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Rolf Vossenkämper, Die Entstehungsgeschichte von § 4 Abs. 3 BBodSchG in:

Rolf Vossenkämper

Grenzen der Gesamtrechtsnachfolge bei der Sanierung von Altlasten, page 24 - 32

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4048-5, ISBN online: 978-3-8452-1335-4 https://doi.org/10.5771/9783845213354

Series: Nomos Universitätsschriften - Recht, vol. 609

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24 angesehen, auf die ein Komplex von Rechten, insbesondere ein Vermögen als Ganzes kraft gesetzlicher Anordnung mit allen Rechten oder Pflichten unmittelbar übergeht, wobei der Rechtsvorgänger regelmäßig fortfällt. Beispiele für eine Gesamtrechtsnachfolge finden sich vor allem im Zivil- und Gesellschaftsrecht, wie zum Beispiel der Erbfall oder die Umwandlung von Unternehmen. Der Wortlaut des Gesetzes lässt offen, ob eine abgeleitete, sogenannte derivative Haftung des Gesamtrechtsnachfolgers gewollt ist, bei der die Verantwortlichkeit beim Eintritt der Gesamtrechtsnachfolge so auf den Rechtsnachfolger übergeht, wie sie beim Verursacher bestand, oder ob eine mehr oder weniger eigenständige von der Verantwortlichkeit des Verursachers unabhängige, sogenannte originäre Haftung des Gesamtrechtsnachfolgers gewollt ist. Ebenfalls lassen sich aus dem in § 4 Abs. 3 S. 1 BBodSchG verwendeten Begriff der „Altlast“ keine Aussagen über den zeitlichen Anwendungsbereich des Bundes-Bodenschutzgesetzes entnehmen. Der in § 4 Abs. 3 S. 1 BBodSchG angesprochene Begriff der „Sanierung“ wird in § 2 Abs. 7 BBodSchG legaldefiniert. Die dort gewählte Formulierung deutet darauf hin, dass die Pflicht zur Sanierung von Altlasten auf Dauer angelegt ist und keiner zeitlichen Grenze unterliegt. In § 4 Abs. 3 S. 3 BodSchG wird der Begriff der „Zumutbarkeit“ verwendet. Nicht eindeutig lässt sich dem Gesetzeswortlaut entnehmen, ob der Vorbehalt der Zumutbarkeit nur für die Art der zu ergreifenden Maßnahmen selbst gilt oder auch in anderer Hinsicht zu beachten ist. II. Die Entstehungsgeschichte von § 4 Abs. 3 BBodSchG Nach der Betrachtung des Gesetzeswortlautes ist für die Auslegung die Entstehungsgeschichte des Bundes-Bodenschutzgesetzes, insbesondere in Bezug auf § 4 Abs. 3 BBodSchG, von Bedeutung. 1. Die Ausgangslage für den Erlass des Bundes-Bodenschutzgesetzes Der Gedanke, dass der Bodenschutz eines besonderen gesetzgeberischen Schutzes bedürfe, setzte sich erst später als bei anderen Umweltmedien durch67. So finden sich Gesetze, die dem Schutz des Wassers oder der Luft dienten, schon im 19. Jahrhundert in einigen deutschen Einzelstaaten68. Dem folgten später Gesetze zum Schutz der Umwelt auf Reichs- bzw. Bundesebene: 1935 das Reichsnatur- 67 BT-Drs. 10/3613, S. 179; Albrecht in Knopp, BBodSchG, S. 3; Kunig, Ansätze, S. 85 (87); Kutzschbach/Pohl, Jura 2000, 225; Lautner, Verwaltungsrundschau 2000, 415; Peine, UPR 1997, 53. 68 Zu den Einzelheiten siehe Albrecht in Knopp, BBodSchG, S. 3. 