Content

Nadine H. Pahlke, Herbert Jäger in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 53 - 56

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

Bibliographic information
53 2. Ergebnis Die Untersuchungen und die Überprüfung der Ausgangshypothese Goldhagens führten nach seiner Ansicht zu einer Bestätigung derselben. „Die Schlussfolgerung des Buches lautet, dass der so genannte „eliminatorische Antisemitismus“ viele Tausende gewöhnlicher Deutscher veranlasst hatte, Juden grausam zu ermorden, und dass auch Millionen anderer Deutscher nicht anders gehandelt hätten, wären sie in die entsprechenden Positionen gelangt“245. Diese besondere Form des Antisemitismus habe im „Dritten Reich“ die Einstellung entstehen lassen, dass die Juden ein auszurottendes Weltübel darstellten, dessen Vernichtung prinzipiell richtig sei246. Die Nationalsozialisten seien nur deshalb in der Lage gewesen, die Judenvernichtung auszuführen, weil der spezifische Antisemitismus des deutschen Volkes mit dem Status eines monolithischen sozialkognitiven Modells Verbreitung gefunden habe247. Andere Erklärungsansätze der Literatur, die die Täterschaft mit äußerem Druck durch Befehle, Gruppenzwang, Karrierestreben und arbeitsteiliges Vorgehen erklärten, wies Goldhagen zurück248. Er erkannte allein die Politik und die Kultur bzw. die Vorstellungen, die in Deutschland seit Jahrzehnten über Juden vorherrschten als ursächlich dafür an, dass die Deutschen jüdische Menschen systematisch und ohne Erbarmen getötet haben und damit zu Hitlers willigen Vollstreckern wurden. Grundvoraussetzung für den Holocaust sei demnach die innere Überzeugung der Täter gewesen, dass ihre Taten richtig seien und dass sie die Vernichtung der Juden als eine notwendige Aufgabe betrachteten249. Aufgrund dieser Motivationslage hätte demnach grundsätzlich jeder „gewöhnliche“ Deutsche zum Täter werden können, wenn er in eine entsprechende Tatsituation gekommen wäre250. III. Herbert Jäger Der Strafrechts- und Kriminologieprofessor Herbert Jäger vertritt die Auffassung, dass die deutsche kriminologische Wissenschaft im Gegensatz zur internationalen Kriminologie ihr Augenmerk bisher zu sehr auf die individuelle Kriminalität gerichtet habe und dabei den Bereich der Kollektivverbrechen, die er als „die schwersten und folgenreichsten Formen menschlichen Unrechts“ bezeichnet, ausgeblendet ha- 245 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 22. 246 Parge, Holocaust und autoritärer Charakter, S. 17. 247 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 22. 248 Vgl. kritisch: Jäger in: Lüderssen (Hrsg.), Makrodelinquenz, S. 190 (199): „Unbegreiflich und nicht zu rechtfertigen (...) ist die apodiktische Kürze, in der Goldhagen die mit seinen Auffassungen nicht übereinstimmenden Erklärungsansätze erledigt und oftmals schroff zurückweist, ohne sie einer mehr als nur oberflächlichen Diskussion für wert zu erachten.“. 249 Parge, Holocaust und autoritärer Charakter, S. 17. 250 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 531, ebenso S. 471. 54 be251. Gerade dieses „normative Vakuum“ stelle aber eine der Bedingungen dafür dar, dass es zu solchen Verbrechen gekommen sei. Deswegen müssten Makroverbrechen in die kriminologische Forschung einbezogen werden. Dabei dürfe aber nicht das geschichtliche Phänomen oder die Terror-Maschinerie betrachtet werden, sondern vielmehr müssten die Antriebe, Verhaltensweisen und Bewusstseinslagen des Individuums, das die Taten ausführt, in den Vordergrund gerückt werden. Hierbei sei allerdings zu beachten, dass man es nicht mit abweichendem Verhalten zu tun habe wie sonst in der Kriminologie, sondern gerade Mechanismen der Anpassung an die Gruppe wirksam würden, d.h. die Taten Ausdruck von Konformität sein könnten252. Jäger äußert Zweifel an der individuellen Verantwortlichkeit der einzelnen Täter, wenn diese innerhalb