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Nadine H. Pahlke, Ärztinnen und Krankenschwestern in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 18 - 32

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

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18 Kapitel 1: Frauen als Täterinnen im NS-Apparat Unmittelbar nach der „Machtergreifung“ Hitlers am 30. Januar 1933 begannen die Nationalsozialisten ihre „Vision“ von der Erschaffung eines arischen Herrenvolkes umzusetzen und mit Zielstrebigkeit und großer Schnelligkeit Maßnahmen einzuleiten, die mit massiven Menschenrechtsverletzungen verbunden waren. Bereits vor der Errichtung von Vernichtungslagern griffen die Nationalsozialisten zu Mitteln wie Zwangssterilisationen von sogenannten „Untermenschen“18 und Abtreibungen und hatten bald ein System direkter medizinischer Tötungen eingeführt, die innerhalb medizinischer Kanäle aufgrund medizinischer Entscheidungen angeordnet und von Ärzten und ihren Assistenten durchgeführt wurden19. In einem weiteren, zeitlich folgenden Schritt wurden Konzentrations- und Vernichtungslager eingerichtet. Trotz der konservativen Rolle, die den Frauen nach der nationalsozialistischen Weltanschauung zugedacht war und die sie auf Familie und Haus beschränken sollte, waren Frauen in all diesen Stadien in unterschiedlichsten Funktionen an den genannten Maßnahmen der Nationalsozialisten beteiligt und erreichten durch ihre aktive Mitarbeit, dass die Maschinerie zur Vornahme zahlloser Verbrechen funktionierte. Trotz dieser Tatsache beschränkt sich die öffentliche Wahrnehmung zumeist auf die Täterschaft von Männern. Die weibliche Täterschaft wird nur am Rande wahrgenommen oder sogar völlig ausgeblendet. Fraglich ist demnach zunächst, ob und in welchem Ausmaß Frauen überhaupt an den Verbrechen der Nationalsozialisten beteiligt waren. Da die vorliegende Arbeit einer kriminologischen Untersuchung makrokrimineller Verbrechen dient und keine Einzeldarstellungen von bestimmten Täterinnen enthält, ist einleitend zu betonen, dass Unterschiede in der Vehemenz und der Art der Beteiligung bestanden. Problematisch ist insbesondere, inwieweit die Frauen sich der Konsequenzen ihrer Handlungen bewusst waren. Für den Teil der Täterinnen, die Menschen eigenhändig töteten, ist dies unproblematisch zu bejahen. Insbesondere aber für solche, die nicht direkt mit dem Töten in Kontakt kamen (sogenannte Distanztäter), kann dies nicht ohne weiteres nachgewiesen werden. Vielfach wurde allerdings bewiesen20, dass eine große Zahl der Männer und Frauen, deren Taten für sie keine sichtbaren Auswirkungen hatten, erkannten, dass ihr Verhalten – wenn auch indirekt – zum Tod, zur Verstümmelung und zur Freiheitsberaubung der Opfer führen konnte. 18 Hofer, Der Nationalsozialismus, S. 280. 19 Lifton, Ärzte im Dritten Reich, S. 28. 20 Vgl. etwa Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, S. 1093. 19 A. Darstellung der Funktionen der Frauen im NS-Apparat Aufgrund der seit 1968 veröffentlichten Sammlung westdeutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen werden die Taten in zwölf Deliktgruppen unterteilt: Euthanasie (5% aller Delikte), Schreibtischverbrechen (1%), Kriegsverbrechen (7%), Justizverbrechen (3%), Verbrechen gegen deutsche Soldaten (4%), Massenvernichtungsverbrechen durch Einsatzgruppen (3%), Massenvernichtungsverbrechen in Lagern (4%), andere Massenvernichtungsverbrechen (7%), NS- Gewaltverbrechen in Lagern (19%), Verbrechen der Endphase (36%), Denunziation (7%), andere NS-Verbrechen (4%)21. Dabei ist unbekannt, in welchem prozentualen Umfang Frauen als Täterinnen an diesen Verbrechen beteiligt waren. Erwiesen ist lediglich, dass 10% des KZ-Personals weiblich war22. Dem Statistischen Bundesamt liegen darüber hinaus aber keine Angaben zur quantitativen Verstrickung von Krankenschwestern und Ärztinnen in die Verbrechen des NS-Systems, zum Beispiel im Euthanasieprogramm, vor23. Dennoch ist es bewiesen, dass an all diesen verschiedenen Verbrechen auch Täterinnen beteiligt waren, da diese innerhalb der Berufsgruppen, von denen die Verbrechen begangen wurden, in unterschiedlichen Funktionen eingesetzt wurden. I. Ärztinnen und Krankenschwestern Frauen durften im Deutschen Reich seit 1908 ein medizinisches Examen ablegen; bereits 1925 waren fünf Prozent aller graduierten Mediziner weiblich24. Trotz Ressentiments gegen die Kolleginnen entwickelte sich das Medizinstudium zum weitaus beliebtesten Studienfach für Frauen25. Trotzdem blieben sie politisch praktisch einflusslos: Im NS-Ärztebund hatten sie nie eine beachtenswerte Rolle gespielt, und als dieser schließlich an Macht und Einfluss von NSDAP und KVD überholt wurde, waren sie auch dort kaum vertreten. In der Partei selbst fanden sich 50% aller Ärzte zusammen, aber nur 20% aller Ärztinnen. Der Versuch seitens der nationalsozialistischen Medizinerinnen, einen eigenen NS-Ärztinnenverein zu gründen und auszuweiten, wurde durch Reichsärzteführer Wagner früh unterbunden und scheiterte endgültig noch vor Kriegsbeginn26. Leitende Funktionen sowie Tätigkeiten als Chirurginnen oder Dozentinnen blieben den Ärztinnen verschlossen, ebenso war das Einkommen von Frauen stets geringer als das der männlichen Ärzte. 21 Reiter, 30 Jahre Justiz und NS-Verbrechen, S. 10. 22 Heike in: Füllberg-Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 221 (223). 23 Email-Auskunft von Stefan Brings, Statistisches Bundesamt, Wiesbaden. 24 Die Zahl der praktizierenden Ärztinnen wuchs von 6,5 Prozent im Jahre 1932 auf fast 8 Prozent 1938 und 1942 schließlich auf 12 Prozent, vgl. Kater in: Ebbinghaus/Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen, S. 51 (63f). 25 1939 waren 16 Prozent aller Medizinstudenten Frauen, 1944 schon ein gutes Drittel. 26 Kater in: Ebbinghaus/Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen, S. 51 (63). 