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Dorit Bölsche, Weitere Einsatzpotenziale und Grenzen der ABC-XYZ-Analyse in:

Dorit Bölsche

Internationales Katastrophenmanagement, page 134 - 137

Logistik und Supply Chain Management

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4019-5, ISBN online: 978-3-8452-1310-1 https://doi.org/10.5771/9783845213101

Series: Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, vol. 3

Bibliographic information
134 ten Hilfsgütern in einer Region verbunden werden. Die Art und Menge der benötigten Hilfsgüter unterscheidet sich je nach Katastrophenart und Region: Während im Fall von Dürren und Hungerkatastrophen Lebensmittel in großen Mengen benötigt werden, müssen bei Überflutungen z. B. trockene Decken, Kleidung und Unterkünfte bereit gestellt werden. Die Hilfsgüter unterscheiden sich auch nach weltweiten Regionen: In einigen Gebieten (so z. B. nach dem Erdbeben in Pakistan) werden kältebeständige Zelte und Zeltplanen benötigt, während in wärmeren Regionen eher wärmeabweisende Zelte von Vorteil sind. Ebenso unterscheiden sich die Mengen benötigter Hilfsgüter nach weltweiten Regionen. Stürme führen in ärmeren Regionen häufiger zur Zerstörung der Häuser / Hütten als in den westlichen Industrienationen, sodass der zu erwartende Bedarf an Hilfsgütern zum Aufbau von Unterkünften in Camps höher ausgeprägt ist. Die in dieser Arbeit vorgestellten Ergebnisse zur (Vor-) Auswahl von Beschaffungskonzepten und zur (Vor-) Auswahl von Standorten können durch eine entsprechende breitere Datenbasis gestärkt und weiter fundiert werden. Die Vorgehensweise der Analysen in Form von Berechnungsschritten und Ergebnisinterpretationen sind in diesem Kapitel vorgestellt worden und ermöglichen den Akteuren des Katastrophenmanagements diese auf den individuellen und realitätsnahen Bedarf anzupassen. 4.1.4 Weitere Einsatzpotenziale und Grenzen der ABC-XYZ-Analyse Weitere Einsatzpotenziale der ABC-XYZ-Analyse sind im vorherigen Abschnitt bereits in Form einer Verknüpfung der Daten zu Hilfsgütern, Regionen und Katastrophenarten benannt worden.365 Weitere Anpassungen und Ergänzungen betreffen z. B. die folgenden Punkte: ? Die Analysen zu den weltweiten Regionen lassen sich bis zur Ebene einzelner Länder detaillieren.366 Auf die Vorstellung einer solchen Detailauswertung wurde hier aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet; die Vorgehensweise unterscheidet sich aber nicht von den dargestellten Berechnungsschritten (nur die Anzahl der Zeilen vervielfacht sich). Bei der Vorauswahl der Standorte für Zentralläger kann ein solche Analyse weitere wertvolle Hinweise liefern, so z. B. mit Bezug zu den Ländern Indien und China: Über 74% der in den Jahren 1974-2003 durch Katastrophen betroffenen Menschen lassen sich zu etwa gleichen Teilen den beiden Ländern China und Indien zuordnen (die Anzahl der 365 Eine Datengrundlage zur Verknüpfung zwischen Regionen und Katastrophenarten liefert www.em-dat.be sowie Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004) in mehreren Anhängen. Eine Verknüpfung zu den jeweils benötigten Hilfsgütern muss durch Akteure des Katastrophenmanagements, z. B. Hilfsorganisationen, vorgenommen werden. 366 Eine länderbezogene Datengrundlage liefert www.em-dat.be sowie Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004) in mehreren Anhängen. 135 Katastrophen ist mit einem Anteil von knapp 11% vergleichsweise gering). In der Standortwahl der Zentralläger international tätiger Hilfsorganisationen sollten diese beiden Länder eine besondere Beachtung finden.367 ? Anstelle der Gesamtanzahl betroffener Menschen wird die Anzahl betroffener Menschen je 100.000 Einwohner in der Analyse aus 4.1.3 einbezogen.368 ? Anstelle der Gesamtanzahl betroffener Menschen wird die Anzahl der durch Katastrophen getöteten Menschen in die Analyse einbezogen. Diese Datengrundlage ist für das internationale Katastrophenmanagement von hoher Bedeutung; bei Fragen der logistischen Versorgung der betroffenen Bevölkerung mit Hilfsgütern ist aber die Gesamtanzahl der betroffenen Menschen die wichtigere „Bewertungsgröße“ für die ABC-Analyse.369 ? Eine ABC-XYZ-Analyse lässt sich auf der Grundlage der finanziellen Schäden (je Region oder je Katastrophenart) vornehmen. Diese Datengrundlage wird eher für