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Dorit Bölsche, ABC-XYZ-Analyse für Regionen und Katastrophenarten in:

Dorit Bölsche

Internationales Katastrophenmanagement, page 125 - 134

Logistik und Supply Chain Management

1. Edition 2009, ISBN print: 978-3-8329-4019-5, ISBN online: 978-3-8452-1310-1 https://doi.org/10.5771/9783845213101

Series: Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, vol. 3

Bibliographic information
125 Für die reale Anwendung einer ABC-XYZ-Analyse zur Vor-Auswahl geeigneter Beschaffungskonzepte ist den Akteuren des Katastrophenmanagements eine Erweiterung der Berechnung auf mehrere Perioden und Katastrophen in einem größeren Gebiet anzuraten. Die Verbrauchswerte, -mengen und -schwankungen der Hilfsgüter lassen sich auf mehrere Jahre und auf mehrere Katastrophen in Kenia oder einer größeren Region Afrikas beziehen. Da die Auswahl von Beschaffungskonzepten für Hilfsgüter nicht kurz- sondern eher mittel- bis langfristig ausgerichtet ist und sich in der Regel auf ein größeres Gebiet bezieht, sollte auch die Datenbasis auf einen entsprechend längeren Zeitraum und ein entsprechend größeres Gebiet ausgeweitet werden. Die Berechnungsbeispiele des folgenden Abschnitts beziehen sich auf längere Zeiträume (mehrere Jahre) und größere Gebiete (weltweit), um entsprechende Anhaltspunkte für eine Erweiterung der Berechnungen zu erhalten. Der Bezug zu jedem einzelnen Hilfsgut lässt sich jedoch in diesem größeren Kontext anschaulich nicht mehr darstellen, sodass eine zusammenfassende Darstellung mit Bezug zu weltweiten Regionen und zu Katastrophenarten erfolgt. Die Akteure des Katastrophenmanagements verfügen über Daten (oder können diese generieren), um eine ABC-XYZ- Analyse für eine Kombination aus Region, Katastrophenart und Hilfsgut zu erstellen. 4.1.3 ABC-XYZ-Analyse für Regionen und Katastrophenarten Die nachfolgenden Berechnungen geben zum Einen Anhaltspunkte, wie die Berechnungen zur Vor-Auswahl geeigneter Beschaffungskonzepte aus einer Klassifizierung der Hilfsgüter des vorherigen Abschnitts in einen breiteren Kontext eingebunden werden können; zum Anderen lassen sich die nachfolgenden Berechnungen für weitere Gestaltungsfragen der Katastrophenvorsorge einsetzen. So lässt sich eine Auswertung nach weltweiten Regionen verwenden, um mögliche Standorte für Zentralläger der Hilfsorganisationen zu identifizieren, die dann im Rahmen einer differenzierten Standortplanung einer Bewertung und Auswahl unterzogen werden. Die Bewertung der Katastrophen erfolgt im Folgenden zudem auf einer anderen Grundlage, sodass die Vielfalt möglicher Einsatzgebiete der ABC-XYZ-Analysen verdeutlicht wird. Die Bewertungsgrundlage bildet nachfolgend anstelle von Verbrauchswerten die Anzahl der durch Katastrophen betroffenen Menschen. Je nach Bewertungskriterium wird eine andere Zielsetzung aus dem Zielsystem des Katastrophenmanagement und der Logistik angesprochen: Während Verbrauchswerte in Verbindung mit der Auswahl von Beschaffungskonzepten verwendet werden, um geringe Lagerkosten (insbesondere Kapitalbindungskosten) realisieren zu können, setzt die Anzahl betroffener Menschen zur Auswahl von Standortgebieten für Zentralläger eher an Servicegrößen an: Angestrebt wird, die Zentralläger so zu positionieren, dass möglichst viele betroffene Menschen innerhalb eines möglichst kurzen Zeitraumes mit Hilfsgütern versorgt werden können. 