20 Die nationalsozialistische „Gleichschaltung“ und die Nazifizierung der Ärzteschaft wurden durch die Reichsärztekammer gefördert, der alle praktizierenden Ärzte angehören mussten. Bei manchen Medizinern war die ideologische Überzeugung, „Pfleger der Gene“, „Arzt am Volk“ und „biologischer Soldat“27 zu sein, bereits entzündet. Wo dies nicht der Fall war, wurde mögliche Opposition durch Ausschluss, Drohung oder Gewalt beseitigt28. Mit 50% aller Ärzte, die Mitglied der NSDAP waren, bildeten diese die am stärksten nazifizierte Berufsschicht29. Zum einen war dies für die nationalsozialistische Führung von Vorteil, zum anderen profitierten aber gerade die Ärzte von den Rahmenbedingungen des Nationalsozialismus, die ihnen einen großen Prestigeanstieg und gleichzeitig großen Freiraum für Experimente verschafften, die Vorbereiter für die Menschenversuche in den Konzentrationslagern waren30. Im Gegensatz zur Ärzteschaft wurde der Pflegedienst von Frauen dominiert. 80% des Pflegepersonals war weiblich. Den größten Einfluss bei der nationalsozialistischen Vereinheitlichung des Schwesternwesens sicherte sich die im Jahre 1932 gegründete NS-Volkswohlfahrt (NSV). Die NSV wurde in die NSDAP unter gleichzeitiger Auflösung der anderen Gewerkschaften aufgenommen. 1933 wurde die „Reichsarbeitsgemeinschaft der Berufe im sozialen und ärztlichen Dienst e.V.“ (RAG) gegründet, die 1935 aber aus organisatorischen Gründen wieder aufgelöst wurde. Die Krankenpflege sollte einer nationalsozialistischen Führung unterstellt und damit die pflegerische Berufsauffassung mit der nationalsozialistischen Weltanschauung verbunden werden. Das gesamte Bildungssystem, und somit auch die Krankenpflege, wurde nach den Erfordernissen des nationalsozialistischen Staates ausgerichtet. Neben den üblichen Ausbildungsinhalten standen auch Erb- und Rassenlehre, Rassenpflege, Bevölkerungspolitik und weltanschauliche Schulungen auf dem Stundenplan. Die Schwestern waren nach ihrer Ausbildung dazu verpflichtet, Hitler Treue und Gehorsam zu schwören sowie die Berufsaufgaben gewissenhaft im Dienste der Volksgemeinschaft zu erfüllen. 1934 lösten sich die nationalsozialistischen Schwesternschaften auf und wurden unter einer neu gegründeten NSV- Schwesternschaft als sogenannte „Braune Schwestern“ zusammengefasst. NS- Schwestern machten 9,8% aller Schwestern aus. Im Oktober 1936 wurden die freien Schwestern in einen einheitlichen Verband zusammengeführt, den Reichsbund der freien Schwestern und Pflegerinnen, und bekamen den Beinamen „Blaue Schwestern“. Im Jahr 1942 wurden NSV-Schwesternschaft und der Reichsbund freier Schwestern zum „NS-Reichsbund Deutscher Schwestern“ zusammengelegt. Durch diesen Konzentrationsprozess hatte die Regierung direkten Zugang zu allen Bereichen des Gesundheits- und Sozialwesens und konnte ihre Vorstellungen in diesen Bereichen umfassend durchsetzen. 27 Vgl. Lifton, Ärzte im Dritten Reich, S. 36. 28 Lifton, Ärzte im Dritten Reich, S. 37. 29 Haug, Die Faschisierung des bürgerlichen Subjekts, S. 23 ff. 30 Trus, „...vom Leid erlösen“, S. 58. 21 Wie die Ärzte schworen auch die Ärztinnen den Eid des Hippokrates und verpflichteten sich damit, die Schweigepflicht einzuhalten, keinem Patienten Schaden zuzufügen oder ihn zu töten, eine Abtreibung vorzunehmen oder sonstiges Unrecht zu begehen. Wie im Folgenden dargelegt wird, beteiligten sich Ärztinnen und in großer Zahl auch Krankenschwestern an Handlungen, die völlig im Widerspruch zum ärztlichen Berufsethos standen, zum einen im Eugenikprogramm und zum anderen in den Arbeits-, Konzentrations- und Vernichtungslagern. 1. Ärztinnen und Krankenschwestern im Eugenikprogramm Der Begriff Eugenik, d.h. Erbgesundheitslehre oder Erbhygiene, wurde im Jahre 1883 von dem britischen Naturforscher Francis Galton das erste Mal verwendet und bezeichnet die Wissenschaft von der Verbesserung der körperlichen und geistigen Merkmale der Menschheit. Unter Anwendung genetischer Erkenntnisse soll der Fortbestand günstiger Erbanlagen in einer menschlichen Population gesichert und gefördert (sogenannte „positive Eugenik“) sowie die Ausbreitung nachteiliger Gene eingeschränkt werden (sogenannte „negative oder präventive Eugenik“)31. In Deutschland zeigte sich die steigende Akzeptanz und Verbreitung von Rassenhygiene und Rassenkunde in der Wissenschaft bereits in der Weimarer Republik32. Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der in Heil- und Pflegeanstalten untergebrachten Menschen in erheblichem Umfang zu, was man unter anderem mit einer erblichen Entartung zu erklären versuchte, also dem Auftreten neuer vererbbarer ungünstiger Eigenschaften, die die Erreichung der allgemeinen Lebensziele erschwerten oder unmöglich machten33. Nach ausführlichen Forschungen in der Folgezeit sah man es als erwiesen an, dass physische und psychische Krankheiten vererbbar seien. Wegen dieser vermeintlichen Erkenntnisse befürworteten viele Mediziner den aktiven Eingriff in die menschliche Fortpflanzung, wie sie die Vertreter der Eugenik verlangten, um die erkrankten Menschen und damit die Erkrankung selbst aussterben zu lassen34. Der erste deutsche Lehrstuhl für Rassenhygiene wurde 1923 in München eingerichtet. In den folgenden Jahren erhöhten sich im Medizinstudium die Pflichtstunden in Rassenhygiene und Eugenik kontinuierlich35. Die starke Befürwortung der Rassenhygiene vor 1933 war jedoch kein spezifisch deutsches Phänomen. In vielen Ländern Europas und Amerikas war Rassenhygiene und Sterilisierung geistig Behinderter als ein Instrument staatlicher Sozialpolitik anerkannt36. 31 Brockhaus, Enzyklopädie in 24 Bänden, Bd. 6, „Eugenik“, S. 644; Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (236). 32 Vgl. Wetzell, Inventing the Criminal, S. 237 ff. 33 Richarz, Heilen, pflegen, töten, S. 108. 