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Christine Maria Koch, Neuerwerb bei Fortführung in:

Christine Maria Koch

Die Insolvenz des selbstständigen Rechtsanwalts, page 127 - 134

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4047-8, ISBN online: 978-3-8452-1177-0 https://doi.org/10.5771/9783845211770

Series: Schriften zum Insolvenzrecht, vol. 30

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127 die Bewältigung dieses Übergangszeitraumes für den Rechtsanwalt bis zu einem endgültigen Zulassungswiderruf. D. Neuerwerb bei Fortführung I. Massezugehörigkeit des Neuerwerbs Gemäß § 35 InsO gehört auch der Neuerwerb, dass heißt das Vermögen, das der Schuldner nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens erwirbt, zur Insolvenzmasse. Die Regelung des § 35 InsO wird von einigen Stimmen in der Literatur angegriffen. So wird die Forderung gestellt, die Einbeziehung des Neuerwerbs solle davon abhängig gemacht werden, ob der Schuldner die Restschuldbefreiung beantragt habe oder nicht.452 Habe der Schuldner nämlich keine Restschuldbefreiung beantragt, sei es nicht gerechtfertigt, den Neuerwerb den Gläubigern des Insolvenzverfahrens zugute kommen zu lassen. Außerdem schädige die wirksame Abtretung von Arbeitsentgelt und Einkommen mögliche Neugläubiger.453 Ferner wird befürchtet, der Insolvenzverwalter könne das Insolvenzverfahren in die Länge ziehen, um den Altgläubigern eine bessere Befriedigung zu ermöglichen.454 Unabhängig davon, ob die Regelung des § 35 InsO als gelungen anzusehen ist, müssen die sich aus der Einbeziehung des Neuerwerbs ergebenden Konsequenzen betrachtet werden. Ausgangspunkt muss der geltende Gesetzestext sein. Zu dem Neuerwerb des Schuldners gehört alles, was dieser erlangt. In der Regel erlangt der Schuldner etwas durch den Abschluss von Verträgen. Dabei gibt es keine Surrogation.455 Erwirbt der Schuldner also einen Gegenstand mit Mitteln, die er aus dem Verkauf einer unpfändbaren und damit insolvenzfreien Sache erlangt hat, so ist dieser Gegenstand pfändbar und fällt in die Insolvenzmasse. Nur wenn der neu erworbene Gegenstand selbst nach § 36 Abs. 1 InsO nicht der Pfändung unterliegt, wird er nicht Massebestandteil.456 Die Kompetenz des Schuldners zur Begründung von neuen vermögensrechtlichen Ansprüchen besteht deshalb, weil er mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens nicht das Recht verliert, sich neu zu verpflichten. Der Schuldner hat also die Möglichkeit, frei über den Neuerwerb zu entscheiden. Dabei erfolgt der Neuerwerb jedoch dinglich mit Wirkung für die Masse.457 452 Dieckmann, Insolvenzrecht im Umbruch, 127, 129. 453 Diese Befürchtung teilt auch Uhlenbruck-Uhlenbruck, InsO, § 35 Rn. 3. 454 Grub, Kölner Schrift II, 671, 676. 455 Hess/Weis/Wienberg-Weis, §§ 35, 36 Rn. 36; HK-Eickmann, § 35 Rn. 27. 456 MüKo-Lwowski, InsO, § 35 Rn. 45; Uhlenbruck-Uhlenbruck, InsO, § 35 Rn. 40. 457 HK-Eickmann, § 35 Rn. 36; Pape, ZInsO 2002, 917, 918. 