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Nadine H. Pahlke, Sonstige in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 155 - 161

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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155 IV. Labeling Approach Beurteilt man nationalsozialistische Gewaltverbrechen nach dem Etikettierungsansatz, so muss insbesondere nach dem Tätigwerden der Kontrollinstanzen nach Kriegsende gefragt werden. Davon ausgehend, dass ein großer Teil der Frauenkriminalität nicht verfolgt oder nicht bestraft wurde, muss die Zahl der Frauen, die an den nationalsozialistischen Gewalttaten beteiligt waren, weit höher veranschlagt werden als die bekannt gewordene Zahl. Hierbei ist zu beachten, dass die Verfolgung dieser Taten generell mit besonderen Problemen behaftet war. Die Strafverfolgung, die für „defizitär“1021 und gekennzeichnet von „großer Milde“1022 gehalten wird, war geprägt durch lediglich selektive Verfolgung und Verurteilung, das Einstellen von Verfahren, Anwenden von Entschuldigungs- und Milderungsgründen sowie durch Freisprüche, wodurch eine große Zahl der Täter vor allem in Westdeutschland nicht oder nur sehr milde bestraft wurde1023. Mit den Taten von Frauen im Speziellen setzte sich die Justiz wegen der mangelnden Wahrnehmung noch weniger auseinander. Ausschließen kann man allerdings, dass die Zahl der beteiligten Frauen ebenso hoch war wie die der Männer. Dies ist aufgrund der Rolle unmöglich, die die Frau im „Dritten Reich“ einnahm. Dem Mann kam die Erwerbstätigkeit zu, die SS war ein reiner Männerverband, nur Männer waren Soldaten, die Zahl der männlichen Ärzte war um einiges höher, während die Frauen zumeist für Heim und Familie sorgten. Es ist belegt, dass Frauen zwar an den nationalsozialistischen Gewalttaten beteiligt waren, jedoch in weitaus geringerer Zahl als Männer. Die niedrigere Quote beruht demnach zumindest nicht ausschließlich auf der selektiven Wahrnehmung der Kontrollinstanzen, so dass der labeling approach hier keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn mit sich bringt. V. Sonstige Fraglich ist, ob die Routine-Aktivitäts-Theorie und die Tübinger Jungtäter- Vergleichsuntersuchung zu einem Erklärungsansatz zur Täterschaft von Frauen im NS-System beitragen können. 1021 Greve, Bundesdeutsche Strafverfolgung von NS-Verbrechen, http://www.michaelgreve.de/strafenbrd.htm; vgl. auch Frei, Vergangenheitspolitik; Möller, C., Völkerstrafrecht und Internationaler Strafgerichtshof, S. 81 ff. 1022 Werle in: NJW 2001, S. 2001 (3003). 1023 Vgl. hierzu auch Paul in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 13 (17); Jäger in: KJ 1968, S. 143 (154 f). 156 1. Routine Activity Approach Nach der Routine Activity Theory liegt der Grund, warum es zu einem strafrechtlich relevanten Verhalten kommt, in der vorliegenden Tatsituation statt in der Person des Täters. Der geringe weibliche Anteil an der Gesamtkriminalität erkläre sich damit, dass Frauen rollenbedingt ihre Routineaktivitäten eher im häuslichen Bereich verrichteten, so dass sie weniger mit Situationen konfrontiert würden, in denen kriminalitätsfördernde Faktoren gegeben seien. Die nationalsozialistischen Gewalttaten waren dadurch geprägt, dass geeignete Täter vorhanden waren. Geeignet waren sie in der Hinsicht, dass sie einen gezielten Auftrag für ihre Taten hatten, d.h. die Straftaten wurden zu einem großen Teil nicht aus eigenem Antrieb oder durch einen eigenen Plan motiviert, sondern es wurde im Bewusstsein gehandelt, dass das Verhalten vom Regime gewünscht oder zumindest gedeckt wird. Die Täter handelten in dem Bewusstsein, ihren Teil zu einer übergeordneten Aufgabe beizutragen, eine nationalsozialistische Pflicht zu erfüllen. Die Täterinnen sahen sich dabei einem passenden Ziel für ihre Taten gegenüber und das in einer besonders drastischen Art und Weise: Die Opfer der Gewaltverbrechen waren den Tätern zum einen körperlich völlig ausgeliefert, indem sie in Konzentrationslagern, Pflegeheimen und Krankenhäusern meist ohne Möglichkeit zur Flucht oder Gegenwehr eingesperrt waren. Zum