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Nadine H. Pahlke, Ergebnis der Anwendung der Erklärungsversuche für die NS-Täterschaft des Mannes auf die weibliche NS-Täterschaft in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 162 - 168

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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162 Kapitel 4: Ergebnis A. Ergebnis der Anwendung der kriminologischen Theorien zur Erklärung der Frauenkriminalität Bei männlichen und weiblichen Tätern wurden dieselben ätiologischen Faktoren wirksam. Wie soeben festgestellt, kam es auf die Tatsituationen, nicht auf geschlechtsspezifische Unterschiede an. Daher können die Erklärungsversuche für die NS-Täterschaft des Mannes zur Erklärung dieser Tatsituationen herangezogen werden, da diese bei Frauen und Männern dieselben waren. Die Aufgabe einer geschlechtsspezifischen Differenzierung bei der Erklärung einer Täterschaft in Zusammenhang mit nationalsozialistischen Taten bedeutet gleichzeitig, dass die Täterinnen sich denselben Hemmungen gegenüber sahen wie die männlichen Täter. Sie handelten zwar in dem Bewusstsein, eine notwendige Aufgabe zu erfüllen. Dennoch waren auch bei ihnen zum Teil Skrupel und Hemmungen vor der Gewaltanwendung und Tötungshandlungen vorhanden, die sie ebenso überwinden mussten wie die männlichen Täter. Wenn solche Skrupel nicht vorhanden waren, ist fraglich, warum diese Hemmungen von Anfang an ausgeschaltet waren. Antwort auf diese Frage geben die für die nationalsozialistischen Taten der Männer entwickelten Erklärungsversuche. Diese Ansätze können für die weibliche Täterschaft im NS-System übernommen werden, da eine Unterscheidung zwischen der männlichen und weiblichen Täterschaft im „Dritten Reich“ nicht vorzunehmen ist. B. Ergebnis der Anwendung der Erklärungsversuche für die NS-Täterschaft des Mannes auf die weibliche NS-Täterschaft Zentrales Merkmal der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen war, dass die Taten meist in abgeschlossenen und isolierten Einheiten begangen wurden. Das gilt insbesondere für die Umgebung der Konzentrationslager, die sich mehrheitlich im Ausland befanden sowie für die am Euthanasieprogramm beteiligten Krankenhäuser und Pflegeanstalten. Die Tätergruppe war zumeist permanent von der Allgemeinheit abgeschirmt und bei Begehung der Taten nur von Gleichgesinnten umgeben. Dadurch gab es unzählige kleinere und größere Gruppen von Tätern. Es konnte belegt werden, dass die Auswirkungen der Gruppendynamik bei den Verbrechen des Nationalsozialismus eine entscheidende Rolle spielten1046. Es ist kaum denkbar, dass die Gräueltaten auch begangen worden wären, wenn es keine dermaßen starken Gruppenbindungen gegeben hätte. Die Angst vor einer Ausgrenzung innerhalb der sozial 1046 Vgl. Browning, Ganz normale Männer, S. 229. 163 isolierten Gruppe war im Hinblick auf die Lebensumstände gerade im Ausland inmitten feindlicher Bevölkerung groß. Die Gruppe war aufeinander angewiesen und bot die einzige Möglichkeit sozialer Kontakte. Demnach war der Druck, sich der Gruppe und ihren moralischen Wertmaßstäben, etwa dem Streben nach „Härte“, „Laut-Sein“, „Streng-Sein“, „Schneidig-Sein“, „Scharf-Sein“1047 anzupassen, enorm. So standen in den Tatsituationen die Anforderungen des eigenen Gewissens mit den Normen der Gruppe in Konflikt1048, wobei die meisten dem Gruppendruck nachgaben. Aus dem Gruppenbewusstsein, das sich an den politischen Zielen und Grundsätzen der Bewegung orientierte, entstand eine eigenständige, nationalsozialistische Normwelt1049. Dies galt vor allem für Gemeinschaften wie die SS, aber auch für den übrigen nationalsozialistischen Ausführungsapparat1050. Gerade die Geschehnisse in der abgeschirmten Welt der Konzentrations- und Vernichtungslager, aber auch in den am Euthanasieprogramm beteiligten Krankenhäuser und Pflegeanstalten zeigen, dass „selbst extremste kollektive Ausnahmezustände ihre eigenen abweichenden Normalitäten“ produzieren1051. Die Täterinnen sozialisierten sich in eine abweichende Konformität1052. Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten fand eine rechtliche Umwertung statt, die bewirkte, dass Handlungen, obwohl sie Straftatbestände des RStGB verwirklichten, nicht verfolgt und bestraft wurden. Es fand darüber hinaus eine Umwertung moralischer Art statt, die aus der Verbreitung des nationalsozialistischen Gedankengutes in der Bevölkerung hervorging. Aus der Höherstellung der „arischen Rasse“ und der Vision von der Erschaffung eines arischen Herrenvolkes entstand der Glaube an die Berechtigung, sogenannte „Untermenschen“ aus der Volksgemeinschaft aussondern und töten zu können. Dieser Gedanke wurde durch die politische Führung unablässig propagiert. So kam es zu einer Umwertung, die nicht nur die „normalen“ moralischen und menschenrechtlichen Werte betraf, sondern auch die Definitionen von „Konformität“ und „Abweichung“. Die Umkehrung dieser kriminologischen Bedingungen bedeutete, dass sich derjenige konform verhielt, der sich den nationalsozialistischen Werten und der nationalsozialistischen Weltanschauung anpasste, während derjenige, der dies nicht tat, von den gesellschaftlich akzeptierten Regeln abwich. Die Frauen, die nach „normalen“ kriminologischen Standards Menschenrechtsverletzungen und schwerste Verbrechen begingen, verhielten sich nach den nationalsozialistischen Standards konform, da sie die ihnen vorgegebene Aufgabe erfüllten. Diese Umwertung der kriminologischen Bedingungen von Konformität und Abweichung sind eine besonders wichtige Erkenntnis bei der Beurteilung von Verbrechen unter totalitärer Herrschaft. Hierdurch wurde in dem totalitären System der nationalsozialistischen Dikta- 1047 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.),Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 175. 1048 Vgl. Browning, Ganz normale Männer, S. 242 1049 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 196. 1050 Jäger, Makrokriminalität, S. 158. 1051 Jäger, Makrokriminalität, S. 158. 1052 Jäger in: KJ 1983, S. 131 (133). 164 tur Destruktivität oder Unmenschlichkeit zur routinierten Selbstverständlichkeit1053. Durch die durch die nationalsozialistische Ideologie vorgenommene strenge Abgrenzung der Gruppe „Arier“ bzw. „Freund“ von den Gruppen „Jude“, „Untermenschen“, „Lebensunwerte“, bzw. „Feind“ fand ein weiterer Schritt in dem für Kollektive typischen Hemmungsabbau statt. Die Opfer der Gewalt wurden aus dem Bezugskreis der menschlichen und moralischen Solidarität gedrängt, um ein normales Reagieren gegenüber den Opfern zu unterbinden1054. Mit der Abtretung der Gewissens- und Kontrollinstanz an das System und die Gruppe, verlor der Einzelne sein Verantwortungsgefühl und sah sich selbst für seine Handlungen nicht mehr individuell ursächlich1055. Hinsichtlich des Faktors der Autoritätshörigkeit ist ein besonders interessantes Ergebnis des Milgram-Experiments, dass bei den weiblichen Versuchspersonen bei der Durchführung der Befehle zwar eine größere innere Anspannung festgestellt wurde, die Ergebnisse bei Männern und Frauen aber annähernd gleich ausfielen1056. Selbst wenn die Frauen innerlich mehr mit ihrem Handeln zu „kämpfen“ hatten, verhielten sie sich doch letztendlich ebenso autoritätskonform wie die männlichen Probanden. Sie beugten sich der Autorität und führten den Versuch fort, von dem sie glaubten, er füge einem anderen Menschen Schmerzen und sogar gesundheitlichen Schaden zu. Gerade die Taten im nationalsozialistischen System wurden, bis auf Exzesstaten, zumeist unter dem Einfluss von Autoritätspersonen begangen. Es wurde aufgrund von Anweisungen oder Befehlen gehandelt, die von Personen erteilt worden waren, die in der Hierarchie über den Tätern standen. Selbst wenn nur eine schwache Autoritätsperson vorhanden war, stand an der Spitze des Systems mit Hitler immer noch eine zwar ferne aber sehr starke Autoritätsperson, gegenüber der der Einzelne