128 II. Begründung von Masseverbindlichkeiten Der Einbeziehung des Neuerwerbs steht das Problem der Begründung von Masseverbindlichkeiten gegenüber. Kann der Schuldner einerseits Verpflichtungen eingehen und die Insolvenzmasse damit mehren, so stellt sich die Frage, ob er auch Verbindlichkeiten zu Lasten der Masse begründen kann. Eine gesetzliche Regelung zu dieser Frage fehlt. Die Literatur ist einhellig der Ansicht, der Schuldner besitze keine gesetzliche Verpflichtungsermächtigung zu Lasten der Masse.458 Nur der Insolvenzverwalter hat kraft Gesetzes gemäß § 80 Abs. 1 InsO Vertretungsmacht. Die Gläubiger können sich demnach wegen ihrer vertraglichen Ansprüche nur aus dem insolvenzfreien Vermögen befriedigen.459 Das bedeutet, dass der durch neue Verträge begründete Neuerwerb in die Insolvenzmasse fällt, während die Gläubiger dieser Verträge auf die Insolvenzmasse keinen Zugriff haben. Dieses Problem stellt sich insbesondere dann, wenn der Schuldner im Rahmen einer selbstständigen Tätigkeit Verbindlichkeiten begründet. 1. Qualifikation der Verbindlichkeiten - Lösungsvorschläge Die gesetzliche Regelung wird überwiegend als korrekturbedürftig angesehen. Es werden sehr unterschiedliche Auffassungen vertreten, wie den (Neu-)Gläubigern der (beschränkte) Zugriff auf die Insolvenzmasse ermöglicht werden soll. Mit den Neugläubigern sind vorliegend nur die vertraglichen Neugläubiger gemeint, da es um die vom Schuldner im Rahmen der Fortführung seiner selbstständigen Tätigkeit begründeten Verbindlichkeiten geht. a.) Zurückweisungsrecht des Insolvenzverwalters Zum einen wird bzw. wurde die Ansicht vertreten, der Insolvenzverwalter solle einen Erwerb für die Masse entsprechend § 333 BGB zurückweisen können.460 Diese dem Schuldner gegenüber abzugebende einseitig gestaltende Willenserklärung des Insolvenzverwalters habe ex-tunc-Wirkung und entspreche einer Freigabe. Damit hätte der Insolvenzverwalter ein Wahlrecht, ob er die Risiken, die ein Erwerb für die Masse eventuell mit sich bringt, in Kauf nehmen möchte. Dieser Ansicht zufolge könnte der Insolvenzverwalter also über die Massezugehörigkeit des Neuerwerbs entscheiden. Macht der Insolvenzverwalter von seinem Zurückweisungsrecht keinen Gebrauch, haben die Neugläubiger demzufolge einen Anspruch gegen die Insolvenzmasse. 458 Ries, ZVI 2004, 221, 227; Windel, KTS 1995, 367, 397; Runkel, FS-Uhlenbruck, 315, 327. 459 KP-Holzer, § 35 Rn. 36; NR-Andres, § 35 Rn. 90. 460 HK-Eickmann, 2. Auflage, § 35 Rn. 25; Windel, KTS 1995, 367, 405. 129 b.) Anspruch aus § 55 Abs. 1 Nr. 3 InsO Einen Anspruch nach § 55 Abs. 1 Nr. 3 InsO wegen ungerechtfertigter Bereicherung der Masse möchte eine andere Ansicht den Neugläubigern geben.461 Einen solchen Anspruch sollen die Neugläubiger dann haben, wenn sie die vom Schuldner begründeten Verbindlichkeiten mangels insolvenzfreier finanzieller Mittel nicht bezahlt bekommen und die Insolvenzmasse ungerechtfertigt bereichert ist. c.) Aufrechnungsmöglichkeit Einer weiteren Ansicht zufolge sollen die Neugläubiger die Möglichkeit der Aufrechnung mit konnexen Forderungen aus dem Geschäft mit dem Schuldner gegenüber der Insolvenzmasse erhalten.462 d.) Insolvenzbeschlag bis Pfändungsgrenze Eine andere Ansicht sucht eine Lösung orientiert an den Pfändungsgrenzen. Der Ertrag aus der selbstständigen Tätigkeit sei dem Insolvenzbeschlag nur insoweit zu unterstellen wie die Pfändungsgrenzen reichen.463 Neuerwerb sei nur das neu erworbene Nettovermögen, dass heißt das Aktivvermögen nach Abzug der neuen Schulden. Der übrige Teil des Neuerwerbs stelle insolvenzfreies Vermögen des Schuldners dar. Diese Begriffsbestimmung stelle keine Einschränkung dar, sondern entspräche bei genauer Betrachtung dem Willen des Gesetzgebers. 461 MüKo-Lwowski, InsO, § 35 Rn. 65. 462 Häsemeyer, Kölner Schrift II, 645, 664. 463 NR-Andres, § 35 Rn. 92. 