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Nadine H. Pahlke, Sozialpsychologische und rollentheoretische Ansätze in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 126 - 133

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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126 begründet833, kombiniert mit anderen Elementen, wie etwa der Sozialisierbarkeit des Individuums. Dieser Prozess beeinflusse den Grad der Anpassung, den ein Individuum erreiche, und damit dessen Resistenz gegen Kriminalität834. In Bezug auf die Frauenkriminalität wird die Control Balance Theory insofern interpretiert, dass Männer den Verlust oder die Vergrößerung von Macht und Kontrolle traditionell intensiver erlebten als Frauen. Dieses verstärkte Interesse an control ratio verursache Unsicherheit, die wiederum ein beständiges Austesten bewirke. Solche sich wiederholenden Herausforderungen innerhalb der männlichen Kultur verursachten mehr potentiell provozierende Situationen als Frauen sie gewöhnlich erfahren835. Ferner erlebten Frauen und Mädchen in fast allen Gesellschaften eher ein Kontrolldefizit und übten weniger Macht aus als Männer und Jungen836. Bei Frauen käme daher eher eine submissive deviance oder eine defiant deviance vor, sie hätten aber einen deutlich geringeren Anteil an den sonstigen Straftaten als Männer837. III. Sozialpsychologische und rollentheoretische Ansätze Nach dem heutigen Stand kriminologischer Analyse wird angenommen, dass der geringe Frauenanteil an der Gesamtkriminalität rollen- und sozialisationstheoretisch erklärt werden kann838. Sozialisationstheoretische Ansätze suchen die Ursachen für Devianz nicht beim straffälligen Individuum, sondern führen sie auf Sozialisationsprozesse im gesellschaftlichen Nahraum zurück. Kriminalität sei demnach also nicht in der Genetik oder dem Wesen des Menschen vorgezeichnet, sondern entstehe erst im Laufe der Entwicklung, eines Lernprozesses oder des Annehmens von gesellschaftlichen Leitbildern, wobei die persönlichen Fähigkeiten des Einzelnen bei dieser Entwicklung von Bedeutung seien. Die Kriminalität der Frau im Speziellen wird also insbesondere dahingehend erforscht, wie die soziale Position der Frau und die anerzogene geschlechtsspezifische Stellung, d.h. ihre Rolle in der Gesellschaft, ihr Verhalten beeinflusst und bedingt839. Hierbei geht man vom sozialen Schutz der Frau in der Gesellschaft aus840. 833 Gottfredson/Hirschi, A general theory of crime, S. 149; ebenso: Heidensohn, Women and Crime, S. 163. 834 Heidensohn in: Carlen/Worrall (Hrsg.), Gender, Crime and Justice, S. 16 (25). 835 Vgl. Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (88). 836 Tittle in: TC 1997, S. 99 (107); Braithwaite in: TC 1997, S. 77 (78). 837 Tittle, Control Balance, S. 231 f. 838 Kaiser, Kriminologie, S. 506. 839 Vgl. etwa Cremer, Untersuchungen zur Kriminalität der Frau, S. 156 ff; Brökling, Frauenkriminalität, S. 40; Kaiser, Kriminologie, S. 505; Göppinger, Kriminologie, S. 416. 840 Cremer, Untersuchungen zur Kriminalität der Frau, S. 157. 