126 Anzahl Katastrophen Anzahl betroffener Menschen (in Tsd.) Durchschnitt pro Jahr 1974-2003 1974-78 1979-83 1984-88 1989-93 1994-98 1999-2003 Afrika, Summe 30,5 17.508 52.512 64.219 74.328 39.829 99.583 Afrika, Osten 12,6 8.737 25.636 26.316 55.146 33.847 84.909 Afrika, Mitte 3,0 1.921 1.275 3.908 3.509 289 921 Afrika, Norden 4,2 346 2.540 14.531 9.912 1.698 5.839 Afrika, Süden 3,4 131 1.086 7.798 970 922 1.887 Afrika, Westen 7,3 6.373 21.975 11.666 4.791 3.073 6.027 Amerika, Summe 55,6 9.412 46.720 21.511 9.596 25.918 22.861 Amerika, Karibik 7,8 1.100 3.066 3.772 1.417 4.174 6.789 Amerika, Mittel 10,9 6.441 969 1.778 1.476 5.650 5.677 Amerika, Norden 19,0 4 201 1.106 583 2.434 932 Amerika, Süden 17,9 1.867 42.484 14.855 6.120 13.660 9.463 Asien, Summe 85,5 165.729 603.985 720.882 704.329 969.061 1.373.557 Asien, Osten 24,2 6.930 7.182 94.504 438.813 736.390 663.359 Asien, Süd-Mitte 30,7 136.010 568.434 597.727 218.863 178.883 651.610 Asien, Süd-Ost 24,5 22.251 27.505 26.150 45.023 50.950 54.346 Asien, Westen 6,1 538 864 2.501 1.630 2.838 4.242 Europa, Summe 28,4 2.238 1.820 383 4.907 10.263 10.961 Europa, Osten 8,0 1.389 38 241 540 3.296 6.026 Europa, Norden 3,4 0 0 0 984 270 27 Europa, Süden 8,7 823 1.777 134 3.264 6.265 626 Europa, Westen 8,3 26 5 8 119 432 4.282 Australien / Ozeanien, Summe 12,2 99 685 712 7.321 10.296 269 Austr. / Neuseel. 6,7 59 97 20 6.543 9.096 29 Austr., Melanesien 3,7 24 434 684 479 1.157 121 Austr., Micronesien 0,5 0 0 0 12 35 102 Austr., Polynesien 1,3 16 154 8 287 8 17 Summe 212,2 194.986 705.722 807.707 800.481 1.055.367 1.507.231 Tabelle 8: Datengrundlage ABC-XYZ nach Regionen356 356 Die Daten der Tabelle wurden zusammengestellt aus www.em-dat.be sowie Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), S. 80 und 86. 127 Tabelle 8 enthält als Datengrundlage Kontinente, jeweils unterteilt in vier bis fünf Regionen, mit der Anzahl der durch Katastrophen in den Jahren 1974-2003 betroffenen Menschen. Dabei werden jeweils 5 Jahre in einer Spalte zusammengefasst. Eine zusätzliche Spalte enthält die durchschnittliche Anzahl der Katastrophen je Jahr, die ebenfalls aus dem 30-Jahreszeitraum zusammengestellt worden ist. Die Daten sind aus der Datenbank des CRED bzw. der entsprechenden Veröffentlichung über die Entwicklung und Auswirkung weltweiter Katastrophen im 30-Jahres- Zeitraum entnommen worden.357 In Schritt 1 der ABC-Analyse werden nun nicht Verbrauchswerte ermittelt sondern die durchschnittliche Anzahl betroffener Menschen in einem Jahr, so beispielsweise für den Osten Afrikas: (8.737+25.636+26.316+55.146+33.847+84.909)/30 = 7.820. Dies entspricht einem Anteil an der Gesamtzahl betroffener Menschen im Jahresdurchschnitt in Höhe von (7.820/169.050)= 4,63%. Die Rangbildung / Sortierung in Schritt 2 erfolgt nun nach absteigender Anzahl betroffener Menschen. Die Mengenberechnung der Schritte 4 und 5 orientiert sich an der durchschnittlichen Anzahl Katastrophen pro Jahr im Betrachtungszeitraum, die in Tabelle 8 bereits mit 12,6 (dies entspricht 5,9% der weltweiten Katastrophenanzahl im Jahresdurchschnitt in Höhe von 212,2) ausgewiesen ist. Die einzelnen Berechnungsschritte, auch zur Kumulation, lassen sich mit den Erläuterungen aus Abschnitt 4.1.2 nachvollziehen. Die Ergebnisse der ABC-Analyse werden in Tabelle 9 ausgewiesen. Die Ermittlung des Variationskoeffizienten in Schritt 1 der XYZ-Analyse orientiert sich nun ebenfalls an der Anzahl betroffener Menschen. Ermittelt werden die Schwankungen um den Mittelwert, bezogen auf die in Tabelle 8 angegebenen 5- Jahres-Spalten im 30-Jahres-Zeitraum. Für den Osten Afrikas lässt sich der Variationskoeffizient wie folgt berechnen: VKAfrika,Osten = ?Afrika,Osten / ?Afrika,Osten 6308,0 5*820.7 665.24 = . Der Mittelwert ist bereits aus der ABC-Analyse bekannt; die Standardabweichung lässt sich nach der bekannten Formel (nun mit Bezug auf die Anzahl betroffener Menschen) wie folgt berechnen: ?Afrika,Osten ( ) ( ) ( ) 665.24 6 314.154.650.3 6 5*820.7909.84...5*820.7636.255*820.7737.8 222 == ?++?+?= 357 Vgl. www.em-dat.be sowie Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004), insbesondere S. 80 und 86. 128 Schritt 2 Sortierung Regionen: Schritt 1 Betroffene Menschen, Durchschnitt 1973-2004 (Tsd./Jahr) Schritt 1 Anteil am Durchschnitt betroffener Menschen Schritt 3 Kum. Anteil betr. Menschen 6. A B C Schritt 4 Anz. Katastrophen, Durchschnitt der Jahre 1973-2004 Schritt 4 Anteil an der Anz. Katastrophen Schritt 5 Kum. Anteil (Anz. Katastrophen) 0% 0% Asien, Süd- Mitte 78.384 46,37% 46,37% A 30,7 14,47% 14,47% Asien, Osten 64.906 38,39% 84,76% A 24,2 11,42% 25,88% Afrika, Osten 7.820 4,63% 89,39% B 12,6 5,95% 31,84% Asien, Süd- Ost 7.541 4,46% 93,85% B 24,5 11,56% 43,40% Amerika, Süden 2.948 1,74% 95,59% C 17,9 8,45% 51,85% Afrika, Westen 1.797 1,06% 96,66% C 7,3 3,46% 55,30% Afrika, Norden 1.162 0,69% 97,34% C 4,2 1,99% 57,30% Amerika, Mittel 733 0,43% 97,78% C 10,9 5,12% 62,42% Amerika, Karibik 677 0,40% 98,18% C 7,8 3,66% 66,08% Austr.- Neuseel. 528 0,31% 98,49% C 6,7 3,14% 69,22% Europa, Süden 430 0,25% 98,74% C 8,7 4,10% 73,32% Afrika, Süden 426 0,25% 99,00% C 3,4 1,59% 74,90% Asien, Westen 420 0,25% 99,24% C 6,1 2,86% 77,76% Afrika, Mitte 394 0,23% 99,48% C 3,0 1,43% 79,19% Europa, Osten 384 0,23% 99,71% C 8,0 3,79% 82,97% Amerika, Norden 175 0,10% 99,81% C 19,0 8,95% 91,93% Europa, Westen 162 0,10% 99,90% C 8,3 3,91% 95,84% Australien, Melanes. 97 0,06% 99,96% C 3,7 1,73% 97,57% Europa, Norden 43 0,03% 99,99% C 3,4 1,60% 99,17% Australien, Polynes. 16 0,01% 100,00% C 1,3 0,61% 99,78% Australien, Micrones. 