130 e.) Gewinnabführung Eine weitere Lösung wäre es, wenn der Schuldner als Neuerwerb nur den Gewinn aus seiner selbstständigen Tätigkeit abführen müsste.464 Diese Lösung entspräche der im Restschuldbefreiungsverfahren für selbstständig tätige Schuldner geltenden Regelung des § 295 Abs. 2 InsO, wonach an den Treuhänder ein Betrag abzuführen ist, der dem fingierten pfändbaren Betrag aus einem angemessenen Arbeitsverhältnis entspricht. f.) Schuldner als „Angestellter“ Anstatt sich, wie vorgeschlagen wird, an den Pfändungsgrenzen zu orientieren, könnte man den selbstständig tätigen Schuldner für die Dauer des Neuerwerbs wie einen „Angestellten“ für die Masse arbeiten lassen.465 Als Gegenleistung erhielte der Schuldner vom Insolvenzverwalter den nicht der Pfändung unterliegenden Ertrag seiner Tätigkeit. Vertragspartner der Neugläubiger würde in diesem Fall der Insolvenzverwalter. Die Neuverbindlichkeiten würden aus der Insolvenzmasse beglichen. Die erworbenen Gegenstände fielen in die Insolvenzmasse. Die Neugläubiger hätten keinen Zugriff auf den Ertrag der selbstständigen Tätigkeit, sondern müssen sich an den Insolvenzverwalter halten. g.) Gleichstellung Neugläubiger mit Insolvenzgläubigern Einen ganz anderen Weg schlägt eine weitere Ansicht ein.466 Auf die Neugläubiger sollen die §§ 38 und 174 InsO Anwendung finden. Die Neugläubiger sollen also wie die Insolvenzgläubiger ihre Forderungen zur Insolvenztabelle anmelden. Sie würden damit wie Insolvenzgläubiger am Insolvenzverfahren teilnehmen. h.) Masseverbindlichkeiten Entgegen dem Wortlaut des § 55 InsO sollen nach einer anderen Auffassung die Forderungen aus den Geschäften des Schuldners als Masseverbindlichkeiten anzusehen sein.467 Dem Zufluss der Einkünfte aus der selbstständigen Tätigkeit des Schuldners als Neuerwerb gemäß § 35 InsO in die Insolvenzmasse stehe das Risiko der Belastung der Insolvenzmasse mit Neuverbindlichkeiten gegenüber. Es sei nur konsequent, 464 Henckel, Aktuelle Probleme, 97, 115. 465 Runkel, FS-Uhlenbruck, 315, 329. 466 KP-Holzer, § 35 Rn. 38. 467 FK-Schumacher, § 55 Rn. 20 f. 131 wenn die Insolvenzmasse auch das Risiko von Verlusten aus der selbstständigen Tätigkeit trage. i.) Stellungnahme Nahezu allen Ansichten ist gemein, dass sie gegen den Wortlaut des Gesetzes versto- ßen. Ein Zurückweisungsrecht des Insolvenzverwalters verstößt gegen § 35 InsO. Nach § 35 InsO gehört der Neuerwerb zur Insolvenzmasse. Ein Wahlrecht des Insolvenzverwalters widerspricht damit dem gesetzlich geregelten Grundsatz der automatischen Massezugehörigkeit des Neuerwerbs. Gegen diese Auffassung spricht gleichfalls der durch sie erzeugte Schwebezustand. Die Massezugehörigkeit des Neuerwerbs läge in der Hand des Insolvenzverwalters. Die Neugläubiger wüssten nicht, ob sie einen Anspruch gegen die Insolvenzmasse oder das insolvenzfreie Vermögen des Schuldners geltend machen müssen. Folge wäre, dass sie den Insolvenzverwalter zu einer Erklärung auffordern müssten, um Klarheit zu haben. Der Schwebezustand wäre aber auch für die Insolvenzmasse ungünstig. Eine Qualifikation der Neuverbindlichkeiten als ungerechtfertigte Bereicherung kann deshalb nicht überzeugen, weil die vom Gesetz angeordnete Einbeziehung des Neuerwerbs in die Insolvenzmasse keine ungerechtfertigte Bereicherung der Insolvenzmasse darstellt. Es handelt sich dabei um einen vom Gesetz vorgegebenen Rechtserwerb. Den Neugläubigern einen Anspruch aus § 55 Abs. 1 Nr. 3 InsO zu geben, läuft damit ins Leere. Eine Aufrechnungsmöglichkeit ist nicht mit § 96 Abs. 1 Nr. 1 InsO