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Nadine H. Pahlke, Weitere Tätigkeiten in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 43 - 44

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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43 antinnen tätig196. Diese Denunziationen sollen vorwiegend im familiären Raum stattgefunden haben197 und hatten seltener politische Motive198. VI. Weitere Tätigkeiten Frauen waren auf jeder Ebene in der Verwaltung des organisierten Tötens als technisches und administratives Personal tätig, etwa im Euthanasieprogramm, in den Heilund Pflegeanstalten, in denen Patienten systematisch getötet wurden und in den Vernichtungsanstalten199. Hier erledigten sie Sekretariatsarbeiten, schrieben Urnenzettel und Transportlisten, führten logistische Tätigkeiten aus, indem sie Kapazitäten in Zügen und Lagern abglichen. Sie führten die Urnenbücher, Krankenakten und Verwahrbücher, arbeiteten als Buchhalterinnen oder verrichteten andere Schreibarbeiten. Auch bei den Selektionsreisen begleiteten die Mitarbeiterinnen die Ärzte200. Sie sorgten dafür, dass der Tötungsapparat vorschriftsmäßig funktionierte. Ähnlich handelten Frauen, die als Trostbriefeschreiberinnen die Eltern, die sich im Glauben befanden, ihren Kindern würde in den Anstalten die beste und modernste Behandlung zuteil, schriftlich vom Tod des Kindes in Kenntnis setzten und falsche Todesursachen und –umstände angaben. Sie hielten durch ihre unterstützenden und fördernden Handlungen die Tötungsmaschinerie in Gang. Selbst wenn sie zumeist nie direkt mit den Auswirkungen ihres eigenen Tuns in Berührung kamen, sie also nicht zu den Direkttäterinnen, sondern zu den Distanz- und Schreibtischtäterinnen gehörten, leisteten sie einen erheblichen Beitrag, ohne den die Tötungsmaschinerie nicht oder nicht in diesem Ausmaße und dieser Dauer hätte funktionieren können. Auch in anderen Funktionen wurden Frauen und Mädchen im „Dritten Reich“ eingesetzt. Mädchen hatten ab dem 29.7.1941 zusätzlich zu dem Arbeitsdienst „Kriegshilfsdienst“ für weitere sechs Monate zu leisten. Sie wurden bei der Wehrmachtsverwaltung, in Krankenhäusern und Familien eingesetzt. Ab 1942 setzte Hitler Frauen als Flakhelferinnen bei der Bedienung von Scheinwerfern ein. 1944 wurden „Wehrmachtshelferinnenkorps“ gebildet, um weitere 150.000 Frauen bei der Wehrmacht einzusetzen. Das Alter arbeitspflichtiger Frauen setzte man von 45 auf 50 Jahre herauf. Ferner vertraten Frauen in zunehmendem Maße die Männer in verschiedenen „männlichen“ Berufen. So arbeiteten Frauen in der Rüstungsindustrie und wurden zum Hilfsdienst für den Volkssturm aufgerufen. Dies ging soweit, dass 196 Vgl. LG Freiburg i.Br. vom 12.9.1947, 1 Kls 3/46 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. I, S.679 ff; LG Flensburg vom 30.3.1948, 2a Kls 10/48 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. II, S. 395 ff; LG Bonn vom 5.4.1951, 8 Kls 2/51 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. VII, S. 307 ff. 197 Mallmann/Paul, Widerstand und Verweigerung im Saarland Bd. 2, S. 234. 198 Wolters, Verrat für die Volksgemeinschaft, S. 30. 199 Heyne, Täterinnen, S. 177; etwa Ruth Closius-Neudek (verurteilt im 3. Ravensbrück-Prozeß) 200 Vgl. Klee, „Euthanasie“ im NS-Staat, S. 243; Klee, Was sie taten – Was sie wussten, S. 153. 44 man ihnen am 23.3.1945 sogar den „freiwilligen“ Einsatz als Wehrmachtshelferinnen bzw. „Blitzmädchen“ zum Kampf mit der Feuerwaffe erlaubte. Unzählige Einzelfälle, auf die hier nicht weiter eingegangen werden kann, ergänzen dieses Bild. So nahmen SS-Ehefrauen eigenmächtig Aktionen gegen Juden vor201. Die Ehefrau des Betriebsleiters des SS-Gutes in Grzenda nahm etwa zu Pferd an Treibjagden auf entflohene Arbeiter und Juden teil und erschoss dabei vier Juden. Durch Genickschuss tötete sie sechs aufgegriffene jüdische Kinder zwischen acht und vierzehn Jahren202. Die Ehefrau des Generalgouverneurs in Polen ließ sich von den verhungernden Häftlingen Pelze, Schmuck und andere Wertgegenstände im Austausch gegen Nahrungsmittel aushändigen203. B. Die Problematik bei der strafrechtlichen Einordnung der Funktionen der Frauen im NS-Apparat Die Handlungen während des Holocaust waren Gegenstand internationaler Rechtsprechung. Die Nürnberger Prozesse vor dem Internationalen Militärgerichtshof und weitere nachfolgende Prozesse standen unter der Leitung der Besatzungsmächte. Die Verurteilungen vor dem Internationalen Militärgerichtshof erfolgten nach dem Statut für den Internationalen Militärgerichtshof (IMG-Statut), das im sogenannten Londoner Viermächte-Abkommen vom 8. August 1945 beschlossen worden war. Nach diesem Abkommen sollten die Personen, die an den Grausamkeiten im besetzten Europa teilgenommen hatten und für deren Taten ein geographisch bestimmbarer Tatort nicht vorhanden war, von einem Internationalen Militärgericht abgeurteilt werden. In Ausführung dieser Vereinbarung zwischen Großbritannien, den USA, Frankreich und der Sowjetunion wurde ein solcher Internationaler Militärgerichtshof „zwecks gerechter und schneller Aburteilung und Bestrafung der Hauptkriegsverbrecher der europäischen Achse gebildet“204. Gem. Art. 6 IMG-Statut begründen Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine direkte Strafbarkeit nach Völkerrecht205. Nach Art. 6 Satz 1 und 2 IMG-Statut wurde der Internationale Militärgerichtshof ermächtigt, diejenigen als sogenannte Hauptkriegsverbrecher anzuklagen und zu verurteilen, die sich als Einzelpersonen oder als Mitglieder von Organisationen im Sinne des Statuts strafbar gemacht hatten. Hierbei sollten nach Satz 3 allen Personen, die im Rahmen eines gemeinsamen verbrecherischen Planes als Anführer, Organisator, Anstifter oder 201 Wie etwa Ilse Koch, Ehefrau des Kommandanten Koch (vgl. LG Augburg vom 15.1.1951, Ks 22/50 und BGH vom 22.4.1952, 1 StR 622/51, in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Staat Bd. VIII, S. 31 ff); vgl. auch Koonz, Mütter im Vaterland, S. 440. 202 Vgl. BG Erfurt vom 15.9.1962, I Bs 8/62 und OG vom 12.10.1962, 1b Ust 185/62 in: Rüter (Hrsg.), DDR-Jusitz und NS-Verbrechen Bd. III, S. 251 ff. 203 Koonz, Mütter im Vaterland, S. 439. 204 Art. 1 IMG-Statut. 205 Werle, Völkerstrafrecht, S. 7, Rn. 14.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.