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Nadine H. Pahlke, Stanley Milgram in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 56 - 60

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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56 ner Gruppen extreme Situationen entstehen könnten, in denen Mitglieder unmenschliche Verhaltensweisen als Normalität empfinden würden. Jäger sah darin weniger eine „Aufhebung oder Umkehrung sonst vorherrschender Wertvorstellungen“ als eine Schwächung bzw. Überlagerung der „Wirksamkeit allgemeiner Normen durch Rechtfertigungstheorien, Rationalisierungen und Neutralisierungstechniken“262. Neben solchen verinnerlichten Motiven für Gruppenkonformität würden ferner Gruppendruck und Gehorsam einbezogen, wobei nach Jäger der Gruppendruck bei nationalsozialistischen Gewaltverbrechen nicht oberhalb der Schwelle der Exkulpation des Notstandes liege263. Mit Milgram nahm Jäger an, dass je nach der individuellen Bereitschaft, sich unkritisch Autoritäten zu beugen, Menschen bereit seien, Kriegsverbrechen zu begehen264. Als weiterer Faktor werden Mechanismen des Hemmungsabbaus berücksichtigt. Jäger führte die Schwächung oder das Fehlen von Unrechtsbewusstsein und Verantwortungsgefühl der Täter zum einen auf den Drang, die Erwartungshaltung innerhalb der Gruppe zu erfüllen und zum anderen auf die Distanzierung vom Opfer bis hin zu dessen Deindividuation zurück265. IV. Stanley Milgram Der amerikanische Sozialpsychologe und Professor der Yale-Universität Stanley Milgram widmete einen großen Teil seiner Forschungsarbeit der Problematik der Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autoritäten. In einer Versuchsreihe, die er 1974 unter dem Titel Obedience to Authority – An experimental view bzw. in Deutschland als Das Milgram-Experiment veröffentlichte, untersuchte er, inwieweit sich menschliches Verhalten auch gegen das individuelle Gewissen und das moralische Urteil des Einzelnen durch Autoritäten steuern lässt. Motiviert wurde die Untersuchung durch die Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges und die Frage, warum eine große Zahl von Menschen in Deutschland bereit gewesen war, sich aufgrund von Befehlen an der systematischen Tötung unschuldiger Menschen zu beteiligen266. Insbesondere wollte Milgram untersuchen, unter welchen Bedingungen Unterordnung gegenüber Autorität am wahrscheinlichsten ist und unter welchen Umständen Widerspruch gegen Autorität bewirkt wird267. Dazu sollte eine Testperson in einem psychologischen Laboratorium den Befehl erhalten, einem anderen Menschen mit sich steigernden Elektroschocks Schmerzen zuzufügen. Man ging davon aus, dass diese Handlungen bei der Versuchsperson einen Gewissenskonflikt auslösen wür- 262 Jäger, Makrokriminalität, S. 160. 263 Vgl. Jäger, Makrokriminalität, S. 164; ausführlich Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 83 ff. 264 Jäger, Makrokriminalität, S. 166. 265 Jäger, Makrokriminalität, S. 168. 266 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 17. 267 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 42. 57 den. Die Kernfrage war, wie lange sich der Proband den Anordnungen des Versuchsleiters fügen würde, bevor er das Experiment abbricht268. 