforschtes Gebiet. Der Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt wird in der Männlichkeitsforschung häufig mit Bezug zu Raewyn Connells8 Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ und Pierre Bourdieus Konzept des „vergeschlechtlichen Habitus“ untersucht. Dabei werden diese beiden gesellschaftstheoretischen Ansätze meist handlungstheoretisch gewendet und der Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt wird mit dem ethnomethodologischen Konzept des doing gender (West & Zimmerman 1987; Gildemeister & Wetterer 1992/1995) betrachtet. Gewalt ist aus diesem Blickwinkel „doing masculinity“ (Meuser 2003), eine „masculine resource“ (Messerschmidt 2000) oder „Bewältigung von Geschlecht“ (Kersten 1997a). Aus dieser Perspektive werden Gewalt und Geschlecht somit miteinander erklärt. Die subjektive Bedeutung von Gewalt junger Männer In der vorliegenden Arbeit werden dagegen die subjektiven Erfahrungen der jungen Männer und die biographische Bedeutung von Gewalt betrachtet. Dabei wird der These nachgegangen, dass Gewalt weniger Darstellung von Männlichkeit ist, sondern vielmehr einem biographischen Eigensinn unterliegt. Die Betrachtung des Verhältnisses zwischen Männlichkeit und Gewalt erfolgt auf zwei Ebenen: Zum einen wird nach den kollektiven Deutungsmustern von Gewalt und den subjektiven Strategien in ihrem Umgang geforscht, die die jungen Männer in dem spezifischen Kon- 7 Auf die Gruppe der Jugendlichen und Heranwachsenden (14 bis unter 21 Jahre) bezogen, beträgt der Anteil an der männlichen Tatverdächtigen an den Tatverdächtigen insgesamt 87% und der Anteil der männlichen Opfer an den Opfern insgesamt 77% (Quelle: Bundeskriminalamt, PKS 2005, PKS-Schlüssel 8920). 8 Die Publikationen, auf die sich in der vorliegenden Arbeit bezogen wird, hat die australische Soziologin als Robert W. Connell veröffentlicht. 16 text, der Institution Gefängnis, artikulieren. Zugleich wird anhand von fünf biographischen Fallinterpretationen im Längsschnitt die subjektive Bedeutung von Gewalt im Gefängnis in Beziehung zu den biographischen Selbstdeutungen der jungen Männer gesetzt. Diese beiden Ebenen erfordern einen theoretisch und methodisch differenzierten Zugang. Mit Bezugnahme auf zentrale Ergebnisse der Forschung wird in der vorliegenden Arbeit durch eine biographische und subjektorientierte9 Perspektive die Konflikthaftigkeit von Gewalt junger Männer untersucht. Damit interessiert besonders, wie in dem latenten Sinn von Gewalt in den Interviewerzählungen gesellschaftliche Bedingungen und individuelle Erfahrungen sichtbar werden. In Anlehnung an eine kritische Geschlechterforschung wird die Verwobenheit von hegemonialen Männlichkeitsentwürfen mit der subjektiven Aneignung von Geschlecht reflektiert und stereotype Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit werden hinterfragt, statt sie zu reproduzieren (vgl. Bereswill & Ehlert 1996). Beim Thema Gewalt aus einer Geschlechterperspektive zeigen sich die dichotomen Vorstellungen von Geschlecht und dem Verhältnis von Devianz und Geschlecht besonders deutlich: Weiblichkeit wird mit dem Opferstatus und Gewaltabstinenz assoziiert, Männlichkeit ist eng verknüpft mit Täterschaft und Gewaltbereitschaft. Die Perspektive auf Geschlecht, die in diesem Beitrag eingenommen wird, lehnt sich an Überlegungen von Mechthild Bereswill an und nimmt die oftmals widersprüchlichen „Identifikationen und Abgrenzungen mit anderen Menschen, Kontexten und symbolischen Bedeutungen“ (2006b: 53) in den Blick, was sowohl bewusste als auch unbewusste Vorgänge beinhaltet. In den Selbstentwürfen der jungen Männer wird somit den inneren Konflikten, Brüchen und Widersprüchen nachgespürt, um auf diesem Weg Erkenntnisse über die subjektiven Sichtweisen und Strategien der jungen Männer bezüglich Gewalt zu erzielen und diese im Kontext gesellschaftlicher Ungleichzeitigkeiten zu beleuchten. Die Stärke des Zugangs zu Geschlecht (aber auch Gewalt) über Ambivalenzen und Brüche liegt darin, die dichotomen Denkfiguren aufzuheben. Eine differenzierte Untersuchungsperspektive erfordert überdies, den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt zu entschlüsseln und „das Primat der Kategorie Geschlecht zu hinterfragen“ (vgl. Bereswill & Ehlert 1996: 20). Diese differenzierten theoretischen Annahmen spiegeln sich im methodischen Vorgehen wieder: Die 30 Interviews zu den Hafterfahrungen werden in Anlehnung an das Kodieren der Grounded Theory (Glaser & Strauss 1998) ausgewertet und die kollektiven Deutungsmuster zu Gewalt im Gefängnis und die subjektiven Strategien im Umgang mit Gewalt herausgearbeitet. Die tiefergehende Betrachtung der Interviewerzählungen erfolgt anhand biographischer Interviews. Es werden ausgewählte 9 Dieser Perspektive liegt ein psychodynamisch orientiertes Verständnis vom Subjekt als komplexem und konflikthaftem Gefüge zugrunde, „in dem sich unbewusste und bewusste Identifizierungen und Introjekte mit außerpersonalen Erfahrungen der Weltaneignung überschneiden“ (vgl. Bereswill & Ehlert 1996: 24). Das bedeutet, dass Handeln nicht nur auf einer bewussten Ebene geschieht, sondern dass auch unbewusste Einflüsse auf das Handeln wirken. 17 Textstellen der biographischen Interviews in Anlehnung an die objektive Hermeneutik und Tiefenhermeneutik interpretiert (vgl. Kap. II.7.2), um zu erforschen, wie die Bedeutung von Gewalt sich ins Verhältnis zu biographischen Konflikterfahrungen setzen lässt, und wo es Brüche gibt. Durch diesen verstehenden und interpretativen Zugang zu den Selbstentwürfen junger Männer lassen sich die Erzählungen auf ihren latenten Sinn erforschen. Aufbau der Arbeit Im theoretischen Teil der Arbeit wird zunächst anhand von soziologischen Theorien Gewalt im Gefängnis als grundlegende Frage nach der Vermittlung von Struktur und Handeln, von Institution und Subjekt betrachtet. Diskutiert werden soziologische Zugänge und deren Implikationen auf die Kategorie Geschlecht. Mit Bezug zu ausgewählten Ansätzen der Männlichkeitsforschung wird der Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt theoretisch beleuchtet. Der Theorieteil ist so konzipiert, dass er der Herleitung der eigenen Forschungsperspektive dient. Diese wird anhand eines kurzen Vorgriffs auf das empirische Material und mit kritischem Rückbezug zu den theoretischen Ansätzen erarbeitet und befindet sich an der Schnittstelle von soziologischen und sozialpsychologischen Theorien. Es wird der Subjektbegriff erklärt, die der Arbeit zugrunde liegende Definition von Geschlecht erläutert und auf die Stärken eines biographischen Zugangs eingegangen. Die Auswertungsmethoden werden im zweiten Teil erläutert. Die Untersuchungsperspektive der vorliegenden Arbeit, die die kollektiven Deutungsmuster von Gewalt und die subjektive Bedeutung von Gewalt im Gefängnis in Beziehung zu ihren biographischen Konflikterfahrungen setzt, erfordert eine methodisch differenzierte Vorgehensweise. Die Grenzen und Stärken der Grounded Theory, der objektiven Hermeneutik und der Tiefenhermeneutik werden kurz mit Bezug zu ihren methodologischen Hintergründen aufgezeigt. Im Anschluss werden ausgewählte Werkzeuge der einzelnen Methoden beschrieben, um die konkrete Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit transparent zu machen. Die Darstellung der Ergebnisse in Form von fünf biographischen Fallinterpretationen, denen ein kurzer Überblick voran gestellt wird, bilden den Kern der Arbeit (Kapitel III). Abschließend werden die empirischen Ergebnisse im letzten Kapitel aus einer fallvergleichenden Perspektive betrachtet und an die theoretischen Überlegungen rückgebunden.