34 Richarz, Heilen, pflegen, töten, S. 113. 35 Vgl. Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (240). 36 Vgl. Trus, „...Vom Leid erlösen“, S. 56. 22 Nach 1933 wurde der Ansatz Galtons in Deutschland dahingehend interpretiert, dass der Einfluss der Gene von als „minderwertig“37 oder „erbkrank“ bezeichneten Menschen und von Gemeinschaftsfremden reduziert werden müsse38. Ziel war die Schaffung eines homogenen Herrenvolkes, das allen anderen Völkern geistig und körperlich überlegen sein sollte, eines Volkes, das die Weltherrschaft für alle Zeiten für sich beanspruchen könnte39. Erreicht werden sollte dieses Ziel durch die systematische Förderung der Vermehrung der Angehörigen der Volksgemeinschaft, die als gesund und rassisch wertvoll beurteilt wurden (sogenannte „Auslese“) und durch die möglichst rasche Eliminierung der Fremdrassigen, die für die Höherzüchtung des deutschen Volkes nicht benötigt wurden sowie der Kranken und Schwachen (sogenannte „Ausmerze“)40. Zur Umsetzung dieser Ideologie begann man, Menschen mit vermeintlich vererbbaren Krankheiten und körperlichen oder geistigen Behinderungen zu sterilisieren. Wegbereitend hierfür war das Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses (Erbgesundheitsgesetz oder GzVeN) vom 14. Juli 1933, das auf die Sterilisation von Menschen mit bestimmten Krankheitsbildern (sogenannte „Erbkrankheiten“) abzielte. Einerseits sollten die körperlich und geistig Kranken von den Leistungsfähigen, zur Verhinderung der Vermehrung der „Schwachen“, segregiert werden, andererseits sollten rein wirtschaftliche Interessen gewahrt werden, da für die Versorgung und Betreuung von Kranken Millionen von Reichsmark aufgewendet werden mussten, was die NSDAP von Anfang an kritisierte41. Schon bald wurde die Auffassung vertreten, dass zur Erreichung der eugenischen Ziele das Sterilisationsprogramm nicht ausreichend sei. Ein Jahr nach Ratifizierung des Erbgesundheitsgesetzes wurden die Heilanstalten für Geisteskranke ermuntert, ihre Patienten zu vernachlässigen, spätestens ab 1939 wurde unter der tarnenden Bezeichnung „Euthansie-“, also „Sterbehilfeprogramm“, mit der gezielten Tötung von Kindern durch Überdosierung von Medikamenten und wenig später mit der Tötung von Erwachsenen durch den Einsatz von Gas begonnen42. Die Zwangssterilisationen waren demnach der erste Schritt, mit dem die Nationalsozialisten ihr Konzept der Eugenik durchsetzen wollten, gefolgt von der Tötung „geschädigter“ Kinder und Erwachsener. 37 Zur „Minderwertigkeit“: Hübner in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 2 1936, S. 179 (179 ff). 38 Elster in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 345 (348 f). 39 Vgl. Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (235). 40 Gutman, Enzyklopädie des Holocaust, Bd. 1 „Euthanasie“, S. 422; Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (236). 41 Vgl. Kramer in: Landwehr/Baron (Hrsg.), Geschichte der Sozialarbeit, S. 174; Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (238). 42 Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (245 f). 23 a) Zwangssterilisation und Abtreibung Schon vor der Weimarer Republik hatte das Gewicht von eugenischen und rassehygienischen Denkansätzen zugenommen, die darauf abzielten, Krankheiten und soziales Fehlverhalten, die auf erbliche Defekte zurückgeführt wurden, durch antinatalistische Maßnahmen zu bekämpfen43. Allerdings verbot die Weimarer Verfassung Zwangseingriffe am Menschen, so dass die Umsetzung dieser biomedizinischen „Vision“ in der Weimarer Republik vorerst nicht erreichbar war. Erst die totalitäre politische Struktur nach der Machtübernahme 1933 schaffte die Möglichkeit, die „heilige Mission“, die die Zwangssterilisation für viele geworden war, umfassend und ohne gesetzliche Hindernisse durchzuführen44. Bevölkerungspolitische Vorhaben, die die NSDAP schon früher im Sinne einer Erb- und Rassenpflege angekündigt hatte, wurden jetzt in die Tat umgesetzt45. Aufgrund des Erbgesundheitsgesetzes von 1933 (gefolgt von zwei Änderungsgesetzen46, fünf Ausführungsverordnungen47 und einem Kommentar48) konnten als erbkrank beurteilte Menschen nun gegen ihren Willen (vgl. § 1 i.V.m. § 12 GzVeN49) sterilisiert und ab dem 1. Änderungsgesetz von 1935 eine bestehende Schwangerschaft unterbrochen werden50. Erbkrank war gem. § 1 II Nr. 1-8, III, wer an angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, zirkulärem (manisch-depressivem) Irresein, erblicher Fallsucht, erblichem Veitstanz (Huntingtonsche Chorea), erblicher Blind- oder Taubheit, schwerer körperlicher erblicher Missbildung oder schwerem Alkoholismus litt51. Hinzukommen musste nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft eine hinreichend große Wahrscheinlichkeit, dass Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden. Begründet wurde das Gesetz mit dem mangelnden „natürlichen Aussterben“ der Schwachen, die in einer zivilisierten Gesellschaft durch Fürsorge am Leben erhalten würden und sich so vermehrten und ihre Krankheiten weitervererben könnten. Diese eugenisch unerwünschte „Gegenauslese“ (als Aufhebung der Darwinschen natürlichen Auslese) sollte durch die künstliche Verhinderung der Fortpflanzung „minderwertiger Existenzen“52 gestoppt und rückgängig gemacht werden. 43 Gutman, Enzyklopädie des Holocaust, Bd. 1 „Euthanasie“, S. 422; vgl. auch: Wetzell, Inventing the Criminal, S. 100 ff. 44 Lifton, Ärzte im Dritten Reich, S. 30. 45 Richarz, Heilen, pflegen, töten, S. 114; vgl. auch Hübner in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 2 1936, S. 676 (677). 46 Vom 26.6.1935 und vom 4.2.1936. 47 Vom 5.12.1933, vom 29.5.1934, vom 25.2.1935, vom 18.7.1935 und vom 25.2.1936. 48 Gütt/Rüdin/Ruttke, Erläuterungen zum Gesetz zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses, S.107 ff. 49 Hübner in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 2 1936, S. 676 (681). 