127 1. Evolutionspsychologische Perspektive Fetchenhauer zieht zur Erklärung seiner Ausgangsfragen, warum Männer aggressiver sind als Frauen, warum Männer häufiger als Frauen Opfer von Gewaltstraftaten und Unfällen werden und warum Frauen mehr Angst davor haben, Opfer von Gewalttaten zu werden, eine evolutionspsychologische Perspektive heran841. Er geht dabei von der Darwinschen Evolutionstheorie aus und verbindet diese mit der Psychologie. Danach beschränken sich die Gesetzmäßigkeiten der Darwinschen Theorie nicht nur auf physische, sondern auch auf psychische Eigenschaften842. „Die Evolutionspsychologie argumentiert damit, dass die menschliche Psyche ebenso das Produkt der menschlichen Evolution sei wie die körperlichen Eigenschaften des Menschen“843. Evolutionsprozesse unterlägen allerdings einer gewissen Verzögerung mit der Folge, dass der moderne Mensch nicht optimal an die Umstände der modernen Welt angepasst sei, sondern noch immer den Lebensstil eines Jägers und Sammlers pflege844. Mit dieser Tatsache gehe einher, dass einige Verhaltensweisen, die in dieser Phase der menschlichen Entwicklung nützlich und damit adaptiv waren, in der Gegenwart maladaptiv seien. Solche Verhaltensweisen seien etwa die Aggressivität und Gewaltbereitschaft, die die Vereinnahmung der Ressourcen anderer und die Verteidigung eigener Ressourcen, die Beseitigung von Rivalen, die Festlegung von Hierarchien und die Verhinderung sexueller Untreue sicherstellen sollen845. Aggression sei „eine spezifische Reaktion auf spezifische Auslösebedingungen in der Umwelt eines Organismus“846. Gewalt und Aggression seien nach Fetchenhauer in modernen Gesellschaften nur geächtet, da legale und soziale Normen durch die Mächtigen in einer Gesellschaft bestimmt würden, die aufgrund von Alter und Beruf meist körperlich schwächer seien als jüngere Personen mit körperlich anstrengenden Berufen. Daher werde heute Gewalt als Mittel der Konfliktlösung abgelehnt847. Evolutionspsychologisch seien einige Reproduktionsunterschiede zwischen Männern und Frauen evident848: Zum einen müsse der Mann durch die Überzahl paarungswilliger Männer, im Gegensatz zu den durch eine lange Schwangerschaft und 841 Fetchenhauer in: FS Schwind, S. 841 (841); (Besprechung: Schneider, H. in: GA 2008, im Druck). 842 Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (843); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 843 Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (843); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 844 Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (843); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 845 Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (845 ff); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 846 Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (847); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 847 Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (848); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 848 Vgl. im Folgenden: Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (849 f); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 128 Stillzeit gebundenen Frauen, mit Gewalt um diese konkurrieren. Zweitens sei die Varianz des Fortpflanzungserfolges bei Männern größer als bei Frauen. Drittens müssten Frauen – ebenfalls aufgrund der größeren Investition in den Nachwuchs – eher auf die Qualität ihrer Nachkommen achten, während Männer auf Qualität und zusätzlich auf Quantität achten könnten. Zuletzt bestehe nur bei Männern Vaterschaftsunsicherheit, welche die Bereitschaft verringere, Zeit und Ressourcen in die Aufzucht des Nachwuchses zu investieren. Resultat aus diesen Unterschieden ist nach Fetchenhauer, dass Männer physische und psychische Adaptionen entwickelt haben, um sich im Konkurrenzkampf durchzusetzen. Neben körperlicher Stärke sei hierbei die Bereitschaft, Risiken einzugehen und Auseinandersetzungen gewaltsam zu lösen von entscheidender Bedeutung849. Für Frauen hingegen seien aggressive Verhaltensweisen und das Eingehen von Risiken weniger lohnend, da es für sie nützlicher sei, „soziale Unterstützungsnetzwerke“ zu schaffen, um die Aufzucht der Nachkommen zu sichern850. Auch in der modernen Gesellschaft zeige sich nach Fetchenhauer, dass Männer häufiger zu körperlichen Aggressionen neigten als Frauen851. Außerdem würden Männer häufiger Opfer negativer Ereignisse als Frauen, was darauf zurückzuführen sei, dass Männer aus evolutionspsychologischer Sicht häufiger bereit seien, Risiken einzugehen852. 