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Zusammenfassung

Zwischen Männlichkeit und Gewalt wird sowohl in den kollektiven Deutungsmustern junger Männer als auch in vielen wissenschaftlichen Ansätzen der Jugendgewalt- und Männlichkeitsforschung ein direkter Zusammenhang vorausgesetzt.

In der vorliegenden Studie werden kollektive Deutungsmuster von Gewalt in Beziehung gesetzt zu der subjektiven Bedeutung von Gewalt im Kontext biographischer Konflikterfahrungen. Unterliegt Gewalt einem biographischen Eigensinn? Dieser Frage wird anhand fünf biographischer Fallinterpretationen auf Basis qualitativer Längsschnittinterviews mit inhaftierten jungen Männern nachgegegangen.

Das Verhältnis von Gewalt und Geschlecht wird aus einer soziologischen und sozialpsychologischen Perspektive untersucht. Dabei rücken die Opfer-Täter-Ambivalenzen von Gewalthandeln in den Blick. Es zeigt sich eine enge Verbindung zwischen der Bedeutung von Gewalt und den biographischen Konflikterfahrungen junger Männer: Gewalt steht in enger Beziehung zu ihren Autonomiekonflikten und ein komplexes und vielschichtiges Verhältnis zwischen Autonomie, Geschlecht und Gewalt wird sichtbar.