5 0,00% 100,00% C 0,5 0,22% 100,00% Summe 169.050 100,00% 212,2 100,00% Tabelle 9: Ergebnisse der ABC-Analyse, Regionen weltweit358 358 Eigene Darstellung. Rundungsdifferenzen in der zweiten Nachkommastelle sind möglich. 129 Die Mengenberechnung der XYZ-Analyse in Schritt 4 orientiert sich in diesem Berechnungsbeispiel ebenfalls an der durchschnittlichen Anzahl jährlich betroffener Menschen (und ist für den Osten Afrikas mit 7.820 bereits bekannt). Die Ergebnisse der XYZ-Analyse lassen sich mit diesen Informationen aus der Datengrundlage (Tabelle 8) analog zur Vorgehensweise der XYZ-Analyse in Abschnitt 4.1.2 ermitteln und werden nachfolgend in der Ergebnistabelle dargestellt. Die Ergebnisdarstellung der ABC- und XYZ-Analyse zeigt die typischen Verlaufsformen der Lorenzkurve (vgl. Abbildung 33). Ein relativ kleiner Anteil der Katastrophen führt zu einer Vielzahl betroffener Menschen. Ca. 85% aller durch Katastrophen betroffenen Menschen der Jahre 1974-2003 lassen sich den beiden Regionen Asien-Süd-Mitte und Asien-Osten zuordnen. Die Anzahl der dort aufgetretenen Katastrophen weist einen geringen Anteil von nur 25,88% an den weltweiten Katastrophen auf. Für die Region Asien-Süd-Mitte lässt sich zugleich ein vergleichsweise regelmäßiger Verlauf betroffener Menschen im Zeitablauf feststellen. ZYX X-Regionen, z. B. Asien Süd-Mitte ? kum. Anteil VK: 10,18% ? kum. Anteil betr. Menschen: 51,48% Y-Regionen, z. B. Afrika Osten ? kum. Anteil VK: 49,83% ? kum. Anteil betr. Menschen: 99,07% Z-Regionen, z. B. Europa, Norden ? kum. Anteil VK: 100% ? kum. Anteil betr. Menschen: 100% Kumulierter VK (%) (1974-2003) Kumulierter Anteil an der Anzahl betr. Menschen (%) (1974-2003) 100% 50% 100% CB A A-Regionen, z. B. Asien Süd-Mitte ? kum. Wertanteil: 84,76% ? kum. Mengenanteil: 25,88% B-Regionen, z. B. Afrika Osten ? kum. Wertanteil: 93,85% ? kum. Mengenanteil: 43,40% C-Regionen, z. B. Europa, Norden ? kum. Wertanteil: 100% ? kum. Mengenanteil: 100% Kumulierter (Wert-)Anteil betroffener Menschen (%) (1974-2003) Kumulierter Anteil an der Anz. Katastrophen (%) (1974-2003) 100% 50% 100% 50% Abbildung 33: Ergebnisdarstellung ABC-XYZ-Analyse, Regionen weltweit359 359 Eigene Darstellung auf Grundlage der Berechnungsergebnisse. 130 Schritt 2 Sortierung Regionen: Schritt 1 VK nach betroffenen Menschen Schritt 1 Anteil am ges. VK Schritt 3 Kum. Anteil VK 6. X Y Z Schritt 4 Anz. betr. Menschen, Durchschnitt der Jahre 1973-2004 Schritt 4 Anteil an betr. Menschen Schritt 5 Kum. Anteil (betr. Menschen) 0% 0% Asien, Süd-Ost 0,3394 1,69% 1,69% X 7.541 4,46% 4,46% Asien, Süd-Mitte 0,5529 2,75% 4,43% X 78.384 46,37% 50,83% Amerika, Karibik 0,5597 2,78% 7,21% X 677 0,40% 51,23% Asien, Westen 0,5980 2,97% 10,18% X 420 0,25% 51,48% Amerika, Mittel 0,6233 3,10% 13,28% Y 733 0,43% 51,91% Afrika, Osten 0,6308 3,13% 16,41% Y 7.820 4,63% 56,54% Afrika, Mitte 0,6725 3,34% 19,75% Y 394 0,23% 56,77% Afrika, Westen 0,7099 3,53% 23,28% Y 1.797 1,06% 