1. Milgrams Experiment Milgram suchte 1961 per Anzeige nach Versuchsteilnehmern, denen er vorspiegelte, Probanden für eine wissenschaftliche Untersuchung über Gedächtnisleistung und Lernvermögen zu benötigen. Die ausgewählten Versuchspersonen wurden einem weiteren Probanden zugeteilt, ohne dass sie wussten, dass ihr „Partner“ Schauspieler war. Paarweise betraten sie das Laboratorium, in dem ein eingeweihter Versuchsleiter, der das Experiment nach Auffassung des Probanden überwachen sollte, ebenfalls anwesend war. Dem Probanden wurde erläutert, dass er Teilnehmer eines Experiments sei, bei dem bewiesen werden solle, dass der Mensch schneller lerne, wenn er für Fehler bestraft werde. Durch ein ebenfalls ohne Wissen der uneingeweihten Versuchsperson gefälschtes Losverfahren wurde dem Schauspieler die Rolle des „Schülers“, dem Proband die Rolle des „Lehrers“ zugeteilt. Der Schauspieler wurde auf einen Stuhl gefesselt und mit Elektroden verkabelt. Dem Probanden wurde erläutert, dass diese Apparatur mit einem Schockgenerator im nächsten Zimmer verbunden sei, den er zu bedienen habe. Er solle dem Schüler, der eine Lernaufgabe zu bewältigen habe, bei jedem Fehler einen zu steigernden Stromstoß zwischen 15 (mit der Aufschrift: „Leichter Schock“) und 450 Volts (mit der Aufschrift: „XXX“) versetzen. Vor Versuchsbeginn bekam der Proband einen Probeschock von 45 Volt, um seinen Glauben an die Echtheit des Generators zu bestärken. Zunächst gab es keinerlei verbalen und optischen Kontakt zwischen Lehrer und Schüler, außer durch Hämmern und Treten gegen die Wand bei erhöhter Voltzahl. Der stets anwesende Versuchsleiter „spornte“ den Probanden bei Zögern oder Zweifeln an. Zunächst machten alle Probanden mit. Die ersten Teilnehmer stoppten, als der Schüler begann, gegen die Wand zu treten. 63 Prozent fuhren bis zur höchsten Stufe fort269. Diese Versuchskonstellation wurde später mehrere Male systematisch abgeändert, etwa dadurch, dass während des Versuches der Schauspieler sich steigernde Unmutsäußerungen, Stöhnen, Proteste, Schreie oder Flehen um Abbruch des Experiments von sich gab, bis er ab 330 Volt schwieg. In einer weiteren Variante befand sich das Opfer im gleichen Raum wie der Proband, war also für diesen gut zu hören und zu sehen, bei der nächsten Abwandlung musste der Proband die Hand des Opfers mit Gewalt auf eine Schockplatte drücken. Bei wachsender Raumnähe war zu beobachten, dass der Durchschnitt der verabreichten Maximalschocks abnahm270. Die Gehorsamsbereitschaft verminderte sich deutlich, je unmittelbarer und näher der Kontakt des Opfers zur Versuchsperson war271. Trotz der Bereitschaft, hohe Volt- 268 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 19. 269 Niederstadt in: FAZ Nr. 33 vom 21.08.2005, S.59. 270 Vgl. Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 52. 271 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 52. 58 zahlen zu verabreichen, trat bei fast allen Probanden eine hohe Anspannung auf272. Bei späteren Varianten wurde festgestellt, dass sich Veränderungen der Gehorsamsbereitschaft nur dann ergaben, wenn sich der Versuchsleiter räumlich entfernte und dann nur noch über Telefon mit dem Probanden kommunizierte bzw. wenn dem Probanden die Wahl blieb, wie hoch die zu verabreichende Schockhöhe sein sollte. Bei der ersten Abwandlung nahm die Gehorsamsbereitschaft ab, wenn der Versuchsleiter nicht mehr anwesend war, bei der zweiten verabreichten die Probanden nur sehr niedrige Stromschläge. Die Gehorsamsbereitschaft sank ebenfalls, wenn statt des Versuchsleiters eine andere Person die Befehle gab, viele Probanden wurden sogar handgreiflich und beschützten das Opfer, wenn diese Person dazu überging, selbst Schocks zu verabreichen. Wurden den Versuchspersonen zwei sich weigernde Lehrer zur Seite gestellt, weigerten sich auch fast alle Probanden, mit dem Experiment fortzufahren. Das Experiment kam in mehreren anderen Ländern zu ähnlichen Ergebnissen273. Zunächst wurde das Experiment nur mit männlichen Versuchspersonen durchgeführt. In der Versuchsvariante „Experiment 8“ wurden zum ersten Mal 40 Frauen getestet. Das besondere Interesse lag für Milgram darin, dass sich Frauen auf der einen Seite nach den Ergebnissen von Nachgiebigkeitstests beeinflussbarer zeigten als Männer, weswegen erwartet wurde, dass sie eine größere Gehorsamsbereitschaft