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Nadine H. Pahlke, Philip Zimbardo in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 60 - 63

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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60 und eine „wohldefinierte soziale Situation durchbrechen zu müssen“287. Demnach seien die Handlungen nicht auf einen grundsätzlichen Charakterfehler der Probanden zurückzuführen. Fast jeder Mensch innerhalb einer Hierarchie sei in der Lage, auf Befehl anderen Menschen Leid zuzufügen. Ziehe man die Parallele zu den Taten des NS-Regimes, könne man nach Milgram auch andernorts die nötigen Leute rekrutieren, um ein System von Todeslagern ähnlich dem in Deutschland aufzubauen. V. Philip Zimbardo Der Sozialpsychologe und Nobelpreisträger Philip Zimbardo ist emeritierter Professor der Stanford Universität und ist insbesondere für die Durchführung des sogenannten Stanford Prison Experiment (SPE) im Jahre 1971 bekannt. Er veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Psychologie und war Präsident der American Psychological Assosiation. 2004 war er Sachverständiger in einem Prozess gegen einen Reservisten der U.S.-Armee, der wegen Straftaten als Wächter im Abu Ghraib- Gefängnis in Irak angeklagt war. 1. Zimbardos Experiment Bei der Durchführung des Stanford Prison Experiments wurde eine Gruppe freiwilliger College-Studenten willkürlich in die beiden Gruppen „Wärter“ und „Gefangene“ unterteilt, um dann in einer künstlichen Gefängnissituation im Keller der Universität beobachtet werden zu können. Das Experiment war auf zwei Wochen angelegt, es musste jedoch nach sechs Tagen abgebrochen werden, weil die Studenten in der Wächterrolle zu aggressiv wurden, während die Studenten in der Gefangenenrolle Stresssymptome und Zeichen von Depression zeigten. Zimbardo und seine Wissenschaftlerkollegen wollten mit dem Experiment die psychologischen Effekte des Gefängnislebens auf Wächter und Gefangene erforschen. Hierzu suchten sie durch eine Zeitungsannonce freiwillige Männer, die bei dem zweiwöchigen Experiment teilnehmen wollten. Es meldeten sich mehr als 70 Bewerber, die psychologischen Befragungen und Persönlichkeitstests unterzogen wurden, um von vornherein die Personen herauszufiltern, die psychologische Probleme, Krankheiten oder eine Drogenvergangenheit hatten sowie solche, die bereits straffällig geworden waren. Es verblieben 24 College-Studenten aus Amerika und Kanada, die an dem Experiment teilnehmen sollten und die dem „Durchschnitt“ eines gesunden, intelligenten Mittelklasse-Amerikaners entsprachen. Die Probanden wurden durch Münzwurf in „Wärter“ und „Gefangene“ unterteilt. Im Keller des Psychologiegebäudes der Universität wurde ein Zellentrakt mit Zellen, einer Toilette und einer Isolierzelle errichtet und mit Videokameras und Mikrophonen ausgestattet. 287 Kempf, Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit, S. 66. 61 Am 14. August 1971 begann das Experiment mit der öffentlichen „Verhaftung“ der freiwilligen Gefangenengruppe bei sich zu Hause288. Sie wurden zunächst ins Polizeipräsidium gebracht, dann mit verbundenen Augen in den gestellten Gefängnistrakt gebracht. Dort bekamen sie Nummern, wurden durchsucht, ausgezogen, entlaust, mit Gefängniskleidung in Form eines knielangen Hemdes versorgt und bekamen Fußketten angelegt. Sie trugen Gummisandalen und mussten mit einer Nylonstrumpfhose ihre Haare bedecken. Die Wärter wurden nicht auf ihre Rolle vorbereitet. Sie hatten alle Freiheiten und konnten alle Mittel anwenden, die sie für notwendig hielten, um die Ordnung im Gefängnis aufrechtzuerhalten. Sie stellten eigene Regeln auf, an die sich die Gefangenen zu halten hatten und die den Gefängnisalltag bestimmen sollten289. Die Wächter trugen identische Khaki-Uniformen, verspiegelte Sonnenbrillen, eine