2. Geschützte Lage und Vermeidung deliktsgünstiger Situationen Des Weiteren wurde vertreten, dass Frauen weniger straffällig würden, weil sie vor den „Stürmen des Lebens“ wie „Treibhauspflanzen“ geschützt seien853. Frauen lebten in der Regel mehr im Haushalt und in der Familie als Männer854, weswegen ihnen die Gelegenheit dazu fehle, Straftaten zu begehen, selbst wenn sie dieselben erheblichen Abnormitäten des Charakters aufwiesen wie ein krimineller Mann855. Ihr durch ihre gesellschaftliche Rolle beschränkter Handlungsradius bedeute zugleich die Vermeidung deliktsgünstiger Situationen856 und damit die Erklärung für 849 Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (850); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 850 Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (851); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 851 Vgl. Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (852); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 852 Fetchenhauer in: FS Schwind, S.841 (854); (Besprechung: Schneider, H. in GA 2008, im Druck). 853 Bonger, S. 532, zitiert nach Kaiser, Kriminologie, S. 505. 854 Stumpfl, Die Ursprünge des Verbrechens, S. 142. 855 Stumpfl, Die Ursprünge des Verbrechens, S. 143. 856 Bonger, S. 528, zitiert nach Cremer, Untersuchungen zur Kriminalität der Frau, S. 158; zur Ungleichheit des sozialen Standortes siehe auch: v. Hentig, Das Verbrechen III, S. 32 ff; Aschaffenburg, Das Verbrechen und seine Bekämpfung, S. 129 ff; Krug in: Bayerisches Statistisches Landesamt (Hrsg.), S. 100 ff; Elliott, Crime in modern society, S. 199 ff; Heidensohn, Women and Crime, S. 198. 129 den geringen Anteil an der Gesamtkriminalität. 3. Lerntheoretische Ansätze Lernpsychologische Ansätze gehen davon aus, dass sowohl kriminelles als auch sozialkonformes Verhalten erlernt werden kann. Zunächst nahm man an, dass dieser Lernprozess durch Interaktion mit anderen in einem Kommunikationsprozess in persönlichen Gruppen und Kontakten vollzogen werde857. Hierdurch würden die zur Verbrechensbegehung notwendigen Fertigkeiten, aber auch Wertorientierungen, Motivationen und Normen, die in der Gruppe gelten, erlernt858. Ein Mensch werde dann kriminell, wenn die Kontakte zu Personen mit einem Kriminalität bejahenden Wertesystem solche zu Personen mit antikriminellen Wertevorstellungen überwiegen859. Später wurde diese Theorie dahingehend ergänzt, dass es weniger auf die Quantität der Kontakte zu kriminellen Personen ankomme, sondern darauf, in welchem Ausmaß sich der Gefährdete mit (existierenden oder eingebildeten) Personen identifiziere, die sein kriminelles Verhalten billigten860. Eysenck ging davon aus, dass Kriminalität eine misslungene Konditionierung während der Erziehung sei, wobei grundsätzlich bei extravertierten Menschen eine geringere Konditionierbarkeit festzustellen sei als bei introvertierten861. Konditionierung ist das Ausbilden bedingter Reaktionen bei Mensch oder Tier, wobei eine Reaktion auch dann eintritt, wenn anstelle des ursprünglichen Auslösereizes