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Nadine H. Pahlke, Einfluss rassischer Traditionen, Antisemitismus und Propaganda in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 80 - 87

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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80 Jäger ist eine besondere Anpassungsbereitschaft und der Wille, konform zu handeln, sogar Voraussetzung hierfür434. Eine Besonderheit der Taten im nationalsozialistischen System war, dass sie zumeist unter dem Einfluss von Autoritätspersonen begangen wurden. Ausgenommen hiervon waren Taten aus eigenem Antrieb, wie etwa Exzesstaten oder die Verbrechen in Zusammenhang mit den sogenannten „Todesmärschen“ am Ende des Krieges. Hier handelten die Täter ohne den Einfluss von Autorität, zum Teil sogar gegen ausdrückliche Befehle. In allen anderen Fällen wurde aufgrund von Anweisungen gehandelt, die durch Personen, die in der Hierarchie über den Tätern standen, erteilt worden waren. An der Spitze der Hierarchie standen Hitler und die ihm unmittelbar unterstellten Führer des Regimes als ferne aber dennoch starke Autoritätspersonen, gegenüber denen sich der Einzelne verpflichtet fühlte. Dieses Verpflichtungsgefühl bewirkte Loyalitäts-, Pflicht- und Disziplin-Vorstellungen, die zu „moralischen Imperativen“435 wurden. Für die Resultate des eigenen Handelns fühlten sich die Täter nicht verantwortlich, da die Schuld oder zumindest die Verantwortung auf die Autoritätspersonen übertragen werden konnte. Die Täter führten nach ihrem Selbstverständnis nur Befehle aus. Sich hiergegen zu wehren, wurde aufgrund der anerzogenen Gehorsamsbereitschaft als „unehrenhafte, unverschämte oder unmoralische Pflichtverletzung“436 empfunden. Ein ebenso wichtiger Faktor wie die Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität war nach Milgram die durch den Wiederholungscharakter der Handlungen entstandene Bindung437. Wer einmal mit der Ausführung von verbrecherischen Handlungen begonnen hatte, konnte diese nicht ohne das Eingeständnis abbrechen, dass die vorher ausgeführten Taten Unrecht gewesen waren und er damit Schuld auf sich geladen hatte. Die Fortführung der Taten erschien den Tätern leichter als das Eingestehen des bereits verübten Unrechts. Todeslager, wie die unter der nationalsozialistischen Herrschaft, sind aus diesen Gründen nach Milgram überall auf der Welt und nicht nur in Deutschland möglich gewesen. III. Einfluss rassischer Traditionen, Antisemitismus und Propaganda Der Antisemitismus weist eine lange Vorgeschichte auf. Verfolgungen von Juden in größerem Ausmaß gab es bereits im Spätmittelalter. Religiös motivierte Eiferer provozierten seither in Europa starke Wellen eines Judenhasses, der zu Pogromen und Vertreibungen führte. Wiederkehrendes Argument war dabei, die jüdischen Zeitgenossen seien die Nachfahren derer, die Jesus Christus getötet haben438. 434 Jäger, Makrokriminalität, S. 182. 435 Browning, Ganz normale Männer, S. 226. 436 Browning, Ganz normale Männer, S. 227. 437 vgl. auch Welzer, Täter, S. 87. 438 Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, S. 325; Brockhaus, Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 1, „Antisemitismus“, S. 676; Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 72. 