25 schutzgesetz, 1957 das Wasserhaushaltsgesetz69, 1972/1974 das Gesetz zum Schutz der Luft (das spätere Bundes-Immissionsschutzgesetz) und das Abfallgesetz70. Diese dienten neben dem Schutz der Luft und der Gewässer zwar auch dem des Bodens. Dieser wurde aber nur ausschnitthaft geschützt, was vor allem daran lag, dass die mit kontaminierten Böden zusammenhängenden Probleme und deren Ausmaß erst später erkennbar wurden und erst zu Beginn der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts in das öffentliche Bewusstsein traten71. Anlass hierfür waren die ersten Altlastenskandale72, die durch Schadstoffeinträge verursachten Schwierigkeiten bei der Trinkwassergewinnung73, ferner Hochwasserkatastrophen, die unter anderem auf der Versiegelung von Boden beruhten74, und schließlich auch das Waldsterben75. In der Rechtswissenschaft wurde die Diskussion in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts vor allem durch Beiträge von Breuer76, Kloepfer77, Koch78, Papier79 und Schink80 angestoßen81. Zu diesem Zeitpunkt stand als gesetzliches Mittel, um den von Altlasten ausgehenden Gefahren zu begegnen, nur das allgemeine Gefahrenabwehrrecht zur Verfügung82. Als erstes begannen einzelne Länder83, auf diese Situati- 69 Das allerdings erst 1976 zu einem umfassenden Umweltgesetz erweitert wurde; vgl. Queitsch Rn. 2, S. 15; Vierhaus, NJW 1998, 1262, dort Fn. 3. 70 Breuer, DVBl. 1994, 890 (892 f.); Draeger in Bückmann/Cebulla/Draeger/Patzak/Voegele, S. 131, 140; Grziwotz in Immobilienrecht 2000, 95 (96); Haas in Brockhaus, Lebensraum, S. 393; Leidig, S. 43; Oldiges in Oldiges, BBodSchG, S. 9; Peine, NuR 1999, 121; Quietsch Rn. 2, S. 15; Schmidt, Einführung, § 6 Rn. 56, S. 207; Schmidt-Jortzig, DÖV 1991, 753 (755); Schwarz-Schier, S. 15. 71 Albrecht in Knopp, BBodSchG, S. 3; Kunig in Kunig/Schwermer/Versteyl, Anh. 10, 10a Rn. 2; Hübler, DÖV 1985, 505 (508 f.); Oldiges in Oldiges, BBodSchG, S. 9 (9-11); Ott, ZUR 1994, 53; Peine, Aspekte, S. 97 (98); Peine, NuR 1999, 121; Sanden/Schoeneck, Einführung Rn. 1; Schwarz-Schier, S. 15. 72 Albrecht in Knopp, BBodSchG, S. 3 f.; Kloepfer, Umweltrecht, § 12 Rn. 2, S. 1003 f. 73 Albrecht in Knopp, BBodSchG, S. 3 f.; Sanden in Sanden/Schoeneck, Einführung Rn. 5. 74 Albrecht in Knopp, BBodSchG, S. 3 f. 75 Albrecht in Knopp, BBodSchG, S. 3 f.; Frenz, BBodSchG, § 1 Rn. 3. 76 Breuer, JuS 1986, 359. 77 Kloepfer, NuR 1987, 1, dort Fn. 2 mwN. 78 Koch, Bodensanierung. 79 Papier, Altlasten; Papier, DVBl. 1985, 873. 80 Schink, DVBl. 1985, 1149. 81 Papier, JZ 1994, 810. 82 BVerfGE 102, 1 (2); Knopp in Knopp, BBodSchG, S. 7; Breuer, DVBl. 1994, 890 (892 f.); Gerhold, altlasten spektrum 1998, 107; Kutzschbach/Pohl, Jura 2000, 225 (226); Lindemann/Eickhoff, NuR 1994, 330 (331); Kniesel, BB 1997, 2009; Lwoski/Tetzlaff, WM 2001, 385 (388); Oerder, NJW 1994, 2181 (2182); Papier, JZ 1994, 810 (810 f.); Peine, Aspekte, S. 97 (98); Peine, NuR 1999, 121; Schink, DÖV 1995, 213; Schink, GewArch. 1995, 441 (442 f.); Schmidt, Einführung, § 6 Rn. 64, S. 214; Schmidt-Jortzig, DÖV 1991, 753 (755); UGB-KomE, S. 971, 1026. 83 Einen Überblick über Maßnahmen zum Umweltschutz und Umweltproblemen in der ehemaligen DDR bieten: Bunk/Nowak, TerraTech 2001, 27ff.; Jänicke in Jänicke/Kunig/Stitzel, S. 46 f.; Schwarz-Schier, S. 82 f. 26 on zu reagieren; sie erließen Regelungen zum Schutz des Bodens84 und zur Beseitigung von Altlasten85. Anforderungen an den Bodenschutz und die Altlastensanierung unterschieden sich aber von Bundesland zu Bundesland86. 2. Bestrebungen zur besonderen gesetzlichen Regelung des Bodenschutzes auf Bundesebene Auf Bundesebene begannen die ersten Bestrebungen zur Schaffung einer rechtlichen Regelung der Altlastenproblematik am 6. Februar 1985. Damals beschloss das Bundeskabinett eine Bundesbodenschutzkonzeption. In dieser wurden gesetzgeberische Maßnahmen angedacht, die im Maßnahmenkatalog87 zum Bodenschutz vom 12. Januar 1988 weiterentwickelt und konkretisiert wurden88. In der Bundesbodenschutzkonzeption wurde zwar das Verursacherprinzip als grundlegend für den Bodenschutz bezeichnet. Wer und im welchem Umfang als Sanierungspflichtiger in einem zukünftigen Bundes-Bodenschutzgesetz bezeichnet werden könnte, wurde allerdings noch nicht angesprochen89. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zum Bun- 84 In Sachsen das EGAB (GVBl. vom 20.08.1991, S. 306); in Baden-Württemberg das BodSchG (GVBl. 19.07.1991, S. 434) und in Berlin das BlnBodSchG (GVBl. vom 19.10.1995, S. 646); vgl. Skowkowa in Oldiges, BBodSchG, S. 143; Rech/Henke, LKV 2000, 369; Verhandlungen, 60. Juristentag, B 32. 85 Für Baden-Württemberg das LAbfG (GVBl. vom 12. Januar 1990, S. 1); für Bayern das BayAbflG (GVBl. vom 28. Februar 1991, S. 64); für Brandenburg das LAbfG (GVBl. vom 22. Januar 1992, S. 16); für Hamburg das HmbAbfG (GVBl. vom 7. Dezember 1992, S. 251); für Hessen das HAbfAG (GVBl. I. vom 3. April 1991, S. 106); für Mecklenburg– Vorpommern das AbfalG (GVBl. vom 7. August 1992, S. 450); für Niedersachsen das NAbfG (GVBl. vom 21. März 1990, S. 91); für Nordrhein-Westfalen das LAbfG (GVBl. vom 14. Juli 1988, S. 250); für Rheinland-Pfalz das LAbfWAG (GVBl. vom 30. April 1991, S. 251); für Sachsen-Anhalt das AbfG LSA (GVBl. vom 14. November 1991, S. 422); für Thüringen das ThAbfAG (GVBl. vom 5. August 1991, S. 273); für Schleswig–Holstein das LAbfWG (GVBl. vom 6. Dezember 1991, S. 640); gute Übersichten über die landesgesetzlichen Regelungen finden sich bei: BT-Drs. 13/380, 94-96; Verhandlungen, 60. Juristentag, B 32; siehe außerdem BVerfGE 102, 1 (2); Vogg in Landel/Vogg/Wüterich (1998), A I., S. 16; Kunig, Bodenschutz, S. 117 (127) = ZfW 1992, 469 (477); Papier, DVBl. 1996, 125. 86 Knopp in Knopp, BBodSchG, S. 7; Becker/Fett, NZG 1999, 1189; Droese, UPR 1999, 86; Holzwarth in Holzwarth/Radtke/Hilger/Bachmann, Einführung Rn. 24; Peine, NuR 1999, 121; Riedel, UPR 1999, 92; Schlabach/Heck, VBlBW 1999, 406; Vierhaus, NZG 2000, 240 (240 f.). 87 BT-Drs. 11/1625. 88 Erbguth/Stollmann, NuR 1994, 319 (320); Holzwarth in Holzwarth/Radtke/Hilger/Bachmann, Einführung Rn. 12; Kloepfer in Achterberg/Püttner/Würtenberger, Band I. § 6 Rn. 364, S. 471; Kloepfer, Umweltrecht, § 12 Rn. 15, S. 15; Knopp, ZUR 1999, 210; Oldiges in Oldiges, BBodSchG, S. 9 (11); Ott, ZUR 1994, 53 (54). 89 BT-Drs. 10/2977, S. 10; BMI, Bodenschutzkonzeption, S. 27; Leidig, S. 53. 27 des-Bodenschutzgesetz waren im Folgenden die Koalitionsvereinbarungen90 von Januar 1991, in denen die Schaffung eines eigenständigen Bundes-Bodenschutzgesetzes festgelegt wurde91. a) Die Zielsetzungen im Gesetzgebungsverfahren Im Vorfeld des eigentlichen Gesetzgebungsverfahrens fanden mehrere Entwicklungen statt. Zum einen wurden mehrere Referentenentwürfe für ein Bundes- Bodenschutzgesetz durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, zum anderen aber auch der Entwurf eines Umweltgesetzbuches sowohl durch eine Sachverständigenkommission als auch durch eine Gruppe von Professoren ausgearbeitet und in der Fachöffentlichkeit diskutiert92. In den Referentenentwürfen93 war die Verpflichtung des Gesamtrechtsnachfolgers des Verhaltensverantwortlichen zur Beseitigung vorgesehen worden94. Bereits damals wurde hieran Kritik95 geäußert und die Begrenzung der Haftung des Gesamtrechtsnachfolgers gefordert. Des Weiteren erarbeitete vom Herbst 1992 bis zum Sommer 199796 eine vom Bundesumweltministerium eingesetzte sogenannte Unabhängige Sachverständigenkommission einen Entwurf für ein Umweltgesetzbuch. Nach § 348 Abs. 1 Nr. 1 und 297 dieses Entwurfes sollte der Gesamtrechtsnach- 90 Koalitionsvereinbarungen von Januar 1991, Teil XII. (Umweltpolitik) Nr. 12, teilweise abgedruckt in der FAZ vom 25.01.1991, S. 8. 