zu vereinbaren. Laut § 96 Abs. 1 Nr. 1 InsO ist eine Aufrechnung unzulässig, wenn ein Insolvenzgläubiger erst nach der Eröffnung des Insolvenzverfahrens etwas zur Insolvenzmasse schuldig geworden ist. Wenn die Aufrechnung schon den Insolvenzgläubigern verboten ist, so muss dies erst Recht für die Neugläubiger, die überhaupt nicht am Insolvenzverfahren beteiligt sind, gelten. Die Vorschläge, wonach der selbstständig tätige Schuldner nur den Gewinn aus der Fortführung an die Insolvenzmasse auszukehren habe, verstoßen gegen § 35 InsO. Der Neuerwerb gehört in vollem Umfang zur Insolvenzmasse. Darüber hinaus würde bis zum Zeitpunkt der Abrechnung des Gewinns den Neugläubigern die Gelegenheit gegeben, in den vor der Abrechnung noch nicht insolvenzzugehörigen Neuerwerb zu vollstrecken. Auch der vorgeschlagene Weg, den Schuldner als „Angestellten“ zu behandeln, ist problematisch. Sieht man den Schuldner als Angestellten an, so hat dieser auch Vertretungsmacht. Verhält sich der Schuldner nicht kooperativ, besteht die Gefahr einer Belastung der Insolvenzmasse mit Masseverbindlichkeiten. Diese Vorgehensweise ist auch nur dann möglich, wenn der Insolvenzverwalter die berufsrechtliche Qualifikation zur Fortführung der selbstständigen Tätigkeit des Schuldners besitzt. Schließlich 132 wird dieser Ansicht zufolge der Insolvenzverwalter der Vertragspartner der Neugläubiger. Eine entsprechende Anwendung der §§ 38 und 174 InsO auf die Neugläubiger ist contra legem. Dieser Vorschlag setzt also eine Gesetzesänderung voraus. Die Ausweitung des Insolvenzverfahrens auf die Neugläubiger stellt den Grundgedanken der gleichmäßigen Befriedigung der Gläubiger zum Zeitpunkt der Verfahrenseröffnung, der auch der Insolvenzordnung zu Grunde liegt, in Frage. Gegen diese Lösung ist au- ßerdem einzuwenden, dass der Schuldner die Möglichkeit hat, Verbindlichkeiten zu Lasten der Insolvenzmasse zu begründen. Dabei würden der Insolvenzverwalter und der Schuldner gleichermaßen zu Gunsten und zu Lasten der Insolvenzmasse agieren können. Dies ist aber allenfalls im Rahmen der Eigenverwaltung möglich. Die Auffassung, die Neuverbindlichkeiten als Masseverbindlichkeiten anzusehen, ist nicht von § 55 Abs. 1 InsO gedeckt. Der Schuldner hat nicht die Verfügungsmacht, Verbindlichkeiten zu Lasten der Insolvenzmasse zu begründen. Keine der dargestellten Ansichten kann folglich überzeugen. Jede mögliche Lösung verstößt gegen das Gesetz, führt zu neuen Ungerechtigkeiten oder ist in der Praxis nicht umsetzbar. In der bisher einzigen Entscheidung zu dieser Problematik hat der BGH entschieden, § 35 InsO erfasse das Neuvermögen des Schuldners in vollem Umfang.468 Einkünfte, die ein Schuldner mit seiner selbstständigen Tätigkeit erwirtschaftet, gehören nach Auffassung des BGH ohne Abzug der Ausgaben in die Insolvenzmasse. Der BGH hält sich damit streng an den Wortlaut des Gesetzes. Ausdrücklich nimmt die Insolvenzordnung zwar keine Stellung zu der Behandlung der Neugläubiger. Aus den gesetzlichen Regelungen geht aber hervor, dass aus der Insolvenzmasse nur die Masse- und die Insolvenzgläubiger befriedigt werden sollen. Der Neuerwerb des Schuldners soll gemäß § 35 InsO in vollem Umfang zur Insolvenzmasse gehören. Damit ist die durch die Insolvenzordnung festgelegte Konsequenz, dass den Neugläubigern keine Ansprüche gegenüber der Insolvenzmasse zustehen, anzuwenden. Dies ist insofern auch richtig, da jeder Vertragspartner das Insolvenzrisiko seines