81 Daneben richtete sich die Judenfeindlichkeit gegen die religiös-kulturelle Eigenständigkeit der Juden innerhalb der christlichen Kultur439. Historisch wurde das Christentum als die „höhere Religion“ angesehen, was sogar säkularisierte Antisemiten vertraten440. Oft hatte der Antisemitismus aber auch wirtschaftliche Ursachen: Da es Christen aus religiösen Gründen versagt war, Zinsen zu verlangen, Juden aus anderen Berufen in Landwirtschaft und Handwerk verdrängt wurden und weil sie als Nichtchristen keine Zunftmitglieder werden durften, bot sich ihnen nur das Geldgeschäft und der Kleinhandel als Betätigungsfeld. Durch die damit verbundene Verschuldung vieler Menschen bei Juden wurde der Judenhass weiter geschürt441. Dieser führte zur Diffamierung der Juden und zu ihrer Ausgrenzung in Form von Gettoisierung und Dämonisierung442. Im 19. Jahrhundert entstand vor allem in Deutschland eine weniger religiös als völkisch geprägte Form der Judenfeindlichkeit, die den Juden nicht mehr in Gegensatz zum Christen stellte, sondern zum Arier. Der Begriff der „Rasse“ wurde zum zentralen Schlüsselbegriff443. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde verstärkt antisemitische Literatur veröffentlicht, die zur Popularisierung der antijüdischen Gedanken beitrug444. Fritsch vertrat in seinen Büchern, dass mit einer langsamen und methodischen Indoktrination der politischen Parteien und Angehörigen jeder sozialen und religiösen Überzeugung mit antisemitischen Gedanken begonnen werden müsse445. Von ihm wurden die Juden unter anderem als „schädliche und destruktive Rasse“, „Feinde der Menschheit“, „betrügerische Parasiten“ dargestellt, die es in Notwehr zu bekämpfen galt446. Bücher wie sein Antisemitischer Katechismus (1887) oder Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts (1899) von Houston Steward Chamberlain haben mit ihrer judenfeindlichen Botschaft und unzähligen Neuauflagen Millionen von Lesern im deutschen Bildungsbürgertum erreicht447. Später wurde Menschen jüdischer Herkunft dann die Schuld an negativen Entwicklungen in Deutschland, wie etwa an der Niederlage im Ersten Weltkrieg, an der Novemberrevolution oder an der Ermordung des deutschen 439 Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, S. 90, S. 324 f; Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 74 und 78; Brockhaus, Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 1, „Antisemitismus“, S. 676. 440 Vgl. Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, S. 323. 441 Brockhaus, Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 1, „Antisemitismus“, S. 676. 442 Brockhaus, Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 1, „Antisemitismus“, S. 676. 443 Brockhaus, Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 1, „Antisemitismus“, S. 677; vgl. auch Krausnick in: Buchheim/Broszat u.a. (Hrsg.), Die Anatomie des SS-Staates Bd.2, S. 282 (283). 444 Wie etwa Veröffentlichungen von Wagner, Fries, Paulus, Streckfuss, Dühring, Langbehn, Fritsch, Rohling, Marr, Chamberlain; mit weiteren Nachweisen Brockhaus, Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 1, „Antisemitismus“, S. 677; vgl. auch Katz, Vom Vorurteil zur Vernichtung, S. 146 ff, S. 307 ff. 445 Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, S. 308. 446 Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, S. 308. 447 Vgl. Krausnick in: Buchheim/Broszat, Die Anatomie des SS-Staates Bd. 2; Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, S. 309. 82 Außenministers Rathenau gegeben. In dieser Zeit gewann der Antisemitismus in Deutschland deutlich an Schärfe448. Die NSDAP und die gesamte nationalsozialistische Bewegung griffen auf dieses „unheilvolle“449 Bild der Juden und auf einen mittlerweile extrem biologischen Antisemitismus zurück. Die gesamte deutsche Gesellschaft wurde von rassistischer und antisemitischer Propaganda regelrecht überschwemmt450. Die antijüdische Lehre wurde dadurch in Verbindung mit der Rassentheorie zu einer unbezweifelbaren Wahrheit451, die bis in den Alltag der Menschen in einer zutiefst krisengeschüttelten