91 Erbguth/Stollmann, NuR 1994, 319 (325); Ott, ZUR 1994, 53 (54). 92 Der Referentenentwurf vom 7. Februar 1994 war zum Beispiel teilweise Gegenstand der Diskussion auf dem 60. Deutschen Juristentag in Münster, Verhandlungen, 60. Juristentag, L 107. Die Beschlüsse wurden auch veröffentlicht in NJW 1994, 3075 (3076-3078). 93 Nach Peine, UPR 1997, 53, dort Fn. 2, gab es fünf Referentenentwürfe: den vom 23. Juli 1992, den vom 22. September 1993 (vgl. zu dessen Inhalt die Stellungnahme des Umweltrates, BT-Drs. 12/6995, S. 334-336, Anhang A), den vom 18. August 1995 (vgl. Ott, ZUR 1994, 53, 54, dort Fn. 18), den vom 7. Februar 1994 (veröffentlicht in: Verhandlungen, 60. Juristentag, B 4, B 11, B 16, B 62) und den vom 22. März 1996 (veröffentlicht als Anhang bei Oldiges, BBodSchG, S. 189-210). 94 Vgl. Ott, ZUR 1994, 53 (60) zum Referentenentwurf vom 22. September 1993. Siehe zum Referentenentwurf vom 18. August 1995 Lee, NuR 1996, 178 (182), und zum Referentenentwurf vom 22. März 1996 Grziwotz in Immobilienrecht 2000, 95 (117), Keding, DVBl. 1996, 975 (978), Schoeneck in Sanden/Schoeneck, § 4 Rn. 33. 95 Verhandlungen, 60. Juristentrag, Diskussion, Redebeitrag von Pinger, L 181-183; vgl. Keding, DVBl. 1996, 975 (978). 96 UGB-KomE, S. 5. 97 UGB-KomE, S. 244. 28 folger des Verursachers sanierungspflichtig sein98. Gemäß § 348 Abs. 399 sollte die Verantwortlichkeit der Gesamtrechtsnachfolger auf die durch die Gesamtrechtsnachfolge übergegangenen Vermögenswerte begrenzt werden100. Außerdem sah § 348 Abs. 4 bis 6101 für andere Verantwortliche eine Begrenzung der Sanierungspflicht wegen Gutgläubigkeit oder nach Ablauf einer 30-Jahres-Frist vor102. Ebenfalls 1994 wurde ein im Auftrag des Bundesumweltamtes von acht Hochschullehrern verfasster Entwurf zu einem Besonderen Teil eines Umweltgesetzbuchs (UGB-BT) diskutiert103. Dieser enthielt auch einen Abschnitt zum Bodenschutz104. Dort wurde in § 303 Abs. 1 und Abs. 2105 des Entwurfs die Sanierungsverpflichtung des Rechtsnachfolgers des Verhaltensverantwortlichen vorgesehen. Eine Haftungsbegrenzung für den Rechtsnachfolger findet sich in § 304 Abs. 3 UGB-BT106. Danach sollte der Rechtsnachfolger nur dann sanierungspflichtig sein, wenn ein anderer Verantwortlicher nicht ermittelt werden oder aus anderen Gründen nicht herangezogen werden konnte107. Außerdem sah § 303 Abs. 5 UGB-BT108 des Entwurfs eine Begrenzung der Haftung unter anderem für den Gesamtrechtsnachfolger vor, wenn dieser schutzwürdig war, weil er wegen rechtmäßigen behördlichen Verhaltens darauf vertraute, dass durch sein Verhalten keine Gefahr für die Umwelt entstehen konnte109. Zudem schlug der Entwurf in § 303 Abs. 3 S. 2110 eine Begrenzung der Verpflichtung des ehemaligen Eigentümers auf einen Dreißigjahreszeitraum nach Aufgabe des Eigentums vor. Überdies sollte der Zustandsverantwortliche nicht mehr verantwortlich sein, wenn er beim Grundstückserwerb oder bei Übernahme der tatsächlichen Sachherrschaft gutgläubig gewesen war111. b) Das Gesetzgebungsverfahren zum Erlass des Bundes-Bodenschutzgesetzes Das Gesetzgebungsverfahren begann am 2. Juli 1996 mit einem von der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen eingebrachten Gesetzentwurf zu einem Bodenschutzgesetz. In § 8 Abs. 2 Nr. 1 und 2 des Entwurfs wurde die Verantwortlichkeit der Ver- 98 UGB-KomE, S. 1033. 