eines Kollektivgeschehens handelten und das Kollektiv als solches Urheber der Tat war. Im Hinblick auf den unauffälligen, „normalen“ Charakter der Täter, erschienen deren Taten als persönlichkeitsfremd, weil sie ohne das Kollektiv nicht zustande gekommen wären253. Diese Vorstellung von der Persönlichkeitsfremdheit müsse, so Jäger, durch die Beantwortung der Frage relativiert oder zumindest korrigiert werden, inwieweit externe Bedingungen bzw. stabile Dispositionen in der Situation kollektiven Handelns für das individuelle Tatverhalten den Ausschlag gegeben haben254. Im Gegensatz zu anderen Autoren nimmt Jäger eine genaue Differenzierung der Verbrechenstypen vor, indem er die drei Erscheinungsformen der begangenen Verbrechen herausarbeitet: Zum einen beschreibt er die befehlslosen Verbrechen (Exzesstaten), zum anderen die relativ selbständigen Formen der Befehlsausführung (Initiativtaten) und zuletzt die unselbständigen Formen der Ausführung, bei denen ein individueller Einfluss auf das Geschehen nicht bestand (Befehlstaten). Diese Differenzierungen werden von Jäger je nach Situation noch weiter aufgefächert, so dass sich 18 Unterscheidungen zwischen von dem damaligen Regime erzwungenen Verhalten und von diesem sogar verbotenen und z.T. strafrechtlich geahndeten Verhalten ergaben255. Jäger geht also davon aus, dass die Beteiligung an den NS- Verbrechen nicht überwiegend Folge von Zwang und Terror durch die Führung gegenüber den ausführenden Tätern waren256. 251 Jäger, Makrokriminalität, S. 13: „terra incognita der Kriminologie“, S. 16; Neubacher, Kriminologische Grundlagen einer internationalen Strafgerichtsbarkeit, S. 159: „blinder Fleck“ der Kriminalwissenschaften, (Besprechung: Schneider, H. in: GA 2006, S. 763). 252 Jäger, Makrokriminalität, S. 132; vgl. auch Neubacher, Kriminologische Grundlagen einer internationalen Strafgerichtsbarkeit, S. 161 (Besprechung: Schneider, H. in: GA 2006, S. 763). 253 Jäger, Makrokriminalität, S. 135. 254 Jäger, Makrokriminalität, S. 181. 255 Vgl. Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S 22 ff. 256 Zusammenfassend: Eisenberg, Kriminologie, S. 945. 55 1. Jägers Studien 1982 veröffentlichte Jäger seine typologische Analyse zur nationalsozialistischen Gewaltkriminalität, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft. Sein Ziel war es, die unterschiedlichen Formen der individuellen Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen, das Problem des Befehlsnotstands, des Unrechtsbewusstseins der Täter und die Unterschiede und Zusammenhänge zwischen Krieg und Genozid aufzudecken257. Hierzu wertete er Materialien verschiedenster Art aus, wie etwa zeitgeschichtliche Literatur und Dokumente, Vernehmungsprotokolle und Urteile, Ermittlungs- und Prozessakten. Jäger widmete sich insbesondere der Frage, inwieweit Kollektivtaten – als konformes Verhalten in der Gruppe – individuell zugerechnet werden können. Er ging davon aus, dass Menschen sich in der Masse anders verhalten als allein und ohne Masseneinflüsse, wobei er aber festhält, dass die Bedingungen, unter denen es zu solchen Reaktionen komme, ebenso ungeklärt seien wie die Auswirkungen der individuellen Disposition des Menschen258. In der Kleingruppenforschung, der sich die Wissenschaft laut Jäger jüngst verstärkt zugewandt habe, entwickele sich ein größeres Interesse an dem Einfluss gruppendynamischer Vorgänge auf das individuelle Tatverhalten. Um das „Klischee der persönlichkeitsfremden Tat“ und vom mechanisch, motivlos und objekthaft handelnden und in ein kollektives Geschehen verstrickten Täter zu relativieren, hob Jäger den Einfluss gruppenbezogener Motive auf das individuelle Tatverhalten hervor259. Hierbei geht Jäger von der unterschiedlichen Anfälligkeit der Menschen zu gruppenkonformem Verhalten aus. 2. Ergebnis Für Jäger ist der Wunsch nach Befriedigung emotionaler Bedürfnisse ein wesentliches