50 Rudnick, Behinderte im Nationalsozialismus, S. 88; Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (241). 51 Hübner in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 2 1936, S. 676 (677 ff); Schminck-Gustavus, Zwangssterilisation im Nationalsozialismus in: Redaktion Kritische Justiz, Die juristische Aufarbeitung des Unrechts-Staats, S. 133 (135). 52 Zur „Minderwertigkeit“: Hübner in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 2 1936, S. 179 (179 ff). 24 Anträge konnten durch Selbstmeldung und durch den behandelnden Arzt bzw. den Anstaltsarzt gestellt werden (§§ 2 und 3 GzVeN). Zur Ermöglichung solcher Meldungen von erheblichen Gesundheitsschäden musste die ärztliche Schweigepflicht allmählich abgeschafft werden53. Die Anträge wurden gem. § 6 I GzVeN von den neu eingerichteten Erbgesundheitsgerichten, bestehend aus einem Amtsrichter als Vorsitzenden, einem beamteten Arzt und einem weiteren im Deutschen Reich approbierten Arzt, der mit der Erbgesundheitslehre besonders vertraut war, bearbeitet und beschieden. Eingereichte Anträge auf Sterilisation wurden von den Erbgesundheitsgerichten nur in 10% der Fälle abgelehnt und nur 5% der Beschwerden gegen Sterilisationsbeschlüsse in der zweiten Instanz, bei den Erbgesundheitsobergerichten, waren erfolgreich54. So wurden jährlich etwa 50.000 bis 60.000 Zwangssterilisationen durchgeführt, insgesamt schätzungsweise 200.000 bis 350.00055; zum Teil wird von einer halben Million Opfern dieser Maßnahmen gesprochen56. Frauen waren in der Sterilisationspolitik aktiv, wenn auch nicht entscheidungsbefugt. Die Ärzteschaft begann zur Umsetzung der Vorgaben damit, entsprechende Daten zu sammeln, so dass auch Ärztinnen als Anzeigende und als Antragsstellerinnen fungierten57. Die Operationen wurden durch Röntgenbestrahlung und durch chirurgischen Eingriff vorgenommen58. Auch hieran waren Ärztinnen und vor allem Krankenschwestern beteiligt, denn das NS-Regime benötigte qualifiziertes Personal, das es zu einem erheblichen Teil aus Frauen rekrutierte, um seine ambitiöse Rassen-, Körper- und Bevölkerungspolitik umzusetzen59. b) Kindereuthanasie Auch der Gedanke der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ wurde nicht von den Nationalsozialisten ins Leben gerufen, sondern stützte sich auf eine sozialdarwinistisch geprägte Humangenetik und wurde schon während der Weimarer Republik geäußert60. Im Deutschen Reich wurde im Februar 1939 die sogenannte Kindereuthanasie mit der Einberufung eines Beraterstabes eingeleitet. Dieser traf im Mai desselben Jahres die Entscheidung, das Tötungsunternehmen als „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ 53 Kater in: Ebbinghaus/Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen, S. 51 (65). 54 Lifton, Ärzte im Dritten Reich, S. 32; JAMA 105 (1935), S. 1051. 55 Schminck-Gustavus, Zwangssterilisation im Nationalsozialismus in: Redaktion Kritische Justiz, Die juristische Aufarbeitung des Unrechts-Staats, S. 133 (134). 56 Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (242 f). 57 Bock, G., Zwangssterilisation im Nationalsozialismus, S. 208; Rothmaler, Sterilisationen nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, S. 63; Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (241). 58 Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (242). 59 Frevert in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 220 (229). 60 Bekanntestes Beispiel ist sicherlich die Abhandlung Binding/Hoche, Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form, 1920. 25 zu bezeichnen. Da bei der Kindereuthanasie sowohl behinderte Kinder getötet werden sollten, die in Anstaltspflege lebten als auch diejenigen, die von den Eltern gepflegt wurden, war der Reichsausschuss bei der Erfassung auf die Mitarbeit der staatlichen Gesundheitsämter, der Ärzte und des Pflegepersonals in den Krankenhäusern und sonstigen Anstalten angewiesen61. Hebammen, Ärzte und Krankenschwestern wurden aufgrund eines streng vertraulichen Runderlasses62 am 18. August 1939 verpflichtet, dem Reichsausschuss missgebildete Neugeborene zu melden. Erfasst wurden Kinder bis drei Jahre, die an sogenannter „Idiotie“, Mongolismus, Wasserkopf, Missbildungen jeder Art und Lähmungen litten. Am Anfang in engem Rahmen gehalten, wurde das Programm nach und nach ausgeweitet und erfasste dann auch Grenzfälle und leichte Behinderungen, bis schließlich sogar jugendliche Kriminelle und Kinder jüdischer Eltern auf der Tötungsliste standen63. Die Meldungen erfolgten in Form von Meldebögen, die aus dem Reichsgesundheitsministerium stammten und innerhalb kürzester Zeit zurückgesandt werden mussten. Drei ärztliche Gutachter in Berlin entschieden allein auf der Grundlage dieser Angaben über die Tötung der Kinder64. Die sogenannten „Reichsausschusskinder“ wurden in „Kinderfachabteilungen“ getötet, die – so der gegenwärtige Kenntnisstand – in 37 Heil- und Pflegeanstalten eingerichtet wurden65. Hierbei wurden den Kindern zum Teil Überdosen Luminal66, manchmal kombiniert mit Morphium-Skopolamin-Injektionen67, verabreicht, die zu einem langsamen Siechtum führten und die nach einem so vorgetäuschten natürlichen Krankheitsverlauf im Tod endeten68. Je länger die Aktion dauerte, desto mehr wurde sie auf ältere Kinder und Heranwachsende ausgedehnt, so dass eine Überlagerung mit der Erwachseneneuthanasie entstand. Allein die Kindereuthanasie forderte mindestens 5.000 Opfer69. Frauen waren an der Kindereuthanasie insofern beteiligt, als sie in ihrer Funktion als Ärztinnen Totenscheine mit falschen Todesursachen ausstellten70, um die wahren Todesumstände zu vertuschen oder indem sie, ebenso wie Krankenschwestern, selbst Tötungen durch die Verabreichung von tödlichen Tabletten und Injektionen 61 Schmuhl in: Ebbinghaus/Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen, S. 295 (301). 