Gesellschaft hinein wirkte und auf fruchtbaren Boden fiel452. Die Indoktrinierung durch Propaganda, die im „Dritten Reich“ unter anderem die Verbreitung des antisemitischen Gedankengutes zum Inhalt hatte, fand durch die systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher oder ähnlicher Ideen und Meinungen mit massiven, neuen publizistischen Mitteln statt, um das allgemeine Bewusstsein in bestimmter Weise zu beeinflussen453. Hitler war der Meinung, dass „die Propaganda (...) die Gesamtheit im Sinne einer Idee (bearbeitet) und (...) sie reif macht für die Zeit des Sieges dieser Idee“454. Die Nationalsozialisten entfalteten daher extreme propagandistische Aktivitäten455, zunächst deshalb, um ihre Anhängerschaft so zu vergrößern, dass sie eine Mehrheit in der Bevölkerung ausmachte, die Hitler nach dem misslungenen Putsch von 1923 durch demokratische Wahl an die Macht bringen sollte456. Später sollten die Bevölkerung und die Parteimitglieder in politischen Fragen einheitlich, d.h. nach nationalsozialistischen Maßstäben ausgerichtet werden457. Durch Massenbeeinflussung sollte das Judentum zum absoluten Feindbild erklärt und zugleich verfremdet werden458. Zu diesem Zweck wurde im März 1933 ein eigenes „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ geschaffen, das so genannte Propagandaministerium, das unter der Leitung des „Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda“ Goebbels stand459. Seine Maßnahmen drangen in alle Lebensbereiche der Deutschen vor: Das Propagandaministerium bestimmte, was 448 Brockhaus, Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 1, „Antisemitismus“, S. 677. 449 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 105. 450 Browning, Ganz normale Männer, S. 240. 451 Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, S. 321. 452 Thamer in: BPB, Nationalsozialismus II, S. 5 (20); vgl. auch Longerich in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 291 (308). 453 Duden, Das große Fremdwörterbuch, „Propaganda“, S. 1102. 454 Hitler, Mein Kampf, S. 653. 455 Vgl. zu den Phasen der Propaganda des „Dritten Reiches“: Longerich in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 291 (310). 456 Katz, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung, S. 319. 457 Longerich in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 291 (291). 458 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 169 (192). 459 Vgl. Ranke in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 34 (38 f). 83 im Radio gesendet und in den Zeitungen geschrieben wurde460, zensierte Film, Schrifttum, Theater, Musik und Kunst und setzte gezielt Fahnen, Plakate, Hakenkreuz, den „Deutschen Gruß“, Paraden sowie Monumentalarchitektur ein, um die Bevölkerung zu beeinflussen461. Nationale Erneuerung und die Vernichtung der Volksfeinde mit dem Ziel einer nationalen Volksgemeinschaft stellten das Thema unzähliger Propagandaveranstaltungen dar462. Die NS-Propaganda lebte vor allem durch das gesprochene Wort und spielte sich zum Großteil im Kontext des nationalsozialistischen Veranstaltungs- und Feierstils ab463. Die Propaganda war gekennzeichnet durch Gewalt464 und die ständige Drohung, Andersdenkende mit Haft, Folter, KZ oder dem Tod zu bestrafen. Um die Nachrichtenlage zu besprechen, traf sich Hitler fast täglich mit Goebbels, der die offiziellen Richtlinien dann an die leitenden Funktionäre dieses Ministeriums weitergab. Propaganda war also der „Schlüsselbegriff in der Geschichte der NS-Bewegung“465. Gerade den ausführenden Tätern des Vernichtungsplans gegenüber wurde durch den gezielten Einsatz von Propaganda versucht, eine Eliminierung bzw. Minimierung des