Vertragspartners tragen muss.469 Die Neugläubiger sind das Risiko eingegangen, als sie mit dem Schuldner kontrahierten, obschon über dessen Vermögen zu diesem Zeitpunkt bereits ein Insolvenzverfahren eröffnet war. Aufgrund der öffentlichen Bekanntmachung sollte den Neugläubigern die Insolvenz des Schuldners bekannt sein. Es erscheint vertretbar, dem Neugläubiger zuzumuten, sich vor Abschluss des Geschäftes zu vergewissern, ob ein Insolvenzverfahren über das Vermögen des potentiellen Vertragspartners anhängig ist.470 Die Neugläubiger sind insofern gar nicht schutzwürdig. 468 BGH NZI 2003, 389, 392. 469 So auch: Tetzlaff, ZVI 2002, 309, 311; Vallender, FS-Metzeler, 21, 31. 470 So auch: Pape, ZInsO 2002, 917, 920. 133 2. Stellung der Neugläubiger Die Neugläubiger können ihre Ansprüche nach der gesetzlichen Regelung nicht gegenüber der Insolvenzmasse geltend machen. Die Ansprüche können die Neugläubiger demnach ausschließlich gegen den Schuldner richten.471 Sie können uneingeschränkt auf Leistung gegen den Schuldner klagen. Ein Rechtsschutzbedürfnis für eine Klage gegen den Schuldner persönlich besteht nämlich auch während des laufenden Insolvenzverfahrens.472 Mit der Einbeziehung des Neuerwerbs in die Insolvenzmasse ist der Schuldner allerdings praktisch unpfändbar. Eine Vollstreckung in laufende Bezüge des Schuldners ist den Neugläubigern gemäß § 89 Abs. 2 S. 1 InsO ausdrücklich untersagt. Ihnen steht damit kein insolvenzfreies Vermögen des Schuldners zur Verfügung, in das sie vollstrecken könnten. Hat der Schuldner Restschuldbefreiung beantragt und deshalb seine wiederkehrenden Einkünfte für die Dauer des Restschuldbefreiungsverfahrens an einen Treuhänder gemäß § 287 Abs. 2 InsO abgetreten, haben die Neugläubiger auch für die Dauer des Restschuldbefreiungsverfahrens keinen Zugriff auf das pfändbare Einkommen des Schuldners. Erst mit Beendigung des Restschuldbefreiungsverfahrens und der Erteilung der Restschuldbefreiung besteht für die Neugläubiger wieder eine Vollstreckungsmöglichkeit. In diesem Zusammenhang ist eine Entscheidung des BGH aus dem Jahre 2004 interessant. Das Gericht hatte zu entscheiden, ob ein Neugläubiger erfolgreich die Er- öffnung eines zweiten Insolvenzverfahrens über das Vermögen des Schuldners beantragen kann.473 Es lehnte dies ab, mit der Begründung, der Gläubiger habe nicht dargelegt, dass der Schuldner Vermögen habe, welches weder gemäß § 35 InsO zur Insolvenzmasse gehöre noch nach § 36 InsO unpfändbar sei. Es stehe den Neugläubigern damit keine Haftungsmasse zur Verfügung. Damit fehle dem Antragsteller ein rechtliches Interesse an der Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Solange das laufende Insolvenzverfahren einschließlich des sich anschließenden Restschuldbefreiungsverfahrens nicht abgeschlossen ist, haben die Neugläubiger also grundsätzlich kein rechtlich geschütztes Interesse an der Eröffnung eines weiteren Insolvenzverfahrens. Die Neugläubiger sind demnach faktisch – wie von zahlreichen Stimmen in der Literatur bemängelt474 – rechtlos gestellt. 471 Vgl. OLG Celle, NZI 2003, 201, 202. 472 OLG Celle, NZI 2003, 201, 202; Pape, ZInsO 2002, 917 ff. 473 BGH NZI 2004, 444 f.; dazu Pape, ZInsO 2005, 617, 626. 474 Pape/Uhlenbruck, Insolvenzrecht, S. 372; Sinz/Wegener/Hefermehl, Verbraucherinsolvenz, S. 92; Pape, ZInsO 2002, 917, 918; Landfermann, Kölner Schrift II, 159, 172; Vallender, FS- Metzeler, 21, 31. 