Loyalitäts-, und Disziplin-Verpflichtungen empfand und dem die Täterinnen die Verantwortung für ihre Taten übertragen konnten. So konnten sie sich innerlich von der eigenen Schuld distanzieren, ohne nach ihren modifizierten Moralvorstellungen unehrenhaft oder unmoralisch zu handeln. Ein Aufgeben der Taten kam, sobald die erste begangen war, nicht mehr in Frage, weil ein solches Aufgeben mit dem Eingeständnis verbunden gewesen wäre, falsch gehandelt zu haben. Die Fortführung der Taten war für die Täterinnen im Folgenden dann leichter, als das Eingestehen des bereits verübten Unrechts und Abbruch der Handlungen. Außerdem wirkte die massive nationalsozialistische Propaganda, die mit neuen technischen Mitteln erstmals die ganze Nation erreichen konnte, auf die Täterinnen. Frauen waren im „Dritten Reich“ verstärkt das Ziel nationalsozialistischer Propaganda, die nicht nur versuchte, das nationalsozialistische Frauenbild umzusetzen, sondern auch gezielt antisemitische Gedanken verbreitete. So wurden Frauen an- 1053 Jäger, Makrokriminalität, S. 158. 1054 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 306. 1055 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.) Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 169 (175). 1056 Vgl. Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 81. 165 gehalten, nur Männer gleicher oder nordischer Rasse zu heiraten1057, Frauen die Juden liebten, wurden als „Judenliebchen“ angeprangert. Ferner wurde ein rassistischer „Züchtungsgedanke“ verbreitet, der auch zwischen ehelichen und unehelichen Kindern nicht mehr unterschied, solange diese arischer Herkunft waren1058. Die durch die NS-Propaganda geforderte Aufgabe der Frau bestand darin, sich dem zu unterwerfen, was der NS-Staat von ihr forderte und als überzeugte Anhängerin der nationalsozialistischen Weltanschauung von sich aus im Sinne des Regimes zu handeln. Diese Propaganda sowie der oben beschriebene Einfluss rassischer Traditionen konnten nicht ohne Wirkung bleiben1059. Wie oben gezeigt, war der Antisemitismus seit Beginn des 19. Jahrhunderts allgegenwärtig, gehörte zum allgemeinen Wertekanon1060 und beeinflusste Menschen aller Altersstufen und beider Geschlechter. Somit hatte der Antisemitismus, auch wenn er sicher nicht von allen Deutschen vertreten wurde, eine entscheidende Wirkung auf die Täterinnen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen und ihre interne Rechtfertigung. Ein weiterer Faktor, der die Handlungen der Täterinnen steuerte, war die psychologische Wirkung des arbeitsteiligen Vorgehens und der Bürokratisierung der Taten. Die Fürsorgerinnen etwa stellten typische Distanztäter dar. Diese Frauen, die „Minderwertige“ registrierten und katalogisierten und auf dieser Basis Gutachten erstellten, waren für zahllose Sterilisationen, Zwangsabtreibungen oder Entmündigungen verantwortlich. Sie müssen sich das Töten von behinderten Säuglingen, Kindern und Erwachsenen im Rahmen der Euthanasie, die Bewahrung von Menschen in Anstalten und Arbeitshäusern, die Sterilisationen sowie die Einweisungen in Jugendschutzund Konzentrationslager vorwerfen lassen, da diesbezügliche Entscheidungen auf Vorschläge nach eigener Einschätzung der Fürsorgerinnen beruhten1061. Ab August 1939 waren die Fürsorgerinnen verpflichtet, dem Reichsausschuss behinderte Neugeborene, bald auch Kinder bis zu drei Jahren, zu melden, die dann nach entsprechendem Gutachten getötet wurden1062. Ferner gab es auch unter den Verwaltungskräften im Tötungsprogramm, in den Heil- und Pflegeanstalten und in den Vernichtungslagern unzählige Frauen, die als technisches und administratives Personal tätig waren1063. Hier kamen sie mit der gesamten bürokratischen Seite des Vernichtungsprogramms in Berührung, da sie Sekretariatsarbeiten, wie das Schreiben von Urnenzetteln, Urnenbüchern, Krankenakten, Verwahrbüchern und Transportlisten oder das Abgleichen von Kapazitäten von KZ-Zügen und der KZ selbst, erledigten. Dabei waren ihre Positionen als feste Bestandteile in einen komplexen und weitläufigen administrativen Apparat eingebunden. 