99 UGB-KomE, S. 245. 100 UGB-KomE, S. 1033. 101 UGB-KomE, S. 245. 102 UGB-KomE, S. 1037. 103 Kunig in Jänicke/Kunig/Stitzel, S. 192 f. 104 Oldiges in Oldiges, BBodSchG, S. 9 (11); Peine, Aspekte, S. 97 (97, 100); Rehbinder, NuR 1994, 313 (317); UGB-BT, S. 129-135; 557-630. 105 UGB-BT, S. 130. 106 UGB-BT, S. 131. 107 Vgl. Peine, Aspekte, S. 97 (113 f.). 108 UGB-BT, S. 130. 109 Vgl. Schink, DÖV 1995, 213 (224). 110 UGB-BT, S. 130. 111 Verhandlungen, 60. Juristentag, B 87 (B 95, B 135–B 137). 29 ursacher von Altlasten und ihrer Rechtsnachfolger festgelegt. Des Weiteren wurde ein festes Rangverhältnis bei der Durchführung der Sanierung zwischen den Handlungs- und Zustandsstörern bestimmt. Die Verursacher von Altlasten und ihre Rechtsnachfolger sollten, wie sich aus der Aufzählung im Text des Entwurfes ergab, vor sonstigen Verantwortlichen zur Sanierung verpflichtet sein. Hierdurch sollte das Verursacherprinzip gestärkt werden112. Im Gegensatz zu diesem Entwurf und zu den vorherigen Referentenentwürfen wurde die Verantwortlichkeit des Gesamtrechtsnachfolgers allerdings in dem in den Bundestag eingebrachten Gesetzentwurf der Bundesregierung vom 14. Januar 1997 bewusst nicht geregelt, da man der Meinung war, es handele sich um ein besonderes Problem des Allgemeinen Polizei- und Ordnungsrechts, dessen Klärung der Rechtsprechung und Lehre überlassen werden solle113. Ansonsten bestimmte die Reihenfolge, in der die anderen Sanierungsverantwortlichen im Gesetzentwurf aufgezählt würden, in der Regel auch die Rangfolge der Verpflichtung. Es sollte allerdings, wie sonst auch im Polizeirecht, nicht um eine Verpflichtung aus schuldhaftem Handeln gehen. Vielmehr sollte die effektive Störungsbeseitigung im Vordergrund stehen114. Darüber hinaus sah der Regierungsentwurf in seinem § 25 Abs. 2 unter Verweis auf die Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts eine Befreiung des gutgläubigen Zustandsverantwortlichen von der Kostenpflicht vor, soweit die Kosten der angeordneten Maßnahmen die Nutzung des Grundstücks mit den sich daraus ergebenden Vorteilen verhinderten115. Ferner sollte die durch die Kostenregelung des § 25 Abs. 2 BBodSchG-E geschaffene Ausgleichspflicht sicherstellen, dass letztlich der Verursacher die durch die Sanierung entstandenen Kosten tragen musste116. Als Reaktion auf den Regierungsentwurf forderte die SPD-Fraktion, unter anderem den Gesamtrechtsnachfolger sowie den ehemaligen Grundstückseigentümer in den Kreis der Sanierungspflichtigen aufzunehmen, es sei denn, dass der Grundstückseigentümer die Verunreinigung während der Zeit seines Eigentums weder kannte noch kennen musste117. Außerdem wurde verlangt, die Zustandsstörerhaftung in § 25 Abs. 2 des Entwurfs nur soweit einzuschränken, dass der Grundstückseigentümer nicht in eine unbillige Opferposition gelange118. Die Forderung nach einer Pflichtigkeit des Gesamtrechtsnachfolgers des Verursachers findet sich auch in der ersten Stellungnahme des Bundesrates zum Regie- 112 BT-Drs. 13/5203, S. 5, 20. 113 BT-Drs. 13/6701, S. 9, 35; VGH Kassel, DVBl. 2000, 210 (211); Bickel, altlasten spektrum 2001, 61 (65); Hilger in Holzwarth/Radtke/Hilger/Bachmann, § 4 Rn. 91; Schoeneck in Sanden/ Schoeneck, § 4 Rn. 33. 