62 Runderlass des Reichsministers des Innern (Ivb 3088/39 – 1079 Mi) in: Klee (Hrsg.), „Euthanasie“ im NS-Staat, S. 80; Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (245). 63 Lifton, Ärzte im Dritten Reich, S. 61; Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (245 f). 64 Kramer in: Landwehr/Baron (Hrsg.), Geschichte der Sozialarbeit, S. 178 (183). 65 Schmuhl in: Ebbinghaus/Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen, S. 295 (302). 66 Luminal ist ein Barbiturat, das zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt wird. 67 Dies ist eine Mischung zwischen dem Opiat Morphium und einem Alkaloid, das in Nachtschattengewächsen wie dem Stechapfel vorkommt. 68 Vgl. Schmuhl in: Ebbinghaus/Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen, S. 295 (302). 69 Vgl. Gutman, Enzyklopädie des Holocaust, Bd. 1, „Euthanasie“, S. 423; Lifton, Ärzte im Dritten Reich, S. 61. 70 Wie etwa Dr. Mathilde We. (vgl. LG Frankfurt a.M. vom 9.2.1949, 4 Kls 18/46 und OLG Frankfurt a.M. vom 23.6.1949, Ss 214/49 und BGH vom 17.9.1953, 3 StR 295/53 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. IV, S. 47 ff). 26 vornahmen71. Insbesondere waren sie als Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen für Meldungen von „lebensunwerten“ Kindern an die entsprechenden Behörden verantwortlich. c) Erwachseneneuthanasie Im Juli des Jahres 1939 beauftragte Hitler zunächst Staatssekretär Conti, dann SS- Standartenführer und Reichsleiter Bouhler und den Führer-Begleitarzt Brandt mit der Durchführung der Erwachseneneuthanasie. Nach einem entsprechenden Führererlass im Oktober 1939 wurden linientreue Ärzte als Helfershelfer ausgesucht, die wiederum in ihren Anstalten geeignetes Personal für die Tötungsaktion auswählten und nach Berlin meldeten72. Die Erfassung der Anstaltspatienten geschah mittels Vordrucke73, ähnlich denen der Kindereuthanasie, um aus der Gruppe der „erblich belasteten“ psychisch Kranken und geistig Behinderten, insbesondere der Schizophrenen, Geistesschwachen und Epilepsiekranken, diejenige Teilgruppe auszusondern, die als nicht therapiefähig galt. Außerdem wurden Patienten erfasst, die als „rassisch minderwertig“, kriminell oder „asozial“ galten74. Nachdem einige Gutachten zur effizientesten, billigsten und schmerzfreiesten Tötungsmethode erstellt worden waren, wurde entschieden, dass die Tötungen unter Verwendung von CO-Gas geschehen sollten. Zeitgleich mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Polen und der offiziellen Einstellung der Sterilisationen begann die Vernichtung der „minderwertigen“ Erwachsenen. Für die Ausführung des Vernichtungsplans wurden Gebäude und Einrichtungen beschlagnahmt und mit Gaskammern, die als Duschräume getarnt waren, sowie mit Krematorien ausgerüstet. Tötungsanstalten wurden in Grafeneck, Brandenburg, Hartheim und Sonnenstein, später auch in Hadamar und Bernburg eingerichtet. Über das Schicksal der Patienten entschieden wie im Kindereuthanasie-Programm drei Gutachter in der Berliner Euthanasie-Zentrale aufgrund der ihnen aus den Anstalten zugesandten Meldebögen. Beachtenswert ist hierbei, dass es kein Gesetz oder eine sonstige Rechtsgrundlage gab, durch die die Tötungen gerechtfertigt worden wären75. Sie blieben eigentlich bis zum Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ nach dem RStGB strafbar. Grund hierfür war, dass 71 Wie etwa Helene Schürg (vgl. LG Frankfurt am Main vom 21.12.1946, 4 Kls 15/46 und OLG Frankfurt am Main vom 12.8.1947, Ss 92/47 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. I, S. 130 ff), Emma D.; Maria S. (vgl. LG München I vom 21.7.1948, 1Kls 87 – 89/48 und OLG München vom 22.12.1948,1Ss 166/48 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. III, S. 19 ff); vgl. auch Frevert in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 220 (229). 72 Klee, „Euthanasie“ im NS-Staat, S. 84. 73 Vgl. Klee, Dokumente zur „Euthanasie“, S. 95 f. 74 Schmuhl in: Ebbinghaus/Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen, S. 295 (307); Zur „Asozialität“ vgl. Kronfeld in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 1 1933, S. 54 (54ff); Zur „Minderwertigkeit“: Hübner in: Elster/Lingemann (Hrsg.), HWK 2 1936, S. 179 (179 ff). 75 Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (246). 27 Hitler der Ansicht war, die Öffentlichkeit sei noch nicht bereit, mit diesen Maßnahmen konfrontiert zu werden. Demzufolge wurden alle mit dem Programm verbundenen Aktionen geheim gehalten. Zur Tarnung der Verschickung und Auswertung der Fragebögen wurde die „Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten“ gegründet, die „Gemeinnützigen Krankentransporte“ (GEKRAT) zum Transport der Opfer sowie die „Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege“ zur finanziellen Abwicklung76. Im Jahr 1941 entstand dann die vierte Tarnorganisation, die „Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten“ zur Abrechnung der Pflegegelder. Dieser bürokratische Apparat wurde im April 1940 räumlich und organisatorisch ausgeweitet und in die Tiergartenstrasse 4 verlegt, weswegen die Erwachseneneuthanasie fortan als „Aktion T4“ bezeichnet wurde77. Mehr als 70.000 Menschen wurden bis zum offiziellen Ende des Euthanasieprogramms im August 1941 getötet78. Die Einstellung der Massenvergasungen im Rahmen des Euthanasieprogramms geschah vermutlich unter anderem aufgrund von Protesten und Widerspruch in der Bevölkerung, da vor allem Angehörige Verdacht geschöpft hatten und dieser Verdacht durch ausländische Berichterstattung bestätigt wurde. Außerdem war hierfür der Druck von kirchlicher Seite ein Grund, aber auch Verschiebungen im Machtgefüge des NS- Regimes und der Überfall auf die Sowjetunion, welcher unterstützende Kräfte band79. Die „Vergasung“ der Patienten wurde