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Nadine H. Pahlke, Denunziantinnen in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 41 - 43

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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41 misshandelten175 und zum Teil sogar durch Injektionen und der Gabe von nicht mehr identifizierbarem „weißem Pulver“ getötet176 haben sollen. Zum Teil konnte auch die schützende Hand für die Mithäftlinge und der verlängerte Arm der SS in einer Person vorhanden sein177. Die SS nutzte außerdem die Tätigkeiten von Denunziantinnen, die die Funktionshäftlinge bei ihren Tätigkeiten überwachen und Verstöße gegen die Lagerordnung oder sonstige Abweichungen melden sollten178. V. Denunziantinnen Diktaturen können nur aufrecht erhalten werden, wenn Regimegegnern keine Möglichkeit zum Umsturz gegeben wird und wenn kritische Bevölkerungsanteile durch Angst vor Konsequenzen und Einschüchterung nicht wagen, sich gegen das Regime aufzulehnen. Auch die nationalsozialistische Führung erstickte von Beginn der Machtübernahme an jegliche Opposition durch soziale Kontrolle, Inhaftierung und Tötung von politischen Gegnern. Das Verhalten der breiten Bevölkerung zu überwachen und die Durchsetzung von staatlichen Verfolgungsmaßnahmen gegenüber bestimmten Bevölkerungsteilen und damit die Aufrechterhaltung des Terrorregimes war ohne die Mithilfe von Menschen, die bereit waren, ihre Mitbürger zu verraten, nicht möglich179. Obwohl zum Teil gefordert180, gab es keine gesetzliche Pflicht zur Anzeige von Vergehen181. Aber auch ohne eine solche gab es eine nicht zu unterschätzende Zahl von Denunziationen182. Grundlage für Anzeigen waren verschiedene Gesetze, die abweichendes, staatsfeindliches Verhalten mit Strafe belegten. Zu diesen Gesetzen gehörten etwa das Heimtückegesetz183, die Kriegssonderstrafrechtsverordnung184 und die Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnah- 175 Wie etwa Gerda Ganzer (verurteilt im 4. Hamburger Ravensbrück-Prozess). 176 Wie etwa Vera Salvequart (verurteilt im 1. Ravensbrück-Prozess); Gerda Ganzer (verurteilt im 4. Hamburger Ravensbrück-Prozess). 177 Taake, Angeklagt: SS-Frauen vor Gericht, S. 68. 178 Sofsky, Die Ordnung des Terrors, S. 158. 179 Wolters, Verrat für die Volksgemeinschaft, S. 26. 180 Wie etwa 1939 von Reinhard Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts, BA Berlin R 43/1264a und R 58/825 vgl. Diewald-Kerkmann, Politische Denunziation im NS-Regime, S. 20. 181 Vgl. Nipperdey in: FS Lehmann, S. 285 (294); BGHZ 17, S. 327ff; MDR 1955, S. 665 rechts; Wolters, Verrat für die Volksgemeinschaft, S. 31. 182 Broszat in: Archivalische Zeitschrift 1977, S. 221 (221); Wolters, Verrat für die Volksgemeinschaft, S. 26. 183 Vgl. Werle, Justiz-Strafrecht und polizeiliche Verbrechensbekämpfung im Dritten Reich, S. 137 ff. 184 Vgl. Werle, Justiz-Strafrecht und polizeiliche Verbrechensbekämpfung im Dritten Reich, S. 210 ff. 42 men185. Obwohl nicht alle Denunziationen einen nationalsozialistischen Hintergrund hatten, stellten diese Gesetze regelrechte „Denunziationsanreize“186 dar. Jegliche Äußerungen, die als Kritik gegen das NS-Regime aufgefasst werden konnten, sollten gemeldet werden, aber auch der Umgang mit Juden, Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern, das Verweigern des Kriegsdienstes, Defätismus, das Abhören ausländischer Sender oder die Verweigerung des Hitlergrußes187. Ferner wurden Juden, „Zigeuner“, „Asoziale“188 oder „sittlich verkommene“ Männer, Frauen und Kinder, die als Störung für die Volksgemeinschaft empfunden wurden, an die Behörden ausgeliefert189. Die private Denunziation durch Inanspruchnahme der öffentlichen Strafgewalt für persönliche Interessen des Denunzianten190 war eigentlich nicht vorgesehen. Dennoch bildete die Denunziation aus privaten Gründen eine zentrale Ressource polizeilicher Ermittlung und zur Ausschaltung potentieller Gegner des Regimes191. Häufig waren der Grund für die Denunziation private Streitigkeiten, Geltungsdrang, Rachegelüste, Eifersucht, Konkurrenzdenken, Neid. Dieses Motivbündel, in Zusammenhang mit dem Wunsch, private Konflikte auf eine übergeordnete Instanz zu verlegen und dem Bestreben einen Beitrag zur öffentlichen, nationalsozialistischen Ordnung zu leisten, war in vielen Fällen der Grund für das Anzeigen von Dritten. Die Folgen für die Denunzierten konnten gravierend sein. Je nach Schwere des Vergehens konnten sie zu Gefängnis, Arbeitslager oder sogar zum Tod verurteilt werden. Anzeige wurde entweder bei den Dienststellen der Partei oder bei der Polizei, dem Bürgermeister oder dem Landrat erhoben192. Bei politischen Vergehen wurden die Akten der Geheimen Staatspolizei übergeben. Nach Abschluss der Vernehmungen