114 BT-Drs. 13/6701, S. 35. 115 BT-Drs. 13/6701, S. 13 f., 27, 46; BVerfGE 102, 1 (4); Hilger in Holzwarth/Radtke/Hilger/Bachmann, § 10 Rn. 24. 116 BT-Drs. 13/6701, S. 46. 117 BT-Drs. 13/7891 (Anlage), S. 44; BT-Drs. 13/7904, S. 7, 23. 118 BT-Drs. 13/7891, S. 52. 30 rungsentwurf am 29. November 1996119. Durch die Nennung des Gesamtrechtsnachfolgers sollte das Verursacherprinzip gestärkt und die Frage, ob eine Gesamtrechtsnachfolge in die abstrakte Verhaltensverantwortlichkeit stattfinde, geklärt werden120. Dadurch sollte der Entwurf des Bundes-Bodenschutzgesetzes an die Rechtslage in der Mehrheit der Länder, die eigene Bodenschutz- oder Altlastengesetze besaßen, angeglichen werden121. Außerdem wurde gefordert, die Begrenzung der mit der Zustandsstörerhaftung verbundenen Kostenlast, die in § 25 Abs. 2 des Entwurfs der Bundesregierung vorgesehen war, einzuschränken. Die aus der Zustandsstörerhaftung resultierende Kostenbelastung sollte nur insoweit begrenzt werden, dass der Eigentümer eines Grundstücks nicht in eine unbillige Opferposition gelange122. Insbesondere sollte hierbei nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit (z.B. die des Eigentümers eines Einfamilienhauses und im Gegensatz hierzu die eines größeren Unternehmens mit mehreren Firmenstandorten) differenziert werden123. Beim leistungsstarken Zustandsstörer sollte der Rahmen der Sozialpflichtigkeit des Eigentums möglichst ausgeschöpft werden124. Diese Forderungen ergaben sich vor allem aus finanziellen Gründen. Immer wieder wurde in der Stellungnahme des Bundesrates auf die angespannte Haushaltslage in den Ländern und darauf hingewiesen, dass das geplante Bundes-Bodenschutzgesetz nicht zu finanziellen Belastungen der Bundesländer führen dürfe125. In ihrer Gegenäußerung zur Stellungnahme des Bundesrates lehnte die Bundesregierung den Vorschlag, den Gesamtrechtsnachfolger in den Kreis der Sanierungspflichtigen aufzunehmen, ab. Die Frage, ob die Verhaltensverantwortlichkeit auf den Gesamtrechtsnachfolger übergehen könne, sei strittig. Da keine höchstrichterliche Rechtsprechung zu dieser Thematik vorhanden sei, wäre außerdem die Einbeziehung des Gesamtrechtsnachfolgers in den Kreis der Sanierungsverantwortlichen mit rechtlichen Risiken verbunden126. Daraufhin wurden die unterschiedlichen Gesetzentwürfe noch einmal im Bundestagsausschuss für Umwelt, Naturschutz- und Reaktorsicherheit beraten. Dieser beschloss, dem Bundestag zu empfehlen, § 4 Abs. 3 und § 25 des Regierungsentwurfs unverändert anzunehmen127. Diesem Vorschlag wurde vom Bundestag auch am 12. Juni 1997 entsprochen128, was zur Anrufung des Vermittlungsausschusses durch den Bundesrat am 119 BT-Drs. 13/6701, S. 51; Frenz, BBodSchG, § 4 Abs. 3 Rn. 56; Wüterich in Landel/Vogg/Wüterich, § 4 Rn. 83; zu den weiteren Änderungsvorschlägen siehe BT-Drs. 13/6701, S. 48-67; Schoeneck in Sanden/Schoeneck, § 4 Rn. 33. 120 BT-Drs. 13/6701, S. 51. 121 BT-Drs. 13/6701, S. 51. 122 BT-Drs. 13/6701, S. 58. 123 BT-Drs. 13/6701, S. 58. 124 BT-Drs. 13/6701, S. 59. 125 BT-Drs. 13/6701, S. 48, 50, 54, 59, 60. 126 BT-Drs. 13/6701, S. 63; Landel/Wüterich in Landel/Vogg/Wüterich (1998), A III. 5c, S. 31; Grziwotz in Immobilienrecht 2000, 95 (113). 127 BT-Drs. 13/7891, S. 10, 20 f. 128 BVerfGE 102, 1 (4); Landel/Wüterich in Landel/Vogg/Wüterich (1998), S. 34. 