anderen sprach ihnen die nationalsozialistische Ideologie das Menschsein an sich ab, so dass sie kein Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit hatten, während sich die Täter einer übergeordneten Rasse zugehörig fühlten. Aus dieser Konstellation ergibt sich die Abwesenheit von Schutzmechanismen zugunsten der Opfer. Die Opfer waren den Tätern ausgeliefert, ohne dass es eine Instanz gegeben hätte, die das Verhalten der KZ-Aufseherinnen, Krankenschwestern und Ärztinnen überwacht hätte und ohne dass das Verhalten an sich, wie z.B. das Registrieren von „minderwertigen“ Menschen durch die Fürsorgerinnen oder das Denunzieren von Menschen, zumindest gesellschaftlich geächtet worden wäre. Es gab also eine weitaus geringere Hemmschwelle, die zum Begehen der Taten überwunden werden musste. Durch das Vorliegen dieser drei Faktoren lassen sich so zum einen die Taten an sich erklären, auf der anderen Seite aber auch gerade das Phänomen, dass so viele „Durchschnittsmenschen“ i.S.v. strafrechtlich noch nicht auffällig gewordenen Personen zu Tätern wurden. Dadurch, dass die Routineaktivitäten speziell von Frauen durch die Einbindung in das Vernichtungs-System aus dem häuslichen Bereich zu aushäusigen Aktivitäten verschoben wurden, kamen Frauen auch verstärkt in Situationen, in denen die drei Faktoren likely offender, suitable target, absence of capable guardian gegeben waren, woraus sich die weibliche Beteiligung an den Verbrechen erklären lässt. Daraus kann man folgern, dass die Konfrontation mit passenden Tatgelegenheiten zu den Taten geführt hat, obwohl die Täterinnen vorher nie straffällig oder gewalttätig gewesen sind. 157 2. Die Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung Immer wieder wurde als besonders auffälliges Merkmal der Täterschaft im NS- System die „Persönlichkeitsfremdheit“ der Taten gesehen1024. Außergewöhnlich erscheint vor allem die „Unauffälligkeit“1025 der Täter bzw. ihre „Normalität“ oder „Gewöhnlichkeit“1026, die letztlich auf die unjuristische Feststellung hinausläuft, dass man den Tätern die Tat nicht zugetraut hätte1027. Es stellt sich die Frage, warum scheinbar „ganz normale Menschen“, die vorher noch nie strafrechtlich oder gewalttätig auffällig gewesen sind, so unvermutet und unmittelbar äußerst brutale Verbrechen begehen konnten. Bei der Entwicklung der Methode der idealtypisch vergleichenden Einzelfallanalyse wird die Kriminalität dieses Tätertypus’, der zwar keine sozialen Auffälligkeiten aufweist und bei dem durch das Agieren in einem unauffälligen, konformen sozialen Umfeld erst das Operationsfeld für die Kriminalität bereitet wird, idealtypisch zugespitzt als „Kriminalität bei sonstiger sozialer Unauffälligkeit“ bezeichnet1028. Unter sozialer Unauffälligkeit ist hier zu verstehen, dass sich die äußerlich sichtbaren sozialen Verhaltensweisen dieser Täter nicht grundsätzlich von denen der Durchschnittspopulation unterscheiden1029. Sie können nicht an ihrem äußeren Erscheinungsbild identifiziert werden1030. Die Bereiche Herkunftsfamilie, Aufenthalts-, Leistungs-, Freizeit- und Kontaktbereich im Lebenslängsschnitt weisen keine Auffälligkeiten auf, die auf eine spätere Straffälligkeit hindeuten1031. Im Lebensquerschnitt ergeben sich kaum bzw. keine kriminovalenten Konstellationen, im Gegenteil finden sich ähnlich wie bei dem Idealtypus des „kriminellen Übersprungs“ bei den Tätern sogar kriminoresistente Kriterien1032. Anders als bei diesem Typus bedeutet die Straftat für den sozial unauffälligen Täter aber keinen völlig unerwarteten Einbruch in die soziale Lebenskontinuität des Täters1033. Vielmehr gehört das gelegentliche Sich-Bewegen in einem gewissen Grenzbereich zur Straffälligkeit zur üblichen Lebenssituation des Täters1034. Insbesondere in der Wertorientierung und in den Relevanzbezügen sind deutliche Unterschiede zu nicht-delinquenten Personen 1024 Zum Meinungsstand zur Persönlichkeitsfremdheit (mit Literaturhinweisen), Cabanis in: StrafV 1982, S. 315 (317); weiterhin: Jäger, Makrokriminalität, S. 135 f, S. 181 f. 1025 Jäger, Makrokriminalität, S. 135. 