57,83% Austr., Melanesien 0,7739 3,84% 27,12% Y 97 0,06% 57,89% Afrika, Norden 0,8614 4,28% 31,40% Y 1.162 0,69% 58,58% Amerika, Süden 0,8926 4,43% 35,83% Y 2.948 1,74% 60,32% Amerika, Norden 0,9060 4,50% 40,33% Y 175 0,10% 60,43% Asien, Osten 0,9346 4,64% 44,97% Y 64.906 38,39% 98,82% Europa, Süden 0,9776 4,86% 49,83% Y 430 0,25% 99,07% Europa, Osten 1,1100 5,51% 55,34% Z 384 0,23% 99,30% Afrika, Süden 1,2120 6,02% 61,36% Z 426 0,25% 99,55% Austr., Polynesien 1,2914 6,41% 67,78% Z 16 0,01% 99,56% Austr./ Neuseeland 1,4146 7,03% 74,80% Z 528 0,31% 99,88% Austr., Micronesien 1,4771 7,34% 82,14% Z 5 0,00% 99,88% Europa, Norden 1,6762 8,33% 90,46% Z 43 0,03% 99,90% Europa, Westen 1,9198 9,54% 100% Z 162 0,10% 100,00% Summe 20,1338 100% 169.050 100% Tabelle 10: Ergebnisse der XYZ-Analyse, Regionen weltweit360 In der Einordnung der weltweiten Regionen in die ABC-XYZ-Kategorien der Abbildung 34 wird deutlich, dass in Regionen, in denen der Anteil betroffener Menschen mit 85% besonders hoch ausgeprägt ist (Asien Süd-Mitte 46,37% sowie Asien Osten 38,39%), zugleich relativ regelmäßig mit dem Auftritt von Katastrophen und dadurch mit betroffenen Menschen gerechnet werden kann. 360 Eigene Darstellung. Rundungsdifferenzen in der zweiten Nachkommastelle sind möglich. 131 Betroffene Menschen: viele gering Australien/ Neuseeland,… Afrika, Süden Europa, Osten Europa, Westen Europa, Norden Amerika, Karibik Asien, Westen Amerika, Süden Afrika, Westen Afrika, Norden Amerika, Mitte Europa, Süden Afrika, Mitte Amerika, Norden Asien, Süd-Ost Afrika, Osten Asien, Osten Asien, Süd-Mitte X Y Z wenige Vorhersagegenauigkeit hoch A B C Abbildung 34: ABC-XYZ-Analyse, Vorauswahl der Standorte für Zentralläger361 Auch die Regionen Asien Süd-Ost sowie Afrika Osten (B-Regionen mit einem Anteil von 4,46% bzw. 4,63% an den weltweit betroffenen Menschen) zählen ausschließlich zu den Kategorien X und Y, sodass die Regelmäßigkeit von Katastrophen und insbesondere der dadurch betroffenen Menschen vergleichsweise hoch ist. Bezogen auf diese vier Felder der Abbildung 34 (AX, AY, BX und BY) sollte bei der Planung von Zentrallägern und weiteren Lagerstrukturen ein besonderer Schwerpunkt gelegt werden. Durch die Vielzahl regelmäßig betroffener Menschen kann sich auch der Aufbau mehrerer Zentralläger (durch einen oder mehrere Akteure) anbieten. Für die Vielzahl der Regionen der Kategorie C ist der Anteil betroffener Menschen relativ gering (nur für zwei Kategorien, nämlich für den Süden Amerikas und den Westen Afrikas, liegt dieser über 1%, ansonsten unterhalb von 1%). Dennoch muss in der gesamten weltweiten Lagerstruktur nationaler und internationaler Akteure sichergestellt werden, dass eine Versorgung dieser Menschen im Katastrophenfall erfolgen kann. Für Amerika bietet sich ein Standort in der Mitte Amerikas an, so lassen sich der Norden, Süden, die Mitte und die Karibik gleichermaßen versorgen. Für die Regionen Europas und Australiens tendieren die Auswertungen deutlich in Richtung CZ. Dies bedeutet, dass der Anteil der durch Katastrophen betroffenen Menschen gering ist und zugleich hohe Schwankungen zu verzeichnen sind. Der Aufbau von Zentrallägern ist demnach in Frage zu stellen. Die Versorgung der Be- 361 Eigene Darstellung, in Anlehnung an die Darstellung im Grundlagenabschnitt 4.1.1. 