31 4. Juli 1997 führte129. Dieser einigte sich am 14. Januar 1998 auf die Einführung des Bundes-Bodenschutzgesetzes in modifizierter Form und legte eine entsprechende Beschlussempfehlung vor130. Aus dieser ergibt sich, dass sich der Bundesrat mit seinen Ansichten größtenteils im Vermittlungsausschuss durchgesetzt hat131. In § 4 Abs. 3 BBodSchG-E wurde die Verantwortlichkeit des Gesamtrechtsnachfolgers festgelegt. Des Weiteren wurde vereinbart, dass für die Haftung des Zustandsverantwortlichen keinerlei Begrenzung vorzusehen sei132. Außerdem wurden die handels- und gesellschaftlichen Grundsätze zur Durchgriffshaftung auf die Gesellschafter einer juristischen Person nach § 4 Abs. 3 S. 4 1. Fall BBodSchG-E133, zur Eigentumsaufgabe nach § 4 Abs. 3 S. 4 2. Fall BBodSchG-E und zur Haftung des früheren Eigentümers nach § 4 Abs. 6 BBodSchG-E in den Gesetzestext aufgenommen, um Sanierungspflichten zu begründen 134. In dieser Form wurde das Bundes- Bodenschutzgesetz vom Bundestag am 5. Februar 1998 beschlossen. Die Zustimmung des Bundesrates erfolgte am 6. Februar 1998135. Durch die umfangreiche Diskussion über die Normierung der Haftung des Gesamtrechtsnachfolgers und dessen Begrenzung sowohl im Vorfeld als auch während des Gesetzgebungsverfahrens war dem Gesetzgeber diese Problematik wohlbekannt. Durch die ausdrückliche Normierung des Gesamtrechtsnachfolgers in § 4 Abs. 3 BBodSchG – ohne eine Begrenzung der Sanierungspflicht und ohne eine früher vorgesehene Haftungsbegrenzung für den Zustandsverantwortlichen – hat der Gesetzgeber klar zum Ausdruck gebracht, dass er keine Haftungsbegrenzung für den Gesamtrechtsnachfolger des Verhaltensverursachers will. Denn wenn bereits der Zustandsverantwortliche uneingeschränkt sanierungspflichtig sein soll, muss dies erst recht für denjenigen gelten, der in die Rechtsstellung des Verursachers eingerückt ist. Festzuhalten ist darüber hinaus, dass sich in den Gesetzesmaterialien keine Definition des Gesamtrechtsnachfolgers findet und nicht die Frage diskutiert wurde, 129 BT-Drs. 13/8182, S. 1, 3, 8; BVerfGE 102, 1 (4); Hilger in Holzwarth/Radtke/- Hilger/Bachmann, § 10 Rn. 24; Landel/Wüterich in Landel/Vogg/Wüterich (1998) A III. 7, S. 34. 130 Holzwarth in Holzwarth/Radtke/Hilger, Einführung Rn. 1; Landel/Wüterich in Landel/Vogg/Wüterich (1998) A III. 7, S. 34. 131 Grziwotz in Immobilienrecht 2000, 95 (113 f.); Hilger in Holzwarth/Radtke/Hilger, § 4 Rn. 89; Holzwarth in Holzwarth/Radtke/Hilger, Einführung Rn. 79; Schoeneck in Sanden/Schoeneck, § 4 Rn. 39. 132 BT-Drs. 13/9637, S. 5; BVerfGE 102, 1 (4); Erbguth/Stollmann, Bodenschutz Rn. 148, S. 80; Erbguth/Stollmann, GewArch. 1999, 223 (230); Gerhold, altlasten spektrum, 1998, 107; Grziwotz in Immobilienrecht 2000, 95 (113 f.). 133 Becker/Fett, NZG 1999, 1189 f.; Grziwotz in Immobilienrecht 2000, 95 (114); Landel/ Wüterich in Landel/Vogg/Wüterich (1998) A IV. 3, S. 38; Spieth/Wolters, NVwZ 1999, 355; Vierhaus, NJW 1998, 1262 (1265 f.); Schwarz-Schier, S. 72. 134 Holzwarth in Holzwarth/Radtke/Hilger, Einführung Rn. 79; Landel/Wüterich in Landel/Vogg/Wüterich (1998), A IV. 3, S. 38; Spieth/Wolters, NVwZ 1999, 355; Trurnit, altlasten spektrum 2001, 143 (144). 135 Holzwarth in Holzwarth/Radtke/Hilger, Einführung Rn. 1; Landel/Wüterich in Landel/Vogg/Wüterich (1998) A III. 7, S. 34. 32 ob hierzu auch Fälle der sogenannten geteilten Gesamtrechtsnachfolge gezählt werden können. 