aufweisen274. Auf der anderen Seite ging man von einer geringeren Aggressivität bei den weiblichen Probanden aus, weswegen ihr Widerstand gegen das Experiment größer sein müsste. Das Experiment zeigte, dass das Gehorsamsniveau bei den männlichen und weiblichen Probanden nahezu identisch war275. Im Vergleich zu den Männern gaben die weiblichen Versuchspersonen aber eine größere innere Anspannung an276. Milgram berichtete von „spezifisch weiblichen Arten, mit dem Konflikt fertig zu werden“. Zum Beispiel brachten die Frauen im Anschluss an das Experiment ihr Verhalten häufig in Verbindung mit ihren Erfahrungen mit den Problematiken der Kindererziehung. 2. Ergebnis Stanley Milgram stellte nicht nur eine Gehorsamsbereitschaft fest, die er als „beunruhigend“ bezeichnete, sondern auch, dass „nette Leute sich den Forderungen der Autorität beugten und gefühllos und hart handelten“ und durch Zurschaustellung von Autorität „dazu verführt (würden), grausame Handlungen zu begehen“277. Er beurteilte Gehorsam gegenüber Autorität als starke und vorherrschende Anlage des 272 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 57 f. 273 Kempf, Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit, S. 62. 274 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 81. 275 Siehe Tabelle 3: Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 79. 276 Vgl. Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 81 und 96 ff. 277 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 145. 59 Menschen und führte sie auf evolutionsbedingte und anerzogene bzw. erlernte Fähigkeiten zurück, die aufgrund der Sozialisierung des Menschen in Autoritätsstrukturen (Familie, Beruf, Militär) entstanden seien278. Gehorsamsbereitschaft stehe in Zusammenhang mit der hierarchischen Organisation der Gesellschaften, die für das Bestehen der Gruppe und des Einzelnen von elementarer Bedeutung sei. Um zu beschreiben, welche Veränderungen in der Anlage eines Menschen auftreten, wenn das autonom handelnde Individuum in einer Sozialstruktur verankert wird, in der es als Komponente des Systems funktionieren muss, entwarf Milgram das sogenannte „kybernetische Modell“279. Demzufolge besitzen Individuen innere Hemmungsfaktoren, die verhinderten, dass Menschen ihren Instinkten folgten und sich gegenseitig vernichteten. Dieser Hemmfaktor werde aber aufgehoben oder abgeschwächt durch die Notwendigkeit, sich in ein hierarchisches System einzuordnen, das das Zusammenleben regele, um anstatt dessen einer koordinierenden Komponente, d.h. einer Autorität, die Kontrolle zu überlassen. Für die Funktionsfähigkeit des Individuums in der Hierarchie ist nach Milgram eine interne Modifikation in einem systembedingten Handlungsmodus nötig, der bewirke, dass das Individuum nicht mehr als solches autonom handele, sondern als Vollstrecker der Wünsche höherrangiger Personen agiere280. Diesen Handlungsmodus bezeichnete Milgram als Agens- Zustand281. Weitestreichende Konsequenz sei, dass sich der Mensch in diesem Zustand nur noch vor einer ihn leitenden Autorität verantwortlich fühle, aber nicht mehr für die Handlung selbst282, womit ein psychischer Zustand geschaffen sei, der die Gehorsamsbereitschaft erhöhe283. Milgram ging weiter der Frage nach, warum ein Mensch im Agens-Zustand verharrt, obwohl er dies eigentlich nicht möchte. Denn die Versuchsteilnehmer fühlten sich beim Experiment äußerst unwohl, hatten Angst, schwitzten, wollten aufhören, konnten diesen Wunsch aber nicht umsetzen. Hierfür führte er einige Bindungsfaktoren, wie etwa den Wiederholungscharakter der Handlung, ins Feld. Breche der Proband den Versuch ab, müsse er sich eingestehen, dass sein voriges Handeln Unrecht gewesen und er zu weit gegangen ist. Führe er das Experiment bis zum Ende durch, habe es wenigstens einen Sinn gehabt284. Hinzu kämen situationsbedingte Verpflichtungen, wie etwa die Einhaltung des Versprechens, eine bestimmte Handlung bis zum Ende durchzuführen285. Der Bruch einer solchen Vereinbarung nehme den Charakter einer moralischen Verfehlung an286. Die Schwierigkeit, aus dem Agens-Zustand auszubrechen, ergebe sich also aus der doppelten Anforderung, sich gegen die Autorität des Versuchsleiters wenden 278 Kempf, Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit, S. 63. 