und Verhöre wurden die Ermittlungsakten an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet, die dann ein Gerichtsverfahren einleiten konnte. Ferner konnte die Ermittlungsbehörde selbst ohne Prozess Schutzhaft und Einweisung in ein KZ beschließen193. Entgegen der verbreiteten Ansicht, dass die Denunziation im „Dritten Reich“ eine typisch weibliche Handlung gewesen sei, ergibt sich aus Statistiken und Gerichtsurteilen, dass die meisten Denunzianten Männer waren194, insbesondere wenn die Verfehlungen an öffentlichen Orten wie Wirtschaften, Gaststätten und Betrieben begangen wurden195. Dessen ungeachtet waren aber auch viele Frauen als Denunzi- 185 Vgl. Wolters, Verrat für die Volksgemeinschaft, S. 32 f; Werle, Justiz-Strafrecht und polizeiliche Verbrechensbekämpfung im Dritten Reich, S. 214 ff. 186 Bade in: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.), Entgrenzte Gewalt, S. 92 (92). 187 Diewald-Kerkmann, Politische Denunziation im NS-Regime, S. 91. 188 Zur „Asozialität“ vgl. Kronfeld in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 54 (54ff). 189 Bade in: KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Entgrenzte Gewalt, S. 92 (99). 190 Broszat in: Archivalische Zeitschrift 1977, S. 221 (221). 191 Vgl. Wolters, Verrat für die Volksgemeinschaft, S. 35. 192 Wolters, Verrat für die Volksgemeinschaft, S. 35. 193 Vgl. Wolters, Verrat für die Volksgemeinschaft, S. 36. 194 Vgl. Diewald-Kerkmann, Politische Denunziation im NS-Regime, S. 131 ff. 195 Mallmann/Paul, Widerstand und Verweigerung im Saarland Bd. 2, S. 234. 43 antinnen tätig196. Diese Denunziationen sollen vorwiegend im familiären Raum stattgefunden haben197 und hatten seltener politische Motive198. VI. Weitere Tätigkeiten Frauen waren auf jeder Ebene in der Verwaltung des organisierten Tötens als technisches und administratives Personal tätig, etwa im Euthanasieprogramm, in den Heilund Pflegeanstalten, in denen Patienten systematisch getötet wurden und in den Vernichtungsanstalten199. Hier erledigten sie Sekretariatsarbeiten, schrieben Urnenzettel und Transportlisten, führten logistische Tätigkeiten aus, indem sie Kapazitäten in Zügen und Lagern abglichen. Sie führten die Urnenbücher, Krankenakten und Verwahrbücher, arbeiteten als Buchhalterinnen oder verrichteten andere Schreibarbeiten. Auch bei den Selektionsreisen begleiteten die Mitarbeiterinnen die Ärzte200. Sie sorgten dafür, dass der Tötungsapparat vorschriftsmäßig funktionierte. Ähnlich handelten Frauen, die als Trostbriefeschreiberinnen die Eltern, die sich im Glauben befanden, ihren Kindern würde in den Anstalten die beste und modernste Behandlung zuteil, schriftlich vom Tod des Kindes in Kenntnis setzten und falsche Todesursachen und –umstände angaben. Sie hielten durch ihre unterstützenden und fördernden Handlungen die Tötungsmaschinerie in Gang. Selbst wenn sie zumeist nie direkt mit den Auswirkungen ihres eigenen Tuns in Berührung kamen, sie also nicht zu den Direkttäterinnen, sondern zu den Distanz- und Schreibtischtäterinnen gehörten, leisteten sie einen erheblichen Beitrag, ohne den die Tötungsmaschinerie nicht oder nicht in diesem Ausmaße und dieser Dauer hätte funktionieren können. Auch in anderen Funktionen wurden Frauen und Mädchen im „Dritten Reich“ eingesetzt. Mädchen hatten ab dem 29.7.1941 zusätzlich zu dem Arbeitsdienst „Kriegshilfsdienst“ für weitere sechs Monate zu leisten. Sie wurden bei der Wehrmachtsverwaltung, in Krankenhäusern und Familien eingesetzt. Ab 1942 setzte Hitler Frauen als Flakhelferinnen bei der Bedienung von Scheinwerfern ein. 1944 wurden „Wehrmachtshelferinnenkorps“ gebildet, um weitere 150.000 Frauen bei der Wehrmacht einzusetzen. Das Alter arbeitspflichtiger Frauen setzte man von 45 auf 50 Jahre herauf. Ferner vertraten Frauen in zunehmendem Maße die Männer in verschiedenen „männlichen“ Berufen. So arbeiteten Frauen in der Rüstungsindustrie und wurden zum Hilfsdienst für den Volkssturm aufgerufen. Dies ging soweit, dass 196 Vgl. LG Freiburg i.Br. vom 12.9.1947, 1 Kls 3/46 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. I, S.679 ff; LG Flensburg vom 30.3.1948, 2a Kls 10/48 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. II, S. 395 ff; LG Bonn vom 5.4.1951, 8 Kls 2/51 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. VII, S. 307 ff. 197 Mallmann/Paul, Widerstand und Verweigerung im Saarland Bd. 2, S. 234. 198 Wolters, Verrat für die Volksgemeinschaft, S. 30. 199 Heyne, Täterinnen, S. 177; etwa Ruth Closius-Neudek (verurteilt im 3. Ravensbrück-Prozeß) 200 Vgl. Klee, „Euthanasie“ im NS-Staat, S. 243; Klee, Was sie taten – Was sie wussten, S. 153.

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Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.