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Nadine H. Pahlke, Christopher R. Browning in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 47 - 50

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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47 Kapitel 2: Der aktuelle Forschungsstand Nachdem festgestellt wurde, dass und in welch vielfältigem Umfang Frauen an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt waren, stellt sich die Frage, wie sich diese weibliche Täterschaft erklären lässt, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Frauen unter der nationalsozialistischen Herrschaft statt öffentlicher Positionen und Berufe eher eine Rolle „im Heim“ und „bei der Familie“ übernehmen sollten. Warum wurden Frauen, die vor der nationalsozialistischen Machtübernahme und nach dem Zweiten Weltkrieg völlig angepasst und strafunauffällig lebten, in dieser Zeit zu Täterinnen? Was waren ihre Motive, Handlungsbedingungen und Auslöser? Welche Ursachen und strukturellen Eigenarten zeigte ihr delinquentes Verhalten auf? Diese Fragen wurden für die Täterschaft der Frau von der bisherigen Forschung nicht beantwortet. Allerdings widmete sich die Wissenschaft der Frage, warum Männer zu Tätern wurden216. Zu dieser Frage wurden einige Untersuchungen und Studien durchgeführt, die im Folgenden dargestellt werden. A. Erklärungsversuche für die NS-Täterschaft des Mannes Der kriminologischen Frage nach den Tatsituationen, Motiven und der Mentalität der männlichen „Vollstrecker“ des Völkermordes wurde namentlich durch Daniel Jonah Goldhagen, Raul Hilberg, Stanley Milgram, Christopher Browning, Herbert Jäger, Philip Zimbardo, Alexander und Margarete Mitscherlich und Harald Welzer Aufmerksamkeit geschenkt. 216 Zur Forschungsgeschichte vgl. Paul in: Paul (Hrsg.), Die Täter der Shoah, S. 13 (13 ff). 48 I. Christopher R. Browning Der amerikanische Holocaustforscher und Geschichtsprofessor Christopher R. Browning widmete sich dem Versuch, seine (moderat) funktionalistische Theorie von den Ursachen des Holocaust zu belegen. Aus dieser Sicht sind die Vorgänge im nationalsozialistischen Deutschland mit einer ungeplanten kumulativen und schrittweisen Radikalisierung zu erklären und nicht mit der Durchsetzung eines feststehenden „Programms“ oder den Entscheidungen Hitlers217. 1992 veröffentlichte Browning die Studie Ordinary Men bzw. Ganz normale Männer, die sich mit den Individualtätern des Reserve-Polizeibataillons 101 befasste. Diese Einheit bestand aus 500 Männern, die aus Hamburg stammten und zu alt für die Wehrmacht waren. Sie erfüllten 1942 in Polen einen Sonderauftrag, der darin bestand, die jüdische Bevölkerung in den Dörfern aufzuspüren, die Arbeitsfähigen zusammenzutreiben und die Alten, Kranken, Frauen und Kinder zu erschießen. Der Kommandant der Einheit machte seinen Männern das Angebot, dass diejenigen, die sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlten, vortreten und sich zu anderen Aufgaben einteilen lassen sollten218. Von diesem Angebot machten nur zehn bis zwölf Männer Gebrauch, die restlichen etwa 490 Polizisten wurden zur Aktion eingesetzt, im Laufe derer sich noch einige wenige andere freistellen ließen219. Die Mehrzahl der Männer führte die Befehle zum Zusammentreiben und Töten der Menschen aber sowohl beim ersten Massaker als auch bei allen folgenden mit mehr oder weniger Widerwillen aus. Browning ging in seiner Studie der Frage nach, welche Einflussfaktoren „ganz normale Männer“, die vor und nach dem Einsatz als Familienväter in kleinbürgerlichen oder proletarischen Verhältnissen lebten und in keiner Weise je mit dem eigenhändigen systematischen Töten von Menschen in Berührung gekommen waren oder auf dieses vorbereitet wurden, dazu brachten, diese Taten zu begehen. 