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Nadine H. Pahlke, Mehrfaktorenansätze (multiple causation approach) in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 142 - 142

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

Bibliographic information
142 „private“ Kontrolle, die gegenüber Frauen stärker wirke als gegenüber Männern, komme zur „öffentlichen“ strafrechtlichen Kontrolle hinzu, so dass Frauen sich einer doppelten Überwachung gegenüber sähen974. Aus diesen Gründen würden Frauen weniger straffällig. VI. Mehrfaktorenansätze (multiple causation approach) Aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit des menschlichen Verhaltens und dessen Ursachen wird immer wieder die Einseitigkeit der kriminologischen Erklärungsversuche bemängelt. Aufgrund der Tatsache, dass es keine einzelne Ursache des Verbrechens gebe, könnten monokausale Erklärungsversuche immer nur einen Ausschnitt von Delinquenz erklären und Korrelationen aufdecken, nie allerdings den tatsächlichen Kausalzusammenhang zwischen einer möglichen Ursache und dem Begehen einer Straftat feststellen975. Die Mehrfaktorenansätze versuchen, durch Untersuchungen solche Merkmale und Verhaltensweisen herauszufiltern, die bei Straftätern überproportional stark vertreten sind976. Die Kriminalität der Frau wurde unter anderem von dem Ehepaar Glueck erforscht. Diese führten eine empirische Untersuchung mit 500 delinquenten Frauen durch und analysierten hierbei deren körperliche und persönliche Merkmale, soziokulturelle Faktoren, wie Familienverhältnisse, Kindheit und Jugend, Sexualität und Ehe, aber auch das Ausmaß des abweichenden Verhaltens. Sie gingen davon aus, dass diese Faktoren in einer Kombination Kriminalität auslösen würden, wobei sie annahmen, dass deren kriminogene Wirkung im Einzelnen kaum zu bestimmen sei977. Das Ergebnis der Untersuchung war, dass ein belastetes emotionales Klima in der Familie, mangelnde elterliche Überwachung, Weglaufen aus dem Elternhaus, vorzeitiger Schulabgang, Herumstreunen, mehrfacher Lehrstellen- und Arbeitsplatzwechsel, Kontaktschwäche und häufiger Partnerwechsel bei Straftäterinnen besonders oft festgestellt wurde978. VII. Sonstige Weitere Ansätze, die einen Beitrag zur Erklärung der Kriminalität der Frau leisten können, sind die Routine Activity Approach und die Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung. 974 Heidensohn, Women and Crime, S. 198. 975 Vgl. Bock, M., Kriminologie, S. 94, Rn. 200; Schwind, Kriminologie, S. 146, Rn. 20; Kaiser, Kriminologie, S. 191 ff, Rn. 1 ff. 976 Bock, M., Kriminologie, S. 94, Rn. 201. 977 Glueck/Glueck, Five Hundred Delinquent Women, S. 64 ff; zusammenfassend: Brökling, Frauenkriminalität, S. 32 ff. 978 Glueck/Glueck, zitiert nach Brökling, Frauenkriminalität, S. 33.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.