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Dorit Bölsche, eBusiness und eProcurement in:

Dorit Bölsche

Internationales Katastrophenmanagement, page 283 - 285

Logistik und Supply Chain Management

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4019-5, ISBN online: 978-3-8452-1310-1 https://doi.org/10.5771/9783845213101

Series: Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, vol. 3

Bibliographic information
283 teure im Katastrophenmanagement vor Ort tatsächlich relevant sind, und wie sich diese in standardisierter Form erfassen und aufbereiten lassen.794 „One of UNJLC’s main contributions was to provide timely, accurate, and relevant information that could support humanitarian agencies helping them solve bottlenecks and conflicts. […] so understanding users was key to deciding in which areas international resources should be invested and prioritized.”795 Durch die Zusammenarbeit zwischen den Akteuren des Katastrophenmanagements, die sich an den Aktivitäten des UNJLC beteiligen, lassen sich nicht nur Informationen austauschen sondern auch andere Vorteile generieren. So lassen sich beispielsweise durch gemeinsame Transporte Auslieferungszeiten und Kosten reduzieren, und gemeinsame Verhandlungen mit Vertragspartnern ermöglichen in einigen Fällen reduzierte Preise für Kapazitäten und Treibstoffe.796 Mögliche Weiterentwicklungen des Informationsportals können auf eine weitere Unterstützung des Managements gerichtet sein. Denkbar sind Auswertungen, die über die einzelnen Katastrophengebiete hinausgehen, z. B. durch eine Generierung und Auswertung standardisierter Kennzahlen und Kennzahlenvergleiche. Über die Bereitstellung von Informationen hinaus ließen sich auch gemeinsame Planungsaktivitäten der Akteure methodisch unterstützen, beispielsweise durch die Hinterlegung einfacher Methoden der Transport- und Tourenplanung sowie der Netzplantechnik. In diesem Fall würde das Anwendungsgebiet des Portals über die Informationsfunktion hinausgehen und bereits weitergehende Managementfunktionalitäten umfassen. Eine zusätzliche Möglichkeit, das Informationsportal weiterzuentwickeln, besteht in der Umsetzung eines eProcurement. Der folgende Abschnitt widmet sich gesondert diesem Themenbereich. 6.2.2 eBusiness und eProcurement Unter dem übergreifenden Begriff des eBusiness werden alle Formen der elektronischen Geschäftsabwicklung über Computernetze verstanden. Mit dem eProcurement werden die Beschaffungsaktivitäten über eBusiness angesprochen, die unter anderem über das Internet erfolgen.797 Zur Unterstützung der Geschäftsabwicklung des eProcurement werden elektronische Produkt- oder Leistungskataloge der Anbieter, aus denen die Selektion der Nachfra- 794 Vgl. www.unjlc.org, Link „About UNJLC“, vgl. auch Tomasini, Rolando M. / Wassenhove, Luk N. van (2005), S. 1. 795 Tomasini, Rolando M. / Wassenhove, Luk N. van (2005), S. 2. 796 Vgl. Tomasini, Rolando M. / Wassenhove, Luk N. van (2005), S. 11. 797 Vgl. Chopra, Sunil und Meindl, Peter (2004), S. 527-528; Schulte, Christof (2005), S. 137; Vahrenkamp, Richard (2007), S. 229-234; Wannenwetsch, Helmut (2004), S. 167. 284 ger erfolgen kann, in einem System hinterlegt, und auch die Bestellabwicklung wird über das Computernetz ermöglicht.798 Durch Informationsportale im Internet – wie z. B. das des Joint Logistics Center der UN – ließe sich ein eProcurement für das internationale Katastrophenmanagement unterstützen. Damit würde über die traditionellen Beschaffungsaktivitäten der Hilfsorganisationen hinaus ein weiteres Beschaffungskonzept zur Verfügung gestellt werden. Der Vorteil einer Auswahl geeigneter Produkt- und Leistungskataloge durch UNJLC würde darin bestehen, dass sich durch die kooperativen Beschaffungsaktivitäten ggf. reduzierte Einkaufskonditionen realisieren ließen, und dass sich die Transaktionskosten für die Umsetzung eines eProcurement durch die Bündelung bei einem Akteur reduzieren ließen. Dabei kann sich das eProcurement sowohl auf Hilfsgüter als auch auf Dienstleistungen (z. B. Transporte über gemeinsame Transportbörsen) richten. Aus der Klassifizierung der Hilfsgüter in Abschnitt 4.1.2 würden sich insbesondere Hilfsgüter mit mittlerer bis geringer Wertigkeit eignen (B- und C- Hilfsgüter), die zudem vergleichsweise unregelmäßig benötigt werden (Y- und Z-Güter). Vorteile des eProcurement im Vergleich zu alternativen Beschaffungskonzepten können sowohl in einer Kostenreduzierung als auch in erhöhten Servicegraden bestehen. Kostenvorteile entstehen gegebenenfalls aufgrund reduzierter Transaktionskosten, insbesondere in Verbindung mit der Suche und Anbahnung potenzieller Vertragspartner, sowie aufgrund reduzierter Produkt- und Leistungskosten bei Mengenrabatten. Eine Erhöhung des Logistikservice für geringwertige und unregelmäßig benötigte Hilfsgüter und Hilfsleistungen lässt sich gegebenenfalls durch Zeiteinsparungen im Zusammenhang mit der Bestellung realisieren. Weitere Vorteile lassen sich bei einer stabilen Umsetzung auf die Integration der Systeme zurückführen.799 Die Vorstellung ausgewählter Standards, die eine solche Integration sowie die Verarbeitung der Informationen unterstützen, erfolgt im nachfolgenden Abschnitt 6.3. Je mehr die Hilfsgüter bzw. Leistungen in Richtung hochwertiger A-Güter und regelmäßig eingesetzter X-Hilfsgüter tendieren, desto weniger ist das eProcurement tendenziell als Beschaffungskonzept geeignet. Für diese Hilfsgüter mit A- und insbesondere X-Charakter werden die Akteure des Katastrophenmanagements individuelle Beschaffungskonzepte umsetzen, die durch traditionelle und in Kapitel 4 bereits vorgestellte Methoden der Bedarfs-, Bestands- und Bestellrechung unterstützt werden. 