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Nadine H. Pahlke, Daniel J. Goldhagen in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 50 - 53

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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50 Kónskowola, ?ukow, Lublin, Majdanek, Ponitowa statt. Insbesondere beim Aufspüren und Erschießen von geflohenen und sich versteckt haltenden Juden konstatierte Browning, wie weit das Bataillon bereits in „harte Männer“ und „Weichlinge“ gespalten war228: Es gab einerseits Polizisten, die sich schon zu gefühllosen, gleichgültigen, zum Teil dienstbeflissenen Mördern entwickelt hatten, andererseits solche, die versuchten, sich dem Morden zu entziehen, wenn die zu erwartenden persönlichen Folgen nicht zu groß waren, und eine kleine Minderheit, die sich gänzlich weigerte, am Töten teilzunehmen und sich zum Teil durch listiges Verhalten entzog. Bei diesen Aktionen, die von Juli 1942 bis November 1943 andauerten, erschoss das Reservebataillon 101 mindestens 38.000 Juden und deportierte mindestens 45.200229. 2. Ergebnis Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Browning davon ausging, dass die Ursache für die nationalsozialistischen Kollektivverbrechen in der speziellen Situation zu finden ist, die in Deutschland von 1939 bis 1945 herrschte. Diese Situation war von mehreren Faktoren geprägt: Zum einen führte der Ausbruch des Krieges zu einer Polarisierung der Welt aus der Sicht der Täter in „Freund“ und „Feind“. Dies bewirkte, gepaart mit rassistischer Tradition und negativen Rasseklischees, eine Ausstoßung des „Feindes“ aus der menschlichen Gesellschaft und Distanzierung von den Opfern. Mit fortschreitender Routine in einem dumpfen Klima der Gewalt kam eine Brutalisierung der Täter hinzu230. Diese Konstellation wurde unterstützt durch Indoktrinierung und Propaganda, die zwar nicht direkt auf den Mordauftrag vorbereitete, die Geisteshaltung der Täter aber im Sinne ihrer rassischen Zusammengehörigkeit bestärkte. Motive, wie eigenes Karrierestreben und Autoritätshörigkeit, aber auch die desensibilisierende Wirkung eines arbeitsteiligen Vorgehens, ergänzten diese Situation je nach Person stärker oder schwächer. Besondere Wirkung entfaltete nach Browning der Gruppendruck bzw. die Anpassung an eine größere Tätergruppe. Hier wirkte die kollektive Pflicht, die Kameraden nicht mit der „schweren Arbeit“ im Stich zu lassen, aber auch die Angst vor Ausschluss aus der Gruppe als feige oder schwach, weiter verstärkend auf die oben genannten Faktoren. II. Daniel J. Goldhagen Im Gegensatz zu Browning vertritt der amerikanische Soziologe und Politologe Daniel Goldhagen die (extrem) intentionalistische Sicht von den Ursachen des Holocaust. Er geht davon aus, dass die Vernichtung der Juden von Hitler von Anfang 228 Browning, Ganz normale Männer, S. 172. 229 Browning, Ganz normale Männer, S. 189, S. 293. 230 Vgl. Paul in Paul, Die Täter der Shoah, S. 13 (38). 51 an geplant gewesen und in erster Linie von ihm initiiert und durchgesetzt worden war. Goldhagen vertritt, dass die Wurzeln des europäischen, insbesondere christlichen Antisemitismus, bereits seit dem Römischen Reich bestehen. Die Ursprünge des „spezifisch deutschen“ Antisemitismus, der im Deutschland des „Dritten Reichs“ zur physischen Vernichtung der Juden führte, liegen Goldhagen zufolge bereits im frühen, spätestens aber Ende des 19. Jahrhunderts. Die Ansicht, dass die Juden eine Gefahr für Deutschland seien, und dass ihre Bösartigkeit in der Rasse begründet sei, soll bereits ebenso verbreitet gewesen sein, wie die Überzeugung, dass die Juden aus diesen Gründen ausgeschaltet werden müssten231. Dieses „kognitive Modell“ existierte nach Goldhagen schon lange vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und war im 19. und 20. Jahrhundert in allen sozialen Klassen und Sektoren der deutschen Gesellschaft verbreitet und in das kulturelle und politische Leben und in die Moral der Gesellschaft eingebettet232. Diese antisemitische Disposition verlangte nach Goldhagen nach praktischer Verwirklichung, sobald die entsprechenden Rahmenbedingungen durch die nationalsozialistische Machtübernahme geschaffen waren. 