279 Milgram, Das Milgram Experiment, S. 148. 280 Milgram, Das Milgram Experiment, S. 156. 281 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 156. 282 „Schwund der Verantwortung“, vgl. Kempf, Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit, S. 65. 283 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 172. 284 Kempf, Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit, S. 65. 285 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 174. 286 Kempf, Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit, S. 66. 60 und eine „wohldefinierte soziale Situation durchbrechen zu müssen“287. Demnach seien die Handlungen nicht auf einen grundsätzlichen Charakterfehler der Probanden zurückzuführen. Fast jeder Mensch innerhalb einer Hierarchie sei in der Lage, auf Befehl anderen Menschen Leid zuzufügen. Ziehe man die Parallele zu den Taten des NS-Regimes, könne man nach Milgram auch andernorts die nötigen Leute rekrutieren, um ein System von Todeslagern ähnlich dem in Deutschland aufzubauen. V. Philip Zimbardo Der Sozialpsychologe und Nobelpreisträger Philip Zimbardo ist emeritierter Professor der Stanford Universität und ist insbesondere für die Durchführung des sogenannten Stanford Prison Experiment (SPE) im Jahre 1971 bekannt. Er veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema Psychologie und war Präsident der American Psychological Assosiation. 2004 war er Sachverständiger in einem Prozess gegen einen Reservisten der U.S.-Armee, der wegen Straftaten als Wächter im Abu Ghraib- Gefängnis in Irak angeklagt war. 1. Zimbardos Experiment Bei der Durchführung des Stanford Prison Experiments wurde eine Gruppe freiwilliger College-Studenten willkürlich in die beiden Gruppen „Wärter“ und „Gefangene“ unterteilt, um dann in einer künstlichen Gefängnissituation im Keller der Universität beobachtet werden zu können. Das Experiment war auf zwei Wochen angelegt, es musste jedoch nach sechs Tagen abgebrochen werden, weil die Studenten in der Wächterrolle zu aggressiv wurden, während die Studenten in der Gefangenenrolle Stresssymptome und Zeichen von Depression zeigten. Zimbardo und seine Wissenschaftlerkollegen wollten mit dem Experiment die psychologischen Effekte des Gefängnislebens auf Wächter und Gefangene erforschen. Hierzu suchten sie durch eine Zeitungsannonce freiwillige Männer, die bei dem zweiwöchigen Experiment teilnehmen wollten. Es meldeten sich mehr als 70 Bewerber, die psychologischen Befragungen und Persönlichkeitstests unterzogen wurden, um von vornherein die Personen herauszufiltern, die psychologische Probleme, Krankheiten oder eine Drogenvergangenheit hatten sowie solche, die bereits straffällig geworden waren. Es verblieben 24 College-Studenten aus Amerika und Kanada, die an dem Experiment teilnehmen sollten und die dem „Durchschnitt“ eines gesunden, intelligenten Mittelklasse-Amerikaners entsprachen. Die Probanden wurden durch Münzwurf in „Wärter“ und „Gefangene“ unterteilt. Im Keller des Psychologiegebäudes der Universität wurde ein Zellentrakt mit Zellen, einer Toilette und einer Isolierzelle errichtet und mit Videokameras und Mikrophonen ausgestattet. 287 Kempf, Aggression, Gewalt und Gewaltfreiheit, S. 66.

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References

Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.