daraufhin beendet, wobei die Vergasungsanstalten Hartheim, Bernburg und Sonnenstein erhalten blieben80. Die Tötungen wurden jedoch durch vom Regime weiter angehaltene Ärzte in einer zweiten Phase fortgesetzt, der sogenannten „wilden Euthanasie“. Entgegen der Bezeichnung erfolgte auch diese organisiert und planvoll81. Sie wurde vor allem durch den Entzug von Nahrung und durch tödliche Überdosierungen von Medikamenten umgesetzt. In dieser „zweiten Phase“ wurden schätzungsweise weitere 50.000 Menschen getötet82. Ärztinnen und Krankenschwestern waren in beiden Phasen sowohl mittelbar als auch unmittelbar an den Massentötungen beteiligt83: In der ersten Phase bis 1941 waren alle Hebammen, Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger verpflichtet, Frageund Meldebögen auszufüllen, aufgrund derer die Sachverständigen des Reichsausschusses über die Tötung der Patienten entschieden. Zu den Aufgaben der Krankenpflegerinnen gehörte die Begleitung von Bustransporten von den Durchgangsanstal- 76 Vgl. Schmuhl in: Ebbinghaus/Dörner, Vernichten und Heilen, S. 295 (304). 77 Klee, “Euthanasie” im NS-Staat, S. 166. 78 Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (248). 79 Vgl. Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (246 f). 80 Schmuhl in: Ebbinghaus/Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen, S. 295 (313). 81 So Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (248); vgl. auch LG Frankfurt a.M. vom 21.3.1947, 4 Kls 7/47, in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. I, S. 304 (313). 82 Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (248). 83 Vgl. auch Frevert in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 220 (229). 28 ten in die Tötungsanstalt84, die Begleitung der Ankommenden in den Entkleidungsraum, zum Arzt, in den Fotografieraum, den Warteraum und schließlich die Begleitung zur Gaskammer85. Das Bedienen der Gaskammern fiel den Ärzten und Ärztinnen zu. In der zweiten Phase ab 1941 erfolgten die Tötungen in fast allen Anstalten Deutschlands durch Einspritzen oder Eingeben überdosierter Betäubungs- oder Einschläferungsmittel. Viele Ärztinnen und Krankenschwestern, die in den psychiatrischen Anstalten arbeiteten, brachten nun eigenhändig eine große Zahl Menschen um, womit sich spätestens dann die Rolle der Ärztinnen und Krankenpflegerinnen zu einer unmittelbaren Beteiligung wandelte86. Ferner stellten sie in Heil- und Pflegeanstalten Transportlisten auf87 und überprüften, wer von den Kranken getötet werden sollte88. Vor allem entschieden nun die Ärzte, Ärztinnen, Schwestern und Pfleger vor Ort über den Lebenswert und Lebensunwert eines Patienten, wobei auch Diebstahl, Aufsässigkeit, Unruhe, Bettnässen, Unsauberkeit, Selbstbefriedigung oder Homosexualität, zum Teil auch einfache Lästigkeit, für einen Patienten das Todesurteil bedeuten konnte89. 84 Wie etwa Christel Zielke (vgl. LG Frankfurt a.M. vom 21.3.1947, 4 Kls 7/47 und OLG Frankfurt a.M. vom 20.10.1948, Ss 160/48 und Ss 188/48 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. I, S. 303 ff); Pauline Kneissler (vgl. LG Frankfurt a.M. vom 28.1.1948, Pks 1/48 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. II, S. 185 ff); Minna Zachow (vgl. LG Frankfurt a.M. vom 28.1.1948, Pks 1/48 in: Ehlermann- Rüter/Rüter, Justiz und NS-Verbrechen Bd. II, S. 185 ff); vgl. auch Schmidt, Selektion in der Heilanstalt 1939-1945, S. 71. 85 Wie etwa Pauline Kneissler (vgl. LG Frankfurt a.M. vom 28.1.1948, Pks 1/48 in: Ehlermann- Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. II, S. 185 ff); Minna Zachow (vgl. LG Frankfurt a.M. vom 28.1.1948, Pks 1/48 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS- Verbrechen Bd. II, S. 185 ff); Edith Korsch (vgl. LG Frankfurt a.M. vom 28.1.1948, Pks 1/48 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. II, S. 185 ff). 86 Wie etwa Dr. Hilde Wernicke (vgl. LG Berlin vom 25.3.1946, 11 Ks 8/46 und KG Berlin vom 24.8.1946, 1 Ss 48/46 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. I, S. 33 ff); Käthe Gumbmann (vgl. LG Frankfurt a.M. vom 28.1.1948, Pks 1/48 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. II, S. 185 ff); Lydia Thomas (vgl. LG Frankfurt a.M. vom 21.3.1947, 4 Kls 7/47 und OLG Frankfurt a.M. vom 20.10. 1948, Ss 160/48 und Ss 188/48, in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. I, S. 304 ff), vgl. Bastian, Furchtbare Ärzte, S. 59; Ebbinghaus, Krankenschwestern vor Gericht, in: Ebbinghaus, Opfer und Täterinnen (Hrsg.), S. 273 ff; Heyne, Täterinnen, S. 170 und 268. 87 Wie etwa Dr. Martha F. (vgl. LG Tübingen vom 5.7.1949, Kd 6/49 und OLG Tübingen vom 14.3.1950, Ss 71/49 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. V, S. 89 ff). 88 Wie etwa Dr. Hilde Wernicke (vgl. LG Berlin vom 25.3.1946, 11 Ks 8/46 und KG Berlin vom 24.8.1946, 1 Ss 48/46 in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. I, S. 33 ff); Irmgard Huber (vgl. LG Frankfurt a.M. vom 21.3.1947, 4 Kls 7/47 und OLG Frankfurt a.M. vom 20.10. 1948, Ss 160/48 und Ss 188/48, in: Ehlermann-Rüter/Rüter (Hrsg.), Justiz und NS-Verbrechen Bd. I, S. 304 ff); vgl. auch Heyne, Täterinnen, S. 193. 89 Vgl. Schmuhl in: Ebbinghaus/Dörner (Hrsg.), Vernichten und Heilen, S. 295 (313). 