ein zunächst neutraler Reiz besteht862, wobei man zwischen klassischer und operanter Konditionierung unterscheiden muss. Der Begriff der klassischen Konditionierung stammt von Pawlow und führt Lernen auf die Schaffung von Reflexen bzw. Reaktionen zurück863. Nach der operanten Konditionierung wird die Reaktionswahrscheinlichkeit durch Verstärker, 857 Sutherland in: Sack/König (Hrsg.), Kriminalsoziologie, S. 395 (396 ff): „Theorie der differentiellen Kontakte“; Niesing, Die Bedeutung der Lerntheorien, S. 31 ff (Besprechung: Schneider, H. in: GA 1998, S. 512). 858 Sutherland in: Sack/König (Hrsg.), Kriminalsoziologie, S. 395 (396 ff); zusammenfassend: Bock, M., Kriminologie, S. 47 f, Rn. 123 ff; Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 159 f; Schwind, Kriminologie, S. 118 ff, Rn. 21 ff. 859 Sutherland/Cressey, Criminology, S. 75: “a person becomes delinquent because of an excess of definitions favourable to violation of law over definitions unfavourable to violation of law“; vgl. auch: Niesing, Die Bedeutung der Lerntheorien, S. 31 (Schneider, H. in: GA 1998, S. 512). 860 Glaser in: AJS 1956, S. 433 (440): „a person pursues criminal behaviour to the extent that he identifies himself with real or imaginary persons from whose perspective his criminal behaviour seems acceptable”. 861 Eysenck, Kriminalität und Persönlichkeit, S. 161 f; vgl Niesing, Die Bedeutung der Lerntheorien, S. 17 (Schneider, H. in: GA 1998, S. 512). 862 Duden, Das große Fremdwörterbuch, „Konditionierung”, S. 737. 863 Niesing, Die Bedeutung der Lerntheorien, S. 15 ff (Schneider, H. in: GA 1998, S. 512); Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 156 f; Schwind, Kriminologie, S. 124, Rn. 35. 130 also das Zuführen von positiven oder Entziehen von negativen Reizen, erhöht864. Eysenck verbindet die Normverletzung hingegen mit einem negativen Reiz, d.h. mit Bestrafung, wodurch er durch die Angst vor Strafe eine Konditionierung zu straffreiem Verhalten erreichen möchte865. In den 60er Jahren wandte man sich vom sogenannten „Behaviourismus“ stärker den kognitiven Aspekten des Lernens zu, bei denen das sogenannte Beobachtungs- oder Modelllernen hervortrat866. Verhaltensweisen, also auch antisoziales und insbesondere aggressives Verhalten, werden danach durch Beobachtung und Nachahmung am Modell erlernt867. Hierbei spiele der Umgang der Eltern miteinander, ihre Erziehung, der Freundeskreis sowie Beeinflussung durch Massenmedien eine wichtige Rolle868. Ein gewisses Verhalten der Frau wird bereits während der Erziehung der Mädchen eingeleitet und festgelegt, etwa durch die Belohnung femininer Verhaltensweisen wie Verantwortlichkeit, Fürsorglichkeit, Gehorsam, soziale Anpassung und Integration869. Die Wissenschaft geht davon aus, dass die soziale Position der Frau sowie die Angst der Familie vor einer ungewollten Schwangerschaft der Tochter bei der Erziehung der Mädchen eine stärkere Beaufsichtigung, eine größere Sorgfalt und Konsistenz bei der Vermittlung nicht-krimineller Verhaltensmuster bewirke870. Aufgrund dieser Sozialisation, die an sozialen Gruppenwerten orientiert sei, neige die Frau weniger zu aggressivem Verhalten (acting-out) als der Mann, der primär zu Aktivität, Dominanz und Konkurrenzverhalten erzogen werde871. Im Sinne der Aggressionstheorie kann man daraus schließen, dass bei der Erziehung von Mädchen aggressive Verhaltensweisen mehr bestraft werden als bei Jungen, und Mädchen sich daraufhin eher mit femininen Verhaltensweisen identifizieren. Hierfür spricht die Beobachtung, dass