1. Brownings Studie Brownings 1989 abgeschlossene Studie basiert auf der Auswertung der gerichtlichen Vernehmungsprotokolle von210 Angehörigen des Reserve-Polizeibataillons 101 aus den Jahren 1962 bis 1972. Mit Hilfe der Akten, die bei der Staatsanwaltschaft Hamburg lagern, nahm Browning zunächst eine repräsentative statistische Auswertung nach Alter, Partei- bzw. SS-Zugehörigkeit und sozialer Herkunft der Bataillonsangehörigen vor. Bei der Durchsicht der Protokolle befand er rund 125 der Täteraussagen für glaubwürdig, so dass er nicht nur die Zusammensetzung, sondern auch die innere Dynamik dieser Gruppe detailliert darstellen und analysieren konnte. In Ermangelung detaillierter Zeugenaussagen und zeitgenössischer Dokumente stützte sich die Studie in starkem Maße auf die als glaubwürdig eingeschätzten gerichtli- 217 Browning, Der Weg zur „Endlösung“, S. 67. 218 Browning, Ganz normale Männer, S. 88. 219 Browning, Ganz normale Männer, S. 92. 49 chen Vernehmungsprotokolle. Aus diesen Quellen stellte Browning zunächst den Einsatz des Polizei-Reservebataillons 101 und deren zeitliche Abläufe dar und ging dann der Frage nach, warum sich zwischen 80 und 90% der Männer in dieser Gruppe zu Mördern entwickelten und sich nur zwischen 10 und 20% verweigerten220. Die Aktionen des Bataillons begannen im Juli 1942 mit dem Auftrag, 1800 Juden aus dem polnischen Dorf Józefów dem Arbeitseinsatz zuzuführen und dafür ungeeignete Personen zu erschießen221. Nachdem den Männern der Einsatz erläutert worden war, wurden denjenigen, die nicht zur Teilnahme in der Lage waren, andere Aufgaben angeboten, wovon aber nur Einzelne Gebrauch machten. Im Laufe des Einsatzes wurden diejenigen Juden, die zu schwach waren, sich zum Sammelplatz zu begeben, sich versteckten oder Fluchtversuche unternahmen, sofort erschossen. Für die übrigen, ebenfalls als ungeeignet zum Arbeitseinsatz eingestuften Personen, wurden im Wald Erschießungskommandos gebildet, wobei den Männern gezeigt werden musste, wie ein Genickschuss auszuführen war222. Die Erschießungen dauerten den ganzen Tag. Viele Polizisten versuchten, sich nach einer oder mehreren Erschießungen dem Einsatz zu entziehen, schossen absichtlich daneben, versteckten sich oder ließen sich ablösen. Browning ging davon aus, dass aber mindestens 80% die Erschießungen so lange fortsetzten, bis alle zu tötenden Juden umgebracht worden waren223. Die Reaktionen am Abend nach dem ersten Erschießungseinsatz, die Browning aus den Vernehmungsprotokollen filterte, waren Bedrückung, Empörung, Verbitterung, Erschütterung, Entsetzen, Scham und körperlicher Ekel224. Dem Alkohol wurde stark zugesprochen, während es einem Tabu gleichkam, über die „ganze Sache“ zu sprechen. Um eine anhaltende psychische Belastung der Polizisten zu verhindern, stellte man dem Polizei-Bataillon bei dem nächsten Einsatz in der Ortschaft ?omazy eine Einheit aus Trawniki zur Seite, die ebenfalls zur Ausführung der Exekution Schützen stellte. Dabei wurde den Polizisten keine Gelegenheit gegeben, sich von dem Einsatz befreien zu lassen und so erschossen die Männer des Bataillons 101 erneut über tausend Menschen225. Browning erkannte in den Schilderungen aber nicht mehr dasselbe Entsetzen wie beim ersten Einsatz, wofür er den Faktor Gewöhnung verantwortlich macht226, ebenso wie die Tatsache, dass zu dem Druck, sich dem Verhalten der Gruppe anzupassen nun auch noch die Bereitschaft kam, Befehle zu befolgen, weil keine Möglichkeit mehr eingeräumt wurde, sich freistellen zu lassen227. In der Folgezeit bestand die Aufgabe des Bataillons im Wesentlichen in der Räumung von Ghettos und der Deportation von Juden in Vernichtungslager. Juden, die für Märsche oder Transporte zu alt oder zu schwach waren, wurden auch hier sofort erschossen. Solche Erschießungen fanden in den Orten Mi?dzyrzec, 220 Browning, Ganz normale Männer, S. 14. 