Unrechtserlebens und –bewusstseins zu erreichen466. Zur psychologischen Bereitmachung der Deutschen wurde nicht das Mittel der Nötigung gewählt, sondern das der Manipulation des Rechtsbewusstseins der Täter durch erhebliche, in Art und Anlage äußerst raffinierte Mittel467. Nach Lorenz, der seine in der Tierforschung gewonnenen Ergebnisse auf den Menschen übertrug, bewirkt die künstliche Erzeugung von Verteidigungsreflexen, wie hier bei der Verteidigung bzw. der kollektiven Notwehr468 beim „Kampf ums Dasein“469, einen Hemmungsabbau bei den Tätern. Dieser Hemmungsabbau war auch bei den nationalsozialistischen Tätern gegeben, wenn man berücksichtigt, wie intensiv diese durch die umfassende Propaganda, die die Verhinderung der Identifikation mit den Opfern betrieb, beeinflusst wurden. Dies bewirkte eine Vermeidung der damit verbundenen psychologischen Wirkungen, wie Aggressionshemmung, Mitmenschlichkeitsregungen, Schuld- und Un- 460 Zur Pressezensur bgl. Thamer in BPB, Nationalsozialismus II, S. 5 (19); Thomae, Die Propaganda-Maschinerie, S. 156 ff. 461 Thamer in: BPB, Nationalsozialismus II, S. 5 (20); Ranke in: Benz/Graml/Weiß, Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 34 (35); zur „Baukunst“ vgl. Thomae, Die Propaganda- Maschinerie, S. 143 ff. 462 Thamer in BPB, Nationalsozialismus I, S. 20 (22). 463 Longerich in: Bracher/Funke/Jacobsen, Deutschland 1933 – 1945, S. 291 (308). 464 Longerich in: Bracher/Funke/Jacobsen, Deutschland 1933 – 1945, S. 291 (308); Ranke in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 34 (35). 465 Longerich in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.), Deutschland 1933 – 1945, S. 291 (291); vgl. auch Schumacher in Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 169 (189). 466 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 177. 467 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 169 (176). 468 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 311. 469 Vgl. auch Mallmann in Paul, Die Täter der Shoah, S. 109 (121); Matthäus in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 137 (146 ff). 84 rechtsgefühle, und wurde somit entscheidend mitursächlich für den Völkermord470. Eine im erheblichen Maße von der nationalsozialistischen Propaganda beeinflusste Umwertung der Moral fand statt, ebenso wie eine dadurch bewirkte Umdefinierung von Konformität und Abweichung. Diese Umkehrung des Rollen-Normen-Gefüges unter der nationalsozialistischen Herrschaft blieb natürlich nicht ohne Einfluss auf das Unrechtsbewusstsein, das sich zu einem großen Anteil an der gesellschaftlichen Umwelt und allgemeinen Forderungen, Erwartungen und Konventionen orientiert471. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Kriminellen, der mit seinem Tun außerhalb des Rollen-Normen-Gefüges seiner Umwelt steht, handelten die nationalsozialistischen Täter im Rahmen des für sie geltenden Rollen-Normen-Gefüges konform472. Das bedeutet, dass sich die Täter im Sinne des von ihnen Erwarteten verhielten, indem sie die von ihrer Umgebung gestellten Normen erfüllten473. Die Täter sahen sich in ihrer Selbstwahrnehmung als anständige Menschen, die unter Hintanstellung ihrer persönlichen Belange eine schwere, ihnen zugemutete Aufgabe bewältigen mussten474. Es ist anzunehmen, dass die über Juden und andere Volksfeinde verbreitete Propaganda ebenso wie der Einfluss rassischer Traditionen dazu beigetragen haben, Zweifel am eigenen Tun auszuräumen und die Taten als „gerechte“ Sache und notwendige Pflicht für das Vaterland, als „Kampf ums Dasein“ dastehen zu lassen. Ein weiteres Resultat der Indoktrinierung war, dass Anders- und Fremdrassige aus dem Bezugskreis der