798 Vgl. Chopra, Sunil und Meindl, Peter (2004), S. 527-557; Schulte, Christof (2005), S. 137- 142. In diesen Quellen werden die Grundlagen des eCommerce und eProcurement sowie die Bedeutung für die Logistik ausführlich dargestellt. 799 Erhöhung der Zielerreichungsgrade werden z. B. in Chopra, Sunil und Meindl, Peter (2004), S. 529-534; Vahrenkamp, Richard (2007), S. 231-234 und Wannenwetsch, Helmut (2004), S. 167-168 vorgestellt. Corsten, Daniel / Gabriel, Christoph (2004), S. 290-291 sprechen darüber hinaus zukünftige Entwicklungen des eProcurement und eCommerce an. 285 6.3 Einsatzmöglichkeiten ausgewählter IuK-Standards im internationalen Katastrophenmanagement 6.3.1 Standards für den elektronischen Geschäftsdatenaustausch Die Umsetzung eines eProcurement erfordert – ebenso wie andere Anwendungsbereiche der EDV-gestützten Kommunikation – den Einsatz von Datenübertragungssystemen, die sich aus Datenstationen, Übertragungswegen und Übertragungsverfahren zusammensetzen.800 Zu den wichtigen Verfahren eines standardisierten Datenaustauschs und standardisierter Kommunikationsprotokolle zählen das Transmission Control Protocol / Internet Protocol (TCP/IP), Extensible Markup Language (XML) und Standards des Electronic Date Interchange (EDI). TCP/IP (Transmission Control Protocol / Internet Protocol) bezeichnet den Standard für die Datenübertragung im Internet. Zu standardisierten Protokollen, die auf TCP/IP aufsetzen, zählen das WWW-Protokoll zur Kommunikation zwischen Clients und Servern, das File Transfer Protocol (FTP) für Dateitransfer und Konvertierung sowie das Simple Mail Transfer Protocol (SMPT) für den e-Mail-Dienst.801 Diese Standards sind erforderlich, damit unterschiedliche Internetdienste durch die Akteure des Katastrophenmanagements in Anspruch genommen werden können. Hierzu zählen unter anderem der Zugriff auf Informationen und Dokumente auf der Website des Joint Logistics Center der UN, das Übermitteln von Informationen an das UNJLC sowie die Inanspruchnahme des e-mail-Dienstes des UNJLC. Aber auch die Nutzung anderer Internet- und e-Mail-Dienste erfordert den Einsatz der benannten Standards. XML (Extensible Markup Language) bezeichnet einen aktuellen Meta-Standard zur Codierung der Seiten und Inhaltsdarstellung im Inter-, Intra- und Extranet. Die Übertragung der Inhalte wird systemübergreifend ermöglicht, indem die Inhalte eines Dokumentes von seiner logistischen Struktur getrennt werden.802 Daten und Dokumente werden in einer Weise beschrieben und strukturiert, dass sie zwischen unterschiedlichen Anwendungen ausgetauscht und weiterverarbeitet werden können. Hierzu werden Struktur und Inhalt der Dokumente so präzise beschrieben, dass der Standard nicht in die Anwendungssysteme integriert werden muss.803 800 Erläuterungen zu den Bestandteilen der Datenübertragungssysteme lassen sich Schulte, Christof (2005), S. 110-112 entnehmen. Eine Auflistung der für das Katastrophenmanagement relevanten Telekommunikationssysteme enthält z. B. Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 164-167. 801 Vgl. Schulte, Christof (2005), S. 114; Sieber, Pascal (2006), S. 228-229; Vahrenkamp, Richard (2007), S. 54-55. 802 Vgl. Ferstl, Otto K. (2008), S. 193; Schulte, Christof (2005), S. 114. XML ist der Nachfolger des HTML-Standard. 803 Vgl. Vahrenkamp, Richard (2007), S. 58-59.

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Zusammenfassung

Im internationalen Katastrophenmanagement werden täglich Entscheidungen mit Logistikbezug getroffen. Die Autorin skizziert die Vielfalt der Entscheidungen durch die folgende Fragestellung: Welche Beschaffungskonzepte, Standorte, Touren, Informationssysteme und Konzepte der Zusammenarbeit sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge und -bewältigung realisiert werden?

Da die Entscheidungen in hohem Maße Qualität und Kosten der Versorgung betroffener Menschen beeinflussen, sollten diese nicht alleine aus dem Erfahrungswissen heraus getroffen, sondern durch logistische Planungsmethoden unterstützt werden.

Anwendungsbezogen und verständlich wird in dem Buch der Einsatz geeigneter Methoden (z. B. Standortplanung, Netzplantechnik) am Beispiel realer Katastrophen vermittelt. Konzepte des SCM und aktuelle Informationssysteme werden mit ihren Potenzialen und Grenzen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und unter Einsatz geeigneter Entscheidungskriterien exemplarisch bewertet.