Versicherungen als für die Gestaltung der Logistik und des Supply Chain Management relevant sein.370 ? Die (Vor-) Auswahl der Beschaffungskonzepte in Abschnitt 4.1.2 wird ausschließlich durch eine ABC-Analyse nach Verbrauchswerten und eine XYZ- Analyse nach Verbrauchsschwankungen begründet. Eine Anpassungsmöglichkeit besteht darin, anstelle von Verbrauchswerten Bedarfswerte zugrunde zu legen. Für die Gestaltung zukünftiger Beschaffungskonzepte für das Katastrophenmanagement sollte eher eine Orientierung am tatsächlichen bzw. für die Zukunft prognostiziertem Bedarf der Bevölkerung erfolgen, der durch die ausgelieferten Hilfsgüter voraussichtlich nicht in vollem Umfang dargestellt wird.371 ? Eine weitere Anpassungs- und Erweiterungsmöglichkeit besteht in einer zusätzlichen Klassifizierung der Hilfsgüter nach Volumen und weiteren Kriterien, wie das Haltbarkeitsdatum. Eine Einteilung der zu lagernden Hilfsgüter nach ihrem Volumen kann weitere Informationen für die Auswahl der Beschaffungskonzepte und Lagerhaltungsstrategien liefern, da großvolumige Hilfsgüter mehr Lagerplatz in Anspruch nehmen und damit zu höheren Lagerkosten führen. Tendenziell eignet sich eine Lagerhaltung bei einem relativ regelmäßigen Verbrauch 367 Die Anteile für die Länder Indien und China wurden aus Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), S. 75-85 generiert. Die hohen Anteile betroffener Menschen der Regionen Asien, Osten und Asien-Süd-Mitte in Abschnitt 4.1.3 lassen sich demnach zu großen Anteilen den Ländern China und Indien zuordnen. 368 Die Datengrundlage liefert www.em-dat.be sowie Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), z. B. auf S. 92 mit Bezug zu weltweiten Regionen. 369 Daten zur Anzahl getöteter Menschen liefert www.em-dat.be sowie IFRC (Hrsg.) (2007), z. B. auf S. 186. 370 Daten zu den ökonomischen Schäden liefert www.em-dat.be, Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), z. B. auf S. 182 und 188 sowie IFRC (Hrsg.) (2007), z. B. auf S. 188. 371 Zum Einsatz von Prognoseverfahren im Rahmen der Bedarfsrechnung vgl. z. B. Gudehus, Timm (2007a), S. 293-316; Schulte, Christof (2005), S. 375-394; Tufinkgi, Philippe (2006), S. 301-304. 136 geringwertiger und geringvolumiger Hilfsgüter. Diese Analyse, die in der Literatur als GMK-Analyse (G für großvolumig, M für mittelvolumig und K für kleinvolumig) aber auch als LMN-Analyse benannt wird, folgt nach vergleichbaren Berechnungsschritten wie die ABC- und XYZ-Analyse. Schritt 1 und die Rangfolgenbildung in Schritt 2 erfolgen in diesem Fall nach dem Volumen der Hilfsgüter.372 Über die Volumenberechnung hinaus muss sich die Auswahl der Beschaffungskonzepte im Katastrophenmanagement auch an weiteren Kriterien, insbesondere der Haltbarkeit der Güter und der Bedeutung der Hilfsgüter für das Überlegen der Menschen orientieren. Des Weiteren sind besondere Anforderungen (z. B. erforderliche Kühlung, Gefahrgut, Rückführbarkeit und Aufbereitung) zu berücksichtigen.373 Die Haltbarkeit betrifft insbesondere die Kategorien Medikamente und Impfstolle sowie Lebensmittel; die Rückführbarkeit von Hilfsgütern ggf. mit Aufbereitung betrifft den Bereich „Non-Food“ (z. B. Zelte, Decken). ? Über die Auswahl der vorgestellten Beschaffungskonzepte hinaus lässt sich die ABC-XYZ-Analyse auch zur Auswahl weiterer Sourcing-Konzepte einsetzten. Hierzu zählen unter anderem die Konzepte single und multiple Sourcing (Beschaffung bei einem oder mehreren Lieferanten) sowie global und local sourcing (internationale oder regionale Beschaffung).374 ? Über Hilfsgüter, Regionen und Katastrophenarten hinaus lässt sich die ABC- XYZ-Analyse für weitere Klassifizierungen nach Wert-Mengen sowie Schwankungs-Mengen-Verhältnissen, z. B. der Lieferanten, Geldgeber und Kooperationspartner, einsetzen. Mit den weiteren Einsatzpotenzialen und Erweiterungsmöglichkeiten der ABC- XYZ-Analyse sind auch bereits Grenzen angesprochen worden. Die vielen Erweiterungs- und Ergänzungsmöglichkeiten lassen sich nicht alle gleichzeitig realisieren und würden eher zu einer unbeherrschbaren Datenflut als zu einer Entscheidungsunterstützung führen. Aus diesem Grund müssen vor der Datensammlung und Berechnung Gegenstand (z. B. Auswahl geeigneter Beschaffungskonzepte) und Zielsetzung (kosten- und / oder servicebezogen) der Analyse eindeutig festgelegt werden.375 Zudem sind die folgenden Grenzen zu beachten: 372 Vgl. zur GMK-Analyse Wannenwetsch, Helmut (2004), S. 71-73; Schulte, Christof (2005), S. 310-311. Eine Umrechnungstabelle von Tonnen bestimmter Hilfsgüter in Volumenwerte findet sich z. B. in Pan American Health Organization / World Health Organization (Hrsg.) (2001), S. 87-88. 