29 2. Ärztinnen und Krankenschwestern in den Lagern Die Konzentrationslager verfügten über eigene Krankenreviere, in denen auch Ärztinnen und Krankenschwestern arbeiteten. Im KZ Ravensbrück etwa versahen drei Frauen als Ärztinnen Ihren Dienst, Erika Jantzen-Köhler, Herta Oberheuser und Gerda Weyand-Sonntag90. Im Gegensatz zu Herta Oberheuser wurden Erika Jantzen-Köhler und Gerda Weyand-Sonntag nie angeklagt91. Die Tätigkeit der NS-Ärzte und –Ärztinnen umfasste nicht nur die Arbeit in den Krankenblöcken, sondern auch die Begutachtung neu ankommender Häftlinge auf der Rampe und dem Appellplatz, die nachfolgenden ärztlichen Untersuchungen und Selektionen, die für einige Opfer den sofortigen Tod in einer Gaskammer bedeuteten, für andere die Verwendung als Zwangsarbeiter92. Ebenso wie die Tätigkeiten der Aufseherinnen war der Kontakt der meisten Ärzte und Ärztinnen mit den Patienten geprägt von körperlichen Misshandlungen, Beschimpfungen und Diffamierungen. Es kam in vielen Fällen zur Tötung Gefangener durch Nichtvornahme gebotener Behandlungen, durch schlampig durchgeführte Operationen zum Teil experimenteller Art, Humanversuche oder durch Injektionen. a) Medizinische Versuche Hitler entschied, dass der Menschenversuch, wo es um das Staatswohl ginge, zugelassen sei und die „vom Krieg unberührten Menschen“ im KZ oder Gefängnis ihren Anteil leisten müssten93. Versuchsreihen wurden etwa zur Erforschung der Wirksamkeit von Sulfonamiden bei Kriegsverletzungen durchgeführt. Sulfonamide sind Antibiotika, die das Wachstum von Bakterien hemmen. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges traten an der Front verstärkt Wundinfektionen mit tödlichem Verlauf auf, insbesondere der Gasbrand. Sulfonamid galt als „Wundermittel“ auf diesem Gebiet, ohne dass dazu Forschungsergebnisse vorlagen. Reichsführer Himmler beschloss im Mai 1942 eine Untersuchung der Wirksamkeit mittels Humanversuchen, da an der Ostfront hohe Verluste zu beklagen waren und die Heilungschancen der Soldaten durch Sulfonamid- und Penicillingaben verbessert werden sollten94. Hinzu kam, dass nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich und seinem Tod dessen Arzt Gebhardt in Erklärungsnot geriet, da Morrell, der Leibarzt Hitlers, geäußert hatte, dass Heydrichs Leben durch Verabreichung von Sulfonamiden gerettet hätte werden 90 Martin, Menschenversuche im Krankenrevier des KZ Ravensbrück, in: Füllberg- Stolberg/Jung u.a., Frauen in Konzentrationslagern, S. 99 (100). 91 Schäfer, S., Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager, S. 126. 92 Martin, Menschenversuche im Krankenrevier des KZ Ravensbrück, in: Füllberg- Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 99 (100). 93 Mitscherlich/Mielke, Medizin ohne Menschlichkeit, S. 132. 94 Martin, Menschenversuche im Krankenrevier des KZ Ravensbrück, in: Füllberg- Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 99 (105). 30 können. Nachdem die Durchführung der Experimente beschlossen war, nahm Gebhardt sich deren Beaufsichtigung an, um seinen Ruf zu rehabilitieren95. Zum Durchführungsort wurde das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück bestimmt. Hier sollte der Krankheitsverlauf des Gasbrandes und seine Heilung unter bisher bekannten Therapeutika sowie die Analyse der Wundinfektion und deren Heilung unter Verwendung neuer Chemotherapeutika erforscht werden96. In drei Versuchsreihen, an denen auch Herta Oberheuser97 beteiligt war, sollte ein Gasbrand erzeugt werden, der den in der Kriegschirurgie auftretenden Fällen gleichen sollte. Dazu wurden bei Gefangenen Fremdkörper in aufgeschnittene Wunden eingebracht. Anschließend wurde die Wirkung der Sulfonamide auf die Entzündung untersucht. Mehrere der Versuchsopfer starben, viele wurden schwer verletzt und verstümmelt. Im Dezember 1942 wurde die Versuchsreihe eingestellt, im Mai 1943 trug Gebhardt auf einer Fachärztetagung vor, dass Sulfonamide Wundinfektionen nicht aufhalten könnten. Ab Herbst 1942 wurden im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück außerdem Knochen-, Muskel- und Nerventransplantations- und Regenerationsversuche durchgeführt, bei denen eine unbekannte Anzahl Menschen starben. Man führte außerdem Versuche mit Cholera- und Fleckfiebererregern und Experimente zu den Auswirkungen von Unterkühlungen durch98. Ferner wurden aus medizinischer Neugier oder um fehlende chirurgische Praxis nachzuholen von höherer Stelle nicht autorisierte willkürliche experimentelle Operationen durch junge Ärzte durchgeführt99. Die einzige Ärztin, die in den Nürnberger Prozessen zur Rechenschaft gezogen wurde, war Herta Oberheuser. Sie wurde 1947 wegen zahlreicher Versuche an Gefangenen im Konzentrationslager Ravensbrück mit Sulfonamiden und chirurgischer Eingriffe zur Knochenregeneration und Transplantation zu zwanzig Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Die Ärztin suchte im Konzentrationslager Ravensbrück für den verantwortlichen Arzt Gebhardt die Patientinnen für die Experimente aus. Sie assistierte den Ärzten dabei, den gefangenen Frauen Bakterien, Holzsplitter und Glas in offene Wunden an den Unterschenkeln zu bringen. Ihre Aufgabe war es nach Auffassung des Gerichts, die Operierten anschließend zu betreuen, wobei diese Betreuung als Nichtversorgung praktiziert wurde100. Gegen das Mindestmaß an Menschlichkeit verstieß diese Behandlung auch, da die Patientinnen unzureichende Ernährung erhielten und darüber hinaus trotz ihres operationsbedingten Fiebers um jeden 95 Martin, Menschenversuche im Krankenrevier des KZ RAvensbück, in: Füllberg- Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 99 (105). 96 Martin, Menschenversuche im Krankenrevier des KZ Ravensbrück, in: Füllberg- Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 99 (105 f). 97 Ihre Beteiligung soll hier herausgehoben werden, da sie die einzige Frau war, die im Rahmen des sogenannten Nürnberger Ärzteprozesses verurteilt wurde. 98 Vasold in: Benz/Graml/Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, S. 235 (249). 99 Martin, Menschenversuche im Krankenrevier des KZ Ravensbrück, in: Füllberg- Stolberg/Jung u.a.(Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 99 (108 ff). 100 Reiter, 30 Jahre Justiz und NS-Verbrechen, S. 69. 