Pfeife um den Hals und einen Gummiknüppel. Innerhalb eines Tages wurden Routinen wie das Durchzählen der Gefangenen etabliert, das bereits in der ersten Nacht um 2:30 Uhr durchgeführt wurde290. Zunächst nahmen die Gefangenen den Appell nicht sehr ernst, doch das Einführen von Liegestützen als physische Strafe half, die Autorität der Wächter durchzusetzen und respektloses Verhalten zu unterbinden. Die Gefangenen wurden angeschrieen, beschimpft und mussten sich gegenseitig beleidigen. Körperliche Strafen bis hin zu sexuellen Misshandlungen wurden eingeführt. Die Wächter weckten die Gefangenen jede Nacht, um Appelle durchzuführen. Bereits am zweiten Tag des Experiments brach eine „Rebellion“ der Gefangenen aus. Sie rissen sich die Kappen von den Köpfen und die Nummern von den Kleidern und verbarrikadierten sich mit den Pritschen in ihren Zellen291. Mit einem mit Carbondioxid gefüllten Feuerlöscher verschafften sich die Wächter Zutritt zu den Zellen, nahmen den Gefangenen Kleider und Betten weg und steckten die Anführer in Einzelhaft. Zwar wurde der „Aufstand“ unterdrückt, allerdings sahen die Wächter es nun für nötig, eher psychologische Waffen einzusetzen als physische Strafen: Eine Privilegiertenzelle wurde eingerichtet. Die drei Gefangenen, die sich am wenigsten an dem Aufruhr beteiligt hatten, bekamen ihre Kleider und ihre Betten zurück, durften sich waschen, sich die Zähne putzen und bekamen besseres Essen. Danach wurden die Zellen mit „privilegierten“ und „bösen“ Häftlingen durchmischt. Sofort stellte sich Misstrauen und Disharmonie zwischen den Gefangenen ein. Die Privilegien für „brave“ Gefangene gingen bald soweit, dass nur noch sie die Toilette benutzen durften, während die anderen einen Eimer in die Zellen gestellt bekamen, der selten geleert wurde. Bereits nach 36 Stunden zeigte der erste Proband der Gefangenengruppe Zeichen einer emotionalen Störung und verwirrten Denkens, er weinte unkontrolliert und schrie zornig. Er wurde entlassen. Am vierten Tag musste ein weiterer Häftling aus dem Experiment genommen werden, weil er zusammenbrach. Am fünften Tag wurden zwei weitere Probanden aus denselben Gründen entlassen, so dass nur noch fünf 288 Zimbardo, The Lucifer Effect, S. 33 ff. 289 Zimbardo, The Lucifer Effect, S. 44 f. 290 Zimbardo, The Lucifer Effect, S. 52 f. 291 Zimbardo, The Lucifer Effect, S. 60 ff. 62 Gefangene übrig blieben. Am sechsten Tag, dem 20. August 1971, wurde das Experiment abgebrochen, mit den Probanden besprochen und ausgewertet. 2. Ergebnis Zimbardo untersuchte insbesondere das Phänomen, warum „normale“ Menschen, wie die von ihm ausgewählten College-Studenten, ihren Charakter und ihre Handlungsweisen so stark verändern können, wie dies in seinem Experiment geschehen war. Er stellte sich die Frage nach den Umständen, die aus der einen Gruppe junger Menschen sadistische, aggressive und dominante „Wärter“ werden lassen, aus der anderen eingeschüchterte, depressive und blind gehorchende „Gefangene“. Er resümierte, dass es insbesondere auf die Situation und das soziale „Setting“ ankomme, welche eine solche Veränderung in Menschen bewirke292. Diese Situationen seien v.a. durch die Faktoren Rolle, Regeln und Ideologie gekennzeichnet, aber auch durch Anonymität, Uniformen und Verkleidung, die zu einer Reduzierung der persönlichen Verantwortungsgefühle geführt habe. Die Situation für die Wärter sei daher durch Systeme beeinflusst worden, die Unterstützung, Autorität und Ressourcen versprächen293. Die Dehumanisierung, die durch den Verlust der Freiheit, der körperlichen Hygiene und den Austausch des Namens mit einer Nummer bewirkt werde, diene dem Wächter dazu, emotionale Reaktionen wie Mitleid zu unterdrücken. Zimbardo zog dabei Parallelen von seinem Experiment zu den Verbrechen unter dem NS-Regime. Er unterstrich die Macht der