1. Goldhagens Studie In seiner Studie, die Goldhagen 1996 unter dem Titel Hitler’s willing executioners und in Deutschland als Hitlers willige Vollstrecker233 veröffentlichte, untersuchte er, was so viele „ordinary Germans“ veranlasst hat, sich an der Massenvernichtung der Juden zu beteiligen. Er erforschte dabei die Handlungsbedingungen und die Motive der Täter234. Goldhagens Ausgangsthese war, dass sich der Wille, die Juden zu töten, sowohl bei Hitler als auch bei den direkten Tätern vorrangig aus einer einzigen Quelle speiste, nämlich aus einem „bösartigen Antisemitismus“235. Seine Hypothese bei Beginn der empirischen Forschungen bestand darin, dass es die „Vorstellungen und Bilder von den Juden (waren), die die Täter zu ihren Taten, zur Mitwirkung an der mörderischen Verfolgung der Juden motiviert haben“ und die sich Hitler bei seinem Befehl zur Vernichtung zu Nutzen machte236. Hierbei stellte Goldhagen fest, dass gerade keine Unterscheidung zwischen „verbrecherischen Nazis“ und „normalen Deutschen“ vorgenommen werden könne, da die Bereitschaft zum millionenfachen Judenmord aus der Mitte der deutschen Gesellschaft gekommen sei237. Diese Thesen 231 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 97. 232 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 104. 233 Untertitel: Ordinary Germans and the Holocaust bzw. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust. 234 Jäger in: Lüderssen, Makrodelinquenz, S. 190 (191). 235 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 8. 236 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 541. 237 Ulrich in: Die Zeit 38/1996 vom 13.9.1996. 52 überprüfte er anhand dreier „Mordinstitutionen“238: Dem Reserve-Polizeibataillon 101, den Arbeitslagern und den Todesmärschen, da diesen Institutionen gemein sei, dass die Ausführenden von der Möglichkeit wussten, sich von dem Morden freistellen zu lassen, sie aber dennoch wiederholt an Mordeinsätzen teilnahmen und darüber hinaus direkt mit den Opfern konfrontiert waren239. Goldhagen zeigte – wie Browning – anhand der Untersuchung des Polizeibataillons auf, wie Männer mit „normalem Hintergrund“, das heißt Männer, die in keiner Weise auf das Töten oder brutale Behandeln von Menschen vorbereitet waren und auch nicht besonders intensiv indoktriniert waren, zu Mördern wurden. Das beweist nach Ansicht des Autors, wie weit der Antisemitismus die deutsche Gesellschaft infiziert hatte. Er schloss daraus, dass das, was diese „ganz gewöhnlichen Deutschen“ taten, auch von anderen „ganz gewöhnlichen Deutschen“ zu erwarten gewesen wäre240. Den Arbeitslagern unterstellte Goldhagen eine ökonomische Rationalität, so dass eigentlich die Ausnutzung jüdischer Arbeitskraft das Handeln der Akteure bestimmen sollte. Goldhagen zieht die genannten Quellen heran, um zu beweisen, dass der Wille, die Juden „auszurotten“, stärker war als ökonomische Überlegungen. Denn obwohl die Arbeitsleistung der Juden für Wirtschaft und Krieg benötigt wurde, wurden sie gequält, verletzt, getötet. Die Todesmärsche zuletzt wählte Goldhagen aus, da sie insbesondere von einer weitgehend autonomen Handlungs- und Motivlage geprägt waren, da die Täter ohne Befehl oder zum Teil sogar gegen den Befehl handelten, die Juden in Anbetracht der drohenden Niederlage zu verschonen. Hier stellte er ein Fortführen des Mordens und der Misshandlungen fest, woraus er schloss, mit welcher Begeisterung241 die Täter den Massenmord mittlerweile ausführten. Auch dieses Verhalten führte Goldhagen auf ihre Überzeugung zurück, der Mord an den Juden sei eine gerechte Sache. Andere, „konventionelle“, Erklärungsansätze wies Goldhagen zurück242. Diese Ansätze gingen von der falschen Annahme aus, dass die Täter die Taten innerlich ablehnten und daher untersucht werden müsse, warum und wie die Täter diese inneren Hemmungen überwinden konnten243. Nach Goldhagen waren solche inneren Hemmungen aber gar nicht vorhanden, so dass die Fragestellung der konventionellen Untersuchungen bereits falsch sei. Das Handeln der Täter sei nicht als ein durch äußere Zwänge motiviertes Handeln wider Willen zu beurteilen, sondern beruhe auf der aktiven Entscheidung, Teil der Vernichtungsmaschinerie zu werden, um so den Juden in Überzeugung von der Richtigkeit ihres mörderischen Tuns immenses Leid zuzufügen244. 