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Nadine H. Pahlke, Alexander und Margarete Mitscherlich in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 63 - 65

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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63 VI. Alexander und Margarete Mitscherlich Die Psychoanalytiker und Mediziner Margarete und Alexander Mitscherlich untersuchten den Nationalsozialismus im Hinblick auf seine kollektiven Phänomene. In der viel diskutierten Publikation Die Unfähigkeit zu trauern aus dem Jahre 1967 beschäftigten sie sich mit dem Phänomen der ungenügenden Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands. Dabei versuchten sie, die „Abwehrmechanismen gegen die Nazi-Vergangenheit“297 zu erläutern, die verhinderten, dass die Menschen die Konsequenzen ihrer Handlungen in der NS-Zeit trugen und akzeptierten. Gründe für diese fehlende Verarbeitung der Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg seien die notwendige Wiederherstellung des Zerstörten, Aufbau und Modernisierung sowie der wirtschaftliche Aufschwung durch das „Wirtschaftswunder“ gewesen298. Für das Ehepaar Mitscherlich war dies das Ergebnis „einer intensiven Abwehr von Schuld, Scham und Angst“299. Aufgrund dieser Phänomene sei die Masse der Bevölkerung nicht in der Lage gewesen, Trauer wegen des Geschehenen zu entwickeln und dieses zu verarbeiten300. Alexander und Margarete Mitscherlich forderten eine kollektive Aufarbeitung der Verbrechen im Dritten Reich, um aus dem Geschehenen für politische Gegenwartsfragen zu lernen301. Die Wiederholung innerer Auseinandersetzung sei notwendig, „um die instinktiv und unbewußt arbeitenden Kräfte des Selbstschutzes im Vergessen, Verleugnen, Projizieren und ähnlichen Abwehrmechanismen zu überwinden“302. 1. Alexander und Margarete Mitscherlichs Studie Die Eheleute Mitscherlich behandelten in ihrer Studie neben der Suche nach Gründen für Unfähigkeit der Deutschen, sich mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit und ihren Folgen auseinanderzusetzen, auch die Frage nach den Motiven des deutschen Volkes, sich Hitler „so grenzenlos gläubig“ anzuvertrauen und „über die Grenzen des Verantwortbaren“ hinauszugehen303. Sie stützten sich dabei auf die Annahmen Freuds und verbanden die Phantasien des Individuums vom Ich-Ideal mit den Versprechungen des „charismatischen (Massen-)führers“, der es vermochte, die Idealvorstellungen seiner Anhänger anzusprechen und Abhilfe in Aussicht zu stellen304. Die mit dem Führerkult verbundenen Gruppenbildungen, wie 297 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.18. 298 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.19 ff. 299 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.34. 300 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.36 ff. 301 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.84. 302 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.24. 303 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.71. 304 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.72. 64 Hitler-Jugend oder Bund Deutscher Mädel, erfüllten insbesondere die Bedürfnisse der Adoleszenten nach Identifikation305. Mit der Idealisierung Hitlers wurde zugleich die nationalsozialistische Wertewelt stabilisiert sowie negative Gefühle nach außen abgelenkt306. Die Tatsache, dass es trotz gegenteiliger Gewissensreaktionen zu einer Akzeptanz von Forderungen des Führers wie die Vernichtung anderer Menschen kam, erklären Alexander und Margarete Mitscherlich damit, „dass im Streit zwischen dem alten Gewissen und dem fetischhaft geschmeichelten Ich-Ideal das Gewissen unterliegt“307. Durch die Hochachtungsbekundungen des Führers an das Volk, kam es zu der Empfindung von Triumph, die immer dann entstehe, wenn etwas im Ich mit dem Ich-Ideal zusammenfiele308. Es vollziehe sich eine paradoxe Entwicklung: „Im Zustand ihrer Hörigkeit erniedrigen sich Massen vor Führerfiguren, um ein neues Selbstgefühl zu erlangen“309. Nach den Eheleuten Mitscherlich wurde das Nachgeben gegenüber dem Ideal zum Zwang und der Zwang wiederum zum Ideal, wobei der Zwang libidinisiert wurde, was zum sado-masochistischen Aspekt einer „Gehorsamskultur“ gehöre310. Durch die kollektive Identifikation mit dem Führer werde die Rivalität innerhalb der Gesellschaft gemindert, allerdings richteten sich die Aggressionen nun nach außen, d.h. gegen eine Fremdgruppe311. Und „je ekstatischer die Verehrung (des Führers), desto infernalischer der Hass auf die Feinde dieses Führers“312. Das Verschwinden von Aggressivität aus dem Binnenraum und deren Wiederauftauchen als Verfolgung von Sündenböcken seien signifikante Züge hochgestimmter Massenbewegungen313. 