Mädchen mit ausschließlich männlichen Geschwistern im Gegensatz zu anderen Mädchen die höchste Kriminalitätsrate aufweisen872. Das Mädchen soll sich in der Familie gut auf die Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereiten können, d.h. nach der Theorie der differentiellen Kontakte und der differentiellen Identifikation werden so nicht-kriminelle Verhaltensmuster eingeübt. Demnach soll sich die Frauenkriminalität dort der Männerkriminalität in Qualität und Quantität annähern, wo Frauen die größte Freiheit und Gleichberechtigung erleben873. Im 864 Skinner, Wissenschaft und menschliches Verhalten, S. 75 f; Niesing, Die Bedeutung der Lerntheorien, S. 18 ff (Besprechung: Schneider, H. in: GA 1998, S. 512); Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 157. 865 Vgl. Eysenck, Kriminalität und Persönlichkeit, S. 191 ff. 866 Bock, M., Kriminologie, S. 48, Rn. 128. 867 „sozial-kognitive Lerntheorie“ nach Bandura, vgl. Bock, M., Kriminologie, S. 48, Rn. 128. 868 Göppinger, Kriminologie, S. 137. 869 Keupp in: MschrKrim 1982, S. 219 (227); vgl. zusammenfassend: Siegel, Criminology, S. 91. 870 Sutherland/Cressey, Criminology, S. 130; vgl. auch Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 277; Franke, Frauen und Kriminalität, S.77. 871 Keupp in: MSchrKrim 1982, S. 219 (227). 872 Sletto in: AJS 39 (1933-1934), S. 657 (657); Sutherland/Cressey, Criminology, S. 129. 873 Adler, Sisters in Crime, S. 251 f; a.A. Gipser in: Gipser/Stein-Hilbers (Hrsg.), Wenn Frauen aus der Rolle fallen, S. 169 (173 f); vgl. auch zusammenfassend: Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 267 ff. 131 Rahmen der so genannten „Emanzipationsthese“ bzw. „liberal feminist theory“874 wird vertreten, dass durch das Fortschreiten der Emanzipation die Art und Häufigkeit weiblicher krimineller Energie sich ebenso der männlichen annähere wie die weibliche gesellschaftliche Position an die männliche. Die Angleichung der Geschlechter bewirkt nach dieser Theorie eine parallele Entwicklung der weiblichen Kriminalität875. Das betreffe insbesondere auch die „traditionell männlichen“ Straftaten, wie Straftaten gegen die Person, gewalttätige Eigentumsdelikte und die so genannten „White-Collar-Crimes“876. Ein weiterer Ansatz, der die Unterschiede in der Delinquenz von Männern und Frauen zu erklären versucht, ist der lerntheoretisch-kultursoziologische Ansatz von Hermann. Hermann geht davon aus, dass sich die Wertorientierungen bei Männern und Frauen unterscheiden, was Einfluss auf die Gewaltkriminalität habe877. Beschrieben werden dabei drei Wertedimensionen: Traditionelle Werte, moderne idealistische Werte und moderne materialistische Werte878. Als traditionelle Werte werden konservative, religiöse und leistungsbezogene Orientierungen beschrieben; moderne idealistische Werte umfassen soziale, altruistische, sozialintegrative und ökologisch-alternative Ausrichtungen sowie politische Toleranz. Moderne materialistische Werte beinhalten materialistische, hedonistische und subkulturelle Orientierungen879. Bei einer 1998 unter 3000 Personen zwischen 14 und 70 Jahren durchgeführten repräsentativen Bevölkerungsbefragung wurde festgestellt, dass insbesondere bei den modernen idealistischen Werten ein erheblicher Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht880. Frauen aller Altersstufen orientieren sich verstärkt an diesem Wertebereich, während Männer in keiner Altersgruppe das Niveau der Frauen erreichen. Frauen zeigen etwa eine ausgeprägte Orientierung zu