3. Zusammenfassung Im Gegensatz zu anderen Umweltmedien begannen Bestrebungen, den Boden durch besondere gesetzliche Regelungen schützen zu wollen, erst später. Im öffentlichen Bewusstsein wurden Bodenkontaminationen erst in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts als Problem aufgefasst. Zu diesem Zeitpunkt konnte den von Altlasten ausgehenden Gefahren nur mit Hilfe des allgemeinen Gefahrenabwehrrechts begegnet werden. Die Diskussion, wie man den Boden gesetzgeberisch besonders schützen könne, begann in der Rechtswissenschaft in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts und führte in der Folgezeit zum Erlass von Gesetzen zum Bodenschutz und zur Beseitigung von Altlasten durch einzelne Bundesländer. Erste Bestrebungen zur gesetzgeberischen Regelung der Altlastenproblematik auf Bundesebene finden sich im Jahr 1985 in der damals vom Bundeskabinett beschlossenen Bundesbodenschutzkonzeption und in den Koalitionsvereinbarungen aus dem Jahr 1991, die die Schaffung eines eigenständigen Bundes-Bodenschutzgesetzes vorsahen. Dies führte zur Erarbeitung mehrerer Referentenentwürfe für ein Bundes-Bodenschutzgesetz durch das Bundesumweltministerium. Begleitend hierzu arbeiteten sowohl eine Sachverständigenkommission als auch eine Gruppe von Professoren den Entwurf eines Umweltgesetzbuches aus. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde diskutiert, ob der Gesamtrechtsnachfolger des Verursachers einer Altlast, wenn man ihn gesetzgeberisch in die Pflicht nehmen sollte, unbegrenzt für die Sanierung von Altlasten herangezogen werden dürfte oder ob dessen Haftung begrenzt werden müsste. Das Gesetzgebungsverfahren zum Erlass des Bundes-Bodenschutzgesetzes begann im Jahr 1996 und führte unter Einschaltung des Vermittlungsausschusses zum Beschluss des Bundes-Bodenschutzgesetzes durch den Bundestag am 5. Februar 1998, wozu der Bundesrat einen Tag später seine Zustimmung erteilte. Im Gesetzgebungsverfahren wurde die Frage, ob der Gesamtrechtsnachfolger überhaupt sanierungspflichtig sein solle und ob eine Haftungsbeschränkung (für den Zustandsverantwortlichen) erforderlich sei, ausdrücklich angesprochen. Dies lässt darauf schließen, dass eine Haftungsbeschränkung für den Gesamtrechtsnachfolger des Verursachers vom Gesetzgeber nicht gewollt ist. Was unter einem Gesamtrechtsnachfolger im Sinne des Bundes-Bodenschutzgesetzes zu verstehen ist, wurde im Gesetzgebungsverfahren nicht diskutiert; ebenso wenig die Frage, ob hierzu auch Fälle der sogenannten geteilten Gesamtrechtsnachfolge gezählt werden müssen. III. Systematik Nach dem Wortlaut und der Entstehungsgeschichte von § 4 Abs. 3 BBodSchG ist

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Zusammenfassung

Nach dem Bundes-Bodenschutzgesetz droht dem Gesamtrechtsnachfolger des Verursachers einer Altlast eine Ewigkeitshaftung mit ruinösen finanziellen Folgen. Das Werk untersucht umfassend, inwiefern sich rechtliche Grenzen für die Inanspruchnahme des Gesamtrechtsnachfolgers aus Verfassungs-, Europa- und einfachem Recht ergeben. Die Anwendbarkeit von Haftungsbeschränkungen für Erben und für Gesamtrechtsnachfolger im Gesellschaftsrecht wird ebenso behandelt wie Haftungsbegrenzungen aus allgemeinen Rechtsinstituten, insbesondere Verjährung, Verzicht und Verwirkung sowie bei unzureichender staatlicher Überwachung oder im Fall der Insolvenz. Darüber hinaus bietet der Autor eine rechtspolitische Bewertung der dargestellten Rechtsprobleme und konkrete Vorschläge, wie diese durch den Gesetzgeber gelöst werden können.