132 völkerung im Katastrophenfall kann durch alternative Maßnahmen erfolgen, beispielsweise durch Verträge mit Lieferanten und Logistikdienstleistern vor Ort, aus Regionallägern nationaler Organisationen sowie aus entfernten Zentrallägern. Der Transport der vergleichsweise geringen Anzahl benötigter Hilfsgüter von Asien nach Australien (auch über den Flugverkehr) wird voraussichtlich mit geringeren Kosten verbunden sein als der Aufbau eines zusätzlichen Zentrallagers in Australien. Wird die ABC-XYZ-Analyse zusammengefasst nach Kontinenten auf einen aktuelleren Zeitraum (1997-2006) bezogen, so hat sich zwar die Anzahl der Katastrophen und der betroffenen Menschen im Jahresdurchschnitt erheblich erhöht; die Anteile weisen aber ein vergleichbares Verhältnis zum Zeitraum 1974-2003 auf. 85,37% der durch Katastrophen betroffenen Menschen leben in Asien (AY-Kontinent), gefolgt vom BX-Kontinent Afrika (11,07%) und dem CY-Kontinent Amerika (2,81%). Die Anteile Europas und Australiens liegen unterhalb von 1% bei zugleich hohen Streuungen.362 Auf eine vollständige Vorstellung der ABC-XYZ-Analyse wird an dieser Stelle verzichtet; die Ergebnisse weisen aber darauf hin, dass sich an den Schwerpunktregionen für die Planung von Zentrallägern keine entscheidungsrelevanten Veränderungen ergeben haben. Aufgrund der gestiegenen Anzahl der Katastrophen im Jahresdurchschnitt und dem zu erwartenden weiteren Anstieg ist die Anzahl und Ausstattung der Zentralläger regelmäßig zu überprüfen. Gegebenenfalls sind im Zeitablauf weitere Zentralläger aufzubauen, um die betroffenen Menschen zeitnah, flexibel und zuverlässig versorgen zu können (vgl. differenzierte Erläuterungen und Berechnungen zur Standortwahl in Abschnitt 4.2.2). Auf der Grundlage der internationalen Datenbasis EM-DAT lassen sich weitere ABC-XYZ-Analysen durchführen. Exemplarisch werden ergänzend die Ergebnisse einer ABC-Analyse nach Katastrophenarten vorgestellt. Die Bewertung des Ausmaßes der Katastrophenarten erfolgt ebenso wie das Beispiel zu den Kontinenten / Regionen nach der Anzahl betroffener Menschen im Jahresdurchschnitt (hier der Jahre 1997-2006); die Mengenrechnung auf Basis der Anzahl der Katastrophen, ebenfalls im Jahresdurchschnitt der Jahre 1996-2007.363 362 Die Datengrundlage der ABC-XYZ-Analyse bildet www.em-dat.de sowie die Veröffentlichung über den angegebenen 10-Jahres-Zeitraum in IFRC (Hrsg.) (2007), S. 185 und 187. 363 Vgl. www.em-dat.be sowie IFRC (Hrsg.) (2007), S. 189 und 191. 133 Art der Katastrophe Anzahl Betroffener Durchschnitt 1997-2006 Anteil Betroffener Durchschnitt 1997-2006 Kum. Anteil Betr. 1997- 2006 A B C Anzahl Katastr. Durchschn. 1997-2006 Anteil Katastr. Durchschn. 