Freundschaft, Kontaktfreude, Partnerschaft, Politikengagement, Toleranz, innerer Ruhe, Umweltbewusstsein, Gesundheit und sozialer Hilfsbereitschaft, während Männer sich an Erfolg, Härte, Vergnügen, egoistischem Individualismus und Lebensstandard orientieren. Hermann stellte daraufhin einen Zusammenhang zwischen den modernen idealistischen Werten und der Normakzeptanz her: Je bedeutsamer die Orientierung zu den modernen idealistischen Werten sei, desto höher sei auch die Akzeptanz Gewalt verbietender Rechtsnormen und je höher die Normakzeptanz einer Person sei, desto geringer sei die Wahrscheinlichkeit von 874 Vgl. Siegel, Criminology, S. 91. 875 Adler, Sisters in Crime, S. 251. 876 Adler, Sisters in Crime, S. 252. 877 Hermann in: Kerner/Marks (Hrsg.), Internetdokumentation Deutscher Präventionstag, S. 5; Hermann in: Lamnek/Boatka (Hrsg.), Geschlecht, Gewalt, Gesellschaft, S. 354 (358 f). 878 Vgl. Hermann/Dölling, Kriminalprävention und Wertorientierungen in komplexen Gesellschaften, S. 21; Hermann in: Lamnek/Boatka (Hrsg.), Geschlecht, Gewalt, Gesellschaft, S. 354 (361). 879 Vgl. auch Hermann, Werte und Kriminalität, S. 192. 880 Hermann in: Lamnek/Boatka (Hrsg.), Geschlecht, Gewalt, Gesellschaft, S 354 (363 f). 132 Straftaten881. Durch die verstärkte Orientierung an modernen idealistischen Werten werden Frauen hiernach seltener straffällig als Männer. 4. Rational choice-Ansatz Nach dem rational choice-Ansatz handeln Menschen stets nutzenmaximiert, d.h. sie richten ihre Handlungen ausschließlich an dem größten Nutzen für sich aus882. Dies gelte für alle Verhaltensweisen. Eine Differenzierung zwischen kriminellem und nicht-kriminellem Verhalten sei damit überflüssig883. Im Rahmen der Kriminologie bedeutet die ökonomische Kriminalitätstheorie, dass eine kriminelle Handlung eine aufgrund von Abwägung von Kosten und Nutzen rational getroffene Entscheidung sei884. Ein Kosten-Nutzen-Vergleich werde anhand der objektiv und subjektiv zur Verfügung stehenden, von Informationen und eigenen Fähigkeiten gestützten Handlungsalternativen aufgestellt885. Die tragenden Größen für die Entscheidung seien der erwartete Gewinn durch die Tat, die subjektiven Erfolgsaussichten, insbesondere das Entdeckungsrisiko sowie die für diesen Fall erwartete Strafhärte886. Da die Kriminalitätsbelastung von Frauen geringer ist als die von Männern, stellt sich im Rahmen des rational choice-Ansatzes die Frage, warum Frauen anhand subjektiver Kosten-Nutzen-Überlegungen eher als Männer die Handlungsalternative „konformes Verhalten“ wählen887. Anhand von Befragungen wurde festgestellt, dass straffällige Mädchen frühere Kontakte mit der Polizei nur widerwillig zugeben888. Daraus wird geschlossen, dass abweichendes Verhalten von Frauen in der Gesellschaft stärker diskriminiert wird und Frauen die stärkere negative Beurteilung abweichenden Verhaltens antizipieren. Wegen dieses Schamgefühls falle es Mädchen schwerer als Jungen, Straftaten zu begehen und das Risiko des Entdeckens und der sozialen Ächtung auf sich zu nehmen. Ferner wird vertreten, dass die moralischen Sichtweisen, die auf die rationale Wahl Einfluss nehmen, bei Männern und Frauen unterschiedliche Schwerpunkte haben889. Die weibliche Sichtweise sei mehr auf „Fürsorge“ ausgerichtet als die männliche, was bewirke, dass die Beziehungen mit anderen Menschen in den Mittelpunkt gestellt und dadurch konforme Verhaltensweisen aus Rücksichtnahme und Beachtung fremder Bedürfnisse gewählt werden890. 