menschlichen Solidarität ausgeschlossen wurden475. Vielfach bedienen sich kriminelle Gruppen der Technik der physischen und kognitiven Distanzierung und Entstellung bzw. Denaturierung bis hin zur Entmenschlichung der Opferkategorie. Dies geschieht im Rahmen bestimmter sozialpathologischer Vorstellungen mit dem Zweck der „Legitimierung“ der Taten für die Täter476. Als Mittel werden Stigmatisierung, Stereotypisierung und Verfremdung eingesetzt. Rassische Traditionen und Antisemitismus können emotionale Abwehreffekte beim Täter auslösen und werden zu den Bedingungen für Massenmord gezählt477. Dabei wird oft suggeriert, dass die betroffene Gruppe gefährlich sei, so dass man sich vor ihr schützen müsse bzw. nur durch deren vollständige Ausrottung überleben könne478 und die Opfer deshalb keine Schonung verdienten479. Diese kollektiven „Ab- 470 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 169 (192). 471 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 178. 472 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 178. 473 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 178. 474 Neubacher, Kriminologische Grundlagen einer internationalen Strafgerichtsbarkeit, S. 253. 475 Koonz, Mütter im Vaterland, S. 447. 476 Eisenberg, Kriminologie, S. 942; Duster in: Steinert (Hrsg.), Symbolische Interaktion, S. 76 (78); ähnlich zum Pazifik-Krieg zwischen den Japanern und Amerikanern vgl. Dower, War without Mercy, S. 294. 477 Duster in: Steinert (Hrsg.), Symbolische Interaktion, S. 76 (78). 478 Eisenberg in: MSchrKrim 1980, S. 217 (229). 85 wertungsmechanismen“ lassen sich häufig in Zusammenhang mit Menschlichkeitsverbrechen feststellen480. Es wurde durch Himmler propagiert, dass Mitleid nur dem deutschen Volk gegenüber empfunden werden dürfe und dass man „ehrlich, anständig, treu und kameradschaftlich (nur) zu Angehörigen (des) eigenen Blutes zu sein (hat) und zu sonst niemandem. Ob die anderen Völker im Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert (...) nur insoweit, als sie als Sklaven (gebraucht werden)“481. Hierdurch wurde die Reichweite der Moral auf bestimmte Menschengruppen beschränkt. Insbesondere den Juden wurde das Menschsein an sich abgesprochen482. Hierbei wurde mittels der Verfremdung des Gegners „das Objekt der Aggression (...) fremd im abstoßenden Sinne gemacht, in seinem Wert erniedrigt, so dass selbst Tötung oft keinen Gewissenskonflikt mehr hervorrief“483. Die nationalsozialistische Propaganda wirkte auf eine solche Entmenschlichung hin484, indem sie die Juden als „Parasiten im Körper des Volkes“485, „Spreu“486, „Schmarotzer“487, „lebensunwertes Leben und minderwertige Rasse“488 darstellte und mit Tieren verglich489, die es „auszurotten“ galt. Der Begründer des höheren Menschentums und damit der Urtyp dessen, was die Nationalsozialisten unter dem Wort „Mensch“ verstanden, war der Arier490. Diese Rasse sollte mit allen Mitteln gegen das Vermischen mit Andersrassigen und damit gegen den Untergang verteidigt werden. Die psychologische Wirkung dieses „ideologischen Trommelfeuers“ war, dass in systematischer Weise die Suggestion geweckt wurde, dass der Jude kein Mensch sei und dadurch jedwede Identifikation verhindert wurde491. Ferner wurden die Opfer zu nichtmenschlichen Wesen verfremdet, wodurch es den Tätern erleichtert wurde, Gewalt anzuwenden, ohne Mitleid zu verspüren492. Im Zusammenhang mit Rassismus muss also „die Vermittlung sozialer Distanz zwischen Tätern und Opfern (...) als entscheidende 479 Frank, Menschen töten, S. 267. 480 Möller, C., Völkerstrafrecht und Internationaler Strafgerichtshof, S. 273. 481 Himmler, zitiert nach Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 306. 