Element krimineller Gruppen. Zu solchen Bedürfnissen zählt er, aufgenommen und anerkannt zu werden, sich selbst zu bestätigen, den eigenen Selbstwert zu erhöhen, sich zu bewähren, Einfluss zu haben sowie „Karriere zu machen“260. Die Handlungen Einzelner stimulierten sich dabei wechselseitig und schaukelten sich auf. Hinzu komme das Gefühl des Zusammenhalts und der Zusammengehörigkeit. Eine zweite wesentliche Bedingung, die die Bindung an die Gruppe stabilisiere, sei die Entwicklung interner Normen und Werte, Erwartungshaltungen und sich verfestigender kollektiver Einstellungen und Bewertungen, die eine Angleichung der Gruppenmitglieder bewirkten261. Dies beschrieb Jäger anhand der eigenen Normenwelt der Konzentrationslager der Nationalsozialisten, die zeige, dass innerhalb homoge- 257 Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 11. 258 Jäger, Makrokriminalität, S. 143. 259 Jäger, Makrokriminalität, S. 152. 260 Vgl. Jäger, Makrokriminalität, S. 154. 261 Jäger, Makrokriminalität, S. 157. 56 ner Gruppen extreme Situationen entstehen könnten, in denen Mitglieder unmenschliche Verhaltensweisen als Normalität empfinden würden. Jäger sah darin weniger eine „Aufhebung oder Umkehrung sonst vorherrschender Wertvorstellungen“ als eine Schwächung bzw. Überlagerung der „Wirksamkeit allgemeiner Normen durch Rechtfertigungstheorien, Rationalisierungen und Neutralisierungstechniken“262. Neben solchen verinnerlichten Motiven für Gruppenkonformität würden ferner Gruppendruck und Gehorsam einbezogen, wobei nach Jäger der Gruppendruck bei nationalsozialistischen Gewaltverbrechen nicht oberhalb der Schwelle der Exkulpation des Notstandes liege263. Mit Milgram nahm Jäger an, dass je nach der individuellen Bereitschaft, sich unkritisch Autoritäten zu beugen, Menschen bereit seien, Kriegsverbrechen zu begehen264. Als weiterer Faktor werden Mechanismen des Hemmungsabbaus berücksichtigt. Jäger führte die Schwächung oder das Fehlen von Unrechtsbewusstsein und Verantwortungsgefühl der Täter zum einen auf den Drang, die Erwartungshaltung innerhalb der Gruppe zu erfüllen und zum anderen auf die Distanzierung vom Opfer bis hin zu dessen Deindividuation zurück265. IV. Stanley Milgram Der amerikanische Sozialpsychologe und Professor der Yale-Universität Stanley Milgram widmete einen großen Teil seiner Forschungsarbeit der Problematik der Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autoritäten. In einer Versuchsreihe, die er 1974 unter dem Titel Obedience to Authority – An experimental view bzw. in Deutschland als Das Milgram-Experiment veröffentlichte, untersuchte er, inwieweit sich menschliches Verhalten auch gegen das individuelle Gewissen und das moralische Urteil des Einzelnen durch Autoritäten steuern lässt. Motiviert wurde die Untersuchung durch die Ereignisse während des Zweiten Weltkrieges und die Frage, warum eine große Zahl von Menschen in Deutschland bereit gewesen war, sich aufgrund von Befehlen an der systematischen Tötung unschuldiger Menschen zu beteiligen266. Insbesondere wollte Milgram untersuchen, unter welchen Bedingungen Unterordnung gegenüber Autorität am wahrscheinlichsten ist und unter welchen Umständen Widerspruch gegen Autorität bewirkt wird267. Dazu sollte eine Testperson in einem psychologischen Laboratorium den Befehl erhalten, einem anderen Menschen mit sich steigernden Elektroschocks Schmerzen zuzufügen. Man ging davon aus, dass diese Handlungen bei der Versuchsperson einen Gewissenskonflikt auslösen wür- 262 Jäger, Makrokriminalität, S. 160. 263 Vgl. Jäger, Makrokriminalität, S. 164; ausführlich Jäger, Verbrechen unter totalitärer Herrschaft, S. 83 ff. 264 Jäger, Makrokriminalität, S. 166. 265 Jäger, Makrokriminalität, S. 168. 266 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 17. 267 Milgram, Das Milgram-Experiment, S. 42.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.