238 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 215. 239 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 542. 240 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 471. 241 „Hingabe und Eifer“, vgl. Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 472. 242 Vgl. zu Goldhagens Kritik auch Parge, Holocaust und autoritärer Charakter, S. 7. 243 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 27. 244 Parge, Holocaust und autoritärer Charakter, S. 16 f. 53 2. Ergebnis Die Untersuchungen und die Überprüfung der Ausgangshypothese Goldhagens führten nach seiner Ansicht zu einer Bestätigung derselben. „Die Schlussfolgerung des Buches lautet, dass der so genannte „eliminatorische Antisemitismus“ viele Tausende gewöhnlicher Deutscher veranlasst hatte, Juden grausam zu ermorden, und dass auch Millionen anderer Deutscher nicht anders gehandelt hätten, wären sie in die entsprechenden Positionen gelangt“245. Diese besondere Form des Antisemitismus habe im „Dritten Reich“ die Einstellung entstehen lassen, dass die Juden ein auszurottendes Weltübel darstellten, dessen Vernichtung prinzipiell richtig sei246. Die Nationalsozialisten seien nur deshalb in der Lage gewesen, die Judenvernichtung auszuführen, weil der spezifische Antisemitismus des deutschen Volkes mit dem Status eines monolithischen sozialkognitiven Modells Verbreitung gefunden habe247. Andere Erklärungsansätze der Literatur, die die Täterschaft mit äußerem Druck durch Befehle, Gruppenzwang, Karrierestreben und arbeitsteiliges Vorgehen erklärten, wies Goldhagen zurück248. Er erkannte allein die Politik und die Kultur bzw. die Vorstellungen, die in Deutschland seit Jahrzehnten über Juden vorherrschten als ursächlich dafür an, dass die Deutschen jüdische Menschen systematisch und ohne Erbarmen getötet haben und damit zu Hitlers willigen Vollstreckern wurden. Grundvoraussetzung für den Holocaust sei demnach die innere Überzeugung der Täter gewesen, dass ihre Taten richtig seien und dass sie die Vernichtung der Juden als eine notwendige Aufgabe betrachteten249. Aufgrund dieser Motivationslage hätte demnach grundsätzlich jeder „gewöhnliche“ Deutsche zum Täter werden können, wenn er in eine entsprechende Tatsituation gekommen wäre250. III. Herbert Jäger Der Strafrechts- und Kriminologieprofessor Herbert Jäger vertritt die Auffassung, dass die deutsche kriminologische Wissenschaft im Gegensatz zur internationalen Kriminologie ihr Augenmerk bisher zu sehr auf die individuelle Kriminalität gerichtet habe und dabei den Bereich der Kollektivverbrechen, die er als „die schwersten und folgenreichsten Formen menschlichen Unrechts“ bezeichnet, ausgeblendet ha- 245 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 22. 246 Parge, Holocaust und autoritärer Charakter, S. 17. 247 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 22. 248 Vgl. kritisch: Jäger in: Lüderssen (Hrsg.), Makrodelinquenz, S. 190 (199): „Unbegreiflich und nicht zu rechtfertigen (...) ist die apodiktische Kürze, in der Goldhagen die mit seinen Auffassungen nicht übereinstimmenden Erklärungsansätze erledigt und oftmals schroff zurückweist, ohne sie einer mehr als nur oberflächlichen Diskussion für wert zu erachten.“. 249 Parge, Holocaust und autoritärer Charakter, S. 17. 250 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker, S. 531, ebenso S. 471.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.