Content

Nadine H. Pahlke, Erläuterung des Forschungsziels in:

Nadine H. Pahlke

Täterinnen im Nationalsozialismus, page 15 - 16

Ein kriminologischer Erklärungsversuch

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4052-2, ISBN online: 978-3-8452-1581-5 https://doi.org/10.5771/9783845215815

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 622

Bibliographic information
15 Thematische Einführung Die vorliegende kriminologische Arbeit beschäftigt sich mit der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Nationalsozialismus1, das als extremste Form der gesellschaftlich legitimierten, absoluten Gewalt bezeichnet werden kann. In der aktuellen öffentlichen Wahrnehmung trägt das Bild des Zweiten Weltkrieges und der Verbrechen der Nationalsozialisten nahezu ausschließlich ein männliches Gesicht. Die Beteiligung der weiblichen Bevölkerung an Morden, Verschleppung, Ausbeutung und Vernichtung wird nur mit Erstaunen und Unglauben wahrgenommen. Sowohl der Krieg als auch die nationalsozialistische Herrschaft mit all ihren Folgen wird als von Männern angeordnet und von Männern durchgeführt empfunden. Ursache dafür ist zum einen, dass die Verbindung von Weiblichkeit und Gewalt elementaren Merkmalen der tradierten Geschlechtsrollen widerspricht2, zum anderen, dass Frauen auch heute noch selten aktiv in den Kampf eingebunden sind und Männer als Soldaten, Kombattanten und sonstige Mitglieder von Streitkräften als Urheber kriegerischer Gewalt medial präsenter sind3. Der Tendenz entsprechend, die Beteiligung von Frauen an Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verdrängen, fand eine verstärkte Auseinandersetzung hinsichtlich der weiblichen Schuld am Völkermord in der NS-Zeit erst in den späten 70er und den 80er Jahren statt. Während Anfang der 70er Jahre insbesondere die Rolle der Frau als Opfer oder Widerstandskämpferin untersucht wurde, widmete sich die Forschung in den 80er Jahren der Bedeutung der Mittäterschaft der Frau im Rahmen der Unterstützung der männlichen Täter. Erst in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren wurde hinterfragt, in welchen gesellschaftlichen Bereichen und in welchen Berufen Frauen im Nationalsozialismus selbst als Täterinnen aktiv wurden. Dabei gelangte man zu dem Ergebnis, dass Frauen in erheblichem Maße in die Vernichtungsmaschinerie Hitlers eingebunden waren und in diesem Rahmen vielfältige Funktionen innehatten4. Sie wurden als Aufseherinnen in Frauenkonzentrationslagern und sogenannten „Jugendschutzlagern“, als Transportbegleiterinnen und „Fürsorgerinnen“ bei der Erfassung und Beurteilung von Personengruppen eingesetzt, sie denunzierten Mitbürger bei den Behörden und waren als Ärztinnen und Krankenschwestern im Tötungsprogramm oder als Verwaltungskräfte in den Vernichtungsanstalten tätig. In einer Zeit, in der der Rückzug der Frau aus dem Berufsleben und die Stärkung der traditionellen Rolle als Ehefrau und Mutter gefordert wurde und die Frauen aus einer aktiven 1 Im Folgenden „NS-Regime“, Zeitraum von Hitlers „Machtergreifung“ am 30.01.1933 bis zum Ende des 2. Weltkrieges am 08.05.1945. 2 Bock, M. in: BIS 2003, S. 25 (27). 3 „der kämpfende Mann und die hegende Frau“, vgl. Wasmuth in: Haders/Roß (Hrsg.), Geschlechterverhältnisse in Krieg und Frieden, S. 87 (93). 4 Vgl. Kretzer, in: Harders/Roß (Hrsg.), Geschlechtsverhältnisse in Krieg und Frieden, S. 123 (123 ff). 16 Rolle im Krieg eigentlich herausgehalten werden sollten5, beteiligten sie sich aktiv am Völkermord an der jüdischen Mitbevölkerung und anderen „Volksfeinden“. A. Erläuterung des Forschungsziels Kernfrage dieser Arbeit ist, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen. Was bringt Frauen dazu, in bestimmten Situationen aktiv an solchen Völkermorden teilzunehmen? Wie kann eine Frau, die niemals wegen Gewaltkriminalität auffällig geworden ist, Menschen verschleppen, versklaven, misshandeln und ermorden? Ist eine Differenzierung zwischen männlicher und weiblicher Täterschaft notwendig für die Abschätzung von Stabilität, Krisenprävention, Friedensallianzen und Interventionsmöglichkeiten in aktuellen und zukünftigen Krisensituationen6? B. Forschungsstand und methodische Vorgehensweise Um das Phänomen des Wandels vom „ganz normalen“7 Bürger zum Verbrecher an der Menschlichkeit zu erklären, sind in der Wissenschaft bereits Versuche unternommen worden, soziologische, sozialpsychologische und kriminologische Ursachen zu finden8. Einige Soziologen, Politologen, Holocaustforscher, Kriminologen, Philosophen und Sozialpsychologen wie Daniel Jonah Goldhagen9, Raul Hilberg10, Stanley Milgram11, Philip Zimbardo12, Alexander und Margarete Mitscherlich13, 5 Hitler in einer Rede an die NS-Frauenschaft über die Rolle der Frau: „Solange wir ein gesundes männliches Geschlecht besitzen (...) wird in Deutschland keine weibliche Handgranatenwerferinnen-Abteilung gebildet und kein weibliches Scharfschützenkorps. Denn das ist nicht Gleichberechtigung, sondern Minderberechtigung der Frau. Eine unermessliche Weite von Arbeitsmöglichkeiten ist für die Frau da. (...) Ich will ihr in weitestem Ausmaß die Möglichkeit verschaffen, eine eigene Familie mitgründen und Kinder bekommen zu können, weil sie dann unserem Volke am allermeisten nutzt!“, vgl. Mosse, Der nationalsozialistische Alltag, S. 64. 6 So Zdunnek in: Harders/Roß (Hrsg.), Geschlechterverhältnisse in Krieg und Frieden, S. 143 (144). 7 In Anlehnung an Browning, Ganz normale Männer. 8 Vgl. zusammenfassend und sehr übersichtlich Bönisch / Leick / Wiegrefe in: Der Spiegel Nr. 11, 10.3.2008, S. 42 ff. 9 Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker. 10 Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden (Bd.1-3). Die Gesamtgeschichte des Holocaust. 11 Milgram, Das Milgram-Experiment. Zur Gehorsamsbereitschaft gegenüber Autorität. 12 Zimbardo, The Lucifer Effect: Understanding How Good People Turn Evil. 13 Mitscherlich, A. und M., Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Bisher wurde der Rolle der Frau als Täterin im makrokriminellen Gefüge des Dritten Reichs und den Ursachen für ihre Beteiligung an Menschenrechtsverletzungen, Genozid und anderen Gewalttaten in der Kriminologie und der Geschichtswissenschaft kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Theorien beziehen sich bei ihren Erklärungsversuchen nahezu ausschließlich auf Männer als Täter.

Das Werk schließt diese Forschungslücke, indem es aus kriminologischer Perspektive der Frage nachgeht, warum sozial völlig unauffällige und angepasste Frauen zu Täterinnen von unmenschlichen, unmoralischen und ethisch verwerflichen Handlungen werden können, wie sie im „Dritten Reich“ geschahen.