482 Stachorowsky, Massenmedien und Kriminalität der Mächtigen, S. 47; Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 307 und S. 309. 483 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 307; Stachorowsky, Massenmedien und Kriminalität der Mächtigen, S. 46 f. 484 Vgl. auch Möller, C., Völkerstrafrecht und Internationaler Strafgerichtshof, S. 272. 485 Hitler, Mein Kampf, S. 334. 486 Hitler, Mein Kampf, S. 324. 487 Hitler, Mein Kampf, S. 334. 488 Zitiert nach Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 308. 489 Hitler, Mein Kampf, S. 330. 490 Hitler, Mein Kampf, S. 317. 491 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 169 (192). 492 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 307; Jäger, Makrokriminalität, S. 170; Stacharowsky, Massenmedien und Kriminalität der Mächtigen, S. 47; Möller, C., Völkerstrafrecht und Internationaler Strafgerichtshof, S. 272; Frank, Menschen töten, S. 267; ähnlich zum Pazifik-Konflikt zwischen Japanern und Amerikanern vgl. Dower, War without Mercy, S. 294. 86 Voraussetzung für den Abbau von Unrechts- und Schuldgefühlen bezeichnet werden“493. Demnach war ein weiterer Faktor, der auf die Motivation eines Täters wirkte und das Bewusstsein gegen Hemmungen abschirmte, die soziale bzw. die innere Distanz zum Opfer. Die sogenannte Außendistanz der Gruppe gegenüber Angehörigen anderer Gruppen war entscheidend für den Hemmungsabbau, da durch innere Nähe bzw. hierüber erfolgende Identifizierungen mit dem Opfer Tötungshemmungen ausgelöst werden494. Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe erzeugt Außendistanz gegenüber persönlich unbekannten, anonymen, gesellschaftlich stigmatisierten Personen, d.h. gegenüber Opfern des sozialen Fernraums. Dazu zählen etwa bestimmte Menschenkategorien, Minderheiten, Berufsgruppen, politische Verbände und Gruppierungen. So verbreitete der deutsche Wochendienst: „Würden wir diesen Krieg verlieren, so fallen wir nicht in die Hände irgendwelcher anderer Staaten, sondern werden alle vom Weltjudentum vernichtet. Das Judentum ist fest entschlossen, alle Deutschen auszurotten. Völkerrecht und Völkerbrauch schützen nicht vor dem totalen Vernichtungswillen der Juden“495. Aus dem Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten wurde ein Präventionskrieg496. Wenn trotz dieser Neutralisierungstechniken bei den Tätern Schuldgefühle ausgelöst wurden, riefen diese Aggressionen hervor, die wiederum auf die Opfer gerichtet wurden. Die Frage lautete dann nicht: „Was bin ich ein böser Mensch, der ich so etwas tue“ sondern „Was sind das für böse Menschen, nämlich die Opfer, die mir das antun, dass ich so etwas tun muss“497. Die Rollen von Opfer und Täter wurden vertauscht. Die gesellschaftliche Distanzierung der Gesamtbevölkerung von den als Feindgruppe charakterisierten Opfern bewirkte so nicht nur die Hemmung des Unrechtsbewusstseins der Täter, sondern erfüllte gleichzeitig eine Rechtfertigungsfunktion für die Gesamtbevölkerung selbst498. Dadurch wurde das Aufkeimen von Schuld- und Unrechtsgefühlen verhindert. Dieser Mechanismus wurde von der Staatsführung dahingehend ausgenutzt, dass die Entstehung von Feindbildern und Außendistanzierung entsprechend der politischen Zielsetzung arrangiert wurde499. Insbesondere durch Goldhagen wird vertreten, dass die einzige und vorrangige Quelle, der der Wille entsprang, die Juden zu vernichten, sowohl bei Hitler als auch bei denen, die seinen Plan in die Tat umsetzten, ein bösartiger Antisemitismus war, der auf verschiedene Weisen mobilisiert wurde500. Drei Faktoren sollen verursacht 493 Stacharowsky, Massenmedien und Kriminalität der Mächtigen, S. 46. 