2. Ergebnis Margarete und Alexander Mitscherlich betonten die Auswirkungen der narzisstischen Objektswahl des Führers auf das Gewissen des Einzelnen: Auf alles, was zugunsten des Objekts, Hitler, geschah, habe das Gewissen des Individuums keine Anwendung gefunden, da das Objekt an Stelle des Ich-Ideals gesetzt worden sei314. Im Unterschied zur kritischen Liebe sei Folge der „hörigen Liebe“ Hitler gegenüber gewesen, dass Hitler an Stelle des Ichs oder Ich-Ideals gesetzt worden sei. Eine kritische Distanzierung zum Objekt sei nicht mehr möglich gewesen, so dass in diesem Zustand der Exaltation Einsprüche des alten Über-Ichs und die Realitätsori- 305 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.251. 306 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.251 f. 307 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.72. 308 Freud, Massenpsychologie und Ich-Analyse, S. 147. 309 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.74. 310 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.74. 311 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.73. 312 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.252. 313 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.73. 314 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.76. 65 entierung des Ichs nicht mehr gehört oder beachtet worden seien315. Da dies millionenfach geschehen sei, sei statistisch klar, dass genügend Personen bzw. „Extremvarianten von Anbetern“ vorhanden waren, die bedenkenlos die Führerbefehle ausführten316, also auch bereit waren, Verbrechen zu begehen oder zu sterben. VII. Raul Hilberg Der US-amerikanische Historiker und Holocaust-Forscher Raul Hilberg schrieb mit Die Vernichtung der europäischen Juden ein Standardwerk zur Geschichte des Holocaust. Hilberg, der als GI nach Kriegsende im „Führerbau“ der NSDAP in München Hitlers Privatbibliothek entdeckte, studierte nach Rückkehr in die Vereinigten Staaten Geschichte und Politikwissenschaft. In seiner Dissertation machte er die Frage zum Thema, wie es möglich war, dass in Deutschland, einem zivilisierten Land, völlig unschuldige Menschen der Ausrottung preisgegeben worden waren und sechs Millionen Juden ermordet werden konnten. Grundlage seiner Studien waren die erbeuteten Unterlagen der NS-Verwaltung, die in der Nähe von Washington DC gelagert wurden. Die Ergebnisse wurden 1961 in dem Buch Die Vernichtung der europäischen Juden veröffentlicht und bis heute immer wieder überarbeitet, korrigiert und ergänzt. Eines der ersten Bücher zur Täterforschung hat Hilberg 1992 mit Täter, Opfer, Zuschauer veröffentlicht. Seine Forschungen belegt Hilberg durchweg anhand von Originaldokumenten. Hilberg widmete sich vorwiegend der Erforschung des bürokratischen Charakters und der aktenmäßig "sauberen" und korrekten Protokollierung der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Hilberg vertritt ebenso wie Browning eine funktionalistische Sicht von den Ursachen des Holocaust, wonach dieser als prozesshafter Vorgang einer kumulativen Radikalisierung beschrieben wird, bei dem Hitler zwar eine entscheidende Rolle inne hatte, aber nicht allein lenkend für die Judenvernichtung verantwortlich gewesen sei. Vielmehr stellte Hitler für ihn den leitenden Architekten der jüdischen Katastrophe dar. Er sei es gewesen, der die fließenden Ideen von 1940 in die harte Realität von 1941 transformiert habe. Hitler sei den letzten Schritt zum unerbittlichen Resultat aller antijüdischen Maßnahmen gegangen und habe den dezentralen Verwaltungsapparat Deutschlands in ein Netz von Organisationen umgeschmiedet, die reibungslos zusammenwirkten, so dass die Erschießungen, Deportationen und Vergasungen nebeneinander und gleichzeitig durchgeführt werden konnten317. Für Hilberg hat nicht ein monolithischer Staat den Judenmord beschlossen, sondern dieser sei durch die Kooperation verschiedener Tätergruppen bewirkt worden318. 315 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.76. 316 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.76. 317 Hilberg, Täter, Opfer, Zuschauer, S. 30. 318 Esch in: BZ vom 2.6.2006, S. 26.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.