881 Hermann in: Kerner/Marks (Hrsg.), Internetdokumentation Deutscher Präventionstag, S. 7; Hermann in: Lamnek/Boatka (Hrsg.), Geschlecht, Gewalt, Gesellschaft, S. 354 (365). 882 Bock, M., Kriminologie, S. 64, Rn. 178. 883 Fetchenhauer in: KZSS 1999, S. 283 (284). 884 Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 203; Siegel, Criminology, S. 131. 885 Sessar in: MSchrKrim 1997, S. 1 (7). 886 Bock, M.,Kriminologie (2. Aufl.), S. 87, Rn. 183; Fetchenhauer in: KZSS 1999, S. 283 (284). 887 Franke, Frauen und Kriminalität, S. 62. 888 Morris in: BritJCrim 1965, S. 249 (254 f). 889 Vgl. Franke, Frauen und Kriminalität, S. 62. 890 Vgl. Franke, Frauen und Kriminalität, S. 62 f. 133 IV. Soziologische / Strukturell-funktionale Theorien Die soziologische Wissenschaft erachtet das Verhalten von Menschen und damit auch die Kriminalität als Produkt der Sozialstruktur. Soziologische oder strukturellfunktionale Theorien führen das Entstehen von Devianz nicht auf Ursachen in der Einzelperson zurück, sondern auf die herrschenden makrosozialen Strukturen, d.h. gesellschaftliche Missstände. Dazu gehören etwa anomische gesellschaftliche Zustände, kulturelle bzw. subkulturelle Problematiken sowie gewisse ökologische Bedingungen. Hierzu werden insbesondere Gruppen- und Massenuntersuchungen durchgeführt891, um die sozialen Bedingungen zu analysieren, unter denen Menschen straffällig werden. Für die Kriminalität der Frau bedeutet dies, dass nach dem Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Position der Frau und ihrer Kriminalität gesucht werden muss. 1. Anomietheorie Durkheim ging bereits 1895 davon aus, dass das Verbrechen als pathologisches Verhalten mit den Gesamtbedingungen des Kollektivlebens eng verknüpft ist892. Für ihn hat der Mensch eine grenzenlose Bedürfnisstruktur (anthropologische Annahme), die durch die Gesellschaft und deren Normen beschränkt werde, d.h. durch Sozialisation und soziale Kontrolle. Dadurch werde gleichzeitig ein sogenanntes Kollektivbewusstsein und eine Solidarität der Mitglieder der Gesellschaft ausgebildet (sozialpsychologische Annahme)893. Dieses Kollektivbewusstsein und die Solidarität seien Änderungen unterworfen, etwa durch die ständig fortschreitende Arbeitsteilung, die eine größere Individualität fördere und das Kollektivbewusstsein verringere (universalgeschichtliche Annahme)894. Durch diesen Prozess entstehe Anomie, die zu einer für die jeweilige Gesellschaft spezifischen Kriminalität als Kehrseite jeder sozialen Regelung führe895. Merton hingegen ging davon aus, dass sowohl in der Gesellschaft bestimmte Zielsetzungen „erstrebenswerter Dinge“ kulturell festgelegt seien, als auch die erlaubten Wege zum Erreichen dieser Ziele durch die kulturelle Struktur bestimmt, reguliert und kontrolliert würden896. Abweichendes Verhalten ist demnach „Symptom für das Auseinanderklaffen von kulturell vorgegebenen Zielen und sozial strukturierten Wegen, auf denen diese Ziele zu erreichen 891 Schwind, Kriminologie, S. 126, Rn.2. 892 Durkheim in: Sack/König (Hrsg.), Kriminalsoziologie, S. 3 (3); vgl. auch Volt/Bernard/ Snipes, Theoretical Criminology, S. 103 ff. 893 Bock, M., Kriminologie (2. Aufl.), S. 77. 894 Bock, M., Kriminologie (2. Aufl.), S. 77. 895 Schwind, Kriminologie, S. 133, Rn. 4; Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 107 ff. 896 Merton in: Sack/König (Hrsg.), Kriminalsoziologie, S. 283 (286 f); Volt/Bernard/Snipes, Theoretical Criminology, S. 135 ff; Hagan, Introduction to Criminology, S. 138.

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References

Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.