221 Browning, Ganz normale Männer, S. 86. 222 Browning, Ganz normale Männer, S. 91 f. 223 Browning, Ganz normale Männer, S. 108. 224 Browning, Ganz normale Männer, S. 103. 225 Browning, Ganz normale Männer, S. 121. 226 Browning, Ganz normale Männer, S. 122. 227 Browning, Ganz normale Männer, S. 124. 50 Kónskowola, ?ukow, Lublin, Majdanek, Ponitowa statt. Insbesondere beim Aufspüren und Erschießen von geflohenen und sich versteckt haltenden Juden konstatierte Browning, wie weit das Bataillon bereits in „harte Männer“ und „Weichlinge“ gespalten war228: Es gab einerseits Polizisten, die sich schon zu gefühllosen, gleichgültigen, zum Teil dienstbeflissenen Mördern entwickelt hatten, andererseits solche, die versuchten, sich dem Morden zu entziehen, wenn die zu erwartenden persönlichen Folgen nicht zu groß waren, und eine kleine Minderheit, die sich gänzlich weigerte, am Töten teilzunehmen und sich zum Teil durch listiges Verhalten entzog. Bei diesen Aktionen, die von Juli 1942 bis November 1943 andauerten, erschoss das Reservebataillon 101 mindestens 38.000 Juden und deportierte mindestens 45.200229. 2. Ergebnis Zusammenfassend ist festzuhalten, dass Browning davon ausging, dass die Ursache für die nationalsozialistischen Kollektivverbrechen in der speziellen Situation zu finden ist, die in Deutschland von 1939 bis 1945 herrschte. Diese Situation war von mehreren Faktoren geprägt: Zum einen führte der Ausbruch des Krieges zu einer Polarisierung der Welt aus der Sicht der Täter in „Freund“ und „Feind“. Dies bewirkte, gepaart mit rassistischer Tradition und negativen Rasseklischees, eine Ausstoßung des „Feindes“ aus der menschlichen Gesellschaft und Distanzierung von den Opfern. Mit fortschreitender Routine in einem dumpfen Klima der Gewalt kam eine Brutalisierung der Täter hinzu230. Diese Konstellation wurde unterstützt durch Indoktrinierung und Propaganda, die zwar nicht direkt auf den Mordauftrag vorbereitete, die Geisteshaltung der Täter aber im Sinne ihrer rassischen Zusammengehörigkeit bestärkte. Motive, wie eigenes Karrierestreben und Autoritätshörigkeit, aber auch die desensibilisierende Wirkung eines arbeitsteiligen Vorgehens, ergänzten diese Situation je nach Person stärker oder schwächer. Besondere Wirkung entfaltete nach Browning der Gruppendruck bzw. die Anpassung an eine größere Tätergruppe. Hier wirkte die kollektive Pflicht, die Kameraden nicht mit der „schweren Arbeit“ im Stich zu lassen, aber auch die Angst vor Ausschluss aus der Gruppe als feige oder schwach, weiter verstärkend auf die oben genannten Faktoren. II. Daniel J. Goldhagen Im Gegensatz zu Browning vertritt der amerikanische Soziologe und Politologe Daniel Goldhagen die (extrem) intentionalistische Sicht von den Ursachen des Holocaust. Er geht davon aus, dass die Vernichtung der Juden von Hitler von Anfang 228 Browning, Ganz normale Männer, S. 172. 229 Browning, Ganz normale Männer, S. 189, S. 293. 230 Vgl. Paul in Paul, Die Täter der Shoah, S. 13 (38).

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.