1997-2006 Kum. Anteil Katastr. 1997-2006 0% 0% Überflutungen 115.513,9 43,12% 43,12% A 148,6 21,83% 21,83% Dürren/ Hunger 110.619,0 41,29% 84,40% A 29,4 4,32% 26,15% Stürme 36.548,4 13,64% 98,05% B 94,2 13,84% 39,99% Erdbeben/ Tsunamis 3.998,2 1,49% 99,54% C 30,7 4,51% 44,50% Extremtemp. 576,3 0,22% 99,75% C 20,4 3,00% 47,50% Bergrutsch/ Lawinen 268,4 0,10% 99,85% C 18,8 2,76% 50,26% Industriekat. 149,4 0,06% 99,91% C 53,8 7,90% 58,17% Vulkanausbrüche 131,3 0,05% 99,96% C 5,9 0,87% 59,04% Waldbrände/ Feuer 53,1 0,02% 99,98% C 16,5 2,42% 61,46% Andere techn. Katastrophen 42,4 0,02% 99,99% C 47,4 6,96% 68,42% Transportunfälle 9,1 0,00% 100,00% C 212,4 31,21% 99,63% Andere Naturkatastrophen 5,7 0,00% 100,00% C 2,5 0,37% 100,00% Summe 267.915,2 100,00% 680,6 100,00% Tabelle 11: Ergebnisse der ABC-Analyse, Katastrophenarten weltweit364 Als wichtiges Ergebnis lässt sich feststellen, dass Überflutungen und Dürren in Verbindung mit Hungerkatastrophen die stärksten Auswirkungen auf die Bevölkerung haben. Diese beiden Katastrophenarten haben zwar nur einen Anteil in Höhe von 26,15% an der Anzahl gemeldeter Katastrophen, die Auswirkungen sind mit einem Anteil von 84,4% an den weltweit durch Katastrophen betroffenen Menschen aber gravierend. Diese beiden A-Katastrophenarten heben sich deutlich von den Stürmen ab (B-Katastrophenart mit einem Anteil von 13,64% an betroffenen Menschen). Alle anderen Katastrophenarten der C-Kategorie weisen insgesamt einen vergleichsweise geringen Anteil von insgesamt 1,95% auf, obwohl diese insgesamt 60 % der Anzahl an weltweiten Katastrophen bilden. Die ABC-Analyse (und ergänzend auch eine XYZ-Analyse) zu den Katastrophenarten lässt sich in komplexeren Berechnungen der Akteure des Katastrophenmanagements mit anderen Datengrundlagen verbinden. So ließe sich im Zeitablauf beispielsweise eine Datenbank aufbauen, durch die Katastrophenarten mit den benötig- 364 Daten aus www.em-dat.be sowie IFRC (Hrsg.) (2007), S. 189 und 191. Rundungsdifferenzen in der zweiten Nachkommastelle möglich. 134 ten Hilfsgütern in einer Region verbunden werden. Die Art und Menge der benötigten Hilfsgüter unterscheidet sich je nach Katastrophenart und Region: Während im Fall von Dürren und Hungerkatastrophen Lebensmittel in großen Mengen benötigt werden, müssen bei Überflutungen z. B. trockene Decken, Kleidung und Unterkünfte bereit gestellt werden. Die Hilfsgüter unterscheiden sich auch nach weltweiten Regionen: In einigen Gebieten (so z. B. nach dem Erdbeben in Pakistan) werden kältebeständige Zelte und Zeltplanen benötigt, während in wärmeren Regionen eher wärmeabweisende Zelte von Vorteil sind. Ebenso unterscheiden sich die Mengen benötigter Hilfsgüter nach weltweiten Regionen. Stürme führen in ärmeren Regionen häufiger zur Zerstörung der Häuser / Hütten als in den westlichen Industrienationen, sodass der zu erwartende Bedarf an Hilfsgütern zum Aufbau von Unterkünften in Camps höher ausgeprägt ist. Die in dieser Arbeit