1026 Vgl. Browning, Ganz normale Männer, S. 57 f; Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 22. 1027 Rasch in: Ponsold (Hrsg.), Lehrbuch der Gerichtlichen Medizin, S. 57 (73). 1028 Vgl. Göppinger, Der Täter in seinen sozialen Bezügen, S. 238 ff; Göppinger, Angewandte Kriminologie, S. 133 ff, Göppinger, Kriminologie, S. 312 ff; Bock, M., Kriminologie, S. 164 f. 1029 Göppinger, Angewandte Kriminologie, S. 133. 1030 Schneider, H. in: NStZ 07, 555 (558). 1031 Vgl. auch Schneider, H. in: NStZ 07, 555 (558). 1032 Göppinger, Kriminologie, S. 312. 1033 Vgl. Göppinger, Der Täter in seinen sozialen Bezügen, S. 234; Schneider, H. in: NStZ 07, 555 (558). 1034 Göppinger, Angewandte Kriminologie, S. 134; Bock, M., Kriminologie, S. 164. 158 festzustellen1035. Diese können sich auf wirtschaftlichen Erfolg, einen hohen Lebensstandard, auf rücksichtsloses Macht- und Gewinnstreben beziehen, aber auch maßlosen Eigennutz, Unkorrektheit und Unehrlichkeit im Umgang mit anderen Menschen beinhalten1036. Solche Werte können ebenfalls bei der nicht-delinquenten Durchschnittspopulation vorliegen, bei den Tätern in diesem Idealtypus sind sie jedoch in überragender Weise vorhanden, werden einseitig betont und uneingeschränkt verfolgt, ohne dass das Streben von anderen Werten gebremst oder eingeschränkt würde1037. Nach der Tat bleibt dieser Tätertypus weiter unauffällig, wobei weitere Taten mit ähnlichem Hintergrund solange nicht auszuschließen sind, wie die Relevanzbezüge und die Wertorientierung nicht aufgegeben werden. Die soziale Unauffälligkeit kann auch als Fassade eines bürgerlichen Lebensstils inszeniert werden, hinter der sich eine „quasi subkulturelle Wertorientierung und ein entsprechender Lebensstil“ verbergen1038. Grundsätzlich wird diesem Idealtyp die so genannte Kleinkriminalität zugerechnet, ferner die Profitkriminalität, die Wirtschaftsund Umweltkriminalität, Korruption im öffentlichen Leben bis hin zu bestimmten Körperverletzungsdelikten1039. Fraglich ist, ob die Methode nicht auch weiterhin auf schwerere Delikte, wie Mord und Totschlag, schwere, gefährliche und erfolgsqualifizierte Körperverletzungsdelikte, Freiheitsberaubung und sonstige Straftaten, angewandt werden kann, wenn gewisse äußere Voraussetzungen gegeben sind, wie etwa das Vorhandensein eines totalitären Regimes, das die Taten anordnet oder billigt. Die Täterinnen, die im „Dritten Reich“ eigenhändig Menschen umbrachten oder deren Tod anordneten und organisierten, führten vor der „Machtergreifung“ Hitlers und ihrem „Einsatz“ in der Vernichtungsmaschinerie ein offensichtlich völlig normales, angepasstes Leben und kehrten nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes ohne sichtliche Probleme in dieses wieder zurück1040. Es lässt sich nicht ausschließen, dass eine gewisse Anzahl von Täterinnen auch zuvor schon sadistische Züge gezeigt hatte oder sie auch in einem normalen Umfeld straffällig geworden wäre. Allerdings ist dies von einem Großteil der Täterinnen nicht anzunehmen. Es waren junge Frauen, Familienmütter, Frauen mit Berufen im medizinischen Bereich, Frauen aus allen Schichten der Gesellschaft, die den nationalsozialistischen Massenmord ausführten, wobei viele von ihnen zwangsverpflichtet wurden. In der Literatur werden sie oftmals als „Durchschnittsmenschen“ bezeichnet1041. Im Sinne der Methode der idealtypisch vergleichenden Einzelfallanalyse zeigten sich in den Bereichen Herkunftsfamilie, Aufenthalt, Freizeit, Kontakt und Leistung keine Auffälligkeiten, die auf eine spätere Straffälligkeit hindeuteten. Auch bei der Aus- 1035 Vgl. Göppinger, Angewandte Kriminologie, S. 134. 1036 Göppinger, Kriminologie, S. 312. 1037 Göppinger, Angewandte Kriminologie, S. 134. 1038 Schneider, H. in: NStZ 07, 555 (558). 1039 Vgl. Göppinger, Angewandte Kriminologie, S. 135; Göppinger, Der Täter in seinen sozialen Bezügen, S. 238; Göppinger, Kriminologie, S. 312. 1040 Vgl. Browning, Ganz normale Männer. 1041 Oder als „ganz normal“, vgl. Browning, Ganz normale Männer; „gewöhnliche Deutsche“, vgl. Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker. 159 führung der Taten standen die verbrecherischen Handlungen der Täterinnen oftmals in engem Zusammenhang mit ihrem sozial angepassten Leben. Denunziantinnen, oftmals besonders unauffällige Normalbürger1042, stellten sich entweder in den Dienst des NS-Regimes oder nutzten den staatlichen Machtapparat für ihre individuellen Interessen1043. Die ethischen Barrieren oder Hemmungen gegen eine schwere Belastung von Mitbürgern schwanden, da die Übereinstimmung mit den nationalsozialistischen Normen wichtiger erschien1044. Die Kriminalität bestand nicht in der Auflehnung gegen die Gesellschaft, sondern stand gerade für ein besonders gutes Einfügen in die sozialen Erwartungen und die rechtsradikalen Lebensumstände, in denen man lebte. Ähnlich verhielt es sich mit den Frauen, die im Euthanasieprogramm tätig waren. Die Ärztinnen und Krankenschwestern konnten sich, obwohl sie unzählige Menschen aktiv töteten, den Anschein der sozialen „Normalität“ geben, denn sie taten nur ihre Arbeit. Symptom ihrer Taten war dabei gerade keine Auffälligkeit im Lebenslängsschnitt, sondern das konforme soziale Umfeld wurde erst zum Operationsfeld für ihre Taten. Die KZ-Aufseherinnen lebten in der Gewissheit, eine Pflicht für das Vaterland zu erfüllen, und auch sie konnten ihre achtbare soziale Identität aufrechterhalten. Fraglich ist, wie sehr sich die Relevanzbezüge und die Wertorientierung von denen der nicht-delinquenten Bevölkerung unterschieden. Diese Unterschiede sind wohl als gering einzuschätzen. Wie oben bereits beschrieben, meldeten sich v.a. junge Frauen für den KZ-Dienst, in der Hoffnung, eine leichte Arbeit mit guter Bezahlung verrichten zu können1045. Einige wurden sogar zwangsverpflichtet, was ein weiterer Beweis dafür ist, dass nicht nur Frauen mit sadistischen oder kriminellen Neigungen in den Dienst eingestellt wurden. Zumindest nicht alle Täterinnen waren demnach besonders eifrige Nationalsozialistinnen, ebenso wenig wie die zahllosen Ärztinnen und Krankenschwestern, die nicht speziell für die Aufgaben im Euthanasieprogramm eingestellt wurden, sondern schon vorher in den Krankenhäusern und Pflegeheimen tätig waren. Vielmehr liegt die Vermutung nahe, dass die Täterinnen ähnliche Relevanzbezüge und Wertorientierungen hatten wie der nicht-delinquente Rest der Bevölkerung. In ganz Deutschland hatte aber eine rechtliche und moralische Umwertung aller Werte stattgefunden, die zumindest bei einem Großteil der Bevölkerung eine Absorption des nationalsozialistischen Gedankengutes bewirkt hatte. Dieses Gedankengut beinhaltete die Entwertung anderer Menschen, die Pflicht, das arische Blut rein zu halten und die Rasse gegen Volksschädlinge zu verteidigen. Diese Werte lagen auch bei der nichtdelinquenten Durchschnittspopulation vor. Es bleibt fraglich, warum also trotz sozialer Unauffälligkeit der Täterinnen und der Tatsache, dass die Wertorientierung im Hinblick auf die nationalsozialistische Ideologie auch bei der Durchschnittsbevölkerung ähnlich war, gerade diese Frauen zu Täterinnen wurden und die anderen Frauen 1042 Diewald-Kerkmann, Politische Denunziation im NS-Regime, S. 127. 1043 Diewald-Kerkmann, Politische Denunziation im NS-Regime, S. 128. 1044 Diewald-Kerkmann, Politische Denunziation im NS-Regime, S. 129. 1045 Heike in: Füllberg-Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), S. 221 (232); Arndt in: Dachauer Hefte 1987, S. 125 (135). 160 nicht. Warum wurden diese Werte von den Täterinnen uneingeschränkt verfolgt, ohne dass ihrem Handeln von anderen Werten, wie etwa menschlichem Mitleid oder Ethik, Einhalt geboten wurde? Die Antwort ist in der unterschiedlichen Situation der Delinquenten und Nicht-Delinquenten zu finden. Während die Nicht-Delinquenten gar nicht erst mit den entsprechenden Tatsituationen in Berührung kamen, d.h. gar nicht die Möglichkeit hatten, zumindest die meisten der oben beschriebenen Taten zu begehen (mit Ausnahme der Denunziation), sahen sich die Frauen, die zu Täterinnen wurden, Tag für Tag den entsprechenden Tatsituationen gegenüber, die von ihnen genutzt wurden. Ferner ist zu vermuten, dass hinsichtlich der