1057 Klose, Generation im Gleichschritt, S. 179. 1058 Thamer in: BPB (Hrsg.) Nationalsozialismus II, S. 21 (30). 1059 So auch Neubacher, Kriminologische Grundlagen einer internationalen Strafgerichtsbarkeit, S. 253. 1060 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 103. 1061 Rothmaler in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S. 76 (80). 1062 Kramer in: Landwehr/Baron (Hrsg.), Geschichte der Sozialarbeit, S. 173 (182). 1063 Heyne, Täterinnen S. 177. 166 Nach ihrem Selbstverständnis empfanden sich die Fürsorgerinnen und Verwaltungsangestellten als „kleine Rädchen“ Teil eines Getriebes, das sie weder beeinflussen noch stoppen konnten, selbst wenn sie dies gewollt hätten. Hierdurch konnten sie sich von einer persönlichen Verantwortung freisprechen. Die Distanztäterinnen sorgten aber letztendlich dafür, dass der Tötungsapparat in dem Maße funktionierte, wie er es tat, häufig ohne jemals mit den direkten Eindrücken des Tötens ihrer so genannten „Klientel“, also den Opfern, in Berührung zu kommen. „Aufgrund des arbeitsteiligen, routinemäßigen und entpersönlichten Charakters ihrer Tätigkeit konnten sie ihre Arbeit erledigen, ohne mit der Realität des Massenmordes konfrontiert zu werden“1064. Dabei wurden die oben beschriebenen Hemmungen durch unmittelbare Konfrontation mit der Tat nicht aktiviert, so dass die Entstehung von Unrechtsbewusstsein verhindert wurde. Die Täterinnen mussten vor ihrem Gewissen den Erfolg nicht mit ihrem Handeln kausal in Verbindung bringen. Dies führte nicht nur zu einem Hemmungsabbau, sondern auch zu einer inneren Distanzierung von der Tat und Entlastung von der eigenen Schuld. Das arbeitsteilige Vorgehen war demnach ein mitentscheidender Faktor für die nationalsozialistischen Taten. Hinzu kamen Aspekte wie Karrierestreben und das Streben nach persönlichen Vorteilen. Wie groß bei den Täterinnen die Bedeutung dieses Gedankens war, kann heute nicht mehr im Einzelnen nachvollzogen werden. Die Aufstiegsmöglichkeiten von SS-Aufseherinnen innerhalb der Lager- und Karrierehierarchie verbesserten sich aber durch gewalttätiges und brutales Verhalten gegenüber den Gefangenen1065. Auch werden die Arbeitsbedingungen etwa im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück als sehr „vorteilhaft“ beschrieben1066. Die Aufseherinnen waren gut untergebracht und wurden nach Sätzen besoldet, die bei einer Arbeit außerhalb des Lagers nicht erreicht werden konnten. Gleichzeitig wurden sie „dienstlich nicht überanstrengt“1067. Dass sie diese Vorteile nicht aufgeben wollten, ist zumindest vorstellbar1068. Andere Frauen profitierten von den Deportationen, indem sie sich an den beschlagnahmten Sachen bereicherten1069. Auch Denunziantinnen handelten oft in erster Linie zur Erlangung eigener Vorteile oder zur Befriedigung persönlicher Interessen1070. Die Denunziationen sollten oftmals persönliche Rache- oder Neidgefühle aus privaten Streitigkeiten oder Geltungsdrang und Eifersucht befriedigen oder zielten direkt auf finanzielle oder sonstige Vorteile aller Art1071. Ebenso wie bei den handelnden Männern war auch bei den Frauen eine zunehmende Abstumpfung, Gewöhnung und Brutalisierung zu beobachten. Die Verunglimpfung der Juden und die Verkündung der Überlegenheit der germanischen Rasse haben beide Geschlechter hinreichend beeinflusst. Die Unterteilung zwischen 1064 Browning, Ganz normale Männer, S. 212. 1065 Schwarz in: Dachauer Hefte 1994, S. 32 (48). 1066 So etwa Rudolf Höß, vgl. Broszat, Kommandant in Auschwitz, S. 114. 1067 Broszat, Kommandant in Auschwitz, S. 114. 1068 Vgl. auch: Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 148. 1069 Mallmann in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 109 (122). 1070 Broszat in: Archivalische Zeitschrift 1977, S. 221 (221). 