31 Tropfen Wasser betteln mussten101. Das Gericht befand Oberheuser nach einer fast vierwöchigen Beratungszeit für schuldig, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. Das Gericht bezeichnete Oberheuser als aktive Mitarbeiterin an den Versuchen, die als solche insbesondere an den Sulfonamid-Experimenten, Knochen-, Muskel- und Nervenregenerations- und Knochenverpflanzungsversuchen beteiligt war. Nach den Operationen sei es wegen mangelhafter medizinischer Pflege und Misshandlungen zu Amputationen entzündeter Körperteile und zu Todesfällen gekommen, die unter anderem der Angeklagten angelastet wurden102. Die Überlebenden litten vielfach für den Rest ihres Lebens an Knochenund Muskeldefekten und anderen schweren Krankheiten. Da auf der einen Seite die Bevölkerung Osteuropas für die Zwangsarbeit benötigt wurde, diese andererseits ebenfalls als „minderwertig“ angesehen wurden, sollten die betroffenen Bevölkerungsanteile nicht wie die Juden vernichtet werden, sondern als Arbeitssklaven ausgenutzt und gleichzeitig durch entsprechende Maßnahmen an der Fertilität gehindert werden103. Da es Himmler vor allem an einer billigen, schnell durchführbaren und nicht unmittelbar bemerkbaren Sterilisationsmethode gelegen war, wurden auch hierzu zahllose Experimente in Konzentrationslagern, u.a. in Auschwitz und Ravensbrück, durchgeführt104. Nachdem die Versuche der medikamentösen Unfruchtbarmachung im Massenverfahren mit Schweigrohrsaft (Caladium seguinium, das zur Kastration und Sterilisation von Tieren eingesetzt wurde) wegen der Schwierigkeiten, die Pflanze im Treibhaus zu züchten, nach einiger Zeit eingestellt wurden105, wurde mit Experimenten zur Massensterilisation mittels Röntgenstrahlen begonnen. Diese Versuche verliefen aber ebenso erfolglos. Daher wurde eine chemische Unfruchtbarmachung durch Einspritzen einer Reizflüssigkeit in die Gebärmutter erprobt. Die Experimente wurden ohne Einwilligung, zum Teil ohne Betäubung und häufig unter Schlägen und Drohungen, durchgeführt106. Falls sie überhaupt stattfand, war die postoperative Versorgung – ähnlich wie bei den experimentellen Operationen – unzureichend, so dass zahlreiche Frauen durch die mangelhaften hygienischen Verhältnisse nach den Eingriffen an Infektionskrankheiten wie Bauchfellentzündungen starben. 101 Martin, „Versuchskaninchen“ – Opfer medizinischer Experimente, in: Füllberg-Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 113 (117). 102 http://www.shoa.de/content/view/86/0/ 103 Martin, Menschenversuche im Krankenrevier des KZ-Ravensbrück, in: Füllberg- Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 99 (101). 104 Martin, Menschenversuche im Krankenrevier des KZ-Ravensbrück, in: Füllberg- Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 99 (101 ff). 105 Petzoldt, Nationalsozialistische Minderwertigkeitslehren und ihre organisatorische Umsetzung, S. 87. 106 Petzoldt, Nationalsozialistische Minderwertigkeitslehren und ihre organisatorische Umsetzung, S. 102. 32 b) Sonstige Tätigkeiten Zeugenaussagen zufolge hat die Ärztin Oberheuser eigenhändig tödliche Injektionen verabreicht und Krankenschwestern befohlen, Patienten auf diese Weise zu töten107. Ferner waren die in den Krankenrevieren tätigen Ärzte und Krankenschwestern für die Behandlung kranker Gefangener sowie für die Nachsorge nach Operationen zuständig. Den wenigen Frauen, die sich noch trotz der Gefahr in den Häftlingskrankenbau wagten, als Patient zum Opfer von Experimenten zu werden und denen, die bereits Opfer der Versuche geworden und auf die Nachsorge angewiesen waren, wurde aber häufig jede Hilfeleistung verweigert108. Ferner wurden Patientinnen von Krankenschwestern im Block schwer misshandelt109. Auch an Selektionen der arbeitsfähigen, kräftigen Gefangenen und denen, die getötet werden sollten, wirkten die hier tätigen Ärzte und Ärztinnen mit. II. Fürsorgerinnen Fürsorge und Wohlfahrt waren im „Dritten Reich“ aufgrund eines Rollenverständnisses, das den sozialen Bereich in die Zuständigkeit von Frauen verwies, typisch weibliche Arbeitsfelder110. Während in der Trinker- und Arbeiterfürsorge ausschließlich Männer arbeiteten, war die Familienfürsorge, das heißt die Jugend-, Schul-, Wohnungs- und die Gesundheitsfürsorge sowie das Pflegeamt, eine Domäne der Fürsorgerinnen111. Die Frauen wurden vor allem im Außendienst eingesetzt, weil man sie für geeigneter als Männer hielt, vor Ort den Kontakt zur und die Kontrolle über die sogenannte „Klientel“ herzustellen, insbesondere wenn es sich dabei um Frauen, Jugendliche und Kinder handelte112. Ab 1933 wurde den Fürsorgerinnen mit den Ermittlungen zur erbbiologischen Bestandsaufnahme und Sippenforschung ein neues, umfängliches Arbeitsgebiet zugewiesen113. Hierzu mussten nach den Kriterien des Erbgesundheitsgesetzes bestimmte Personengruppen und Personen beurteilt und in sogenannten Sippentafeln erfasst werden, denen ein Gutachten der Fürsorgerin mit einer sozialen Prognose beigefügt wurde114. Diese Beurteilungen konnten je nach Situation zu Sterilisation, Abtreibung, Entmündigung, „Euthanasie“, Bewah- 107 Martin, Menschenversuche im Krankenrevier des KZ-Ravensbrück, in: Füllberg- Stolberg/Jung u.a. (Hrsg.), Frauen in Konzentrationslagern, S. 99 (100). 108 Wie etwa durch die SS-Krankenschwester Elisabeth Marschall (verurteilt im 1. Ravensbrück- Prozess). 109 Wie etwa Liesbeth Krzek (verurteilt im 4. Ravensbrück-Prozess); Martha Haake (verurteilt im 4. Ravensbrück-Prozess). 110 Heyne, Täterinnen, S. 161. 111 Mitrovic in: Ebbinghaus, Opfer und Täterinnen, S. 25 (31). 112 Ebbinghaus, Vorwort in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S. 9 (11). 113 Die Erstellung von Sippentafeln geht ebenso wie der Eugenikbegriff auf Galton zurück, vgl. Lindner, Biologie, S. 388; Mitrovic in: Ebbinghaus (Hrsg.), Opfer und Täterinnen, S. 25 (42). 114 Originalbeispiele von Gutachten finden sich bei Lehnert, S. 233.

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References

Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.