Rolle, die den Tätern in der jeweiligen sozialen Interaktion zugedacht worden sei und die sie erfüllt hätten. Durch die Erfindung des Zieles der „Endlösung“ sollte das Morden einen pragmatischen Sinn bekommen und sich für die Täter als „Problemlösung“ darstellen, die ordentlich und unemotional und so effektiv wie möglich durchgeführt werden musste294. Die bei den Probanden beobachtete „Transformation des Charakters“295, sowohl bei den Wärtern als auch bei den Gefangenen, könne jeden Menschen betreffen, der unter den Einfluss großer sozialer Kräfte gerate. Zimbardo schloss aus seinem Experiment, dass jede Gräueltat, die jemals begangen wurde, theoretisch von jedem Menschen begangen werden könne, wenn die richtigen situativen, sozialen Umstände vorhanden seien296. 292 Zimbardo, The Lucifer Effect, S. 210. 293 Zimbardo, The Lucifer Effect, S. 226. 294 Zimbardo, The Lucifer Effect, S. 215. 295 Zimbardo, The Lucifer Effect, S. 210. 296 Zimbardo, The Lucifer Effect, S. 211. 63 VI. Alexander und Margarete Mitscherlich Die Psychoanalytiker und Mediziner Margarete und Alexander Mitscherlich untersuchten den Nationalsozialismus im Hinblick auf seine kollektiven Phänomene. In der viel diskutierten Publikation Die Unfähigkeit zu trauern aus dem Jahre 1967 beschäftigten sie sich mit dem Phänomen der ungenügenden Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands. Dabei versuchten sie, die „Abwehrmechanismen gegen die Nazi-Vergangenheit“297 zu erläutern, die verhinderten, dass die Menschen die Konsequenzen ihrer Handlungen in der NS-Zeit trugen und akzeptierten. Gründe für diese fehlende Verarbeitung der Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg seien die notwendige Wiederherstellung des Zerstörten, Aufbau und Modernisierung sowie der wirtschaftliche Aufschwung durch das „Wirtschaftswunder“ gewesen298. Für das Ehepaar Mitscherlich war dies das Ergebnis „einer intensiven Abwehr von Schuld, Scham und Angst“299. Aufgrund dieser Phänomene sei die Masse der Bevölkerung nicht in der Lage gewesen, Trauer wegen des Geschehenen zu entwickeln und dieses zu verarbeiten300. Alexander und Margarete Mitscherlich forderten eine kollektive Aufarbeitung der Verbrechen im Dritten Reich, um aus dem Geschehenen für politische Gegenwartsfragen zu lernen301. Die Wiederholung innerer Auseinandersetzung sei notwendig, „um die instinktiv und unbewußt arbeitenden Kräfte des Selbstschutzes im Vergessen, Verleugnen, Projizieren und ähnlichen Abwehrmechanismen zu überwinden“302. 1. Alexander und Margarete Mitscherlichs Studie Die Eheleute Mitscherlich behandelten in ihrer Studie neben der Suche nach Gründen für Unfähigkeit der Deutschen, sich mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit und ihren Folgen auseinanderzusetzen, auch die Frage nach den Motiven des deutschen Volkes, sich Hitler „so grenzenlos gläubig“ anzuvertrauen und „über die Grenzen des Verantwortbaren“ hinauszugehen303. Sie stützten sich dabei auf die Annahmen Freuds und verbanden die Phantasien des Individuums vom Ich-Ideal mit den Versprechungen des „charismatischen (Massen-)führers“, der es vermochte, die Idealvorstellungen seiner Anhänger anzusprechen und Abhilfe in Aussicht zu stellen304. Die mit dem Führerkult verbundenen Gruppenbildungen, wie 297 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.18. 298 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.19 ff. 299 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.34. 300 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.36 ff. 301 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.84. 302 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.24. 303 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.71. 304 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern, S.72.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.