134 E. Einbeziehung der Masseverbindlichkeiten in die Restschuldbefreiung oder Verteilung in der Wohlverhaltensperiode I. Ausgangslage Im Rahmen der Fortführung der selbstständigen Tätigkeit des Schuldners stellt sich die Frage, ob die Masseverbindlichkeiten von der Restschuldbefreiung erfasst werden. Dies könnte sich als Hemmnis für die Fortsetzung von Verträgen mit dem Insolvenzverwalter darstellen. In §§ 286, 301 InsO wird nur die Befreiung von Verbindlichkeiten gegenüber den Insolvenzgläubigern erklärt. Die Insolvenzgläubiger sind aber nur diejenigen Gläubiger, die Forderungen nach §§ 38 oder 39 InsO haben.475 Der Gesetzeswortlaut ist mithin so zu verstehen, dass Masseverbindlichkeiten nicht von der Restschuldbefreiung erfasst sind. Dies wird dennoch nicht einheitlich so beurteilt. Es kann festgehalten werden, dass die Masseverbindlichkeiten weder in die Restschuldbefreiung noch in die Verteilung in der Wohlverhaltensperiode einbezogen werden. Die Massegläubiger können ihre nicht befriedigten Ansprüche nach Beendigung des Restschuldbefreiungsverfahrens gegenüber dem Schuldner geltend machen. II. Auffassungen zur Problematik 1. Einbeziehung in die Restschuldbefreiung Einer Ansicht zufolge sei der Begriff der Insolvenzforderungen in § 301 Abs. 1 InsO weit auszulegen.476 Der Gesetzgeber wollte dem Schuldner mit dem Restschuldbefreiungsverfahren einen „fresh-start“ ermöglichen. Dieses Ziel sei aber nicht zu erreichen, wenn der Schuldner nach Beendigung des Restschuldbefreiungsverfahrens Forderungen aus Masseverbindlichkeiten zu begleichen habe.477 Ein weiteres Argument sei, dass ohne Restschuldbefreiung von den Masseverbindlichkeiten der Anreiz für eine frühe Eigenantragstellung fehle. Durch die Antragstellung schaffe der Schuldner letztlich die Voraussetzung dafür, dass eine Forderung Masseverbindlichkeit und nicht Insolvenzforderung werde. Diese Ansicht will die Qualifikation als Insolvenzforderung deshalb materiellrechtlich vornehmen. Handele es sich um eine Forderung, die der Schuldner persönlich begründet hat, soll diese als Insolvenzforderung im Sinne des § 301 Abs. 1 S. 1 InsO qualifiziert werden. Die Forderungen, die der Insolvenzverwalter nicht in Ansehung persönlicher Verpflichtungen des Schuldners begründe, sollen von der Restschuldbefreiung hingegen nicht erfasst werden. Dies sind 475 Pape/Uhlenbruck, Insolvenzrecht, S. 378. 476 Voigt, ZInsO 2002, 569, 572. 477 Voigt, ZInsO 2002, 569, 572.

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Zusammenfassung

Die Insolvenz des selbstständigen Rechtsanwalts zeichnet sich durch eine Kollision von insolvenz- und berufsrechtlichen Regelungen aus. Zuvorderst ist für den Rechtsanwalt in der Insolvenz der Erhalt seiner Zulassung von Bedeutung. Daneben stellen sich Fragen rund um die Verwertung, Freigabe oder Fortführung der Kanzlei, Sanierungsmöglichkeiten vor und in der Insolvenz, den Unterhalt des Rechtsanwalts im laufenden Insolvenzverfahren sowie den möglichen Schutz und Erhalt seiner Altersvorsorge. In berufsrechtlicher Hinsicht werden in dieser Arbeit neben Fragen rund um die Zulassung, wie Erhalt und Wiedererlangung der Zulassung, die Auswirkungen der Schweigepflicht des Rechtsanwalts im Insolvenzverfahren und das Verhältnis des Insolvenzverwalters zum Kanzleiabwickler untersucht. Dabei werden auch allgemeine Überlegungen zur Insolvenz des Selbstständigen und des Freiberuflers angestellt. Das Buch wendet sich insbesondere an Insolvenzrechtler und Rechtsanwälte.