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Nadine H. Pahlke, Raul Hilberg in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 65 - 67

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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65 entierung des Ichs nicht mehr gehört oder beachtet worden seien315. Da dies millionenfach geschehen sei, sei statistisch klar, dass genügend Personen bzw. „Extremvarianten von Anbetern“ vorhanden waren, die bedenkenlos die Führerbefehle ausführten316, also auch bereit waren, Verbrechen zu begehen oder zu sterben. VII. Raul Hilberg Der US-amerikanische Historiker und Holocaust-Forscher Raul Hilberg schrieb mit Die Vernichtung der europäischen Juden ein Standardwerk zur Geschichte des Holocaust. Hilberg, der als GI nach Kriegsende im „Führerbau“ der NSDAP in München Hitlers Privatbibliothek entdeckte, studierte nach Rückkehr in die Vereinigten Staaten Geschichte und Politikwissenschaft. In seiner Dissertation machte er die Frage zum Thema, wie es möglich war, dass in Deutschland, einem zivilisierten Land, völlig unschuldige Menschen der Ausrottung preisgegeben worden waren und sechs Millionen Juden ermordet werden konnten. Grundlage seiner Studien waren die erbeuteten Unterlagen der NS-Verwaltung, die in der Nähe von Washington DC gelagert wurden. Die Ergebnisse wurden 1961 in dem Buch Die Vernichtung der europäischen Juden veröffentlicht und bis heute immer wieder überarbeitet, korrigiert und ergänzt. Eines der ersten Bücher zur Täterforschung hat Hilberg 1992 mit Täter, Opfer, Zuschauer veröffentlicht. Seine Forschungen belegt Hilberg durchweg anhand von Originaldokumenten. Hilberg widmete sich vorwiegend der Erforschung des bürokratischen Charakters und der aktenmäßig "sauberen" und korrekten Protokollierung der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Hilberg vertritt ebenso wie Browning eine funktionalistische Sicht von den Ursachen des Holocaust, wonach dieser als prozesshafter Vorgang einer kumulativen Radikalisierung beschrieben wird, bei dem Hitler zwar eine entscheidende Rolle inne hatte, aber nicht allein lenkend für die Judenvernichtung verantwortlich gewesen sei. Vielmehr stellte Hitler für ihn den leitenden Architekten der jüdischen Katastrophe dar. Er sei es gewesen, der die fließenden Ideen von 1940 in die harte Realität von 1941 transformiert habe. Hitler sei den letzten Schritt zum unerbittlichen Resultat aller antijüdischen Maßnahmen gegangen und habe den dezentralen Verwaltungsapparat Deutschlands in ein Netz von Organisationen umgeschmiedet, die reibungslos zusammenwirkten, so dass die Erschießungen, Deportationen und Vergasungen nebeneinander und gleichzeitig durchgeführt werden konnten317. Für Hilberg hat nicht ein monolithischer Staat den Judenmord beschlossen, sondern dieser sei durch die Kooperation verschiedener Tätergruppen bewirkt worden318. 315 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.76. 316 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.76. 317 Hilberg, Täter, Opfer, Zuschauer, S. 30. 318 Esch in: BZ vom 2.6.2006, S. 26. 66 1. Hilbergs Position Hilberg ging anders als Goldhagen davon aus, dass die Täter, insbesondere die Bürokraten, sehr wohl mit ihrem Gewissen konfrontiert waren. Er fragte danach, welche inneren Widerstände diese zu überwinden hatten und wie sie die kognitive Dissonanz zwischen ihren moralischen Widerständen und ihrem Handeln bewältigten. Hilberg stellte Mechanismen des Selbstschutzes, d.h. ein System von Rationalisierungen zur Neutralisierung dieser Dissonanzen fest319: Erstens sei der Vernichtungsprozess in seiner Gesamtheit gerechtfertigt worden. Dies sei mit Hilfe des schon vor dem „Dritten Reich“ bestehenden Antisemitismus und zum anderen durch beständige Propaganda geschehen. Zweitens haben die einzelnen Täter, die zwar „ein ganzes Volk vernichten (konnten) ohne ihren Schreibtisch zu verlassen“320, aber dennoch die Folgen ihres Handelns kannten, ihre Arbeit rechtfertigen müssen. Hierbei sei auf Neutralisierungsstrategien in Anlehnung an Sykes und Matza zurückgegriffen worden. Nach der Neutralisationstheorie haben auch Delinquenten die Vorschriften und Werte der Gesellschaft internalisiert. Der Rechtsbruch, der in Dissonanz zu diesen Normen stehe, werde durch bestimmte Techniken neutralisiert, so dass der Rechtsbrecher ohne ernsthaften Schaden an seinem Selbstbild delinquent werden könne321. Hilberg unterteilte die Neutralisierungstechniken, die in