Content

Nadine H. Pahlke, Fazit in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 71 - 72

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

Bibliographic information
71 Tötens erzeugt worden. Hinzu komme viertens die beständige situative Dynamisierung durch intendierte Handlungen und nicht-intendierte Handlungsfolgen. Fünftens sei aufgrund des praktischen Konzepts, dass Töten eine Arbeit sei, diese Arbeit als solche ständig verbesserungsfähig. Als letztes führte Welzer an, dass Gewalt an sich nicht nur destruktiv sei, sondern für diejenigen die sie ausüben eine ganze Reihe konstruktiver Funktionen habe353. Diese konstruktiven Funktionen seien etwa die Schaffung von Kategorien (Opfer und Täter), aber auch von emotionalen Bindungen und sozialen Handlungsräumen zwischen den Tätern selbst. Insbesondere hob Welzer als Auslöser für die nationalsozialistischen Taten und auch sonstige kollektive Verbrechen das Bedürfnis nach kollektivem Aufgehobensein in der Gruppe und Verantwortungslosigkeit heraus, die „das größte Potential zur Unmenschlichkeit“ haben354. Aus diesen Bedürfnissen resultiere die Attraktivität einer klaren Aufteilung der Welt in Gut und Böse, Freund und Feind, zugehörig und nicht-zugehörig. In Ermangelung von Autonomie führe diese Konstellation zum Anfang der Eskalation der Vernichtungsgewalt355. IX. Fazit Die Untersuchungen zur männlichen Täterschaft haben unterschiedliche Ergebnisse hervorgebracht, da sie sich auf unterschiedliche Schwerpunkte im zeitlichen Verlauf des Täterdiskurses konzentrierten356. Christopher Browning sieht die Erklärung für die Täterschaft im NS-System in mehreren, kumulativ wirkenden Faktoren: Durch den Ausbruch des Krieges und bereits vorherrschende Rasseklischees sei eine Distanzierung von den Opfern geschaffen worden, welche durch Propaganda, Routine und Brutalisierung noch verstärkt worden sei. Hinzu gekommen seien – bei den Tätern in unterschiedlichem Maße ausgeprägt – Karrierestreben, Autoritätshörigkeit und die Auswirkungen arbeitsteiligen Vorgehens. Insbesondere betont Browning aber den Einfluss von Gruppendruck, die Anpassung an andere Mitglieder der Tätergruppe und kollektive Mechanismen. Daniel Jonah Goldhagen vertritt hingegen eine monokausale Erklärung für den Holocaust. Nach seiner Auffassung ist einzig der in Deutschland des „Dritten Reiches“ herrschende eliminatorische Antisemitismus und damit der Glaube daran, dass die Judenvernichtung an sich richtig sei, als Antrieb der ausführenden Täter zu werten. Stanley Milgram weist in seinen Experimenten ein großes Ausmaß an Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autoritäten nach. Demnach handelten Menschen gegenüber Autoritäten als Vollstrecker derer Wünsche und empfänden keine Verantwortlichkeit für die eigenen Handlungen mehr. Verstärkt worden sei dieser 353 Welzer in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 237 (248); vgl. auch Orth in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 93 (96). 354 Welzer, Täter, S. 268. 355 Welzer, Täter, S. 268. 356 Paul in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 13 ff. 72 Zustand im „Dritten Reich“ durch den Wiederholungscharakter der Handlung, die von den Tätern nicht mehr abgebrochen werden konnte, ohne dass sie ihr vorheriges Handeln als falsch hätten definieren müssen. Für Zimbardo war die entscheidende Ursache, die aus „normalen“ Menschen Täter machte, die Situation. Faktoren, wie das Erfüllen-Wollen einer erwarteten Rolle, das Vorhandensein von Autorität, die Bildung von Gruppen, eine Dehumanisierung der Mitglieder anderer Gruppen und das Aufstellen von Regeln, die befolgt werden mussten, hätten das grausame Verhalten von Menschen bewirkt, das ohne diese Situation nicht zustande gekommen wäre. Die Eheleute Mitscherlich erklären die Verbrechen im Holocaust mit Hilfe des psychoanalytischen Konzepts und konstatieren, dass Hitler vom deutschen Volk als Objekt an Stelle des Ichs bzw. des Ich-Ideals gesetzt worden sei. Die Einsprüche des alten Über-Ichs und des Ichs seien nicht mehr gehört oder beachtet worden, weswegen die Täter bereit gewesen seien, für den Führer zu sterben oder zu töten. Ähnlich wie Browning nimmt Herbert Jäger an, dass Gruppeneinflüsse wie Gruppenkonformität, Gruppendruck und Gehorsam einen entscheidenden Einfluss auf das Verhalten des Einzelnen gehabt hätten. Die Integration in die Gruppe habe die soziale Distanz zu den außerhalb der Gruppe stehenden Opfern erhöht. Insbesondere betont Jäger die Ausbildung einer eigenen internen Normen- und Wertewelt, nach der sich die Gruppenmitglieder verhalten hätten. Raul Hilberg hingegen unterstreicht, dass die Besonderheiten der Bürokratisierung des Massenmordes und des arbeitsteiligen Vorgehens ein Freisprechen von der eigenen Verantwortung bewirkt hätten und so das Unrechtsbewusstsein eliminiert worden sei. Nach Welzer musste für die ersten Tötungen die normative Hintergrundannahme vorgelegen haben, dass die Opfer getötet werden sollten bzw. deren Tötung wünschenswert sei. Im Laufe der Zeit und nach mehreren Tötungen habe sich dann ein neuer, alternativloser und totaler Referenzrahmen entwickelt. Hierfür seien die sozialen Bindungen, insbesondere das Bedürfnis nach kollektivem Aufgehobensein in der Gruppe und Verantwortungslosigkeit sowie das praktische Konzept, dass Töten eine Arbeit wie jede andere und als solche ständig verbesserungsfähig sei, entscheidend gewesen. B. Ermittelte Faktoren der Täterschaft des Mannes im NS-System In einer Gesamtschau dieser Ansichten kann man sagen, dass die Faktoren, die nach den Veröffentlichungen dieser Wissenschaftler entscheidenden Einfluss auf das Unrechtsbewusstsein der Täter im NS-System hatten, Gruppendruck und Autoritätshörigkeit, rassische Traditionen, Indoktrinierung durch Propaganda, Karrierestreben, die besonderen Umstände des arbeitsteiligen Vorgehens, die Brutalisierung durch Krieg und Gewöhnung an die Taten und Hemmungsabbau waren. Diese Faktoren werden im Folgenden genauer auf ihren Einfluss auf die Täterschaft im NS-System untersucht.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.