vorgestellten Ergebnisse zur (Vor-) Auswahl von Beschaffungskonzepten und zur (Vor-) Auswahl von Standorten können durch eine entsprechende breitere Datenbasis gestärkt und weiter fundiert werden. Die Vorgehensweise der Analysen in Form von Berechnungsschritten und Ergebnisinterpretationen sind in diesem Kapitel vorgestellt worden und ermöglichen den Akteuren des Katastrophenmanagements diese auf den individuellen und realitätsnahen Bedarf anzupassen. 4.1.4 Weitere Einsatzpotenziale und Grenzen der ABC-XYZ-Analyse Weitere Einsatzpotenziale der ABC-XYZ-Analyse sind im vorherigen Abschnitt bereits in Form einer Verknüpfung der Daten zu Hilfsgütern, Regionen und Katastrophenarten benannt worden.365 Weitere Anpassungen und Ergänzungen betreffen z. B. die folgenden Punkte: ? Die Analysen zu den weltweiten Regionen lassen sich bis zur Ebene einzelner Länder detaillieren.366 Auf die Vorstellung einer solchen Detailauswertung wurde hier aus Gründen der Übersichtlichkeit verzichtet; die Vorgehensweise unterscheidet sich aber nicht von den dargestellten Berechnungsschritten (nur die Anzahl der Zeilen vervielfacht sich). Bei der Vorauswahl der Standorte für Zentralläger kann ein solche Analyse weitere wertvolle Hinweise liefern, so z. B. mit Bezug zu den Ländern Indien und China: Über 74% der in den Jahren 1974-2003 durch Katastrophen betroffenen Menschen lassen sich zu etwa gleichen Teilen den beiden Ländern China und Indien zuordnen (die Anzahl der 365 Eine Datengrundlage zur Verknüpfung zwischen Regionen und Katastrophenarten liefert www.em-dat.be sowie Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004) in mehreren Anhängen. Eine Verknüpfung zu den jeweils benötigten Hilfsgütern muss durch Akteure des Katastrophenmanagements, z. B. Hilfsorganisationen, vorgenommen werden. 366 Eine länderbezogene Datengrundlage liefert www.em-dat.be sowie Guha-Sapir, Debarati u.a. (2004) in mehreren Anhängen.

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Zusammenfassung

Im internationalen Katastrophenmanagement werden täglich Entscheidungen mit Logistikbezug getroffen. Die Autorin skizziert die Vielfalt der Entscheidungen durch die folgende Fragestellung: Welche Beschaffungskonzepte, Standorte, Touren, Informationssysteme und Konzepte der Zusammenarbeit sollen im Rahmen der Katastrophenvorsorge und -bewältigung realisiert werden?

Da die Entscheidungen in hohem Maße Qualität und Kosten der Versorgung betroffener Menschen beeinflussen, sollten diese nicht alleine aus dem Erfahrungswissen heraus getroffen, sondern durch logistische Planungsmethoden unterstützt werden.

Anwendungsbezogen und verständlich wird in dem Buch der Einsatz geeigneter Methoden (z. B. Standortplanung, Netzplantechnik) am Beispiel realer Katastrophen vermittelt. Konzepte des SCM und aktuelle Informationssysteme werden mit ihren Potenzialen und Grenzen für das internationale Katastrophenmanagement vorgestellt und unter Einsatz geeigneter Entscheidungskriterien exemplarisch bewertet.