1071 Diewald-Kerkmann, Politische Denunziation im NS-Regime, S. 136 ff. 167 „unserem Volk“ und „dem Feind“1072 erstreckte sich nach Ausbruch des Krieges nicht nur auf die Kriegsgegner, sondern auch auf Andersrassige, die nach der nationalsozialistischen Propaganda die arische Rasse auslöschen wollten, die es zu „verteidigen“ galt. Hiervon war die Grundeinstellung großer Bevölkerungsteile in Deutschland und damit auch die ausführenden Täterinnen geprägt1073. Wie oben beschrieben, fanden sich fast alle mit dem Töten beauftragten Frauen, egal ob als Ärztinnen, Krankenschwestern, Lageraufseherinnen oder in der Verwaltung, schnell in ihre neuen Rollen ein und erledigten die ihnen übertragenen Aufgaben „gewissenhaft“. Selbst wenn sie am Anfang Zweifel oder Abscheu empfunden haben sollten, wurden diese folglich alsbald beiseite geschoben. Die Gewöhnung an die Taten bzw. eine zunehmende Brutalisierung spielten also ebenfalls eine entscheidende Rolle für die Täterschaft der Frau im NS-System. Demnach gab es weder eine spezifisch weibliche Täterschaft, noch bestimmte „Tätertypen“1074. Vielmehr gab es unterschiedliche Tatgelegenheiten, in denen die oben beschriebenen Faktoren unterschiedlich starke Wirkung entfalteten und die daher unterschiedlich motivierte Täter hervorbrachten. Die NS-Täterschaft von Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Alter, ihrer Bildung und ihrem Geschlecht, hing einzig von dem situativen Arrangement ab, in dem sie sich befanden. Die Ärztinnen und Krankenschwestern im Eugenikprogramm und in den Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie die Aufseherinnen waren starken Gruppenzwängen ausgesetzt und konnten ihr Tun mit den von der nationalsozialistischen Propaganda kolportierten Werten rechtfertigen. Außerdem konnten sie die Verantwortung für ihr Tun auf höhere Autoritätsinstanzen übertragen und sich darauf berufen, selbst nur eine kleine, unbedeutende Rolle inmitten all der anderen Täter gespielt zu haben. Hinzu kam die fortschreitende Abstumpfung und Brutalisierung. Inwieweit Karrierestreben und das Streben nach persönlichen Vorteilen eine Rolle gespielt haben, kann heute nur noch erahnt werden. Bei den Denunziantinnen ist dieser Faktor hingegen sehr hoch einzuschätzen. Neben der durch die Propaganda geschaffene Rechtfertigung, eine „Bürgerspflicht“ zu erfüllen, wollten sich viele der Denunzianten eigene materielle oder immaterielle Vorteile verschaffen. In einer schwer zu beurteilenden Lage waren die Funktionshäftlinge in den Lagern. Sicher spielten hier in erster Linie die Erlangung von Vorteilen bei den Taten eine Rolle, allerdings ist die Motivation eines Menschen, der selbst Häftling ist und in steter Angst lebt, getötet oder misshandelt zu werden, kriminologisch kaum zu beurteilen. Die Fürsorgerinnen und Verwaltungsangestellten waren die klassischen Distanztäterinnen, die mit den Konsequenzen ihres bürokratischen Handelns nie in Berührung gekommen waren. Auch sie konnten sich insbesondere darauf berufen, Teil eines Systems zu sein, in dem sie nur minimalen Einfluss hatten und das sie nicht aufhalten oder beeinflussen konnten. Sie folgten zusammen mit unzähligen anderen Täterinnen den Vorgaben einer übergeordneten Instanz, auf die sie die Schuld und Ver- 1072 Vgl. Browning, Ganz normale Männer, S. 211. 1073 Browning, Ganz normale Männer, S. 238. 1074 Vgl. Paul in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 13 (61). 168 antwortung übertragen konnten, um ihr eigenes Gewissen zu entlasten. Gegebenenfalls spielten hier ebenfalls Gedanken an das berufliche Weiterkommen und an die Karriere eine Rolle. Es kann weder für alle Tätergruppen einen einzigen gültigen Erklärungsansatz geben, noch wurde für alle Täter dasselbe Motivibündel wirksam. Jeder Täter wurde durch eigene situative und subjektive Faktoren zu seinen Taten gebracht. Die gegenseitige Verstärkung und Beschleunigung der einzelnen Faktoren war es, die zum Massenverbrechen des Nationalsozialismus führte.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.