494 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften, S. 169 (190). 495 Vgl. auch Deutscher Wochendienst, 5.2.1943, NG-4714: zitiert nach Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 3, S. 1090. 496 Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 3, S. 1090. 497 Schumacher in: Lüderssen/Sack (Hrsg.), Vom Nutzen und Nachteil der Sozialwissenschaften für das Strafrecht, S. 169 (189 f). 498 Eisenberg in: MSchrKrim 1980, S. 217 (229); Eisenberg, Kriminologie, S. 994. 499 Jäger, Makrokriminalität, S. 169; Stacharowsky, Massenmedien und Kriminalität der Mächtigen, S. 46. 500 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 8. 87 haben, dass dieser bösartige Antisemitismus zum Holocaust führte501: Erstens hätten verbrecherische und bösartige Antisemiten mit dem Plan, die Juden zu vernichten, in Deutschland die Macht ergriffen. Zweitens habe die deutsche Gesellschaft die Vorstellungen der politischen Führung geteilt. Drittens sei nur Deutschland mit seiner militärischen Stärke in der Lage gewesen, Umstände dafür zu schaffen, dass die Vernichtung der Juden ungestraft und ohne Furcht vor der Reaktion anderer Länder durchgeführt werden konnte. Goldhagen argumentiert, dass die „herkömmlichen“ Erklärungen fälschlicherweise von der Vermutung ausgingen, dass die Täter ihre Handlungen selbst abgelehnt hätten. Daher würde die Wissenschaft danach fragen, wie man die Menschen dazu bringen konnte, ihre innere Ablehnung zu überwinden. Bei dieser Betrachtungsweise werde aber die nationalsozialistische Ideologie ignoriert, die von ausschlaggebender Bedeutung für die Mordbereitschaft der Täter gewesen sei502. Goldhagen stellt die Behauptung auf, dass eine „bestimmte Art des Antisemitismus“503, der eliminatorische Antisemitismus, die Täter zu ihren Taten motiviert habe. Die Tatsache, dass Menschen, die weder auf die Tötungen oder brutale Behandlungen von Menschen vorbereitet, noch besonders intensiv indoktriniert waren, zu Mördern wurden, zeige, dass der Antisemitismus die gesamte deutsche Gesellschaft „infiziert“ hatte. Ob ein eliminatorischer Antisemitismus die monokausale Erklärung für das Motiv bei allen deutschen Tätern ist und der Holocaust in dieser Art nur in Deutschland geschehen konnte504, ist zweifelhaft. Menschliches Verhalten ist selten monokausal erklärbar, die Reduktion eines komplexen Geschehens, wie die Tatstrukturen nationalsozialistischer Gewalt auf ein einziges Motiv, ist schlichtweg unmöglich. Browning schätzt den Einfluss des Antisemitismus insgesamt geringer ein als Goldhagen, konstatiert aber ebenso eine Verunglimpfung der Juden und die Verkündung der Überlegenheit der germanischen Rasse „auf eine solch konstante, umfassende und unerbittliche Weise, dass dadurch die Grundeinstellung großer Bevölkerungsteile in Deutschland“ und damit auch der ausführenden Täter „geprägt worden sein muss“505. Unzweifelhaft spielte der Antisemitismus eine entscheidende – wenn auch nicht alleinige – Rolle. IV. Psychologische Wirkung des arbeitsteiligen Vorgehens, der Bürokratie und des Karrierestrebens Fraglich ist weiter, inwieweit die psychologischen Wirkungen des arbeitsteiligen Vorgehens, die Auswirkungen der Besonderheiten in der Bürokratie bei „Schreibtischtäterinnen“ und Verwaltungskräften und ein Streben nach persönlichen Vortei- 501 Vgl. im Folgenden: Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 9 f. 502 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 27. 503 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 29. 504 So Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 487. 505 Browning, Ganz normale Männer, S. 238.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.