Relevanzbezüge die personellen, sachlichen und örtlichen Beziehungen der Täterinnen, ob im Konzentrations- und Vernichtungslager, in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder in der Verwaltung, besonders bedeutsam waren. Zumeist waren es nicht einzelne Täterinnen, die handelten, sondern Frauen, die in eine Hierarchie und in eine Gruppe von Tätern und Täterinnen eingebunden waren, die gemeinsam arbeitsteilig vorgingen. Diese Gruppen waren für die Frauen, die isoliert von ihrem normalen sozialen Umfeld lebten, wie etwa die KZ-Aufseherinnen, von besonderer Bedeutung. Die Beziehungen zu den anderen Tätern sowie die wechselseitige Bestätigung der Richtigkeit ihres Handels waren die Faktoren, die am intensivsten gepflegt und als letztes vernachlässigt wurden und die unter allen Umständen erhalten werden mussten. Demnach lassen sich die Ergebnisse der Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung und die Methode der idealtypisch vergleichenden Einzelfallanalyse (MIVEA) auf die Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, wie etwa Mord oder Totschlag, gerade durch so genannte normale Durchschnittsmenschen anwenden. 3. Andere Nach den erbbiologischen Erklärungsansätzen wäre die geringere Beteiligung von Frauen an den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen als Ausdruck des schwächeren weiblichen Wesens anzusehen. Dabei bliebe allerdings offen, warum Frauen sich überhaupt beteiligt haben. Bei Taten, die besondere Brutalität erforderten, wie etwa in den Konzentrationslagern, handelten Frauen wie Männer gleichermaßen grausam und hart. Ferner erscheint ein Zusammenhang mit Generationsvorgängen abwegig, kann aber zumindest heute nicht mehr nachvollzogen werden. Bezüglich der gemischten Ansätze, die davon ausgehen, dass die Kombination aus erbbiologischen Besonderheiten und geschützten Lebensverhältnissen die geringere weibliche Beteiligung an der Gesamtkriminalität bewirke, ergibt sich, dass die weibliche Beteiligung an den Verbrechen des NS-Systems eben durch den Wegfall dieser geschützten Lage bedingt war. Denn die Frauen, die durch ihre Berufe die Gelegenheit bekamen „mitzumachen“, taten dies in großer Zahl auch. Keine neuen Erkenntnisse können aber die psychoanalytischen Erklärungsversuche liefern. Ob Einsamkeit, ein negatives Selbstbild oder eine kindliche Stufe der biosozialen Entwicklung für die Taten ausschlaggebend war, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden. Einzelne Anhaltspunkte hierzu gibt es keine. Ebenso verhält 161 es sich mit den Ansätzen des materialistischen und neomarxistischen Erklärungsversuchs sowie den des Multiple Causation Approaches. E. Fazit Wendet man also die Theorien, die für die allgemeine Kriminalität der Frau entwickelt wurden, auf die Straftaten von Frauen in der nationalsozialistischen Zeit an, ist festzustellen, dass die Frauen, denen sich die Gelegenheit dazu bot, dieselben Grausamkeiten wie männliche Täter in derselben Situation zu begehen, dies auch ohne weiteres taten. Hiergegen spricht insbesondere nicht, dass Frauen in geringerer Zahl an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt waren. Dies lässt sich mit der Rolle der Frau und ihrer zahlenmäßig geringeren Einbindung in die Tötungsmaschinerie in dieser Zeit erklären. Frauen wurden aus dem Berufsleben verdrängt und sollten sich nach dem nationalsozialistischen Rollenbild auf ihren Platz in der familiären Sphäre zurückziehen. Die quantitativ geringere weibliche Teilnahme an den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen ist daher auf die gesellschaftliche Rolle der Frau zurückzuführen und nicht etwa darauf, dass Frauen weniger zu Straftaten neigten, als Männer. Durch Anwendung der kriminologischen Theorien zur Erklärung der Frauenkriminalität auf die weibliche Täterschaft im NS-System ist festzustellen, dass bei männlichen und weiblichen Tätern dieselben ätiologischen Faktoren wirksam wurden. Einen geschlechtsspezifischen Unterschied zur Erklärung der nationalsozialistischen Taten gibt es daher nicht.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.