den Tatsituationen im Holocaust angewandt wurden, in fünf Kategorien322. Zum einen haben sich die Täter auf Pflicht und Gehorsam berufen. Dadurch, dass sie aufgrund eines höheren Befehls handelten, erteilten sich die Täter selbst die Absolution für ihr Verhalten. Die Verantwortung für das eigene Tun sei nach oben, auf den Befehlsgeber übertragen worden. Zum anderen haben sich die Täter eingeredet, nicht aus persönlicher Rachsucht zu handeln, sondern aus schicksalhafter Pflicht. Das sei oft dadurch unterstrichen worden, dass man dem einen oder anderen Opfer geholfen habe. Durch solches „moralisches“ Handeln sei nach Hilberg die Pflicht, als eine der wichtigsten Rechtfertigungen für bürokratisches Handeln, auf festen Grund gestellt worden. Drittens sei die Schuld für das Handeln auf Nachgeordnete delegiert worden. Ein Bürokrat hatte nichts mit den direkten Tötungen zu tun, so dass er sein eigenes Tun nicht zwangsläufig als verbrecherisch qualifizieren musste. Dabei sei allerdings zu beachten, dass auch ein größerer Anteil der Bürokraten als Augenzeuge unmittelbar am Tötungsprozess beteiligt war. Ferner handelte der nationalsozialistische Täter nie allein. Durch die Anwesenheit tausender anderer Täter habe er sich ersetzbar und entbehrlich gefühlt. Hierdurch sei eine Rechtfertigung mit dem Gedanken möglich gewesen, als „winziges Rädchen im Getriebe“ machtlos gegen den Lauf der Dinge zu sein. Zuletzt beriefen sich die Täter darauf, dass das Leben ein Kampf sei und man Menschen, denen das Schicksal bestimmt habe, zugrunde zu gehen, nicht retten könne. 319 Vgl. im Folgenden: Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden Bd. 3, S. 1086 ff. 320 Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden Bd. 3, S. 1093. 321 Sykes/Matza in: Sack/König (Hrsg.), Kriminalsoziologie, S. 360 (365). 322 Vgl. im Folgenden: Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden Bd. 3, S. 1094. 67 2. Ergebnis Hilberg vertritt die Auffassung, dass der Judenmord „kein im Voraus geplanter, von einem Amt zentral organisierter Vernichtungsvorgang (war). Es hat keine Pläne und kein Budget für diese Vernichtungsmaßnahmen gegeben. Sie erfolgten Schritt für Schritt, einer nach dem anderen. Dies ist daher nicht etwa durch die Ausführung eines Planes geschehen, sondern durch ein unglaubliches Zusammentreffen der Absichten, ein übereinstimmendes Gedankenlesen einer weit ausgreifenden Bürokratie"323. Durch diese Erklärung des Holocaust betonte Hilberg die besondere Bedeutung der Bürokratie und des arbeitsteiligen Vorgehens. Hinter der höchst effizienten Maschinerie der Deportationen und Tötungen in Vernichtungslagern habe sich ein ganzes Heer von Bürokraten verborgen, deren funktionale Hingabe den Genozid erst möglich gemacht habe und in Gang hielt. Ihre Befehle seien von subalternen Vorgesetzten gekommen, die den „Führerwillen“ gewissenhaft vollstreckten. Der Massenmord sei von einem hochgradig arbeitsteiligen und bürokratisch organisierten Apparat in die Wege geleitet und verwirklicht worden324. Den Tätern sei es hierdurch ermöglicht worden, sich selbst von einer persönlichen Verantwortung freizusprechen325. VIII. Harald Welzer Der deutsche Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer ist Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke. Anders als die anderen Holocaust-Forscher lehnt er die „lange lähmende Debatte“ zwischen Intentionalisten und Funktionalisten ab, da nach seiner Auffassung soziale Prozesse Handlungsergebnisse hervorbringen könnten, die von keinem der beteiligten Akteure antizipiert oder geplant worden seien und die sich rasch dynamisierten326. Funktionalismus und Intentionalismus beeinflussten sich dabei gegenseitig. Unter dem Titel Täter – Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden veröffentlichte Welzer 2005 eine Studie zu der Frage, wie psychisch unauffällige, also „normale“, Menschen zu Tätern eines Massenmordes werden konnten. Hierbei steht im Mittelpunkt seiner Untersuchung weniger die Täterpersönlichkeit, als vielmehr der Ablauf des Massenmordes selbst sowie der Rahmen der gesellschaftlichen und individuellen Kontexte, in dem sich die Taten abspielten327. 323 Zitiert nach De Wan in: Newsday vom 23.2.1983. 324 Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden Bd.1, S. 66. 325 Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden Bd.3, S. 1098. 326 Welzer, Täter, S. 87. 327 Welzer, Täter, S. 81.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.