373 Weitere Klassifizierungskriterien beschreibt z. B. Ehrmann, Harald (2005), S. 143-147. 374 Vgl. ausführliche Erläuterungen zu den Sourcing-Konzepten z. B. in Ehrmann, Harald (2005), S. 277-300; Schulte, Christof (2005). 375 Vgl. hierzu Gudehus, Timm (2007a), S. 133: „ein Verfahren…, das von Logistikern und Unternehmensberatern gern genutzt aber auch häufig missbraucht wird.“ „…die Gefahr groß, zu falschen Schlüssen zu gelangen.“ 137 ? Die ABC- und XYZ-Analysen sind Verfahren der Strukturanalyse; sie ermöglichen die Strukturierung einer Vielzahl von Daten nach bestimmten Kriterien.376 Eine Entscheidung, z. B. über Beschaffungskonzepte und Standortwahl, kann damit in komplexen Entscheidungssituationen vorbereitet, nicht aber endgültig getroffen werden. Aus diesem Grund wird in den vorangehenden Abschnitten häufig der Begriff der Vorauswahl und nicht der Auswahl bzw. Entscheidung eingesetzt. ? Die Anzahl und die Übergänge zwischen den Klassengrenzen sind nicht eindeutig festgelegt und haben damit auch einen subjektiven Charakter.377 Es empfiehlt sich, so wie in den Berechnungsbeispielen vorgestellt, die Klassengrenzen an denjenigen Stellen zu ziehen, an denen deutliche Sprünge der anteiligen Wert- bzw. Streuungssgrößen festzustellen sind. Starre Vorgaben, wie eine 70- 20-10-Regel für die Klasseneinteilung, sollten vermieden werden. ? Die Berechnungsbeispiele haben verdeutlicht, dass die XYZ-Analyse im Katastrophenmanagement teilweise nicht die typischen Verlaufsformen aufzeigt (insbesondere gilt dies für die Klassifizierung der Hilfsgüter, siehe Abbildung 32). Die Ergebnisinterpretation auf der Grundlage der XYZ-Analyse ist damit kaum möglich und sinnvoll. Es ist anzunehmen, dass sich mit einer Ergänzung der Datenbasis um weitere Zeiträume sowie Regionen der Verlauf der XYZ- Analyse der typischen Verkaufsform nähern wird. Dennoch muss jede Ergebnisdarstellung kritisch beurteilt und ggf. bei untypischen Verläufen auf weitere Bewertungen auf Basis der Analyse verzichtet werden. 4.2 Methoden der Distributionslogistik im internationalen Katastrophenmanagement 4.2.1 Die Distributionsstruktur im Katastrophenmanagement In Bezug auf die physische Distribution ist eine Vielzahl interdependenter Teilprobleme zu lösen. Beispielsweise ist die Gestaltung der Distributionsstruktur mit der Standort-, Transport- und Tourenplanung eng verbunden.378 Die vertikale Distributionsstruktur beschreibt die Stufigkeit eines Distributionssystems und besagt, über wie viele Lagerstufen die Güter von der Produktion bis zum Kunden gelangen. Die Zahl der Lager je Stufe, ihre Standorte und die Zuordnung von Standorten zu Absatzgebieten werden durch die horizontale Distributionsstruktur beschrieben. 376 Vgl. Gudehus, Timm (2007a), S. 133. 377 Vgl. Ehrmann, Harald (2005), S. 139. 378 Vgl. Domschke, Wolfgang / Schildt, Birgit (1998), S. 213-215.

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Zusammenfassung

Im internationalen Katastrophenmanagement werden täglich Entscheidungen mit Logistikbezug getroffen. Die Autorin skizziert die Vielfalt der Entscheidungen durch die folgende Fragestellung: Welche Beschaffungskonzepte, Standorte, Touren, Informationssysteme und Konzepte der Zusammenarbeit sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge und -bewältigung realisiert werden?

Da die Entscheidungen in hohem Maße Qualität und Kosten der Versorgung betroffener Menschen beeinflussen, sollten diese nicht alleine aus dem Erfahrungswissen heraus getroffen, sondern durch logistische Planungsmethoden unterstützt werden.

Anwendungsbezogen und verständlich wird in dem Buch der Einsatz geeigneter Methoden (z. B. Standortplanung, Netzplantechnik) am Beispiel realer Katastrophen vermittelt. Konzepte des SCM und aktuelle Informationssysteme werden mit ihren Potenzialen und Grenzen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und unter Einsatz geeigneter Entscheidungskriterien exemplarisch bewertet.